Neoliberalismus-Kritiker Rainer Mausfeld: Angst und Macht

06.02.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchkritik von Daniela Lobmueh und Hannes Sies

Rainer Mausfeld war als Kieler Psychologie-Professor zuständig für Kognitions- und Wahrnehmungsforschung, ein Fachgebiet, das ihn heute zum gefragten Analytiker von Propaganda-Methoden macht. Seine Vorträge sind Youtube-Klassiker der Kritik an Neoliberalismus und Massenmanipulation und dank seines Professorentitels ist er vom Mainstream nicht so leicht in die Schublade „Verschwörungstheorie“ abzuschieben.

Angst und Macht: Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“ lautet der Titel und er verspricht nicht zu viel. Mausfeld lässt sich heute nur noch schwer ignorieren, das belegt der Westendverlag mit dem Zitat aus einer Buchkritik der NZZ (!):

„Eine so schmerzhafte wie brillante Endoskopie des gegenwärtigen politischen Systems. Mausfeld ist ein Volksaufklärer in der Denktradition Humboldts, Deweys und Chomskys... ein Weckruf zur rechten Zeit.“ NZZ über Warum schweigen die Lämmer

Das vorliegende Buch scheint eine aktualisierte Kurzfassung des in der erzkonservativ-neoliberalen NZZ rezensierten Buches zu sein. Die Aufmachung von Angst und Macht passt zum Thema: Der Einband ist schwarz gehalten mit einem Ausschnitt aus einem Gemälde des finsteren Norwegers Edward Munch, das von Furcht geplagte düstere Gestalten zeigt. Im Buch ist etwa jede fünfte Seite schwarz mit weißem Text, um wichtige Passagen hervorzuheben. Der Tonfall schwankt zwischen akademischem Referat, aber leicht verständlich formuliert, und politischer Kritik, die deutliche Worte findet, ohne zum Pamphlet zu werden.

Neoliberalismus als perfider Angstmacher

Die Fragestellung gibt Mausfeld mit einem Paradoxon unserer heutigen Gesellschaften vor: Wir hätten eigentlich die materiellen und kulturellen Möglichkeiten, uns ein weitgehend angstfreies Leben zu organisieren. Trotzdem sei nicht zu übersehen, dass Angst eine große Präsenz im Lebensgefühl unserer Epoche hat, wenn auch oft verborgen hinter Konsum und Medienspektakel der Massenkultur. Bei aller Unterhaltung und Zerstreuung sei aber eine massive Zunahme von Angststörungen und schweren Depressionen festzustellen (Tatsachen wie diese belegt Mausfeld mit aktueller Fachliteratur). Auf soziologischer Ebene seien Identitätsängste, berufliche Versagensängste und soziale Abstiegsängste zu verzeichnen, begleitet auf der politischen Ebene von einer drastischen Zunahme von Angstrhetorik.

Wo sieht Mausfeld die Ursache dafür? Ein wachsendes Angstniveau begleitete den neoliberalen Umbau der Gesellschaft seit den 1970er-Jahren und sei Folge von dessen Ideologie und deren ökonomischer Wirkung. Der Neoliberalismus, der bekanntlich den Staat abbauen und alles durch Marktkräfte „regulieren“ will, sorgte durch Steuersenkungen und Sozialkürzungen für eine Umverteilung. Folge war ein rasantes Wachsen sozialer Ungleichheit, Lohnsenkungen und prekäre Arbeitsverhältnisse. Zugleich verbreiteten Neoliberale ihre Ideologie, die dem Individuum die alleinige Schuld für sein Scheitern auf dem Arbeitsmarkt zuschreibt. Dazu kommt der Abbau des Sozialstaats, also von sozialen Instanzen, die laut Mausfeld angstreduzierende Funktion hatten, indem sie Orientierung und soziale Sicherheit vermittelten.

Wie macht Neoliberalismus uns Angst? Durch soziale Unsicherheit auf deregulierten Arbeitsmärkten, die von krisenhaften deregulierten Finanzmärkten abhängen, auf denen große Finanzkonzern mit dem ängstigenden Namen Schattenbanken im Dunkeln ihre Machenschaften treiben. Außenpolitisch drohen Terroristen und (angeblich) bedrohliche nicht-westliche Mächte, fördern Angst vor und Hass auf das Fremde. Innenpolitisch bedroht Rechtspopulismus unsere Demokratie, der den verängstigten Wählern der unteren Schichten als einziger Ausweg hingestellt wird. Dabei haben die etablierten Westeliten „jenseits rhetorischer Bekundungen keine wirkliche Angst vor Rechtspopulismus“, vielmehr nutzen sie ihn für ihre Zwecke: „Für den Neoliberalismus stand und steht seit den historischen Anfängen der eigentliche Feind stets links.“ Rechtspopulismus dient dabei der Diffamierung linker Kritik am neoliberalen Programm „auf Basis einer Verklammerungslogik von linken mit rechten Positionen“ als Diffamierungsstrategie (S.62f.).

Angstmachen als neoliberale Herrschaftstechnik

Neoliberalismus macht uns Angst. Doch dies tut er nicht einfach so -und jetzt kommt Mausfelds Kompetenz in Sachen Massenmanipulation zum Einsatz-, sondern gezielt in perfider Absicht. Die Umverteilung unseres gesellschaftlichen Reichtums und die Verelendung weiter Bevölkerungskreise birgt ein Risiko für die maßlosen Geldeliten: Die Demokratie, in der (rein theoretisch) die Menschen einfach linke Parteien wählen könnten, die den Verelendungsprozess umkehren. Somit „...lässt sich das neoliberale Projekt auf demokratischem Wege nicht ohne eine massive Manipulation des Bewusstseins durchsetzen. Eine systematische Erzeugung von Ängsten spielt dabei eine ganz besondere Rolle.“ (S.11)

Mausfeld erklärt uns, warum 90 Prozent der Wähler sich für Parteien entscheiden, deren Politik vorwiegend den reichsten zehn Prozent nutzt: Aus Angst. Es gehe den Neoliberalen darum, „Machtverhältnisse in kapitalistischen Demokratien“ zu stabilisieren, um „das unauflösbare Spannungsverhältnis von Kapitalismus und Demokratie zu verschleiern“ (S.12). Dafür werden besonders drei „traditionelle Techniken der Angsterzeugung“ genutzt: 1.Die Entformalisierung des Rechts, 2.die Ideologie der Meritokratie und 3.„die Psychotechnik der propagandistischen Erzeugung von vorgeblichen Bedrohungen“ (S.26).

1.Unter Verweis auf die Politologin Ingeborg Maus kritisiert Mausfeld das Vordringen von „Gesetzesattrappen“, umgangssprachlich wohl Gummiparagrafen genannt, deren „Füllung dann nach Ermessen der anwendenden Instanzen erfolgen kann“, wodurch „politisch oder ökonomisch mächtige Akteure“ Einfluss gewinnen (S.27). Dies bringt eine Refeudalisierung im transnationalen Handelsrecht (siehe TTIP mit seinen sog. Schiedsgerichten, vor denen Konzerne gegen demokratische Entscheidungen klagen können). Innenpolitisch nennt Mausfeld das Bayerische Polizeiaufgabengesetz von 2017, das sog. „Gefährder“ ihrer Bürgerrechte beraubt, da sie ohne sich strafbar gemacht zu haben unbegrenzt inhaftiert werden können (S.31).

2. Die Ideologie der Meritokratie bescheinigt den Mächtigen und Reichen, dass sie aufgrund eigener Leistungen ihre Privilegien besitzen -was selten der Fall ist. Die Armen seien aus selbigem Grund für ihre Not selbst verantwortlich, wie neoliberale Ideologen mit der inflationär ventilierten Phrase von der „Eigenverantwortlichkeit“ propagieren. Mausfeld verfolgt diese Ideologie von ihren Wurzel bei Platon und Aristoteles über Max Weber zu Rockefeller und Bill Gates. Ziel sind „schamauslösende Versagensängste“ bei großen Teilen der Bevölkerung, die verhindern sollen, von den Reichen ihren gerechten Teil zur Erhaltung der Gesellschaft einzufordern -siehe die Steuersenkungspropaganda neoliberaler Parteien. Statt politischer Reform von links herrscht Angst: „Vielmehr werden die gesellschaftlichen Verhältnisse, die nicht mehr als etwas Überwindbares und Veränderbares erkannt werden können, gleichsam nach innen verlegt. Versagensängste werden zu Binnenängsten, die eine lähmende Scham erzeugen können und dadurch zu einer Entpolitisierung beitragen.“ (S.37)

3. Angsterzeugung durch Propaganda ist am leichtesten zu durchschauen und wird daher sorgfältig von unseren Machthabern verborgen. So muss Mausfeld auf Politblogs im Netz zurückgreifen (Nachdenkseiten und Moon of Alabama), um sein aktuelles Beispiel zu illustrieren, den „durch die USA und NATO orchestrierten Aufbau eines russischen Feindbildes“:

„Ein gegenwärtiges Beispiel für die Koordination derartiger Desinformationskampagnen stellt die Integrity Initiative dar; dabei handelt es sich um ein von Großbritannien aus operierendes internationales verdecktes Netzwerk zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung und politischer Entscheidungsträger, das vom britischen und amerikanischen Außenministerium und der NATO finanziert wird und unter dem Leitspruch 'Defending Democracy Against Disinformation' europaweit antirussische Medienkampagnen koordiniert.“ (Mausfeld 2019, S.39)

Auf diese ominöse Integrity Initiative wiesen wir bereits in unserer Rezension zu Kees van der Pijl „Der Abschuss“ hin, der am Fall MH17 präziser wurde, sowie auf antirussische Tendenzen in diversen von uns kritisierten deutschen Fernsehfilmen. Zu Vander Pijl schrieben wir dort: "Die herrschenden transnationalen Klassen des „Atlantischen Blocks“ bauen ihre Macht auf das von ihnen dominierte globale Finanzsystem, aber immer mehr auf Überwachung und „Kontrolle der überschüssigen Menschheit“; dies geschieht auch mittels neuer Digitalgiganten wie Google, Microsoft oder Booz Allen Hamilton, die CIA-nahe Firma, bei der Snowden zeitweise arbeitete (Pijl 2019, S.120f.). Regierungen, Geheimdienste und Konzerne, vor allem Finanz-, Medien- und Digitalkonzerne, verfilzen sich zum Deep State. 2020 zeigt van der Pijl auf, wie sich der MH17-Plot in die 2018 durch Hacker von Anonymous aufgedeckte „Integrity Initiative“ einfügt. Die aus dem Umfeld britischer Geheimdienste stammende Initiative hat das Ziel „antirussische Propaganda in den westlichen Medienstrom einzuleiten“, insbesondere das „Narrativ“ vom „hybriden Krieg“, den angeblich nur Russland mittels seiner Trolle im Netz führe: Ein „ideologischer Schwindel“ mit der Hauptfunktion, von den „höchst peinlichen Enthüllungen von Snowden und Wikileaks“ abzulenken, indem man „jede Information oder Meinung, die der offiziellen Erzählung widersprach, als 'russische Desinformation' und/oder 'Verschwörungstheorie' diffamiert.“ (Vander Pijl 2020, S.175, vgl. Lobmueh 2021, Sies 2021). Die Integrity Initiative sei eine ideologische und organisatorische Klammer von Propaganda-Blogs wie Bellingcat, den Versuchen, Putin für die Wahl Donald Trumps verantwortlich zu machen, bis hin zur Skripal-Affäre..."

Propaganda als Machtbasis der Westeliten

Mausfeld verfolgt die Geschichte moderner Propaganda ab der berüchtigten Creel-Kommission, mit der die US-Regierung „innerhalb kürzester Zeit“ eine friedfertige Bevölkerung zum Hass gegen die Hunnen (das deutsche Kaiserreich) aufstachelte (S.41) bis zur „global corporate elite“ und ihrer „durch ein riesiges Netz von Think-Tanks koordinierten ideologischen Homogenisierung“ (S.97) und schließt mit einem Aufruf zum egalitären Humanismus.

Ein sehr gelungenes Buch, das vielleicht dem Leser linksorientierter Politblogs nicht wirklich etwas Neues mitteilt, aber gut zusammenfasst und fachlich fundiert die psychologische Seite der Propaganda für den Neoliberalismus hervorhebt. Leider verpasst Mausfeld auch in Fußnote 15 auf Seite 105 die Gelegenheit, die Hetzkampagne gegen den Wikileaks-Gründer Julian Assange anzuprangern. Dort verweist er mit dem Ideologen Samuel P. Huntington auf die Notwendigkeit moderner Machthaber, sich als Deep State vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Mausfeld bleibt allgemein: „Das lässt auch die unerbittlich aggressiven Reaktionen der Zentren der Macht auf Whistleblower verstehen.“

Stimmt zwar, hätte aber konkreter werden können, Julian Assange hätte es verdient -vielleicht eine Konzession von Mausfeld an das SPIEGEL-Bestseller-Establishment? Die Quelle fehlt übrigens in Mausfelds Literaturverzeichnis, es wird wohl Huntingtons American Politics: The Promise of Disharmony (1981) gewesen sein. Für eine genauere Einschätzung dieses Autors und seines Komplizen Brzezinski könnte man Rainer Mausfeld das von uns hier kürzlich rezensierte Buch „Über Hannah Arendt“ von Judith Shklar empfehlen, wobei letztere mit ihrem „Liberalismus der Furcht“ eine Klassikerin des Themas ist.

Rainer Mausfeld (2019). Angst und Macht: Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien. Frankfurt/M.: Westend Verlag, 128 S., 14,-Euro

Siehe auch

Der politische Kreis: Über Hannah Arendt und Judith Shklar, Daniela Lobmueh und Hannes Sies (Scharf-links 2020)

Kriminelle Propaganda:In einem ARD-„Tatort“ wird WikiLeaks diffamiert (H.Sies)

Lobmueh, Daniela (2021). Bilder manipulieren - Visuelle Propagandaschlachten in Presse, Fernsehen und Internet: MH17, Omran, Venezuela, in: Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel (Hg.) Macht: Wie die Meinung der Herrschenden zur herrschenden Meinung wird, Frankfurt/M.: Westend Verlag (erscheint April 2021). https://www.westendverlag.de/buch/macht/

Pijl, Kees van der (2018). Der Abschuss: Flug MH17, die Ukraine und der neue Kalte Krieg, Köln: Papyrossa.

Pijl, Kees van der (2019). Die 'Achse des Bösen': Die US-Israel Neocon-Connection, in: Mies, Ulrich (Hg.), Der Tiefe Staat schlägt zu: Wie die westliche Welt Krisen erzeugt und Kriege vorbereitet, Wien: ProMedia Verlag S.105-122.

Pijl, Kees van der (2020). Der MH17-Prozess: Rechtsprechung als politisches Theater, in: Mies, Ulrich (Hg.), MEGA Manipulation: Ideologische Konditionierung in der Fassadendemokratie, Frankf./M.: Westend, S.165-182.

Sies, Hannes (2021). Aufklärer im Halbschatten: Julian Assange. https://www.rubikon.news/artikel/aufklarer-im-halbschatten

Sies, Hannes (2021). Schauprozess gegen Julian Assange: Fanal für Presseunfreiheit, in: Klaus-Jürgen Bruder, Almuth Bruder-Bezzel (Hg.) Macht: Wie die Meinung der Herrschenden zur herrschenden Meinung wird, Frankfurt/M.: Westend Verlag (erscheint April 2021). https://www.westendverlag.de/buch/macht/

 







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