Neuerscheinungen Kultur und Politik

18.07.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Wolfgang Kos: Der Semmering. Eine exzentrische Landschaft, Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2021, ISBN: 978-3-7017-3507-5, 34 EURO (D)

Als erste Gebirgsbahn stellt die 1854 eröffnete Strecke über den Semmering ein technisches und ästhetisches Monument von Weltrang dar. Ein entlegenes Gebiet wurde zur Bühne effektvoller Landschaftsinszenierungen, der Semmering zur Elitemarke des mitteleuropäischen Tourismus. Der Kulturhistoriker erzählt die Geschichte dieser „geradezu mystisch verklärten, aber dennoch erklärungsbedürftige Sonderwelt“ (S. 7) und stellt Fragen nach Zukunftschancen jenseits der Nostalgie.

Der Aufbau des Buches ist chronologisch, die Schwerpunkte sind selektiv gesetzt und folgen den jeweils prägenden Zeitebenen und dominierenden Orten. Ankerpunkt bildet dabei die Semmeringbahn.

Um die Jahrhundertwende war der Semmering nicht nur in Wien, sondern im gesamten östlichen Zentraleuropa beliebt. Für eine Oberschicht war es eine „urbane Enklave im Grünen, die man gewohnheitsmäßig ansteuerte“. (S. 14) Sein mondänes Flair verdankte der Semmering speziell seinen jüdischen Besuchern, die mehr als ein Drittel der Hotelgäste und Landhausbesitzer ausmachten. Schon während des 1. Weltkrieges war deutlich geworden, wie stark die Lebensweisen von Nobelgästen und der Bevölkerung auseinanderklafften.

Spätestens ab 1918 wurde „aus einem Laboratorium der Moderne eine versinkende Welt von gestern“. (S. 8) 1918 und in den folgenden Jahren kam es infolge von Versorgungsmängeln in allen Hotels zu vorübergehenden Schließungen. Der sich ausbreitende Antisemitismus führte zu einer „Arisierung“ vieler Villen und Vertreibung jüdischer Stammgäste ab 1938.

In den Wiederaufbaujahren nach dem 2. Weltkrieg zehrten Häuser wie das Panhans von der Präsenz von Filmstars und Theatergrößen. Im Zuge des Eisernen Vorhanges zwischen Ost und West verlor der Luftkurort viele seiner früher zahlreichen osteuropäischen Gäste. Die Nähe zu Wien war kein Vorteil mehr, denn der neue Massentourismus und die private Motorisierung führten zu mehr Fernweh.

Nach dieser Phase des Niedergangs ist nun wieder Aufbruchsstimmung zu spüren: „Entscheidend für den Neubeginn ist, dass der Semmering-Mythos über alle Krisenzeiten hinweg zumindest als Projektion lebendig blieb.“ (S. 9) Gäste aus Osteuropa und der Neustart von ehemals verfallenen Hotels sorgten für eine Renaissance. Die älteste Gebirgsbahn der Welt wurde 1998 zum Weltkulturerbe erklärt, auch ein wichtiger ideeller Faktor. Eine Rückbesinnung auf historische Wurzeln wie Kulturveranstaltungen, die Besucher aus Wien anlockten, war ebenfalls ein Faktor.

Der Autor wagt auch einen Ausblick für das nächste Jahrzehnt. Im Mittelpunkt steht darin die geplante zweite Semmeringbahn durch eine 27-Kilometer-Röhre tief im Berg, durch die dann die Schnell- und Lastenzüge gehen sollen. Er erwartet auch positive Auswirkungen der Besucherzahlen für die Sommermonate durch den Klimawandel und die steigende Hitze in Großstädten wie Wien. Chancen böten sich auch durch den „Ausbruch aus der Nostalgiefalle“: „Der Zeithorizont Vergangenheit benötigt einen stabilen Gegenanker in der Gegenwart mit Anschluss an die Zukunft.“ (S. 340) Dabei meint er eine Weiterentwicklung des Dialogs zwischen Natur- und Kulturlandschaft unter ökologischen Bedingungen, eine zeitgemäße Fortführung der Baukultur und eine kreative Weiterentwicklung von Design und Kunst.

