Ganser, Daniele: Illegale Kriege. Wie die Nato-Länder die UNO sabotieren


26.07.17
KulturKultur, Internationales 

 

Buchkritik von Hannes Sies

Das monumentale Werk Illegale Kriege von Daniele Ganser ist ein Tribunal all jener Kriegsverbrechen, die unsere westlichen Mainstream-Historiker und -Journalisten nur allzu gern verschweigen und vergessen würden. Ausgangspunkt und ethische Maßgabe der Bewertungen Gansers ist die Charta der Vereinten Nationen von 1945, zu der sich alle UNO-Mitglieder bekennen: Dort wird jeder Art von Anwendung und Androhung von Gewalt eine Absage erteilt, wenn sie Staaten territorial verletzt oder auch ihre politische Unabhängigkeit gefährdet.

„Nie wieder Krieg!“ Das war das Ziel der 1945 gegründeten UNO und kann als Minimalkonsens der internationalen Politik gelten.  Und doch litten und leiden zahlreiche Völker unter Kriegen, oft geführt von Nato-Staaten, allen voran der USA -die Liste der Opferländer ist lang: Iran, Guatemala, Ägypten, Kuba, Vietnam, Laos, Kambodscha, Nicaragua, El Salvador, Grenada, Panama, Jugoslawien, Serbien, Ukraine, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, Jemen. Viele dieser Kriege bekommen bei Ganser ihr eigenes Kapitel, in dem Ganser illegale Operationen von Nato-Staaten erörtert und bewertet.

Unbequeme Wahrheiten über den Westen

In unseren westlichen Leitmedien und Geschichtsbüchern wird meist so getan, als hätte der „Freie Westen“ sich stets an diese Regeln gehalten und für die Menschenrechte gekämpft. Ganser belegt akribisch, wo dies nicht der Fall war, wo Nato-Staaten völkerrechtswidrige  Kriege führten, auch verdeckte Kriege der Geheimdienste und illegale Interventionen in Form von Sanktionen (die mehr Todesopfer fordern können als bewaffnete Angriffe) berücksichtigt Ganser in seiner Bilanz.

Ganser definiert zunächst sorgfältig, was die Verbrechen der Aggression, Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit heute nach den Regeln des 1998 gegründeten Internationalen Strafgerichtshofes sind. Sein Urteil: Die Regierungschefs der USA und Großbritanniens, George W. Bush und Tony Blair, die einige der in seinem Buch beschriebenen Kriege führten, sind Kriegsverbrecher und gehören eigentlich vor die Richter in Den Haag. Gegen sie und weitere westliche Staatschefs, ihre Minister und Militärs von Obama bis Merkel sammelt Ganser Beweise und zeichnet dabei die Kriegsgeschichte der Nato von 1953 bis heute nach. Dabei ist er sich im Klaren, dass seine Anklagen auch auf den aktuellen Mangel an Gerechtigkeit beim Gerichtshof selbst hinweisen:

„Der wirkliche Test für die Akzeptanz des Internationalen Strafgerichtshofes wird an dem Tag kommen, an dem ein hochrangiger Politiker eines Nato-Landes angeklagt und verurteilt wird.“ (Ganser, Illegale Kriege,  S.50)

Sein Schwerpunkt sind dabei verdeckte Operationen, wie sie vor allem die CIA seit ihrer Gründung weltweit durchführen. Die offizielle Regierungsdarstellung leugnet diese Geheimkriege und -putsche oft bis heute, die westlichen Medien lassen schmutzige Details über westliche Regierungen meist unerwähnt. Doch Ganser sammelt alles, was von Kritikern als historisch hieb- und stichfeste Fakten dagegen vorgelegt wurde und präsentiert damit auch dem unkritischen, schönfärberischen Mainstream-Journalismus seine Rechnung.

Die Durchsetzung des Kriegsverbots der UNO wird, so Daniele Ganser, oft durch Lügen sabotiert. Westliche Leitmedien erwiesen und erweisen sich dabei immer wieder als willige Propagandisten solcher kriegstreiberischer Lügen im Dienste des Imperiums der USA. Alleine schon die imperiale Qualität der aktuellen Position der USA im internationalen Raum wird verschwiegen oder abgeleugnet. Doch damit lässt Ganser die Hofberichterstatter von ARD über CNN bis ZDF nicht davon kommen: Der „imperiale Fußabdruck“ der USA bemaß sich im Jahr 2005 mit 737 Militärbasen weltweit. Von dort aus wurden und werden die meisten der illegalen Kriege geführt, die Ganser beschreibt. Gansers Kritik trifft damit neben den kriegführenden Regierungen auch ihre medialen und intellektuellen Helfer. In den USA etwa sei die breite Masse über die kriegerische Politik Washingtons schlecht oder falsch informiert. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung wisse jedoch davon, also etwa 30 Millionen Amerikaner, so Ganser:

„ Ein Teil von ihnen steht ideologisch stramm hinter dem US-Imperium und hofft in die Elite der ein Prozent aufzusteigen. Diese Intellektuellen verteidigen das Imperium in Büchern und Vorträgen. Wann immer ein amerikanischer Präsident ein Land bombardiert, applaudieren diese Verteidiger des US-Imperialismus und finden Gründe, warum der Einsatz von Folter und Gewalt in diesem Fall richtig und wichtig war.“ (Ganser S.36)

Verdeckte Kriegsführung der USA

Daniele Ganser ist Experte für verdeckte Kriegsführung, die Spezialität der CIA, und er beginnt seine Chronik –anders als der Buchtitel sagt- nicht mit Kuba, sondern 1953 mit dem Putsch gegen Mossadegh im Iran. Den Kalten Krieg dokumentiert er anhand der im Westen meist wenig beachteten Kriegsschauplätze Guatemala, Ägypten, Kuba und Nicaragua –wo der Westen sich unrühmlicher  gewaltsamer Interventionen schuldig machte.  Vietnam ist insofern eine Ausnahme, als hier durch die 68er-Hippy-Bewegung im Westen eine mediale Aufmerksamkeit für US-Kriegsverbrechen erkämpft wurde, die schließlich diesen Krieg beenden half und dabei die Gesellschaften der Weststaaten fundamental veränderte. Ganser zeichnet auch diesen Krieg nach.

Bei der Erörterung der Zerschlagung Jugoslawiens durch die NATO 1999 belegt Ganser, dass der Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen den Minderheiten des sozialistischen Vielvölkerstaats durch verdeckte Operationen der CIA wie das Einschleusen islamistischer Terroristen angeheizt  wurde -wie etwa den zuvor als Guerilla gegen die Sowjets in Afghanistan von der CIA geförderten Osama Bin Laden, der wenig später zum berüchtigten Terroristen und für die 9/11-Anschläge Verantwortlichen erklärt wurde.

Damit kommt Ganser zum bis heute andauernden „Krieg gegen den Terror“, den manche auch als Dritten Weltkrieg begreifen. Nach den 9/11-Anschlägen in den USA brachten die USA und ihre Nato-Verbündeten den Krieg nach Afghanistan, Irak, Libyen, Jemen und Syrien; auch die Ukraine ab 2014 übergeht Ganser nicht und immer bezieht er Quellen und Fakten ein, die in Politik und Leitmedien des Westens ignoriert, verdreht oder geleugnet werden. Auch als angebliche „Fake News“ vom (westlichen) Diskurs ausgeschlossene Themen und Ereignisse werden von Ganser mit akademischer Genauigkeit untersucht und einbezogen.

Die mit Kriegslügen  über Massenvernichtungswaffen begründete Eroberung des Irak kostete eine Million Menschenleben. Ganser wundert sich, dass der Wikileaks-Gründer Julian Assange, der die US-Kriegsverbrechen in seinem Film „Collateral Murder“ publik machte, heute wegen der Verfolgung durch die US-Regierung um sein Leben fürchten muss, während keiner die Täter in US-Militär und Regierung zur Verantwortung zog (S.228). Beim illegalen Nato-Krieg gegen Libyen weist Ganser darauf hin, dass Gaddafi, obschon ein Diktator, nicht das in Westmedien im Kriegstaumel behauptete „Terrorregime“ geführt habe. Vielmehr  setzte er „umfassende soziale Reformen durch und verbesserte die Menschenrechtslage, wie verschiedene Berichte der UNO bezeugen“ (S.234).

Ganser beschreibt auch, wie Katar durch seinen Sender Al Jazeera gegen Gaddafi hetzte und Westmedien die vermutlich frei erfundene Gräuel-Propaganda ungeprüft ohne jeden Beleg übernahmen. Sie diente als Rechtfertigung für Nato-Luftangriffe, die schließlich 2011 zum Sturz und zur Ermordung Gaddafis führten. Nebenbei, ohne eigene Kapitel behandelt Ganser auch illegale Nato-Angriffe auf Grenada, Panama, Pakistan, Iran, sowie ausbleibende Angriffe oder Sanktionen gegen den Irak Saddam Husseins, nachdem dieser als US-Verbündeter im Krieg gegen Iran Giftgas eingesetzt hatte.

Die Nato in Syrien: Fassbomben-Hysterie und Giftgas-False-Flag

Für Daniele Ganser bilden die andauernden illegalen Kriege der Nato gegen Jemen und Syrien weitere Anklagepunkte gegen Kriegsverbrechen von Nato-Regierungen. Im Jemen sei es Westpolitik und –Leitmedien erfolgreich gelungen ihre Kriegsführung gegen über der eigenen Bevölkerung zu vertuschen. Doch der US-Journalist von „The Intercept“, Jeremy Scahill, habe aufgedeckt, wie Obama schon am 17.Dezember 2009 das jemenitische Dorf al-Majalah bombardieren ließ und (nur eine Woche nach Entgegennahme des Friedensnobelpreises) ein Massaker unter unschuldigen Zivilisten anrichtete. Die Verantwortung schob man dem Präsidenten Jemens, dem willigen US-Verbündeten Salih, in die Schuhe. Sein Nachfolger Hadi floh 2015 vor den Huthi-Rebellen aus der Haupstadt Sanaa nach Riad. Die von USA und EU zur arabischen Super-Militärmacht aufgerüsteten Saudis zerbombten seither gemeinsam mit Obamas Drohnen die ohnehin kärgliche Infrastruktur des bitterarmen Jemens. Krankenhäuser, Schulen,  Nahrungsproduktion und Wasserversorgung wurden erbarmungslos vernichtet, ohne dass westliche Leitmedien davon Notiz nahmen.

Den Syrienkrieg beschreibt Daniele Ganser so: „Die Golfstaaten Saudi-Arabien und Katar versuchen derzeit in Zusammenarbeit mit den Nato-Ländern USA, Großbritannien, Frankreich, Türkei und Deutschland Präsident Baschar al-Assad zu stürzen.“ Die komplizierte Gemengelage  in Syrien hat Gansers Buch von 2016 zwar schon überholt, doch seine Hintergrundanalyse übertrifft locker das meiste, was Experten in den Leitmedien von sich geben. Ganser zweites Spezialgebiet neben verdeckter Kriegsführung ist die Geopolitik des Erdöls (und Erdgases). Er verweist als verschwiegenen Kriegsgrund auf ein Pipeline-Projekt, das Katar 2009 mit der Türkei verhandelte: Man wollte eine Pipeline durch Syrien bauen, um Katars gigantische Gasvorkommen nach Europa zu verkaufen. Doch Assad lehnte ab, um die Interessen seines russischen Verbündeten zu schützen, der auch sein Erdgas an die EU verkaufen möchte.

Ganser sieht im Syrienkrieg eine „Neuauflage der Zusammenarbeit der USA und des CIA mit den Dschihadisten“, wie man sie aus Afghanistan in den 1980ern und Bosnien in den 1990ern kenne. Der prominente US-Journalist Seymour Hersh habe 2016 gesagt: „Im Weißen Haus behaupten sie heute noch, es gebe gemäßigte Rebellen. Das ist verrückt“. Auch Jürgen Todenhöfer protestierte gegen die Allianz der Nato mit Dschihadisten in Syrien: „Der Westen an der Seite des internationalen Terrorismus!“ Doch die Leitmedien verschwiegen die dafür vorliegenden Beweise. Die Nato habe nach dem sie Gaddafi gestürzt habe, schon ab 2011 große Mengen Waffen aus dessen Arsenalen nach Syrien verbracht, teils über die Türkei, teils auf dem Seeweg. 2012 berichten Reuters und der Spiegel von Waffenlieferung, behaupten aber diese wären an „Rebellen“ gegangen, nicht an die Dschihadisten, die dort ihr Kalifat errichten wollen –was ihnen im Juli 2014 auch gelingt. Doch die Rechnung ihrer Hintermänner geht nicht auf: Assad bleibt im Amt.

Ganser zeichnet nach, wie mit einem wahrscheinlich als False-flag-Angriff vorgetragenen Giftgas-Einsatz 2013 die USA zum Kriegseintritt an der Seite der Assadgegner gebracht werden sollten, was dank kluger russischer Intervention fehlschlug. 2014 folgten Enthauptungsvideos, die den Tod der US-Journalisten James Foley und Steven Sotloff zeigten. Ganser dazu: „Ob die Videos echt oder falsch sind, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist, dass die Geschichte mit dem Giftgas zu Unrecht Assad angehängt wurde, und dass daher auch die Geschichte mit den Enthauptungsvideos genauer untersucht werden müsste.“ (S.309)

Der Ukraine-Krieg 2014 wird von Ganser als Bürgerkrieg nur „auf den ersten Blick“ gekennzeichnet, in Wahrheit trieben dort sowohl Russland (was in den Westmedien im Vordergrund steht) als auch die USA (!) verdeckte Kriegsführung: „Wie bei der Kubakrise spielen beide Seiten mit verdeckten Karten und versuchen die Ukraine in ihren Einflussbereich zu ziehen.“ (S.250) Er rollt die Vorgeschichte bis zur deutschen Wiedervereinigung und dem im Gegenzug Moskau zugesichertem Versprechen, die Nato darüber hinaus nicht weiter nach Osteuropa auszudehnen. Dieses Versprechen habe der Westen selbstherrlich gebrochen und russische Interessen damit grob verletzt.

