Hannah Arendt: Briefe an ihre Freundinnen


31-01-18
KulturKultur, Antifaschismus 

 

Ingeborg Nordmann/Ursula Ludz (Hrsg.): Hannah Arendt. Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen. Briefwechsel mit den Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil und Helen Wolff, Piper Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-492-05858-2, 38 Euro (D)

Rezension von Michael Lausberg

Hannah Arendt gilt als eine der einflussreichsten Soziologinnen und Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Die Entrechtung und Verfolgung von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus sowie ihre eigene kurzzeitige Inhaftierung durch die Gestapo bewogen sie 1933 zur Emigration aus Deutschland. Vom nationalsozialistischen Regime 1937 ausgebürgert, war sie staatenlos, bis sie 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt.

Ihre öffentlichen Stellungnahmen zu politischen Ereignissen waren häufig unter Gegnern, aber auch Freunden umstritten; ihre Zivilcourage wurde oft als Unnachgiebigkeit wahrgenommen und bekämpft, insbesondere ihre Arbeit zum Eichmann-Prozess. Durch ihr politisches Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft Anfang der 1950er Jahre wurde sie in der Öffentlichkeit bekannt. Vita activa oder Vom tätigen Leben ist ihr philosophisches Hauptwerk. Gerade wegen ihres eigenständigen Denkens, der Theorie der totalen Herrschaft, ihrer existenzphilosophischen Arbeiten und ihrer Forderung nach freien politischen Diskussionen nimmt sie in den Debatten der Gegenwart eine bedeutende Rolle ein. Hannah Arendts Themen sind von bleibender Aktualität: die Ursprünge politischer Gewalt, die Unbegreiflich­keit des Bösen, die Menschenrechte von politisch Verfolgten und Flüchtlingen, der Sinn der Arbeit.

Für Hannah Arendt ging Lieben und Denken zusammen, sie pflegte als Freundin ebenso wie als Liebespartnerin den leidenschaftlichen Gedankenaustausch. Von ihrer frühen Liebe Martin Heidegger, über ihren großen Mentor und Freund Karl Jaspers bis zu ihrem zweiten Ehemann und langjährigen Denkgefährten Heinrich Blücher. Ihre Korrespondenzen per Brief mit engen Vertrauten sind sehr umfangreich, aber als Quelle zur Entdeckung der privaten und politischen Hannah Arendt unverzichtbar. Nun haben Ingeborg Nordmann und Ursula Ludz einen bislang nur in Teilen veröffentlichten Briefwechsel Arendts mit ihren Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil und Helen Wolff herausgebracht.

Ihre Briefe behandeln „in vielfältiger Weise Fragen, die Arendt in ihren Büchern und Essays thematisiert hat, und „mit jedem Briefwechsel entsteht ein ganz eigenes Beziehungsgeflecht“, das im Sinne ihrer Philosophie als ‚Beziehungsgeflecht menschlicher Angelegenheiten‘ angesehen werden kann, das nur aus subjektiven Begegnungen, Wahrnehmungen und Urteilen zusammengesetzt ist. Dieses Bezugsgewebe, in dem sich Nähe und Ferne zu bestimmten Konstellationen formen und das man eine bewohnbare Distanz bezeichnen kann, hat in Arendts philosophischen und politiktheoretischen Denken über das Miteinandersprechen und –handeln einen großen Stellenwert.“ (S. 9) Diese Freundschaften Hannah Arendt werden durch diesen Briefwechsel erzählt und zugleich wird der Versuch unternommen, diese Freundschaften in ihrer Bedeutung für jeweils beide Partnerinnen zu bestimmen. Dies geschieht in den einführenden Bemerkungen, die den abgedruckten Brieftexten vorangestellt sind.

Das Buch unterteilt sich in die Korrespondenz mit jeweils einer Freundin, das erste Kapitel handelt von den Briefwechseln mit Anne Weil, das zweite über Arendts Korrespondenz mit Hilde Fränkel, das dritte von dem Austausch mit Charlotte Beradt, das vierten über die Briefe mit Rose Feitelson und das fünfte über ihre Korrespondenz mit Helen Wolff. Außerdem werden noch die Notizen zu einer Trauerrede für Hannah Arendt und das Essay „Was Liebe ist“ von Helen Wolff abgedruckt. Die editorischen Notizen der beiden Herausgeberinnen über die einzelnen Briefwechsel folgen dann. Im Anhang gibt es noch ein Abkürzungsregister, die zitierte Literatur und ein Personenregister.

Die Briefe an ihre Freundinnen sind deshalb so innig, weil alle dasselbe Schicksal der Emigration und eines neuen Lebens teilen. Hier werden Facetten der Persönlichkeit Hannah Arendts im privaten Bereich sichtbar, ihre Ängste, Hoffnungen und Wünsche. Es können aber auch Analogien auf ihre philosophische und politische Denkstruktur geschlossen werden, was das Buch für die wissenschaftliche Forschung spannend macht.







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