Eine Graphic Novel zur kubanischen Revolution


15.07.17
KulturKultur, Internationales 

 

Rezension von Hannes Sies

Die Revolutionen Lateinamerikas haben eine Ikone hervorgebracht: Che Guevara, er ist heute das Gesicht der Rebellion gegen Unterdrückung überhaupt. Sein auf Tassen und T-Shirt gedrucktes Gesicht ist eine der wenigen, wenn nicht die letzte Symbolgestalt der Revolution, die der heutigen Jugend vage bekannt ist. Seine Geschichte erzählt eine aktuelle Graphic Novel aus Dänemark: Das Comic „Kubanischer Herbst“.

Dänemarks bekanntester Graphic Novelist (Comiczeichner) Henrik Rehr und sein Ko-Autor Marten Hessedahl, dänischer Publizist und Theaterdirektor in Kopenhagen, (beide Jahrgang '64) zeigen uns einen Helden ihrer Jugend: Den dänischen Journalisten, Revolutionär und preisgekrönten Buchautor Jan Stage. Als Journalist kritisierte er das satte Nachkriegs-Kopenhagen, ging nach Kuba und kämpfte 1967 beinahe an der Seite Che Guevaras in dessen letztem Kampf gegen die von CIA-geförderten Alt-Nazis mit installierte Diktatur Boliviens. Für die dortige Diktatur war auch der Nazi-Massenmörder Klaus Barbie tätig: Der „Schlächter von Lyon“ instruierte Armee, Polizei und Geheimdienst in Bogota über Aufstandsbekämpfung und Geheimdienstarbeit.

Das auf historisch korrekte Darstellung bedachte Comic „Kubanischer Herbst“ schlägt eine raffinierte Brücke zu Barbie, indem der Held Jan Stage sich auf Kuba in Monika Ertl verliebt. Die später steckbrieflich gesuchte RAF-Terroristin war Enkelin von Hans Ertl, dem Kameramann der Nazi-Filmkönigin Leni Riefenstahl. Ertl heroisierte auch General Rommel mit Filmen vom NS-Afrikafeldzug für die Deutschen Wochenschauen und floh daher mit anderen Nazis 1945 nach Bolivien. Dort lebten die Ertls als Nachbarn von Massenmörder Barbie, den die kleine Monika „Onkel Klaus“ nennen durfte.

In der Comic-Story wird Monika Ertl alles daransetzen, diesen „bösen Onkel“ umzulegen. Doch vorher führt sie noch einen anderen Verbrecher seiner gerechten Strafe zu: Monika Ertl tötet 1971 in Hamburg mit Jan Stages Hilfe den Konsul Boliviens, Quintanilla. Der war 1967 als Geheimdienstchef für die Folter und Ermordung von Che Guevrara und seinen Genossen verantwortlich, unter den Opfern war der Studentenführer Inti, Monikas Geliebter. In düster-realistischen Schwarzweiß-Zeichnungen verschmelzen die Autoren Liebe, Politik und Revolution so auch zu einer Rache-Story. Interessante Nebenfiguren sind der italienische Verleger Feltrinelli, der als sozialistischer Erbe eines wichtigen Pressekonzerns half, den ermordeten Che Guevara zu einer Medienikone auch in der westlichen Welt zu machen. Feltrinelli starb beim Versuch, für die Roten Brigaden, der Schwesterorganisation der deutschen RAF, einen Strommast zu sprengen. Jan Stage trifft auch den Philosophen Régis Debray, einen Professor im Havanna der Revolution und Weggefährten Ches in Bolivien, der überlebte und später die akademische Richtung der „Mediologie“ begründen sollte.

Das Comic zeigt seinen Helden Jan Stage als Revolutionär, anfangs gegen autoritäre Eltern und Lehrer aufbegehrend, später von Unrecht und Leid der Welt zur Politik getrieben. Am Ende jedoch stirbt Stage verbittert, verdächtigt andeutungsweise selbst seinen Weggefährten Debray, von der CIA umgedreht worden zu sein, um lebend davon zu kommen. Der Verlag macht daraus auf dem Backcover „aus hochfliegenden Ideen wurden Verschwörungstheorien“ und öffnet Lesern damit das Schlupfloch, alles darunter zu subsummieren, was sie über Alt-Nazis, CIA und Diktatoren in dem Band erfahren konnten. Mancher wird diesen Weg wohl gehen, weil die präsentierte Geschichte zu weit von der dominierenden Ideologie abweicht, der zufolge Kommunisten immer böse sind und die USA immerzu nur für die Menschenrechte kämpfen.

Che Guevara wird in „Kubanischer Herbst“ nicht heroisiert, sondern ebenso düster gezeichnet wie seine Kampfgenossen –nur dass ihre Gegner eben noch viel dunklere Gestalten sind, deren Verbrechen unbedingt verhindert werden müssen. Wir haben hier eine Konfliktlage, die das sonst in unseren Massenmedien präsentierte Modell umkehrt: Sonst haben die Guten aus dem Westen leider keine Wahl, als gegen böse totalitäre Sozialisten Gewalt anzuwenden, gegen die Schurken aus Syrien, Serbien, Nordkorea oder Russland (das ist zwar inzwischen auch kapitalistisch, aber die Westpresse müht sich redlich, Putin wenigstens als machthungrigen Nachfolger der sozialistischen Sowjets hinzustellen). In unserer Graphic Novel ist der sozialistische Revolutionär der Gute, der leider nur gewaltsam tätig werden kann, um gegen die bösen kapitalistischen Plutokraten zu kämpfen.

„Kubanischer Herbst“ geht in Thema und Darstellung zwar über das hinaus, was man im Westen üblicherweise zu Kuba erfährt. Doch das Buch verschenkt auch die Chance, viele völlig unbekannte, weil konsequent vertuschte Fakten bekannt zu machen –vielleicht, weil die Autoren selbst keine Kenntnis davon hatten. Leider bleibt so ein großer Teil der Geschichte Che Guevaras und Kubas in der Graphic Novel unerzählt und kann bei heutigen Lesern auch kaum vorausgesetzt werden. Hier soll sie in einem kurzen Artikel nachgezeichnet werden. Das Comic „Kubanischer Herbst“ weckt dennoch Interesse für eine wichtige Epoche und ist vielleicht auch ein schönes Geschenk für die von Youtube, Facebook, „Game of Thrones“ entpolitisierten Enkel.

Morten Hesseldahl und Henrik Rehr: Kubanischer Herbst, Graphic Novel Jacoby&Stuart, Berlin 2017 (dän.Or. 2016: Det Cubanske Efterar), 80 Seiten (sw)

In Kürze folgt von Hannes Sies ein Artikel dazu: Kubas unerzählte Geschichte – Ergänzung zur Graphic Novel „Kubanischer Herbst“

 



Kuba: Die unerzählte Geschichte – Ergänzung zur Graphic Novel „Kubanischer Herbst“ - 16-07-17 20:50




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