Ganser im Kreuzfeuer der Mainstream-Medien

Der Schweizer Historiker Daniele Ganser packt ein heißes Eisen nach dem anderen an. Er schrieb über die Kuba-Krise, die in Verbrechen und Terroranschläge verstrickte NATO-Geheimarmee Gladio sowie die geopolitischen Öl- und Gaskriege des Westens. Doch was ihn vermutlich seine akademische Karriere kostete, war seine Haltung zu den 9/11-Anschlägen von 2001: Ganser kritisierte die willfährige Haltung der akademischen Geschichtswissenschaft gegenüber der offiziellen Version der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon. Das brachte ihm seitens der Leitmedien das diffamierend gemeinte Prädikat „Verschwörungstheoretiker“ ein, gegen das Ganser sich wehrt.

Im Gegensatz zur offiziellen Verschwörungstheorie von 9/11 behauptet Ganser nicht, die Wahrheit zu kennen. Er zeige aber die Löcher in deren Darstellung und belegt, dass zwei andere Versionen als die offizielle „Al-Qaida-war's-alleine-Theorie“ auch zu bedenken sind: 1. Der „Inside Job“ (US-Geheimdienste selbst stecken dahinter) und 2. die „Duldung“ des Anschlags nach dem Vorbild von Pearl Harbour, wo die US-Regierung von Präsident F.D.Roosevelt ihre eigenen Truppen vorsätzlich nicht vor dem japanischen Angriff warnte und massakrieren ließ, um die US-Öffentlichkeit zu einem Kriegseintritt zu bewegen.

Obwohl zahlreiche Indizien vorliegen, dass zumindest die zweite Version wahrscheinlicher ist als die offizielle „Wir-haben-von-nichts-gewusst-Theorie“, gilt allein eine sachliche Debatte über diese Indizien als Tabu in den Westmedien -wie der Fall Ganser belegt, auch in der neutralen Schweiz. Auch im vorliegenden Band legt Ganser die 9/11-Problematik kurz dar, als Teil der Vorgeschichte illegaler Nato-Kriege der Bush-Junior-Administration, vor allem gegen Afghanistan und den Irak. Daniele Ganser macht damit etwas, was Historikern schwer fällt: Er befragt die Geschichte seines eigenen Kulturkreises aus einer ethischen Sicht –nicht erst nach dem Untergang der Regime, die sie produziert haben, sondern jetzt.

Die Geschichte in Gestalt von Ganser und seinem Buch lehrt uns, dass die verdeckten Kriege, Putsche und Terroroperationen der USA in den jeweils zeitgenössischen Medien des „Freien Westens“ verbissen abgeleugnet und vertuscht wurden. Nach einigen Jahrzehnten findet dann aber zuweilen doch eine der Wahrheit eher entsprechende Version ihren Weg in die Geschichtsbücher. Insofern ist zu vermuten, dass Gansers „Illegale Kriege“ mehr Bestand haben wird als das, was heute Medienkonsumenten, Studenten und Schüler aus ihren Schulbüchern über die Geschichte der Nato-Kriege vom Putsch im Iran bis zu 9/11 und den noch laufenden Kriegen gegen Syrien und Jemen lernen müssen.

Ein Manko ist lediglich, dass Daniele Ganser das Nato-Schlachtfeld Venezuela nicht behandelt: Den aktuell zum wiederholten Mal zur blutigen Attacke übergehenden verdeckten Krieg der CIA, mit der die US-Regierung versucht, gegen die sozialistische Regierung des erdölreichsten Landes der Welt zu putschen. Vielleicht ist das etwas für eine erweiterte zweite Auflage?

Für eine genauere Würdigung aller von Ganser gesammelten Fakten ist in einer Rezension leider nicht genug Platz. Sie wurden in einer Artikelserie von mir hier auf Jasminrevolution präsentiert.

 

Ganser, Daniele, Illegale Kriege: Wie die Nato-Länder die UNO sabotieren –Eine Chronik von Kuba bis Syrien, Zürich: Orell Füssli Verlag 2016







<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz