Salzburger Festspiele 2009 - Das Spiel der Mächtigen?

26.07.09
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THEMA VERFEHLT!

Von Dieter Braeg

Salzburg zur Festspielzeit wie immer. Das Volk geht bei der Eröffnung Promis schaun, spendet, nur für deren Anwesenheit Applaus und dann wird, unterstützt durch Nestle, Audi, Siemens, Uniqua und Credit Suisse, die Eröffnung zelebriert. Da spielen die Büttel der Mächtigen, ob österreichischer  Bundespräsident oder Landeshauptfrau jene Rolle die man von ihnen erwartet und dazwischen verkündet die Präsidentin der Festspiele, Rabl Stadler,  ihren eigenen Zustand, dass sie "zittere" vor Erwartung. "Ich glaube, dass wir große Ereignisse bieten" meint die Festspielpräsidentin in einem Interview und erklärt jenen, die noch immer an das GUTE glauben, wer die Mächtigsten in Salzburg sind: "Da sind wir uns doch einig, das sollen die Künstler und das Publikum bleiben" - vor allem dann wenn es für 370.--€ eine Eintrittskarte kauft, im Haus für Mozart für "Cosi fan tutte" oder "Le nozze die Figaro"  im Parterre, in den Reihen 1 bis 11. 

Die Künstlerinnen und Künstler spielen was man von ihnen verlangt. Seit Jahrzehnten den "Jedermann" und trotz der Tatsache, das dies "Das Spiel  vom Sterben des reichen Mannes" ist, sterben in dieser Welt an Hunger und Durst nicht die Reichen. Die Mächtigen "spielen" schon lange nicht mehr, sie haben Ernst gemacht und zerstören die wichtigsten Werte einer Gesellschaft - den solidarischen Umgang, die Umwelt und bald wird es statt "Brot für die Welt" nur noch Genfood und Kunstkäseschinken geben - damit die Armut noch weniger kostet und man an ihr auch verdient!

Fein haben sie alle geredet - der Bundespräsident Fischer: "Das Spiel der Mächtigen mit den Mitteln der Kunst zu hinterfragen erfordert eine differenzierte Betrachtung und heißt, das Interesse auch auf jene zu richten, die keine Macht haben beziehungsweise Opfer der Mächtigen sind."  Ja,  "betrachten" wir, geh'n ma Armut schaun! Die österreichische Kulturministerin erklärte: "Es sind bis heute die Künstler und Künstlerinnen, die den missbrauch der macht thematisieren, aufdecken und anklagen. Die Kunst ist gefordert, an der macht zu rütteln."  Rüttelt da wer, von den Künstlerinnen und Künstlern wenn am ersten Festspielwochenende in Salzburg  Ferdinand Piech auftaucht (14 Milliarden Euro Schulden bei seinen "Neukauf"  Porsche) und sich Frau Elisabeth Schaeffler samt Sohn Georg die Ehre gibt?
Jagt man die zwei und viele andere die für Arbeitsplatzzerstörung, Unweltverschmutzung und Abbau der demokratischen Grundrechte verantwortlich zu machen sind, aus der Felsenreitschule, dem Haus für Mozart oder anderen Festspielstädten?

Nein!  Die Mächtigen "spielen" nicht, sie handeln in ihrem Sinn und Interesse und alle anderen spielen mit.  Die Sponsoren, etwa Siemens, bestechen  bis der Arzt kommt, finanzieren, wenn es notwendig ist,  auch mal einen eigenen Betriebsrat und entlassen Teile der Belegschaft die mit ihrer Arbeitskraft auch jene Subventionen erwirtschaftete mit denen die Festspiele in Salzburg gesponsert werden.

Nach all dem, da war auch von Herrn Daniel Kehlmann, dem flotten Diener der Mächtigen, nicht viel zu erwarten, bei seiner Eröffnungsrede die wohl bestellt und bezahlt wurde.  So gab es denn eine Erinnerung, wie sich im Theater in der Josefstadt der Kristallluster hebt und senkt, samt einem Gedenken an den "Diener des Autors", den Vater und Regisseur Michael Kehlmann. Es gab  eine Kritik zum Regietheater - "Man darf selbstverständlich für die drastische Verfremdung eintreten, aber man sollte sich deswegen nicht für einen fortschrittlichen Menschen halte" - verkündete der Festspielredner. Das erfreute das Festspielpublikum in der Felsenreitschule.
Kehlmann hatte auch der Linken etwas mit auf den Weg zu geben: "In einer Welt, in der niemand mehr Marx liest und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehen, ist das Regietheater zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologien degeneriert."

Das Regietheater ist es, wo die linken Ideologen vor sich hinschrumpfen, sehr zum Missfallen der Mächtigen, die in Salzburg zum Beispiel vor einigen Jahren bei der Neuinszenierung der "Entführung aus dem Serail" ihr Geld zurück haben wollten, sogar unter Klageandrohung.

Wie glücklich waren doch jene die endlich Genugtuung bekamen für den Skandal, den Hans Neuenfels' Salzburger Inszenierung der Fledermaus auslöste.

Gérard Mortier organisierte ein "Abschiedsgeschenk" an das alt eingesessene Salzburger Festspielpublikum, das zur festlichen Unterhaltung bis zu fünfhundert Euro pro Platz bezahlt hatte und nun mit einer harten dekonstruktivistischen Lesart der Strauss-Operette konfrontiert wurde. Es war ein Spektakel bei dem man nicht wusste ob nicht die Zwischenrufe und sonstigen Störungen der Zuschauerinnen und Zuschauer , das Fledermausspektakel noch aufwerteten. Ja, bei der Operette, da hört sich eben der Spaß auf.

Mit dem Kapitalismus abzurechnen, das liegt dem Millionär Kehlmann nicht, da facht er lieber eine  Diskussion an, die von den Verbrechen der Mächtigen ablenkt.
So sucht man nach passenden Worten zu diesem Machtspielfestival und findet Antworten.

Am 21. August 2005  gab es einen Diskussionsbeitrag von Peter Turrini zur Veranstaltung "Wir die Barbaren" bei den Salzburger Festspielen, daraus sei zitiert, denn das was Peter Turrini da zur "neuen Religion"  sagte, das passt zum Ergebnis des  Spiels der Mächtigen im Jahre 2009 und in den folgenden:


"Das oberste Dogma, sozusagen der erste Verkündigungssatz dieser neuen Religion lautet: ,,Geht es der Wirtschaft gut, so geht es allen gut." Dieser Glaubenssatz wird vom ORF, einer Art Ashram der neuen Religion, tagtäglich verkündet. Der erste Teil dieses Konditionalsatzes ist ja auch wahr. Der Wirtschaft, oder genauer gesagt, ihren führenden Betreibern, geht es gut.

Mit der Erhebung dieser neuen Religion zur Staatsreligion unter Wolfgang Schüssel läßt sich dieses Wohlbefinden in Zahlen ausdrücken: in den letzten 10 Jahren sind die Gagen der Manager um, mehr als das Hundertfache im vergleich zu den Mindestlöhnen von Arbeitern oder gar Arbeiterinnen gestiegen. Diese Steigerung stellt nicht die Ausnahme, sie stellt die Regel dar. Solche Gagen werden bezahlt. weil die Gewinne der Firmeneigner in noch wesentlich größerem Maße gestiegen sind. 80 % des Aktienkapitals befinden sich in Österreich derzeit in der Hand von 12 Familien. Immer mehr Grundbesitz sammelt sich in der Hand von immer wenigeren an. 66 000 Mitglieder zählt in Österreich derzeit der Club der Auserwählten, der vielfachen Euromillionäre. Der allseits bekannte Satz "Die Reichen werden immer reicher" läßt sich nur noch durch ein Eigenschaftswort aus der Sportsprache erweitern: sie werden es immer rasanter. Der zweite Teil des Verkündigungssatzes "Geht es der Wirtschaft gut, so geht es allen gut", also die Feststellung, daß das Wohlbefinden von wenigen zum Wohlergehen aller führt, ist schlicht und einfach unwahr.

Der Anteil der Löhne von Arbeitern und Arbeiterinnen am Volkseinkommen ist in den letzten 10 Jahren von 7l auf 58 Prozent gesunken. Laut jüngster Statistik gibt es in Österreich 475 000 Menschen, die von akuter Armut betroffen sind. Ihre Zahl ist in den letzten 3 Jahren nicht kontinuierlich gestiegen, in gleichen Prozentsätzen, sondern dramatisch. Also rasant.Ich finde es interessant, darüber nachzudenken, wie ein unwahrer Satz, den man bestenfalls als ideologische Zweckbehauptung qualifizieren kann, es schaffen konnte, sich in die Sphäre der unwidersprechbaren Verkündigung zu erheben.

Warum glauben so viele Menschen an diese Lüge?

Wenn Sprache Bewußtsein schafft, dann schafft die Reduzierung von Sprache ein reduziertes Bewußtsein. Ist Ihnen aufgefallen, wie nachhaltig das Wort ,,Arbeiterklasse" aus unserem Sprachgebrauch verschwunden ist?  Und mit dem Wort sind die Menschen, die es bezeichnet, verschwunden. Ihre Forderungen, ihre Nöte interessieren nicht mehr. Man will nichts mehr von ihnen wissen, es sei denn, das Abflußrohr ist verstopft oder die Wohnung soll billig renoviert werden. Die Arbeiter sind in den letzten Jahren ununterbrochen verdächtigt worden: der Faulenzerei, der Lohntreiberei, der Sozialschmarotzerei.

Heute macht in vielen Betrieben die halbe Belegschaft die doppelte Arbeit, für weniger Geld. Dies war das Ziel und ist das Ergebnis einer über Jahre gehenden sprachlichen Denunzierung.

Ein paar Sätze, die ich in den letzten Tagen in der Umgebung von Salzburg aufgeschnappt habe, die man gleichwohl überall zu hören bekommen könnte: "Keiner will etwas leisten, alle wollen nur verdienen". "Heutzutage fährt ja schon jeder Prolet einen Mercedes", "Das Personal wird immer frecher", oder wie es Herr Andreas Kohl,  ein hoher Würdenträger der neuen Religion, mit zwei Worten so trefflich auf den Punkt gebracht hat: ,,Rote G'frieser". Da ist der Satz vom Ungeziefer, das man vertilgen muß, nicht mehr weit.

Selbstverständlich gibt es die Ausnahme von der Regel: ab und zu hört man von einer Putzfrau, die einer Perle gleiche, oder von einem besonders tüchtigen Polen, der für wenige Euro Tag und Nacht schufte. Auch die Nazis hatten ihren sympathischen Juden.
Die österreichische Sozialdemokratie weiß um die lrrationalität, um die
Unmenschlichkeit dieser neuen Religion Bescheid. Sie verhält sich wie ein Familienmitglied, welches beim Familientreffen bestimmte Dinge lieber nicht sagt, um den Familienfrieden nicht zu stören. Guterzogen lächeln die österreichischen Sozialdemokraten in den gemischten Gremien vor sich hin und werden erst wieder rabiat, wenn sie unter ihresgleichen sind.

Die neue Religion verfügt nicht nur über Dogmen, sie verfügt selbstverständlich auch über Gebote. Die wichtigsten heißen ,,Sei mobil!" und  "Sei flexibel!". Wer ihnen nicht nachkommen kann oder will, ist ein Sünder und soll sich schuldig fühlen. Darum geht es dieser Religion, wie allen Religionen: um Schuld und Schuldgefühle.

Wer ein Lohnempfänger ist, mußte sich in den letzten Jahren als Dauersünder empfinden und ständig Schuldgefühle haben, denn er war ein Verursacher von Lohnnebenkosten. Dieses Wort hat einen eindeutigen Inhalt bekommen: Lohnnebenkosten sind etwas Übles, für die Unternehmer Unzumutbares, dringend zu Reduzierendes. Wenn dies nicht alsbald geschieht,  werden wir alle im Unglück enden.
Ununterbrochen höre ich das Wort ,,Lohnnebenkosten", lese in der Zeitung Vorschläge zu ihrer Verminderung, zu ihrer nachhaltigen Senkung. Das Haupt des Lohnempfängers und Lohnnebenkostenverursachers senkt sich mit. Das ist die tägliche Verkündigung zur Vermehrung der Schuldgefühle und auch sie erfolgt über die Sprache der Denunziation.

Worüber Sprachlosigkeit herrscht, wovon ich nichts oder nur höchst selten lese, das sind die Gewinn-Nebenverschiebungen von jenen Millionen und Milliarden, welche größere Unternehmungen an der Versteuerung vorbei ins Ausland verschieben. Das sind, nach sehr vorsichtigen Schätzungen, jährlich 5 Milliarden Euro, nach alter Währung ca. 70 Milliarden Schilling. Aber auch Gewinne, die deklariert werden, werden von Großunternehmungen, von Konzernen, nicht versteuert. So beziffert (inoffiziell) eines der größten Wiener Finanzämter den Stand seiner uneinbringlichen Forderungen auf zehn Milliarden Euro.

Auf meine Frage, warum es hier keine gerichtliche Verfolgung gibt, bekomme ich die (inoffizielle) Antwort, die Akten würden ,,nach oben" gehen und dort entschwinden. Dieser liturgische Vorgang ist nicht Teil der Verkündigung.
Ein weiterer Verkündigungssatz im Dogmenrang lautet: ,,Weniger Staat, mehr privat". Er bedeutet im Klartext, daß der Staat sich in die Gaunereien, in die Gesetzesbrüche der Wirtschaft möglichst wenig einmischen soll, damit die Bevorteiligten zu noch größeren Vorteilen kommen  und daß die Benachteiligten ihr Nachsehen, ihr Unglück für selbstverschuldet, für etwas Privates halten sollen...."

So entlarvt sich Kehlmanns Rede, vorbei an den Realitäten dieser Welt, als das was sie ist eine AUSrede, die jenen dient, die das Spiel bezahlen mit dem gelder derjenigen die sie ausplündern, ausbeuten, erniedrigen!

Dieter Braeg







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