Tanabe: Lovecrafts Die Farbe aus dem All

28.06.21
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Graphic Novel-Kritik von Hannes Sies

Die Begegnung mit dem nichtmenschlichen Anderen als Grenzerfahrung ist Thema der von Howard Phillips Lovecraft begründeten Dark SF, die auch eine deutsche Fangemeinde hat. Dark SF zeigt uns neurotische Ängste, lässt sie kathartisch durchleben und demonstriert Wurzeln dunkler Emotionen wie Furcht vor Fremden, vor Auflösung, Siechtum, Wahnsinn und Tod.

Der japanische Manga-Künstler Gou Tanabe hat sich mit Literatur-Adaptationen einen Namen gemacht und neben japanischen Texten mit H.P.Lovecraft auch einen amerikanischen Klassiker entdeckt: Lovecraft, der sich selbst als Nachfahren von Edgar Allen Poe sah, wirkte stilbildend wie kaum ein anderer Autor auf SF- und Horror-Literatur.

Die Farbe aus dem All wird aus Sicht eines jungen Landvermessers erzählt, der für den Bau eines Stausees ein Heidegebiet westlich der fiktiven Stadt Arkham inspiziert. Arkham spiel im Lovecraft-Universum eine große Rolle, besonders die dortige Miskatonic-Universität, die u.a. eine Antarktis-Expedition zu den Bergen des Wahnsinns (Lovecrafts Schlüsselwerk) organisierte. Unser Landvermesser hat bereits von der „verfluchten Heide“ gehört, was er für ländlichen Aberglauben noch aus der Zeit der Hexenverfolgung hält. Das fiktive Arkham soll der Stadt Salem nachempfunden sein, die für Hexenverfolgungen in der Geschichte des nordamerikanischen New England bekannt und Schauplatz von Horrorstories und -filmen geworden ist.

„Ich durchquerte einen dichten Wald aus knorrigen Bäumen. Unvorstellbar, dass es so etwas in Neuengland gab. Bei der eigenartigen Stille, die hier herrschte, wunderte mich der Aberglaube bald nicht mehr.“ Gedanken, die Tanabe seinem Protagonisten auf der zweiten Seite zuschreibt.

Unser namenloser Landvermesser stößt auf ein mysteriöses Stück Land, ein fünf Morgen großes verlassenes Bauerngehöft, auf welchem jegliches Leben fehlt. Im Zentrum des Gehöfts steht ein alter Brunnen. Die Stätte erfüllt den Landvermesser mit Abscheu und er hastet schnell daran vorbei.

Der Landvermesser hat sich vor seiner Erkundung im Städtchen Arkham umgehört und jeder hatte ihn vor dem verrückten Einsiedler Ammi Pierce gewarnt, der dort als letzter Bewohner gilt. Der Namenlose lässt sich nicht abschrecken und befragt den alten Mr.Pierce über die „verfluchte Heide“. Der Alte ist zwar misstrauisch, zeigt sich jedoch von dem Plan eines Stausees angetan. Für dieses Stück Land sei es besser, wenn es untergeht. Pierce erzählt ihm die grauenhafte Geschichte der Gardner-Farm.

"Dann hörte ich die Geschichte, und während er mit kratziger flüsternder Stimme weitschweifig erzählte, erschauderte ich trotz des sommerlichen Tages wieder und wieder. Nachdem er zu Ende erzählt hatte war mir klar, warum sein Geist sich etwas verwirrt hatte und die Leute in Arkham kaum über die 'verfluchte Heide' zu sprechen wagten." H.P. Lovecraft (1927)

In den frühen 1880er Jahren war die Farm ertragreich gewesen, bewirtschaftet von Nahum Gardner, seiner Frau und ihren drei Söhnen. Doch an einem Nachmittag im Juni 1882 fiel ein Meteorit auf das Land, neben den Brunnen. Gardner rief Wissenschaftler der Miskatonic Universität aus Arkahm herbei. Der etwa acht Meter durchmessende Himmelskörper bestand aus unbekannten Mineralien. In seinem Inneren fand sich eine Kugel mit einem Farbspektrum, welches nicht auf der Erde vorkam. Proben, die man nach Arkham brachte, und auch der Meteorit selbst lösten sich zunehmend auf. Während Wissenschaftler niemals genau zu sagen vermochten, was der Meteorit enthalten hatte, war sein schleichender Einfluss unbestreitbar – innerhalb eines Jahres trugen die Gardnerfamilie, ihre Feldfrüchte, ihr Vieh und ihr Land eine schleichende Wandlung davon.

