HAMBURG KRIMI


15.01.18
KulturKultur, Hamburg 

 

Till Raethers Bücher: Treibland – Blutapfel – Fallwind – Neunauge

Von Richard Albrecht

Raethers vier Bücher sind die buchmacherische Viererbande oder Quadrologie der bisher gedruckten Till-Raether-Krimi und von 2014 bis 2017 im Rowohlt Verlag erschienen nach dem Muster: Jeweils im Herbst Polaris-Originalausgabe, im nächsten Jahr dann text/seitenidentisch als Rowohlt-Taschenbuch. Die Bücher wiegen zusammen 1.950 kg. Im Bücherregal von 90 cm beanspruchen sie gereiht aufgestellt gut 15 cm. Die Originalausgaben kosten zusammen knapp 60 €, die Taschenbücher knapp 40 €. Die Lesezeit der Quadrologie betrug bei mir etwa 75 Stunden (was 10 Vollerwerbsarbeitstagen entspricht).

Die Reihe des 1969 geborenen Autors kommt systematisch daher: Die erzählte Handlungszeit liegt jeweils etwa ein Jahr vorm Ersterscheinen des Buchs. Der griffig gemeinte Ein-Wort-Titel verweist auf einen Zentralspekt, der jeweils vor Romanbeginn kurz lexikalisch zitiert wird. Alle Fälle sind who-done-it- oder Wer-war´s-Krimi.

Hauptermittler Adam Danowski ist etwa so alt wie der Autor, Halbwaise eines Alt-SEWlers aus Südberlin. Er kam etwa zehn Jahre vor dem ersten Fallgeschehen zur Hamburger Kripo in eine der LKA-Mordermittlungsgruppen. Ihm zur Seite stehen im 1. Band der alkoholabhängige, ständig Sprüche, Zoten und Witzchen absondernde Kokommissar Finzi, im 2. Band die so korrekte wie ehrgeizige Kommissarin Jurkschat. Im 4. Band werden diese kurzfristig “ein Paar”. In den Bänden 3 und 4 unterstützen beide watsonnig den nun zum “Profiler” aufgestiegenen Hauptkommissar Danowski - auch wenn sie nicht mehr amtsoffiziell mit ihm zusammenarbeiten sollen. Wenn auch nach vielen Irrwegen und Verzwickungen wird der Hauptfall mit seinen Morden schlußendlich und typischerweise gegen Widerstände besonders des unmittelbaren Machote-Vorgesetzten des Trios aufgeklärt ... was keineswegs Heile Welt meint. Sondern nur das Genre wie im europäischen zeitgenössischen Krimi seit Leonardo Sciascias (auch verfilmten) antimafiotisch-staatsfeindlichen Kriminalromanen und -novellen[1] nicht aufsprengt.

Vor allem die Handlungsorte sind hamburgbezogen. Die Sozialmilieus sind gelegentlich hanseatisch. Die Titel drücken eher ökonomisch-ökologische Zeitprobleme aus wie im Hamburger Hafen liegende Megaliner oder Kreuzschiffe, die in Hamburg besonders ausgeprägte stofflich-dinglich Unterwelt und ihre verkehrsbezogenen Elbtunnel, die vielfach nutzbaren Innereien von neuen Windtechnologien im Wattenmeer der Nordküste und das menschenfeindliche Frauenaufreißermilieu dummbackiger Matschos, die sich pickup-artists nennen.

Raethers Krimireihe spart nicht mit Kritik besonders besserverdienender und sich besserwähnender Milieus (alt)bundesdeutscher Mittelschichten, schließt insofern an den neuen deutschen Krimi älteren Typs und dessen unterhaltsame politische Aufklärung[2] an und ist in aller norddeutsch-hanseatischen Farbigkeit mehr als eine bloße Erweiterung des seit Anfang der 1990er Jahre wild ins Kraut schießenden Regiokrimi[3], der auch seit Jahren in öffentlich-rechtlichen TV-Kanälen fröhlich´ Urständ´ abfeiert. Raethers neuste Hamburgkrimi-Variante, die in der/um die nördlichste/n Großstadtregion Ganzdeutschlands spielt, kennzeichnet abgeklärte Souveränität und selbständige Autorensprache (also nicht nur “Moin”, sondern auch norddeutsch-zustimmendes “nee” und “hattu”-Frageeinleitung) als gehaltvolle Anreicherung des bisherigen aktuellen Krimibogens der 2010er Jahre. Und gelegentlich (2. Band, 37. Kapitel) gibt´s auch literarisch anspruchsvolle Dialogkapitel. Allgemeiner: Raether-Krimi enthalten einen multiplen Realismus, der nicht nur kritisch ist, sondern auch weniger griffige Realismusvarianten wie zynischen, sarkastischen, melancholischen, exotischen und skurrilen Realismus einschließt.

Freilich gibt´s auch Kritikables: Vor allem die Überlänge der ersten drei Bände. Hier haben wohl die letztbeiden Bände der schwedischen van-Veeteren-Krimiserie von Hakan Nesser (dt. 2003: Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod, 572 p.; dt. 2004: Sein letzter Fall, 537 p.) Pate gestanden. Weitere Kritikpunkte: Der Prolog im 2. Band, der mit dem finalen Todesschuß einer US-Geheimdienstagentin so verwirrend wie überflüssig wirkt; durchgehend in allen vier Romanen allzu lange und überbordend wirkende personale Innereien im zentralen Ermittlertrio; die doppelte Unsicherheit im Verhältnis Autor-Leser: Einerseits informiert der Autor seine Leser im 1. Band über einen Mordversuch an Finzi, den dessen Kumpel als verantwortlicher Ermittler im 2. Band freilich bis kurz vor Schluß vergißt, was mitdenkende Leser unterfordert. Gegenteilig gibt´s im 4. Band nur wenig Hinweise auf eine bessergestellte Mörderin, die der Autor zur Überforderung von Lesern kurz vor Romanende als schuldirektorische dea-ex-machina in seinen Schlußakkord einbringt. Und um auch ins Detail zu gehen: Die Krimiserie beruht auf grundsolider Textarbeit von Autor, dessen Agentur und des Lektorats bei Rowohlt Polaris: In den ersten drei Bänden fand ich nur eine Auffälligkeit (be- anstatt verurteilen), jedoch im 4. Band ´n paar mehr, vor allem im letzten Textviertel, darunter auch das an again and again erinnernde wieder und wieder ... grad so als handelte es sich um ´n dürftig übersetzten US-Krimi.

Sicherlich wäre nach bewährtem Stickmuster der ersten vier Bände wie bei den jeweils 10bändigen Schwedenkrimi von Sjöwall/Wahlöö[4] und später Nesser jedes Jahr ein Band möglich (und wie bei Nesser auch zwei mit den Nebenermittlern Jurkschat und Finzi im Handlungs- und Erzählzentrum). So daß der kommerzielle Erfolg dieser Till-Raether-Serie bis in die 2020er Jahre hinein gesichert erscheint.

 

[1] Richard Albrecht; Wilma Albrecht, ´Krimi ´- und Literaturwissenschaft; in: Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 2/1980: 124-142.

[2] Richard Albrecht, Literarische Unterhaltung als politische Aufklärung: Der neue deutsche Kriminalroman in der Bundesrepublik Deutschland der siebziger Jahre - ein literaturgesellschaftlicher Nekrolog; in: Recherches Germaniques, 14/1984: 119-143.

[3] Richard Albrecht, Eifel-Blues und die Folgen. Über die neue ganzdeutsche Krimilandschaft Mitte der Zehnerjahre; in: Auskunft, I/2015: 145-154.

[4] Richard Albrecht, Sjöwall/Wahlöös ”roman om ett brott”. Aspekte zur bundes-deutschen Verbreitung und bundes-deutsche Aspekte zur Verbreitung; in: Text und Kontext, 1/1983: 118-137.

 

Till Raether: Treibland. Kriminalroman. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2015, 511 p., ISBN 978-3-499-26670-6, 9,99 €.

Till Raether: Blutapfel. Kriminalroman. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2016, 476 p., ISBN 978-3-499-26671-3, 9,99 €.

Till Raether: Fallwind. Kriminalroman. Reinbek: Rowohlt Polaris, 2016, 478 p., ISBN 978-3-499-27200-4, 14.99 €.

Till Raether: Neunauge. Kriminalroman. Reinbek: Rowohlt Polaris, 2017, 429 p., ISBN 978-3-499-29149-4, 14.99 €.

 

Dr. Richard Albrecht, Sozialwissenschaftler mit Arbeitsschwerpunkten Kultur, Bildung, Cineastik. Freier Autor und Wissenschaftsjournalist in Bad Münstereifel. Kolumnist des Fachmagazins soziologie heute.







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