Äthermechanik -eine graphische Novelle

25.06.21
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Buchkritik von Hannes Sies

Die moderne Physik entwickelte die Theorie von unendlich vielen Parallel-Universen, in denen nicht unbedingt die gleichen physikalischen Gesetze gelten müssen wie in unserem. Warum nicht die klassische Detektivgeschichte von Sherlock Holmes in eines davon verlegen? Als der LHC, der Large Hadron Collider, 2008 in Betrieb genommen wurde, warnten einige Physiker ernsthaft vor einer drohenden Vernichtung der Erde durch ein im LHC möglicherweise entstehendes Schwarzes Loch. Die Wahrscheinlichkeit dafür wurde als mikroskopisch klein angesehen, angesichts des drohenden Totalschadens entspann sich jedoch eine ethisch-probabilistische Debatte darüber, ob dennoch ein Abbruch des bis dahin schon Milliarden teuren Experiments angezeigt wäre. Am Ende siegte das Argument, dass ohne Risiken eben niemals technischer Fortschritt möglich gewesen wäre (das Bundesverfassungsgericht sah die Zuständigkeit bei den Physikern des CERN) und wir hatten Glück: Das Mini-Blackhole blieb aus. In der vorliegenden Graphic Novell taucht einer der LHC-Physiker auf und wird raffiniert in die Story eingefügt.

Britannien und Ruritania befinden sich im Krieg. Die feindlichen Flugapparate verdunkeln den Himmel über der Stadt und gigantische ruritanische Kriegsmaschinen stehen an den jenseitigen Ufern des Ärmelkanals zum Angriff bereit. Captain Robert Watcham, Arzt, ist soeben von der Front zurückgekehrt. Umgehend sucht er seinen Freund und Mitbewohner auf, Sax Raker, den größten Amateurdetektiv Londons. Während sich die Stadt an der Themse auf einen schrecklichen Kampf vorbereitet, macht sich Sax Raker an die Lösung des merkwürdigsten Problems seiner Karriere: den Fall um den Mann, der nicht da war … Dieser Band bietet: Wissenschaft, Liebe, Geheimnisse und einen Einblick in die Äthermechanik der Welt.“ (Verlagstext)

London, Royal Albert Docks, März 1907. Ein britisches Kriegsschiff legt an, die Decks voller landhungriger Soldaten. Captain Robert Watcham, Militärarzt, quittiert den Dienst und sucht eine Mitfluggelegenheit nach London hinein. Es könnte ein Szenario aus dem Ersten Weltkrieg sein, wären die Schiffe nicht flugfähig -dank Äthermechanik, wie wir erfahren. Autor Ellis findet am Ende sogar eine beinahe wissenschaftlich glaubhafte Erklärung für diese Parallelwelt.

Aus Dr.Watson und Sherlock Holmes werden Dr.Watcham und Sax Raker, beide ihren literarischen Vorbildern sehr ähnlich. Der von seinen Kriegserlebnissen traumatisierte Arzt wird von seinem genialen Kompagnon Raker schnell in einen spannenden neuen Fall eingespannt, wobei Ellis sich einen Verweis auf ein anderes seiner Werke erlaubt: Eine beiläufige Erwähnung von Spring Heeled Jack spielt auf die Graphic Novel Captain Swing an.

Warren Ellis gelingt mit „Äthermechanik“ eine überzeugende Kombination von Kriminal- und SF-Story, Gianluca Pagliarani setzt sie in präzisen und überraschend hellen Bildern um -in Schwarz erscheint nur der Anzug des Detektivs, der hier Sax Raker heißt, und die Uniformen der Londoner Bobbies. So folgen wir den Kriminalisten in eine gut ausgeleuchtete und detailreich gezeichnete Londoner Nacht- und Unterwelt. Der Plot ist nicht neu: Eine unbekannte Macht entführt oder tötet bestimmte Wissenschaftler, hier natürlich solche der Äthermechanik. Doch Ellis schmückt ihn phantasievoll aus und Pagliarani zeichnet kongenial, die Geschichte gleich einem klassischen Sherlock-Krimi: Brutale Verbrechen, logische Aufklärung in kühler Stimmung (kaum einmal schleicht sich einer Figur ein Lächeln in einen Mundwinkel. Lesenswert, nicht nur für Freunde des großen Detektivs, und auch für Jugendliche geeignet.

Äthermechanik - eine graphische Novelle, Story: Warren Ellis / Zeichnungen: Gianluca Pagliarani /Übersetzung: Jens R. Nielsen, Paperback, 16 x 24 cm, 48 Seiten, s/w, 9,00- Euro, ISBN 978-3-946952-30-5

https://www.dantes-verlag.de/gesamtprogramm/apparat/%C3%A4thermechanik/

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