Anfangs versprach sich Garnder eine gute Ernte, alle wuchs voller und größer als zuvor. Doch wurde der Geschmack der Früchte widerwärtig, die Ernte war unbrauchbar. Dann begannen Flora und Fauna in der Nähe der Farm zu mutieren -monströs wuchernde Vegetation und riesige Insekten tauchten auf. Die Pflanzen nahmen zuerst den Farbton der außerirdischen Farbe an und wurden grau und spröde, um schließlich zu Staub zu zerfallen. Die wieder nachforschenden Wissenschaftler gingen von einer Vergiftung durch außerirdische Mineralien aus und beruhigten die Gardners, dass diese bald vom Regen aus dem Boden gewaschen würden. Doch sie irrten sich, die Natur zerfiel ebenso wie der Verstand der Familienmitglieder. Der Brunnen, aus dem die Gardners ihr Wasser schöpften, erwies sich als verseucht. Doch sie tranken weiterhin daraus, obwohl ihr Nachbar Pierce, enger Freund der Familie, darauf drang einen neuen, entfernten Brunnen zu bohren. Pierce distanzierte sich von Gardner, ihm wurde die Farm unheimlich, Wahnsinn beschlich langsam seine Ehefrau. Mysteriöse Phänomene häuften sich: Bäume bewegten sich, auch wenn kein Wind ging, Nachts leuchtete die Vegetation in der außerirdischen Farbe. Schlimmer jedoch war, dass Nahums Frau Nabby und ihr Sohn Thaddeus wahnsinnig wurden. Er musste die beiden in Dachkammern des Hauses einsperren. Doch es wurde noch schlimmer...

Tanabe versteht es meisterhaft, die düstere Stimmung in präzise gezeichnete, gut durchkomponierte Bilder zu bannen. Die mysteriöse Farbe, eine seltsame Erfindung Lovecrafts, die das Vorstellungsvermögen seiner Leser auf die Probe stellt, wird bei Tanabe in grauen Schlieren verdeutlicht -die Ausführung in Schwarzweiß mag dabei ein Vorteil sein. Einige Farbbilder, die das Buch voranstellt, geben die Farbe in oszillierenden grünvioletten Tönen wieder, doch das Grauen der Erzählung spiegelt sich auch gut in den Zeichnungen Tanabes. Am Ende, wir ahnen es, beschließt der Landvermesser, zwar den Stausee durch seine Vermessungsarbeit zu ermöglichen. Doch trinken würde er aus diesem Wasserreservoir lieber nichts. Es wird künftig das verfluchte Arkham mit Trinkwasser versorgen (können wir uns vorstellen).

Rezensent Hannes Sies ist Mitautor des Bandes MACHT (Neue Gesellschaft für Psychologie)

Gou Tanabe: „H.P.Lovecrafts Die Farbe aus dem All“, Carlsen, 192 Seiten, 12,00-Euro

https://www.carlsen.de/softcover/hp-lovecrafts-die-farbe-aus-dem-all/978-3-551-72294-2

 

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Quarantäne“ (SF) Rezension von Hannes Sies 16.5.2020, scharf-links.de/45.0.html

Lovecraft: Berge des Wahnsinns (Originalroman rezensiert von H.Sies)

http://www.fantasybuch.de/rezension/h-p-lovecraft-berge-des-wahnsinns-illustriert-und-kommentiert.html?ID=3010







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