Graphic Novel von Gou Tanabe: H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 1+2

26.06.21
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Buchkritik von Hannes Sies

Die Begegnung mit dem nichtmenschlichen Anderen als Grenzerfahrung ist Thema der Dark SF. Sie zeigt uns neurotische Ängste, lässt sie kathartisch durchleben und demonstriert Wurzeln dunkler Emotionen wie Furcht vor Fremden, vor Auflösung, Wahnsinn und Tod.

Der japanische Manga-Künstler Gou Tanabe hat sich mit Literatur-Adaptationen einen Namen gemacht und neben japanischen mit H.P.Lovecraft auch einen amerikanischen Klassiker entdeckt: Lovecraft, der sich selbst als Nachfahren von Edgar Allen Poe sah, wirkte stilbildend wie kaum ein anderer Autor auf SF- und Horror-Literatur. Lovecraft, der auch hierzulande seine Fangemeinde hat, schuf ein literarisches Universum, anders als Fantasy wie Tolkiens „Lord of the Rings“ nicht als Märchenwelt, sondern nahe an unserer Realität. Aber im Dunkeln des Erdinneren, den Tiefen des Ozeans, fernen Bergen in der Antarktis, lauern geheime Kulte, mächtige Wesen aus der Vergangenheit und aus dem Weltraum. Wir blicken in die angsterfüllte Weltsicht eines fremdenfeindlichen Neurotikers und können sie mit wohligem Schaudern durchleben -um uns von ihr zu distanzieren.

Auf dem Höhepunkt seiner Schaffensphase verfasste H. P. Lovecraft den Kurzroman »Berge des Wahnsinns«. Die Geschichte um eine Polarexpedition in die Antarktis ist von nahezu epischem Ausmaß und fesselt mit einer spielfilmartigen Dynamik: Als der Geologe William Dyer und seine Crew die Forschungen an Fossilien im ewigen Eis aufnehmen, geraten sie in eine bis dato unbekannte und ebenso unbeschreibliche Welt aus Bergen ungeahnter Höhe und Bewohnern nie entdeckter Spezies. Ein Lovecraft’sches Meisterwerk, atmosphärisch in Szene gesetzt von Gou Tanabe.“ (Verlagstext)

Tanabe schafft es genial, die Stimmung des Lovecraft-Klassikers einzufangen, man meint beim Lesen antarktische Stürme heulen zu hören und das Frösteln dringt einem langsam in die Knochen. In die präzisen Schwarzweiß-Zeichnungen sind abseits der Handlung als hübsche Ergänzung einige kolorierte Farbbilder eingefügt. Düstere realistische Zeichnungen beginnen dokumentarisch, verwirren das Auge aber mit dem Auftauchen phantastischer Fossilien und Relikte zunehmend, machen den wachsenden Wahnsinn der Protagonisten fühlbar.

Tanabe bleibt dabei oft bei unidentifizierbaren Formen, lässt aber auch die absonderlichen Beschreibungen Lovecrafts überzeugende Gestalt annehmen. Sein Einstieg wandelt die Rahmenhandlung der Vorlage ab: Filmdrehbuchartig wird vorab eine Schockszene gezeigt, wo Lovecraft erst langsam den warnenden Wissenschaftler stammeln lässt. Doch schnell sind wir wieder im klassischen Handlungsrahmen und das Grauen nimmt seinen Lauf.

Die Handlung

Die Graphic Novel erzählt uns weitgehend originalgetreu, wie die von Dr.Dyer geleitete Expedition zunächst vielversprechend begann. Mithilfe einer neuen Bohrvorrichtung können die Wissenschaftler in kurzer Zeit viele geologische Proben entnehmen und stoßen auf zahlreiche Fossilien. Der junge ehrgeizige Biologe Lake führt aufgrund merkwürdiger dreieckiger, gekritzter Abdrücke auf Schieferbruchstücken mit einem Teil der Mannschaft eine Subexpedition in nordwestlicher Richtung durch.

Über Funk berichtet er, dass sie auf ein Gebirge nie gesehenen Ausmaßes mit den höchsten Gipfeln der Erde gestoßen seien. In dort vorgenommenen Sprengungen finden sie zu aller Erstaunen und Begeisterung gefrorene, nicht in den bekannten Ordnungen klassifizierbare, halb tierische, halb pflanzliche Wesen aus der Frühgeschichte der Erde. Einige der Körper sind stark beschädigt, andere anscheinend intakt. Lake führt an einem der beschädigten Exemplare eine Sektion durch und er fühlt sich an die Beschreibung der sagenhaften Alten Wesen erinnert, die er aus der Lektüre des geheimnisumwobenen Necronomicon kennt -diese fiktive Mythologie bildet den fantastischen Rahmen vieler Lovecraft-Stories und wird in diesem zentralen Werk zu einer SF-Story abgerundet.

Spannungssteigernd bricht die Verbindung zu Lake aufgrund eines schweren Sturms in dessen Lager ab. Dyer und der im Hauptlager verbliebene Rest der Mannschaft organisieren eine Rettungsmission. Bei Ankunft in Lakes Lager bietet sich ein Bild der Verwüstung dar: Lake und seine Männer bis auf einen (Gedney) sowie alle Schlittenhunde bis auf einen sind getötet worden. Von Gedney und dem Hund sowie drei Schlitten fehlt jede Spur. Die beschädigten Alten Wesen sind in Schneehügeln bestattet, während die intakten Exemplare verschwunden sind.

Dyer und ein Student, Danforth, beschließen, mit dem Flugzeug die massive Gebirgskette zu überfliegen. Dort entdecken sie auf einer Hochebene, die sie für das sagenhafte Plateau von Leng halten, die Ruinen einer riesigen, Millionen Jahre alten Stadt. Hier beginnt die eigentliche Handlung, die den Leser auch in Tanabes meisterhafter Comic-Adaptation nicht enttäuschen wird.

Gou Tanabe: H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 1+2, Carlsen Verlag, 290/340 Seiten, je 18,00 Euro https://www.carlsen.de/softcover/hp-lovecrafts-berge-des-wahnsinns-1/978-3-551-72456-4

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Quarantäne“ (SF) Rezension von Hannes Sies 16.5.2020, scharf-links.de/45.0.html

Lovecraft: Berge des Wahnsinns (rezension von H.Sies)

http://www.fantasybuch.de/rezension/h-p-lovecraft-berge-des-wahnsinns-illustriert-und-kommentiert.html?ID=3010







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