Böll und Brandt: Eine Beziehung in Briefen


25.12.17
KulturKultur, Politik 

 

Rezension von Michael Lausberg

In dem Buch geht es um die Beziehung zwischen Heinrich Böll und Willy Brandt, die nach der Kulturrevolution der 68er den Versuch unternahmen, den reaktionären Mief der Adenauer-Ära zu überwinden und eine fortschrittliche und demokratische Gesellschaft zu schaffen. Dabei geht es hauptsächlich um die 1970er Jahre in der BRD und in der internationalen Politik und Kulturlandschaft: „Böll und Brandt. Zwei Menschen, die von ihrer Herkunft einander so fremd waren und die dennoch gemeinsam, jeder auf seine Art, die junge Bundesrepublik aus der Adenauer’schen Erstarrung erlöst und ihr zu einem Ruf als ‚Land der guten Nachbarn‘ verholfen haben.“ (S. 11)

Heinrich Böll ist einer der bedeutendsten und meistgelesenen Schriftsteller der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik. Böll bezieht immer wieder zu tagespolitischen Ereignissen Stellung und ist bekannt für sein Engagement in der Friedensbewegung. Von 1970 bis 1972 war er Vorsitzender des deutschen, von 1971 bis 1974 auch Präsident des internationalen PEN-Clubs. Der 1971 erschienene Roman „Gruppenbild mit Dame“ ist nicht nur Bölls umfangreichster, sondern nach Meinung vieler Kritiker auch sein bedeutendster Roman. Er ergreift in diesem Werk Partei für die „Abfälligen“ (den „Abfall“) der Gesellschaft, für Außenseiter und Leistungsverweigerer. Der Roman wurde zum Bestseller und trug maßgeblich zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Böll im Dezember 1972 bei.

In diesem Jahr 1972 sorgte Böll für einen innenpolitischen Skandal, als er sich in einem Essay für den Spiegel unter dem Titel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit“ mit der Person und dem Werdegang der RAF-Aktivistin Ulrike Meinhof beschäftigte und die Berichterstattung der Springer-Presse scharf angriff. In konservativen Kreisen galt er seitdem als „geistiger Sympathisant“ des Terrorismus, worunter Heinrich Böll litt. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedrich Vogel sprach damals von den „Bölls und Brückners“ als intellektuellen Helfershelfern des Terrors. Da die Behörden es nicht für ausgeschlossen hielten, dass gesuchte RAF-Mitglieder bei ihm Unterschlupf finden könnten, wurde bei ihm am 1. Juni 1972 in Langenbroich eine Hausdurchsuchung vorgenommen, Nachdem Böll dem Springer-Konzern Stimmungsmache und Verleumdung vorgeworfen hatte, eskalierte wiederum der Ton und die Maßnahmen des Springer-Verlags. Es wurde eine Hetzkampagne gegen den Schriftsteller organisiert, die in Forderungen nach seiner Ausreise gipfelte. Im selben Jahr erhielt er im Herbst den Literaturnobelpreis. 1974 erschien Bölls das Werk, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, das einen Beitrag zur Gewaltdebatte der 1970er-Jahre darstellt und sich besonders kritisch mit der Springer-Presse auseinandersetzt.

Willy Brandts Charisma verzauberte viele Menschen in der Nachkriegszeit nach dem spießigen Mief der Adenauer-Ära. Der erste sozialdemokratische Kanzler Deutschlands kämpfte gegen die NS-Diktatur, trug als Bundeskanzler zu einer Entspannung der Ostpolitik bei und erhielt den Friedensnobelpreis. Unter dem Motto Wandel durch Annäherung gab Brandt spätestens als Bundeskanzler die bis Ende der 1960er Jahre an der militaristischen Hallstein-Doktrin ausgerichtete Außenpolitik der BRD auf und leitete mit seiner neuen Ostpolitik eine Zäsur im politisch konfrontativen Klima des Kalten Krieges ein. Mit den Ostverträgen begann er einen Kurs der Entspannung und des Ausgleichs mit der Sowjetunion, der DDR, Polen und den übrigen Ostblockstaaten. Für diese Politik erhielt Brandt 1971 den Friedensnobelpreis. Mit dieser „Neuen Ostpolitik“, die Willy Brandt gemeinsam mit Walter Scheel gegen den entschiedenen Widerstand der Mehrheit der CDU/CSU-Opposition durchsetzte, bemühte er sich um eine „Entspannung in Europa“.

Vom 7. bis 11. Juni 1973 besuchte Willy Brandt als erster deutscher Bundeskanzler Israel, nachdem 1965 diplomatische Beziehungen aufgenommen worden waren. 1970 hatte mit Abba Eban erstmals ein israelischer Außenminister die Bundesrepublik besucht. Gleichzeitig ging es ihm um innenpolitische Reformen in der Sozial-, Bildungs- und Rechtspolitik. „Mehr Demokratie wagen“ war das Motto, mit dem Brandt die innenpolitische Stagnation der Nachkriegszeit überwinden wollte.

Der erste Teil des Buches besteht aus einem Traktat, wo die Gemeinsamkeiten auf verschiedenen Ebenen zwischen beiden herausgefiltert werden. Böll wurde von rechter Seite immer wieder als „literarischer Nestbeschmutzer“ angefeindet, Brandt wegen seiner Rolle im „Dritten Reich“ als „ewiger Emigrant“. Dies führte bei beiden immer wieder zu Phasen der Melancholie. Beide waren auch Hoffnungsträger für viele Menschen in den Warschauer-Pakt-Staaten und auch in der BRD, die sich nach Abrüstung und Verständigung sehnten, vor allem innerhalb der Jugend.

Im zweiten Teil belegen Primärzeugnisse wie Briefe, Texte oder Dokumente, die „von einer Zugewandtheit, die über Jahrzehnte getragen war von gegenseitiger Hochachtung, gar Bewunderung“ zeugt. (S.22) Dies belegt vor allem der Nachruf Brandts auf Böll oder der Wahlaufruf Bölls für Brandt bei den Bundestagswahlen 1972.

In dem Buch wird anhand von Primärquellen die Verbindung und geistige Nähe zwischen zwei entscheidenden Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte herausgearbeitet, die das starre politische System der BRD reformierten und demokratisierten, für Frieden und internationale Verständigung standen und auch menschlich auf einer Wellenlänge waren. Eine gelungene und interessante zeithistorische Darstellung, die zur Lektüre empfohlen werden kann.

 

Norbert Bicher: Mut und Melancholie. Heinrich Böll, Willy Brandt und die SPD. Eine Beziehung in Briefen, Texten, Dokumenten, Verlag J.W.H. Dietz Nachfolger, Bonn 2017, ISBN: 978-3-8012-0512-6







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