Graphic Novel von Gou Tanabe: H.P. Lovecrafts Der Hund

25.07.21
KulturKultur, TopNews 

 

Von Hannes Sies

Japanische Mangas werden im Westen immer beliebter, auch wenn sie oft mit einem etwas puppenhaften Stil verknüpft werden -markiert durch große Kinderaugen. Doch der Manga-Künstler Gou Tanabe geht andere Wege. Er hat sich mit Literatur-Adaptationen einen Namen gemacht und neben japanischen mit Howard Philipps Lovecraft auch einen amerikanischen Klassiker entdeckt: Lovecraft, der sich selbst als Nachfahren von Edgar Allen Poe sah, wirkte stilbildend wie kaum ein anderer Autor auf SF- und Horror-Literatur. Der kurz „HP“ genannte Lovecraft schuf ein literarisches Universum, anders als Fantasy wie Tolkiens „Lord of the Rings“ nicht als Märchenwelt, sondern nahe an unserer Realität. Dabei spielt ein fiktives Buch eine große Rolle: Das Necronomicon, dessen Ruf sich so weit verbreitete, dass sogar ein Umberto Eco es in seinen Werken aufnahm.

„Der Hund und andere Geschichten“ brachte mit der Titelstory 1922 erstmals dieses Necronomicon zur Sprache. Es sind nicht Lovecrafts stärkste Geschichten, aber immer noch herausragende Horrorstories. Wie immer bewegen wir uns in düsteren Gefilden: Im Dunkeln des Erdinneren, einsamen Wüsteneien, den Tiefen des Ozeans lauern geheime Kulte, mächtige Wesen aus der Vergangenheit und aus unerklärbaren Dimensionen. Wir blicken in die angsterfüllte Weltsicht eines fremdenfeindlichen Neurotikers und können sie mit wohligem Schaudern durchleben -um uns von ihr zu distanzieren. Auch hier ist die Begegnung mit dem nichtmenschlichen Anderen als Grenzerfahrung Thema. Die Dark SF zeigt uns neurotische Ängste, lässt sie kathartisch durchleben und demonstriert Wurzeln dunkler Emotionen wie Furcht vor Fremden, vor Auflösung, Wahnsinn und Tod.

In „Der Hund“ trifft es zwei abenteuerlustige, blasphemische Grabräuber, die schon in jungen Jahren verbotene Lektüre pflegen: Einer will das verbotene Necronomicon schon zehnmal gelesen haben. Als sie sich eine antike Jadefigur aneignen, die in diesem Buch beschrieben wurde, gehen sie zu weit. Bald erfahren sie, dass der beraubte Tote nicht an den Bissen eines gewöhnlichen Hundes starb. Die Geschichte „Der Tempel“ spielt an Bord eines deutschen U-Bootes, Tanabe versetzte sie vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg, doch die unterseeische Tempelstadt, die der havarierte Seefahrer im Taucheranzug betritt, bleibt Teil des Lovecraft-Universums. Klimatisch gegensätzlich entführt uns „Stadt ohne Namen“ in eine abgelegene Wüstenei, wo ein einsamer Kamelreiter eine verbotene Stadt sucht. Hinweise auf ihre Existenz und Lage entnahm er natürlich dem Necronomicon des verrückten (fiktiven) Dichters Abdul Alhazred und zitiert dessen bekanntesten Satz: „Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.“ Lovecrafts Visionen einer vormenschlichen intelligenten Spezies werden von Tanabe gewohnt unheimlich in präzise, klaustrophobisch-düstere Zeichnungen gebannt. Auch dies ein gelungenes Werk, das auch aus schwächeren Lovecraftideen viel herauszuholen weiß.

Gou Tanabe: Der Hund und andere Geschichten. 175 S., Carlsen, 12,-

Graphic-Novel-Rezensionen von Hannes Sies:

Tanabe: Lovecrafts Die Farbe aus dem All

Lovecraft Berge des Wahnsinns

Äthermechanik

Graphic Novel: 1984 nach George Orwell

Hammaburg: Graphic Novel History zur Hansestadt Hamburg

Graphic Novel zum 200.Geburtstag: Friedrich Engels - Unternehmer und Revolutionär

TransComic: „Hattest du eigentlich schon die Operation?“

Marx & Manitou: Ersel-Indianercomics: Mein Volk, Legacy

H.R.Giger lebt: Graphic Novel „Alien - Dead Orbit“

ROSA – brillante Graphic Novel über Rosa Luxemburg

Graphic Novel: Der Attentäter – Die Welt des Gavrilo Princip

Eine Graphic Novel zur kubanischen Revolution

Kafka auf Hartz IV: Politische Funktionen der Fantastik

Revolutionäre Graphic Novel: Captain Swing und die elektrischen Piraten

2020 Visions -Lebensgier & La Tormenta

Graphic Novel „Lebensgier & La Tormenta“ auch bei Rubikon unter dem etwas irreführenden Titel: Der Hygiene-Fanatismus - Im neoliberalen High-Tech-Kapitalismus nimmt ein dystopisches „Hygienekonzept“ Gestalt an. Hannes Sies, 11.6.2021, https://www.rubikon.news/artikel/der-hygiene-fanatismus

Quarantäne“ (SF) Rezension von Hannes Sies 16.5.2020, scharf-links.de/45.0.html

Lovecraft: Berge des Wahnsinns (rezension von H.Sies)

http://www.fantasybuch.de/rezension/h-p-lovecraft-berge-des-wahnsinns-illustriert-und-kommentiert.html?ID=3010







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz