Zum Tod von Lutz Schulenburg, Verleger der Edition Nautilus

04.05.13
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von Gerald Grüneklee - Anares Buchvertrieb

Liebe Leserinnen und Leser,

außerhalb unseres Newsletters erreicht Euch eine Nachricht aus traurigem Anlass:
Lutz Schulenburg, Verleger der Edition Nautilus, schon äußerlich beeindruckender Leuchtturm der Buchmessen, eine der faszinierendsten Persönlichkeiten in der Szene deutschsprachiger linker und libertärer Verlage, ist nicht mehr.

Wir sind fassungslos und tief erschüttert.

"Der Tod, so gewiss er auch ist, bleibt dennoch eine Schweinerei", sagte Lutz auf seiner Trauerrede am Grab von Horst Stowasser, der 2009 ebenfalls plötzlich und viel zu jung, im Alter von nur 58 Jahren, verstarb.

"Wieder einer weniger", der lakonische Kommentar eines Kollegen macht die Hilflosigkeit und Traurigkeit gegenüber dem Tod eines Menschen deutlich, der viele Personen nach- haltig beeindruckte und durch seine Publikationen viele Anstöße gab.

Wie viele seiner Generation war Lutz jemand, der auf Abschlüsse nichts gab und seinen Elan stattdessen in die revolutionären Bewegungen von ´68 an einbrachte. Er war Lib- ertärer durch und durch, ein Autodidakt in vielem, ein beeindruckend gebildeter Mensch, der mitreißend formulieren konnte, auch wenn die Wendungen bisweilen holperten. Man spürte, dass er voller Tatendrang an der Tastatur saß - was allemal überzeugender ist als das Beharren auf formal "korrekten" Sätzen.

Als "fröhlichen Anarchisten" bezeichnete die 'taz' Lutz in ihrem Nachruf, und als "einen der letzten Selbstdenker" ("Bücher zum Selberdenken" war übrigens auch ein Motto unseres 2000-2006 bestehenden Buchladens). Und wenn der Anarchismus es derzeit bis in die bürgerlichen Feuilletons schafft, so sei daran erinnert, dass Lutz die schwarze Fahne der Anarchie auch in Zeiten hochhielt, als dies weniger opportun war - freilich auf eine angenehm unverbohrte Weise, voller Lebenslust und Widerspruchsgeist.

Ja, Lutz war oft eigensinnig bis zur Starrsinnigkeit, sichtbar etwa an der Verve, mit der er die Werke des immer noch viel zu unbekannten Franz Jung verlegte. Noch zu Beginn des Jahres wurde von der Edition Nautilus das "Jahr der Nautilus-Jubiläen" ausgerufen, in dem auch Jung´s vor 100 Jahren erstmals publiziertes "Trottelbuch" erneut erschien. "Herumtreiber" und Aktivist, der Jung war, hat er Lutz - zunächst physisch, später geistig ebenfalls ein "Herumtreiber" und Unbeirrbarer - offenkundig stark beeindruckt. Der Autor, der nicht durch sein Werk erkennbar ist, taugt nichts, meinte der Schrift- steller B. Traven. Übertragen auf Verlage haben wir hier somit den Nachweis, das Nautilus und Lutz eine sehr taugliche Symbiose ergaben.

Lutz, der Unbeugsame, der Neues entdecken konnte ohne die linksradikale Geschichte und die auch eigenen Wurzeln zu vergessen, machte uns Jüngere auch mit der situa- tionistischen Literatur bekannt, etwa dem "Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen" Raoul Vaneigems.

Jahrelang war der Verlag ein finanzielles Wagnis, nicht zuletzt aufgrund von Lutz´ Herz- ensprojekten, die in Feuilletons erfolgreicher waren als in Verkaufszahlen. Der Impetus der radikalen Gesellschaftskritik, der Revolte, war hier stets spürbar. "Nicht neuer Kontinente bedarf es, sondern neuer Menschen", so ließ es der Verlag programmatisch auf Postkarten und Plakaten den U-Boot-Kapitän Nemo aus dem Roman von Jules Verne verkünden - das Plakat zierte jahrelang auch unser Bücherlager, die Postkarte habe ich bis heute täglich vor Augen.

Die Beharrlichkeit war nach drei Jahrzehnten Verlagsarbeit zunehmend erfolgreich, und so zog der Verlag nach und nach auch prominentere zeitgenössische Autoren ins Boot. Aber nur die, hinter denen der Verlag stand. Auf unsere skeptische Nachfrage vor ein paar Wochen auf der Leipziger Buchmesse, ob David Graber denn wirklich so originell sei, hob Lutz den Wert von Büchern wie "Direkte Aktion" gerade für die jüngere Generation hervor.

"Ein Gedicht kann genauso revolutionär sein wie ein theoretischer Text" wird Lutz im Nachruf des Deutschlandfunk zitiert - die von ihm herausgegebene Zeitschrift "Die Aktion - Zeitschrift für Politik, Kultur, Kunst", Hommagé an die gleichnamige Zeitschrift des Expressionisten Franz Pfemfert, blieb gewiss ein Zuschussprojekt, unterstreicht diese Aussage jedoch vortrefflich. Auch schöne dadaistische Traktate brachte Nautilus uns näher.

Den norwegischen Autor Ingvar Ambjörnsen hätten wir, wie noch eine Menge anderen Lesestoff, ohne Nautilus vielleicht nie entdeckt. Noch vor ein paar Monaten appellierte er "auch wenn Anarchisten nicht wählen, solltest Du eine Ausnahme machen", als es darum ging, Ingvars Roman "Den Oridongo hinauf" in die Hotlist der unabhängigen Ver- lage zu wählen.

So könnten wir noch eine Weile weitermachen. "Hast Du mit Nautilus ein Abkommen geschlossen?" fragte mich vor zwei Wochen noch frotzelnd ein Kollege, als ich den neuen Anares-Newsletter verfasste - erst da wurde mir deutlich, dass kein anderer Verlag in unseren Buchempfehlungen so regelmässig vertreten war.

Wir haben Lutz viel zu verdanken, als Menschen und als jemanden, der die "Software fürs Hirn" in Form wichtiger Bücher bereitstellte, an seiner Seite die langjährige Wegge- fährtin Hanna Mittelstädt, ohne die, das darf nicht vergessen werden, der Verlag nicht geworden wäre, was er wurde. Ihr gilt unser tiefes Mitgefühl.

"Niemand ist unersetzbar", dieser Ausspruch ist ebenso oberflächlich wie falsch: Doch, Lutz hinterlässt eine Lücke.

Lutz Schulenburg, Zeit seines politisch bewussten Lebens auf der Seite der linksradi- kalen und subversiven Bewegungen, starb kurz nach seinem 60. Geburtstag am inter- nationalen Kampftag der Arbeiterbewegung (von den Nazis in einen bräsigen Feiertag, den "Tag der nationalen Arbeit", umgewidmet).

"Schöne Scheiße. Aber das Datum hätte er sich nicht besser aussuchen können" (Sean McGuffin).

Gerald Grüneklee

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VON: GERALD GRÜNEKLEE - ANARES






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