Graphic Novel: 1984 nach George Orwell

07.05.21
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Buchkritik von Hannes Sies

Knesebeck präsentiert eine hochgelobte Graphic-Novel-Version des dystopischen Klassikers „1984“, die leider über der romantisierten Lovestory wichtige politische Aspekte vergisst: Den Zusammenhang von Elitenmacht, Angst und Krieg -Aspekte, die auch für westliche Machteliten peinlich wären.

Jean-Christophe Derrien wurde für seine Umsetzung von Orwells Meisterstück „1984“ in der Kritik vielfach gelobt, auch und gerade für die Werktreue. Doch es gibt einige kritikwürdige Weglassungen und Änderungen, auch ist zu fragen, ob „1984“ heute noch seinen von Orwell intendierten Sinn erfüllt: Vor dem totalitären Staat zu warnen, der das Individuum zerstört, um die Massen der Herrschaft einer Machtelite zu unterwerfen. Heutige Propaganda geht weit raffinierter vor, um die Massen zu manipulieren und kann sich sogar periodisch „freie Wahlen“ leisten. Die Medienmanipulation der Wähler sehen unsere Medien dabei natürlich nur in Russland und China, nicht im Westen.

I love Big Brother“

Leider sind viele Prognosen Orwells inzwischen eingetreten, auch in westlich-kapitalistischen Ländern, die Überwachung, nie endender „Krieg gegen den Terror“, Propaganda. Die Dystopie mochte mit ihrem pessimistischen Ende 1948 noch mahnen -heute kann die Lektüre dem Leser leider Resignation einflößen, und wenn der durch Folter gebrochene Held am Ende sein „Ich liebe den Großen Bruder“ bekennt, meint man verelendete US-Unterschichtler „Ich liebe Donald Trump“ brüllen zu hören.

Big Brother is watching you! London, 1984. In einer von Paranoia dominierten Welt lebt Winston Smith unter der ständigen Beobachtung des ‚Big Brother‘. Im Ministerium für Wahrheit ist es Winstons Aufgabe, die Geschichte zugunsten der totalitären Parteisicht zu revidieren und so die wahren Spuren der Vergangenheit auszulöschen. Als er die junge Julia kennenlernt und beide sich einer gegen die Partei rebellierenden Untergrundbewegung anschließen, nimmt Winstons Leben eine verhängnisvolle Wendung…“ (Klappentext)

Derrien, kongenial bebildert von Zeichner Remi Torregrossa, hält sich tatsächlich eng an Orwells Romanvorlage, mit einigen Variationen. Der Big-Brother-Bilschirm, von Orwell weitsichtig überall mit Überwachungskamera kombiniert und selbst in Privatwohnungen installiert, ist bei Derrien/Torregossa mit einem Gadget aus der Handy-Welt ergänzt: Linksunten sieht man (wie auf dem Smartphone) als kleines Bild-im-Bild was die Kamera aufnimmt. Für den Orwellstaat wäre das freilich nicht plausibel: Die Überwachten sollen nicht genau wissen, wie man sie sieht.

Lovestory in Farbe

Der besondere Clou von Derriens Umsetzung ist die schwarzweiße Ausführung, in die ein paar Dutzend farbige Bilder eingefügt sind. Die betreffen die wenigen Hoffnung gebenden Aspekte, die sich im düsteren Werk von George Orwell finden: Das erste ist ein Big-Brother-is-watching-you-Plakat, das eine traute Familienidylle zeigt, mit Vater, Mutter und drei Kindern. Es ist das erste bunte Bild, das erst auf Seite 40 aus einer trist-grauen Welt des Elends einer Diktatur heraus sticht. 23 Seiten weiter öffnet Julia vor dem Protagonisten Winston das Tor zu ihrem Liebesnest auf einer winzigen Lichtung, gefolgt von sieben Farbseiten mit ihrer erotischen Begegnung. Derrien stellt sie damit ins Zentrum seiner Orwell-Interpretation, leider unter Vernachlässigung der Kritik an kriegstreiberischen Machteliten -die sich nicht nur in dystopischen Diktaturen finden, sondern auch bei uns, in neoliberal ideologisierten Gerade-eben-noch-Demokratien.

Goldstein is a Killer -Putin is a Killer

Weitere Farbelemente sind bei Derrien rar und betreffen fast alle das gleiche Thema: Winston und Julias Treffen oder Winstons Erinnerungen daran. Bis auf das verbotene Buch des vermeintlichen Führers des Widerstands, Emmanuel Goldstein, das goldgelb getönt wird. Die Darstellung von Goldstein betrifft die erste Kritik, denn sie verschweigt George Orwells pazifistische Kernaussage. Der Zwei-Minuten-Hass (im Comic nicht benannt) wird bei Derrien imposanter inszeniert. Orwell lässt die Bürokraten ihre Stühle im Großraumbüro dafür zusammen schieben, bei Derrien verlassen sie den Arbeitsplatz und wandern in Massen in einen Kinosaal -vermutlich von Filmvorbildern inspiriert. Die Kritik betrifft jedoch die Hassperson Goldstein, die Derrien vor dem Hintergrund eines Bücherregals zeigt. Das passt zu einem spitzbärtigen, bebrillten Intellektuellen, doch bei Orwell heißt es:

„Doch für den Fall, dass man noch den mindesten Zweifel darüber hegte, welche Realität durch Goldsteins bestechende Phrasendrescherei bemäntelt wurde, marschierten die ganze Zeit über hinter seinem Kopf auf dem Teleschirm die endlosen Kolonnen der eurasischen Armee – Reihen kräftig gebauter Männer mit ausdruckslosen asiatischen Gesichtern… Das dumpfe, rhythmische Stampfen der Soldatenstiefel bildete die Geräuschkulisse zu Goldsteins blökender Stimme.“ Orwell S.20

Dieses Stampfen hört Derriens Leser nicht, die Angst, die von asiatischen Soldatengesichtern gemacht werden soll, unterschlägt er.

War Orwells Original-Darstellung jener Angst zu ähnlich, die uns aktuell vor der eurasischen Armee Putins gemacht werden soll? Zehn Seiten weiter zeigt die Graphic Novel immerhin den Propaganda-Spruch „Goldstein der Mörder“, ziemlich nahe an US-Präsident Bidens Parole „Putin is a Killer“. Der joviale Joe Biden hat übrigens Obamas kriminelles Drohnen-Massenmord-Programm, das Trump ungezügelt fortsetzte, nicht gestoppt: Den Titel „Killer“ hätte er sich allein damit schon selber verdient.

Bidens Schlachtruf „Putin is a Killer“ soll die verängstigten Völker der Nato hinter ihm scharen und sie klaglos die irrwitzige Über-Rüstung dulden lassen, welche die Militärausgaben Moskaus locker schon jetzt um das Zehnfache übertreffen, und deren Steigerung auch Merkel für Deutschland als 2%-Ziel propagiert. Warum wohl? Orwell ahnte schon die Antwort, doch Derriens Version verschluckt sie halb.

 

Krieg, Verdummung und Machtelite

Im letzten Teil präsentiert Derriens Orwell-Version aus dem Munde Goldsteins die Doktrin der Wohlstandsvernichtung durch Krieg, verpasst aber dabei einen entscheidenden Aspekt: Die Angst vor dem Feind. George Orwell arbeitete den Aspekt der Angsterzeugung im Zusammenhang mit der Verdummung der Massen heraus:

„Der Krieg ist ein Mittel, Materialien zu vernichten… die sonst dazu benutzt werden könnten, es den Massen zu bequem und sie somit auf lange Sicht zu intelligent zu machen. Selbst wenn Kriegsgerät nicht zerstört wird, bietet seine Herstellung einen Weg, Arbeitskraft zu verbrauchen, ohne etwas Konsumierbares zu produzieren… Gleichzeitig lässt das Bewusstsein, sich im Krieg und somit in Gefahr zu befinden, es als die natürliche, unvermeidbare Überlebensbedingung erscheinen, alle Macht einer kleinen Kaste von Experten zu übertragen.“ Orwell, S.230f.

Die Knechtung der ärmeren Bevölkerung durch das gnadenlose Hartz-IV-Regime bei uns zielt in diese Richtung. Auch die USA mit ihrem rüstungspolitischen Amoklauf halten Bevölkerungsmassen in Elend und Armut, 40 Millionen US-Amerikaner können ihren Hunger nur durch Essens-Marken stillen. Eine kleine „Kaste von Experten“ ist dort plutokratisch-lobbyistisch organisiert: Nationaler Sicherheitsrat und CFR (Counsel on Foreign Relations, Rockefeller-Stiftung) konzentrieren die Macht auf sich und verwalten den Multi-Billiarden-Militäretat. Wie Angstmache Machteliten erhält hat uns Rainer Mausfeld erklärt, die USA als Exempel dafür sehen wir in den ungeschminkten Geschichtsbüchern von Daniele Ganser.

Geschichtsfälschung in Ost und West

Schon der SF-Autor Herbert W. Franke sah in seinem Nachwort zur hier zitierten „1984“-Ausgabe von 2003 keinen großen Unterschied zwischen der Geschichtsfälschung durch die von Orwell kritisierte Sowjetunion und den Westalliierten unter Führung Londons und Washingtons. Er verwies darauf, dass Orwell für die britische BBC arbeitete und daher seine Eindrücke für die Arbeit der Romanfigur Winston Smith im „Ministerium für Wahrheit“ gewann:

„Das gilt auch für jenes von Orwell offenbar so sehr verabscheute nachträgliche Aufbereiten der Geschichte, das nicht nur in sozialistischen Ländern, sondern damals auch bei den Siegermächten üblich war.“ Nachwort zu Orwell S.379

Dass Franke die Sowjetunion hier scheinbar nicht zu den Siegermächten zählte, obwohl sie die Hauptlast der Niederwerfung des Hitlerfaschismus getragen hatte, ist verständlich. Russland war verwüstet und verarmt, während die USA nach 1945 richtig aufblühen konnten und ihre Machteliten sich in Machtbesoffenheit ergingen. Bis sie erst die sowjetische Atombombe und dann der Sputnik-Schock in die Realität eines Mächtegleichgewichts katapultierten -ungefähr so, wie die gleichen Machteliten jetzt den rasanten Aufstieg Chinas und die zähe Beharrungskraft Russlands empfinden mögen. Daniele Ganser dokumentierte mit „Imperium USA“, wie auch heute mit Geschichtsfälschung operiert wird -in westlichen Mainstream-Medien, Wikipedia und akademischer Welt. Die orwellsche Überwachung liegt bei der CIA, NSA und den großen Netzkonzernen: Der Große Bruder, der dich ansieht, glotzt auch aus Google, Facebook und Amazon -durch die Kameras deiner selbstbezahlten Geräte.

Jean-Christophe Derrien & Remi Torregrossa (Zeichnungen): 1984 nach George Orwell, München: Knesebeck-Verlag 2021, 124 Seiten, sw/teilw.farbig, übersetzt aus dem Französischen v. Anja Kootz, 22,- Euro

George Orwell: 1984, Berlin: Ullstein Verlag 2003, 3.Aufl.2007.

 

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