Die USA sind keine Demokratie - Daniele Ganser: „Imperium USA“

24.04.21
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Buchkritik von Hannes Sies

Daniele Ganser überprüft in seinem neuen Buch die westliche Selbstdarstellung als „Freier Westen“, der aufgeklärt und wohlmeinend in aller Welt Freiheit, Menschenrechte und Demokratie verteidigt. Seine Antwort: In Wirklichkeit geht es dem Westen um sein „Imperium USA“, als dessen Vasallen oder Komplizen sich die NATO-Staaten betrachten sollten. Ganser liefert handfeste Fakten, um die Weltsicht, die unsere Leitmedien uns täglich aufdrängen, kritisch zu hinterfragen, zu zahlreichen Themen: Syrien, Ukraine, Russland, China, Digital-Imperium, CIA, JFK, 9/11...

Oligarchie ist, wenn die Reichen regieren

„Die USA sind keine Demokratie, sondern eine Oligarchie, ein Land, in dem die Reichen regieren.“ (S.43) Diese Feststellung trifft der Schweizer Historiker Daniele Ganser ohne jede Polemik mit akademischer Nüchternheit und auf Basis von seriösen wissenschaftlichen Studien. Damit verkündet er kein Geheimnis, sogar die Britische BBC hatte diese Studien einem kleinen Publikum, quasi hinter vorgehaltener Hand, am 17. April 2014 vorgestellt: Die Princeton-Professoren Martin Gilens und Benjamin Page „fanden heraus, dass wenige Superreiche die Politik der USA steuern.“ Die Erkenntnis kann ein politisch informiertes, medienkritisches Publikum nicht wirklich überraschen. Aber die Masse unserer Mainstream-Journalisten und alle Medienkonsumenten, die deren Berichte ernst nehmen, sollten eigentlich empört reagieren.

Dies geschah jedoch 2014 nicht. Die offenbar stramm gelenkte westliche Öffentlichkeit erfuhr davon kaum etwas. Nur ein winziges, politisch interessiertes Nischenpublikum nahm den Oligarchie-Vorwurf an die Adresse der USA staunend zur Kenntnis -als exotische akademische Meinung. Keiner, nicht einmal die Princeton-Professoren selbst, kam anscheinend auf die Idee, mit dieser Studie zum Obersten US-Gericht zu laufen und sein Wahlrecht und echte Demokratie mit Rechtsstaat und Gewaltenteilung einzuklagen. Unsere Leitmedien, die nicht müde werden, sich über den Mangel an Demokratie etwa in China oder Russland zu empören und ihn mit immer neuen Schlagzeilen zu geißeln, schwiegen -auch als Ganser die Oligarchie-Diagnose erstmals schon 2016 in seinem Buch „Illegale Kriege“ festhielt.

Immerhin: Einen Restbestand an Freiheit belegt die Gilens/Page-Oligarchie-Studie, die ein halbes Jahr nach der BBC-Meldung, ordentlich begutachtet und wissenschaftlicher Prüfung unterzogen, in einer Fachzeitschrift erschien. Diesen Restbestand gönnen uns die herrschenden West-Oligarchen offenbar, dient er doch als Feigenblatt-Rechtfertigung der gloriosen Erzählung vom „Freien Westen“ und seinen „Freien Medien“, frei mutmaßlich leider nur solange ihre Oligarchen-Macht dadurch nicht bedroht wird. Nutzen wir die bescheidene Restfreiheit zur Lektüre von Daniele Gansers „Imperium USA“.

Illegale NATO-Kriege und US-Imperialismus

Man kann das neue Buch von Daniele Ganser als Ausarbeitung seines bahnbrechenden Klassikers von 2016 „Illegale Kriege: Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren“ sehen. Dort gibt es ein Kapitel „Imperium USA“, dessen nur acht Seiten der Autor nun zu einem neuen Werk erweitert hat. Dabei zeigt sich, dass die Geschichte und Vorgeschichte der USA Kern unserer westlichen Weltsicht ist, wie sie von transatlantischen Macht-, Geld- und Medieneliten geprägt wird. Kritik daran ist rar und nötig. Ganser übt sie beharrlich und systematisch, angefangen bei Kolumbus über den Kolonialismus der Spanier, Briten usw. und die Indianerkriege, Sklaverei zur Unabhängigkeit der USA Ende des 18.Jahrhunderts. Er konzentriert sich auf jene Fakten, die in unkritischer Geschichtsdarstellung oft verschwiegen oder abgewiegelt werden:

1. Die USA blicken auf eine Geschichte von Völkermord (4 Millionen Indigene „Indianer“ starben auf US-Gebiet), Sklaverei und Rassenhass (Stichwort: Ku-Klux-Klan) zurück.

2. Die USA sind, obwohl ihre Selbstdarstellung das Gegenteil besagt, eine Kolonialmacht, denn sie kauften sich Alaska von Russland, den Mittleren Westen der heutigen USA von Frankreich, annektierten Kalifornien und Texas von Mexiko, Kuba, Puerto Rico und die Philippinen von Spanien sowie das freie Hawaii durch einen inszenierten Putsch -„der Klassiker“ unter den Methoden der US-Außenpolitik, wie Ganser an diversen Beispielen dokumentiert. Mit Ausnahme von Kuba haben die USA alle diese kolonisierten Gebiete weiterhin mehr oder weniger in ihrer Gewalt.

3. Die Rolle der USA im Ersten und Zweiten Weltkrieg ist zwar siegreich, aber nicht so glorios und edel, wie sie oft dargestellt wird. Vielmehr verwiesen sie im World War I das Britische Empire auf den zweiten Platz und hetzten dann im World War II vorsätzlich Russen und Deutsche gegeneinander. Hitler hatten sie wohlweislich zu diesem Zweck aufgepäppelt, finanziert, bewaffnet und mit ihrem kriegswichtigen Erdöl überhaupt erst zum Angriff auf die Sowjetunion befähigt. Mit der Invasion in der Normandie warteten sie solange, bis Stalin drohte, Nazi-Deutschland allein zu überrennen, und pickten sich dann die Rosinen aus dem Trümmerhaufen Europa. Ergebnis: Ab 1945 stand das Imperium USA als Weltmacht Nr.1 da und konnte den verhassten Kommunismus in die Zange nehmen, also zuerst die Sowjetunion, später auch noch China. Nach dieser Vorgeschichte legt Ganser erst so richtig los: Vietnam, Iran-Contra-Affäre, Irak, Brutkastenlüge, 9/11 -um nur einiges zu nennen.

Dabei dokumentiert der Schweizer Historiker auch gegenüber der Öffentlichkeit gründlich vertuschte Fakten, wie die Finanzierung islamistischer Terroristen durch die CIA-auch beim Umsturzversuch gegen Assad, den uns die Leitmedien wahrheitswidrig als „Bürgerkrieg“ verkaufen. „Die CIA investierte mehr als eine Milliarde Dollar in die Operation Timber Sycamore… ‚al-Qaida ist auf unserer Seite in Syrien‘, schrieb Jake Sullivan, der außenpolitische Berater von US-Außenministerin Hillary Clinton per e-mail an seine Chefin am 12.Februar 2012. Die US-Bevölkerung wusste nichts davon.“ (S.324). Später von Wikileaks enthüllt, verwendete Trump diese Fakten gegen Hillary (da hatte er ausnahmsweise einmal nicht gelogen), die sich mit der Beschuldigung Putins wehrte, dieser hätte die US-Wahlen manipuliert. (Wie es wirklich war, enthüllte der Cambridge Analytica-Skandal, zu dem wir, Ganser folgend, unten noch kommen.) Daniele Gansers Geschichtsbuch dokumentiert alle Fakten, bewertet sie auf Grundlage des UNO-Gewaltverbots und der Menschenrechte und liefert eine schlüssige Darstellung der US-Geschichte.

Wikipedia vertuscht politische Verbrechen der Westeliten

Daniele Ganser ist auf Geopolitik und verdeckte Kriegsführung spezialisiert. Weil er aus dieser Perspektive nicht nur Russland und China, sondern auch westliche Großmächte untersucht, wird er von westlichen Leitmedien und Wikipedia als angeblicher „Verschwörungstheoretiker“ stigmatisiert. Dies vor allem, nach dem er die offizielle Version der 9/11-Anschläge als unglaubhaft entlarvte. Seine Diffamierung verfolgt der Autor exemplarisch am Online-Lexikon Wikipedia nach, im Kapitel „Das digitale Imperium“. Neben den Monopolisten Google und Facebook sieht er Wikipedia als ein dominierendes Machtinstrument der US-Herrschaftseliten, die dessen scheinbare Objektivität zu perfider Propaganda nutzen. Er folgt den Kritikern um Markus Fiedler und dessen Film „Die dunkle Seite der Wikipedia“, wo autoritäre Strukturen der Wikipedianer enthüllt werden. An prominenten Beispielen belegt Ganser die Propaganda-Funktion von Wikipedia, an den Einträgen zu drei Schlüsselereignissen der Geschichte der USA: Pearl Harbor, der Mord an John F. Kennedy und die Terroranschläge von 9/11, die als Vorwand zur Ausrufung eines ewigen „Krieges gegen den Terror“ dienten. „Alle drei Ereignisse haben die US-Bevölkerung zutiefst verängstig und schockiert, und immer hat ein US-Präsident sein Land danach in einen Krieg geführt.“ (S.251) Diese Tragödien markieren jeweils Stufen der Degeneration der US-Demokratie zu einem oligarchischen Imperium.

Bei all diesen Ereignissen zeigte sich, dass US-Präsidenten bzw. ihr Geheimdienst die Tötung von US-Bürgern bewusst duldeten bzw. selbst durchführten, um die Machtinteressen einer kleinen Herrschaftsclique gegen die amerikanische Öffentlichkeit durchzusetzen (bei 9/11 steht diese Erklärung noch unbewiesen, aber als wahrscheinlichste Variante). Der Mord an Kennedy, bei dem der Hauptverdächtige, der von Kennedy geschasste mächtige CIA-Boss Dulles, sich zeitlebens jeder Strafverfolgung entziehen konnte und höchstselbst das Attentat vertuschte, kann als Putsch im eigenen Land gedeutet werden.

Die Hierarchiespitze von Wikipedia steht in allen drei Fällen auf Seiten der Mörder bzw. Lügner und verteidigt verbissen deren offizielle Version mit totalitären Methoden. Selbst wenn schon in den Geschichtsbüchern steht, was wirklich geschah, wie bei Pearl Harbor. Oder wenn, wie beim JFK-Mord die Version der Warren-Commission (einer CIA-nahen Kreation von Dulles, die alle Schuld auf den kommunistischen Sündenbock Oswald schob) inzwischen in den USA selbst durch die Church-Commission widerlegt wurde. Besonders aber dort, wo viele Beteiligte noch dingfest zu machen wären: Bei 9/11, da verfallen Leitmedien in Schockstarre oder Raserei und kritische Untersuchungen des dubiosen offiziellen Kean-Berichts werden mit wüsten Schmähungen als „Verschwörungstheorie“ diffamiert. Ebenso verfährt auch Wikipedia mit Daniele Ganser, um dessen Eintrag ein jahrelanger „Editwar“ tobt. Immer wieder missbrauchen Wikipedia-Bürokraten ihre Macht, um Ganser als „Verschwörungstheoretiker“ zu diffamieren. Daniele Ganser lässt sich nicht entmutigen und ermutigt andere, sich gegen die verdeckten Kriege und Staatsverbrechen aufzulehnen.

Massen- und Wahlmanipulation im „Freien Westen“

Seit dem Vietnamkrieg haben die Machthaber des Imperiums leider viel dazugelernt, was Propaganda und Massenmanipulation angeht: Ganser bespricht die Trumpwahl und den Brexit als Folge raffinierten Psychokriegs gegen das eigene Wahlvolk, was als Cambridge Analytica-Skandal in die Geschichte einging. Im Kapitel „Das digitale Imperium“ erspart er seinen Landsleuten nicht den (vordigitalen) Fichenskandal (Fichen sind schweizerisch für Karteikarten), die 1990 aufgeflogene Überwachungsaffäre: Der kleine Alpenstaat hatte über 900.000 der sieben Millionen Einwohner Stasi-artige politische Akten geführt: Nur über Menschen, versteht sich, die links der Mitte für Menschenrechte, Umwelt und soziale Gerechtigkeit eintraten.

Dieser empörende Eingriff in die Schweizer Bürgerrechte war freilich nicht vergleichbar mit dem, was in den USA und weltweit die NSA macht, von deren privaten Verbündeten im Internet, den IT-Konzernen, ganz zu schweigen. Ganser kritisiert Google und Facebook in ihrer zerstörerischen Wirkung auf Demokratie und Medienwelt, wie ihre völlig außer Kontrolle geratene Massenüberwachung. Erst diese machte es möglich, dass die dubiose Wahl-Manipulationsfirma Cambridge Analytica viele Millionen US-Bürger und Briten ausspionierte, um sie mit gezielten Fake News zu bombardieren: Trump und Brexit gewannen. Bis heute weiß die Öffentlichkeit nicht, wie genau dies geschah, denn Cambridge Analytica ging in Konkurs und Facebook hat… „die umstrittenen Anzeigen, welche während der Präsidentschaftswahl 2016 an ängstliche Wähler verschickt worden waren“ nie frei gegeben (S.303).

An dieser Stelle hätte Daniele Ganser in seinem sonst rundum empfehlenswerten Buch freilich noch etwas tiefer recherchieren können, über den Mercerclan hinaus zu SCL, ich zitiere meinen eigenen Artikel „Deep State hinter Trump? Der Mercer-Milliardärsclan, SCL und die NSA“:

Auffällig war bei der Mainstream-Berichterstattung zum Facebook-Trump-Skandal, dass unsere Qualitätsjournalisten ihre Recherchen fast immer mit der Firma Cambridge Analytica (CA) enden ließen und diese als schwarzes Wahlmanipulations-Schaf der Digitalbranche hinstellten. Schon ein paar Clicks zu Wikipedia führen jedoch zu SCL, der Mutterfirma von CA; das deutsche Wikipedia schreibt zu SCL: „Die SCL Group (Strategic Communication Laboratories Group) war ein britisch-US-amerikanisches Unternehmen für Verhaltensforschung und strategische Kommunikation.“ SCL machte genau das, wofür man dessen Tochter CA als Böser Bube hinstellt: Wahlmanipulationen (neben anderen Formen der Manipulation von Bevölkerungen). Prominenteste Auftraggeber von SCL waren Britische- und US-Militärs und -Geheimdienste, aber auch westliche Großkonzerne und prowestliche Diktaturen wie jene in Riad.

Hannes Sies, Telepolis, 11.9.2019, https://www.heise.de/tp/features/Deep-State-hinter-Trump-4519775.html

 

Daniele Ganser: Imperium USA: Die skrupellose Weltmacht, Zürich, orell füssli Verlag 2020, 400 Seiten, 25 Euro (34,90 CHF)







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