Dieses Buch ist eine gute und sehr ausführliche Mixtur zwischen Kulturhistorie, Tourismus und Gesellschaftsgeschichte einer der mondänsten Regionen Mitteleuropas. Das Buch bietet viele historische Aufnahmen, Werbung und Illustrationen der Gebirgsbahn und der Landschaft. Hoffentlich wird auch das Konzept eines sanften Tourismus in Zukunft angewandt und die Belange der normalen Bevölkerung mitentscheidend für die nähere Weiterentwicklung sein.

 

Buch 2

Elmar Schenkel: Unterwegs nach Xanadu. Begegnungen zwischen Ost und West, S. Fischer, Frankfurt/Main 2021, ISBN: 978-3-10-397378-5, 26 EURO (D)

Der Literaturwissenschaftler Elmar Schenkel nimmt seine Leser*innen mit auf eine Entdeckungsreise durch die Geschichte des kulturellen Austauschs des Westens mit Ost- und Südostasien, die bis zurück in das 13. Jahrhundert und weiter reicht. Es will einige Wege nachzeichnen, von Westen nach Osten und umgekehrt, es ist keine lineare Geschichte der Beziehungen zwischen Europa und Asien. Er will „Geschichten von Begegnungen – weder komplett noch kontinuierlich, eher als aufleuchtende Augenblicke, in denen etwas sichtbar wird,“ erzählen. (S. 15) Diese reichen bis zum Jahr 2000.

Dabei bildet folgende Frage den Schwerpunkt: In welcher Form, mit welchen Inhalten und unter welchen Bedingungen fanden Begegnungen zwischen beiden Weltteilen statt?

Dabei nimmt er Xanadu, die frühere geläufige Umschreibung für Shangdu, die kaiserliche Sommerresidenz und einstweilige Hauptstadt von China, bevor diese ins heutige Peking verlegt wurde, als „Symbol für die vielen Versuche, die in diesem Buch beschrieben werden, von einer Kultur in die andere überzuwechseln“. (S. 12) Er weist auf verschiedene Versuche, Kategorisierungen, Stereotype und Dichotomien bei der Interpretation des jeweils anderen hin, die sich bis heute gehalten haben.

Den Einstieg bildet die Tagung des Weltparlamentes der Religionen in Chicago 1893. Danach werden in einzelnen Kapiteln Indien, China und Japan beleuchtet. Nach einer Einführung gliedert Schenkel die Essays in Schwerpunkte. So erfährt man unter anderem etwas über den Philosophen Schopenhauer, einen der wichtigsten Vermittler für indische Philosophie und Weltanschauung in Deutschland, den Deutsch-Amerikaner Charles T. Strauss, der großen Einfluss auf den deutschen Buddhismus besaß oder C. G. Jung, dessen Indienreise genauso wie bei Hermann Hesse zu einer Selbstvergewisserung der europäischen Herkunft führte. Gandhi lernte seine eigenen Wurzeln durch einen Aufenthalt in Europa kennen.

Im Kapitel über China wird unter anderem über die Beschäftigung des Philosophen Leibniz mit den klassischen Büchern Chinas, vor allem das Yijing, über den Reisebericht des Archäologen Heinrich Schliemann, über Pariser Maoisten bei ihrem Besuch der Volksrepublik oder die Lektüre des Klassikers Tim und Struppi in China und Tibet berichtet.

Das Kapitel über Japan enthält die erste Begegnung von Portugiesen und Japanern im 17. Jahrhundert, die Verfolgung von Christen in Japan, die Erforschung Japan durch die Geografin und Abenteuerin Isabella Bird oder ein Essay über den Zenenthousiasten Karlfried Graf Dürckheim, der dem NS nahestand.

Hinter den einzelnen Essays finden sich mehrere Literaturhinweise zur eigenen Vertiefung.


Buch 3

Tilo Richter/Christoph Wiesner (Hrsg.): Über Raum und Räume. Kammergrundrisse und Luca Selva Architekten, Park Books, Zürich 2021, ISBN: 978-3-03860-208-8, 38 EURO (D)

Im Werk von Luca Selva Architekten spielt der Kammergrundriss eine wichtige Rolle: Ein einfaches, unhierarchisches Ordnungsprinzip, das im Gegensatz zu den heute sehr gängigen Grundrissen mit Korridoren viele Freiheiten eröffnet: „Wir haben uns intensiv mit den Prinzipien von gleichwertigen zellenartigen Räumen beschäftigt und dabei Themen der Kammerung untersucht. In vielen Projekten haben wir diese einfachen und doch so reichen Raumbildungen erfolgreich eingesetzt (…).“ (S. 16)

In diesem Buch, das gleichzeitig auf Deutsch und Englisch erscheint, geht es darum, über die Dokumentation der eigenen Arbeit hinaus das Thema der Kammergrundrisse zu vertiefen. Eine Art weiterführende Recherche, die in die Architekturdiskussion eingebracht werden soll. Dies ist aus dem ersten von drei Texten zu entnehmen, der von Luca Selva stammt.

Christoph Wiesner analysiert in seinem längeren Beitrag das Thema der gekammerten Räume. Er zeigt anhand von historischen Beispielen, wie unterschiedlich sich Kammergrundrisse bilden lassen. Insgesamt gesehen sieht er Kammergrundrisse aufgrund ihrer Wandel- und Erweiterbarkeit als gutes Mittel, um den heutigen Anforderungen gerecht zu werden: „Zunehmend gefragt sind Bauten, deren Räume sich den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend anpassen und zuordnen lassen. (…) Weil sie im Vergleich zu anderen Typologien relativ wenig festlegen, lassen sie sich einfach den individuellen Vorstellungen entsprechend nutzen. Das Unhierarchische in Verbindung mit einer klaren, einfachen Struktur erweist sich als äußerst anpassungsfähiges Prinzip, ohne dass bauliche Maßnahmen notwendig wären.“ (S. 55)

Außerdem gibt es noch ein abgedrucktes Gespräch zwischen Luca Selva und Patrick Gmür, das von Christoph Wiesner moderiert wurde. Das Gespräch fokussiert auf die Bedeutung von Kammergrundrissen in der täglichen Arbeit als Architekt*in und zeigt die Relevanz der Fragestellung. Eine längere Diskussion über Grundrisse geht es auch um Schnitte, außerdem werden das Verhältnis von Erschließung und Kammerung und die Wirkung von Projekten angesprochen.

Zwischen den Beiträgen werden Grundrisse des Architekturbüros selbst und historische Vorläufer und Grundrisse gezeigt, die auch im Beitrag von Christoph Wiesner eine Rolle spielen. Einige Illustrationen der Umsetzung werden ebenfalls gezeigt.

Eine zusammenhängende Darstellung der Architekturbüros und der Projekte befindet sich im Anhang. Die Biografien der Autoren und die Endnoten der Texte findet man dort ebenfalls.

Dieses Ordnungsprinzip des Kammergrundrisses ist ein neuer, spannender Ansatz in der Architekturdebatte, der sich durch Flexibilität und relativer Einfachheit auszeichnet und für Bauherren den Vorteil besserer individueller Gestaltung bietet. Vor allem aus dem Interview wird deutlich, welchen Ansatz Luca Selva Architekten verfolgen, worauf bei der Planung besonderen Wert gelegt wird und wie die bisherigen Projekte durchgeführt werden. Es hätten aber ein paar mehr Illustrationen der Endprojekte gezeigt werden können.


Buch 4

Harald Meller/Kai Michel: Griff nach den Sternen. Nebra, Stonehenge, Babylon: Reise ins Universum der Himmelsscheibe, Propyläen Verlag, Berlin 2021, ISBN: 978-3-549-10027-1, 39 EURO (D)

Frühe Zivilisationen aus der Bronzezeit (2500-1900 v. Chr.) versuchten schon, die Geheimnisse des Himmels zu entschlüsseln. In diesem Buch erläutern die Autoren die neuesten Forschungsergebnisse der Archäologie zu diesem spannenden und fortschrittlichen Zeitalter der Vorgeschichte. Im Mittelpunkt steht der Fund der Himmelsscheibe von Nebra, der in das gesamte Panorama vor 4000 Jahren eingepasst wurde.

In der vorderen Innenseite findet man eine historische Karte, wo bedeutende Etappen der Kosmologie eingezeichnet sind.

Im ersten Kapitel geht es um die Himmelsscheibe von Nebra, ihre Entstehung und Eigenheiten. Die Himmelsscheibe ist einer der bedeutendsten archäologischen Funde des vergangenen Jahrhunderts. Sie zeigt die weltweit älteste konkrete Darstellung astronomischer Phänomene, die wir kennen. Gefunden wurde sie am 4. Juli 1999 nahe der Stadt Nebra in Sachsen-Anhalt. Der Bedeutung der Himmelsscheibe von Nebra als älteste konkrete Darstellung kosmischer Phänomene trägt auch ihre Aufnahme in das UNESCO-Dokumentenerbe "Memory of the World" Rechnung, die im Juni 2013 erfolgte. Daran anknüpfend gibt es neue Einblicke in die mitteleuropäische Kultur der Frühbronzezeit, in der die Vorstellungen von Göttern, Macht und Kosmos revolutioniert wurden.

Die kulturellen Hintergründe dazu sind Gegenstand des zweiten Kapitels. Danach wird es großräumiger, wenn die wichtigsten Kulturen, die zur Nebra-Zeit existierten, vorgestellt werden. Die folgenden Kapitel rekonstruieren die Verbindungen, die zwischen der Himmelsscheibe, dem Reich von Nebra und den Kulturen der damaligen Welt existierten. Ziel ist es, ein vollständiges Panorama der Bronzezeit mit all ihren Kultur, Bräuchen, religiösen Vorstellungen und Jenseitsbildern, kosmologischen Entdeckungen und Weltdeutungen zu entwerfen: „Die Himmelsscheibe von Nebra ist Produkt und Zeugnis einer erstaunlich eng verflochtenen Welt, die von Stonehenge bis nach Babylon vom Griff nach den Sternen geeint war.“ (S. 237)

Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis geordnet nach Kapiteln und den Bildnachweis.

Das Buch bietet vielen Fakten, Zusammenhängen und Bildern und zeigt Höhepunkte eines Zeitalters, wo die Kosmologie eine wesentlich größere Bedeutung als heute, nämlich als eine Art Welterklärung, besaß. Archäologische Funde werden hier als eine Art Abenteuerreise in die Vergangenheit beschrieben. Hilfreich für Enthusiasten und Himmelsforscher sind die Darstellung der Museen und Plätze, an denen die Welt der Himmelsscheibe erlebbar ist wie die Arche Nebra über das Sonnenobservatorium Goseck bis hin zum Museum für Vor-und Frühgeschichte in Berlin mit Links und Öffnungszeiten am Ende des Buches.

Die Interaktion des Westens mit Indien, China und Japan bildete aus europäischer Sicht einen Verbund, der auf unterschiedliche Art und Weise das westliche Bewusstsein erreicht hat: „Japan hat durch seine Ästhetik und sein Zen gewirkt, China durch seine Philosophie, Indien durch seine Spiritualität. Die Auseinandersetzung mit diesem Verbund der östlichen Kulturen bleibt ein Thema der Selbstanalyse westlicher Kultur.“ (S. 14)

Die Begegnungen seien vielfältig und lassen sich nicht auf einen Nenner, auch nicht den des Orientalismus oder Okzidentalismus bringen. Der koloniale Blick, die arrogante Einstellung sind oft im Spiel, aber auch die schlichte Neugier auf beiden Seiten, Liebe, Abscheu oder der Wunsch nach Wissen, wie die Menschheit in ihren verschiedenen Ausgestaltungen ticken lässt.“ (S. 365)

Alle Bewegungen zwischen Osten und Westen „nähren sich an Idealen, die jeweils auf die andere Kultur projiziert oder von ihr abgelehnt werden.“ (S. 14)

Dies sind Einblicke des Kulturaustausches in Form von Essays, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit beanspruchen. Natürlich können hier nicht alle verschiedenen Kulturen wie die tibetische, innerindische, koreanische in einem Buch über Kulturtransfer gen Westen und umgekehrt beschrieben werden. Warum die islamische fehlt, wird auch ausreichend begründet.

Schenke möchte mit den vorgestellten Begegnungen ein gegenseitiges Lernen auf Augenhöhe ermöglichen, was auch durchaus gelungen ist. Der Japonismus in der westlichen Kunst und Kultur oder andere Moden wären sicher auch noch spannend gewesen.

Kulturalismus ist Schenkel nicht vorzuwerfen. Saids Werks Orientalism mit den Konstruktionen Orient und Okzident ist mit Recht ein geistiger Hintergrund seiner Ausführungen. Alles in allem ein gelungener Einblick in die vergleichende Kulturgeschichte Asiens und Europas in Porträts und Begegnungen.


Buch 5

Simon Strick: Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus, transcript, Bielefeld 2021, ISBN: 978-3-8376-5495-0, 34 EURO (D)

Der Faschismus im digitalen Zeitalter ist Meme, Konsumgut und Gefühlswelt geworden. Seine Gewaltträume und Männerphantasien finden im Netz ein perfektes Biotop. Rechte Agitator*innen schaffen marktfähige Gefühlsmuster, die von YouTube und den Parlamenten bis auf die Straße reichen. Simon Strick untersucht die affektiven Strategien rechter Akteur*innen und zeigt anhand zahlreiche Analysen zeigen, wie sie Gefährdungsgefühle für Weiße und Männer populär und anschlussfähig machen.

Im ersten Teil werden methodische und begriffliche Grundlagen erläutert: Der Begriff des reflexiven Faschismus, die Leitmetapher des diskursiven Klimawandels und die Methodik der Affektforschung. Diese Begriffe werden anhand von zentralen Bausteinen rechten Agitation („der große Austausch“, Metapolitik, rechte Identitätspolitik) und Beispielen aus der BRD und den USA entwickelt.

Der zweite Teil stellt 15 Beispiele (Screenshots) vor, in denen einzelne Gefühlswelten der Rechten situativ und konkret analysiert werden. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 2014 bis Ende 2020. Dort werden die unterschiedlichen Binnenlogiken rechter Agitations-, Gewalt- und Emotionspraktiken an deutschen und englischsprachigen Beispielen erläutert.

Im dritten Teil werden Ansätze zu lokalen Gegenstrategien formuliert und „das Unbehagen des Normalen“ in der BRD besprochen. „Eine kollektivierende Gefühlspolitik, die sich gegen die Verknappungen des reflexiven Faschismus aufstellt, kann den Abwickelungsspielraum für alle vergrößern und so die Ko-Präsenz verschiedener Gefühle und Erfahrungen erst einmal absichern.“ (S. 428)

Die Hauptthesen des Buches sind die Folgenden:

Der reflexive Faschismus ist nicht das Gegenteil dieser Demokratie, sondern eine ihrer zeitgemäßen Ausdrucksformen. Faschismus ist nicht nur ein Problem des Internets, sondern Realitätsproduzent und dabei profitabel. Er arbeitet Hand in Hand mit den Automatismen, die die gesellschaftliche Fiktion von Normalität aufrechterhalten.

Die Grundgedanken des Faschismus haben im wahrsten Sinn des Wortes ein Update erfahren: „Das ist kein neuer Faschismus. Es ist ein sowohl als auch-Faschismus. Ein Update und zwar das, was durch diese Demokratie, diesen Emotions- und Informationskapitalismus, diese Medienwelt, diese Genderwelten möglich gemacht wird.“ (S. 465)

Rassismus wird als affektives Bindungs- und Identifikationsmuster organisiert. Die rechten Akteur*innen zielen nicht „ausschließlich auf das othering, die abwertende Unterscheidung von Menschengruppen, Sie greift auf rassistische Grundtöne und Ressentiments westlicher Demokratien zurück, die von der Mehrheit niemals revidiert oder erläutert wurden.“ (S. 32) Rassismus dient nicht nur der Ausgrenzung, sondern ebenso der Produktion von Selbstwertgefühl und weißer Identitätspolitik.

Zentral an der Geschlechtsperformance der Rechten ist ein doing gender, das Männlichkeit und auch bestimmte Weiblichkeiten als hochgradig bedrohte und gefährdete Positionen verhandelt. Die Rechte ist verwoben mit dem digitalen Zeitalter: Social-Media, Like- und Share-Buttons, Memes, Algorithmen, Online-Personas und die Hyperrealität der Netzwerke.

Die „wehrhafte Demokratie“ ist als Automatismus des bürgerlichen Sprechens über Faschismus und funktioniere nicht als Lösung, da sie die Angegriffenen ausschließe und das Begehren nach den Rechten verschleiere. (S. 422)

Dieses Buch behandelt die emotionalen Anziehungskräfte, ihre Weltbilder, Affekte und Ideologemen, die der Faschismus dem digitalen Raum und seinen Möglichkeiten angepasst hat. Die Kritik am bisherigen System der Verfassungsschutzes und der Extremismustheorie und das wechselseitige Zusammenspiel zwischen Kapitalismus, rassistischen und sexistischen Weltbildern und rechten Akteur*innen ist mehr als berechtigt. Nicht nur die Skandale beim Verfassungsschutz und anderen Behörden hat gezeigt, dass sie Teil des Problems, nicht der Lösung sind.

Die Beispiele im zweiten Teil geben einen guten Einblick in die Abgründe der rechten digitalen Plattformen, die oft mit Bildern versehen sind. Der Analyseteil ist also umfassend, während die Gegenvorschläge zum Teil abstrakt sind und daher wenig überzeugen können. Da bietet sich eher eine tiefgreifende Überprüfung der Konzepte der Kompetenz im Umgang mit Medien an.


Buch 6

Thomas C. Breuer: Als Champion Jack Dupree mir half, im strömenden Regen einen Opel anzuschieben, Maro, Augsburg 2021, ISBN: 978-3-87512-496-3, 18 EURO (D)

Der Kabarettist Thomas C. Breuer brachte 1996 die Storysammlung „Sekt in der Wasserleitung“ heraus, die über seine Jugendzeit und den Ausbruch aus provinziellen Strukturen berichtete. 25 Jahre später erscheint nun eine überarbeitete Neuausgabe mit einigen bisher unveröffentlichten Geschichten.

Breuers Einstieg in die Musik war die Aufteilung: Rolling Stones für den Körper und die Beatles für den Geist. Damit hübschte er seine ereignisarme Jugend in Bad Ems in der Provinz auf, die Charakteristika des Ortes, der Umgebung und seine Familie wird zu Beginn näher vorgestellt. Was dann folgt, ist sein Ausbruch aus diesen Strukturen, eine Phase der Rebellion und der Aufbau einer Parallelwelt der Musik. Konzerte, die Erlebnisse mit Lovin Spoonful, sein Kennenlernen schräger Leute, Koblenz als Einstieg in die große weite Welt, seine intensive Zeit in Trier und sein Leben zwischen Buchhandlung und radikaler Ideen.

Hinter den jeweiligen Kapiteln gibt es immer eine Trackliste mit den angesprochenen Songs oder Alben.

Dies ist ein Buch aus einer anderen Zeit und dennoch sehr aktuell, da der Duft der weiten Welt viele Jugendliche in der Provinz auch heute noch reizen wird. Das Herauskommen aus der Enge, die Suche nach dem eigenen Lebensentwurf und Freiheit sind die Charakteristika des Buches. Musik ist das Leitmotiv seiner Biografie, sie war prägend für das damalige Lebensgefühl und vielleicht noch heute.

Breuer verliert sich aber immer wieder in Einzelheiten, schweift ab und wechselt die Erzählebene, was auf Dauer verwirrend und ermüdend ist, so dass der Funke nicht ganz überspringt. Es fehlen auch visuelle Eindrücke, die die Zeit symbolisieren wie Plattencover, originale Fotos, Konzertwerbung oder andere Devotionalien.









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