Besprechung zum Film „Eine fantastische Frau“


Bild: filmstarts

31.08.17
KulturKultur 

 

(Chile, BRD 2016, Kinostart 07.09.2017)

Regie: Sebastián Lelio

von Franz Witsch, Hamburg, 31.08.2017

Filmen kommt eine wichtige sozial- und politikwissenschaftliche Funktion zu: Sie tragen heute entscheidend dazu bei, soziale Sachverhalte, die ansonsten im Innenleben des Bürgers ein indifferentes Leben fristen würden, zu verbegrifflichen, zumal in einer Welt ausdünnender Kommunikation, in der Menschen zunehmend überfordert sind, über Gefühle zu sprechen, wenn sie negativ sind. Sie illustrieren mentale Dispositionen in ihrer Verbindung zu sozialen Kontexten, um dem Zuschauer zunächst zu bedeuten, dass es sie gibt oder geben könnte, was allerdings nicht einschließt, dass er außerhalb des Kinos in der Lage ist, über jene Verbindung zu sprechen; ist das Kino für die meisten Zuschauer doch eine (von der realen Welt isolierten) Welt für sich, in der „große Gefühle“ gelebt werden können, mithin schon mal Tränen fließen (dürfen), die Zuschauer außerhalb des Kinos zu verbergen bemüht sind.

Kommen Gefühle (außerhalb des Kinos) ins Spiel, wird’s in der Tat schwierig. Sie entziehen sich einer (außersubjektiven) Institutionalisierung: einer vorhersehbaren, konventionellen resp. allgemein anerkannten Versprachlichung. In dieser geht es um Bedeutungsgehalte, die man dem Wort oder Zeichen(ketten) zuschreibt, um Menschen normgerecht bzw. vorhersehbar zu verbinden, während das Kino, wenn es denn gutes Kino sein will, bemüht sein sollte, außersubjektive Bedeutungsgehalte innersubjektiv zu rekonstruieren, die es zuvor vielleicht noch nicht gegeben hat – nicht indem Kino neue Zeichen mit einem zeichenspezifischen Bedeutungsgehalt erfindet, sondern dem Zuschauer hilft, Bedeutungsgehalte geläufiger Zeichen mit neuem oder modifizierten Bedeutungsgehalten zu überschreiben. Derart tragen sie zur Verbegrifflichung bislang unsagbarer sozialer Sachverhalte bei. Das wird heute immer schwieriger wiewohl wichtiger in einer Zeit des gesellschaftlichen Niedergangs, in der Menschen im unmittelbaren Kontakt zueinander immer weniger voneinander erfahren, das überrascht: ihre Beziehungen wie ihr Innenleben sind institutionalisiert, vollständig muss man hinzufügen, sind Massengesellschaften ohne einen angemessenen Grad der Institutionalisierung doch nicht lebensfähig; sie regressieren allerdings, wenn Menschen nur nachplappern (was alle sagen), zumal wenn man ihnen auch noch abverlangt, dass sie nachplappern.

Mit anderen Worten: Abweichungen von der Norm werden immer weniger geduldet: wer nicht für mich ist, ist gegen mich. So ticken die meisten Menschen mental; so will es der Mainstream; so wollen es sogenannte seriöse (Print-)Medien, der öffentlich-rechtliche Diskurs. Und werden doch alle immer wieder konfrontiert mit besonderen Filmen wie u.a. “Eine fantastische Frau” oder “It Comes at Night”, die in ihrem Bedeutungsgehalt zu entschärfen jene sogenannten seriösen Medien immer wieder bemüht sind, ganz generell, indem sie das Besondere, das Differenzielle, das guten Filmen wie der “Fantastischen Frau” zukommt, gleichschalten, mehr oder weniger im Gut-Böse-Schema: hier die Guten, dort die Bösen. Das geschieht konventionell, indem Figuren, die es verdienen, überhöht, auf einen Sockel gehoben werden, um sie allgemeiner Bewunderung auszusetzen, indes mit der Nebenwirkung, dass sie dort, in luftiger Höhe, als soziale Sachverhalte nicht mehr begreiflich, einer differenziellen (und damit substanziellen) verbegrifflichenden Analyse nicht mehr zugänglich sind.

Marina (Daniela Vega) ist diese fantastische Frau, ein unglücklicher Titel; sie wird in den seriösen Medien oder solchen, die sich dafür halten, herablassend entsorgt mit Sätzen wie “Eine Frau geht ihren Weg”, “Marina lässt sich nicht unterkriegen” (kino-zeit.de), “Die Kamera ist verliebt in Marinas Gesicht” (Tagesspiegel) oder betulich – den Experten raushängend – mit dem folgenden Fazit: “Marina ist tatsächlich eine ganz fantastische Frau” und habe deshalb “einen besseren Film verdient gehabt.” (filmstarts.de).

Mit solchen Sätzen bringen Filminterpreten, ohne es zu ahnen, zum Ausdruck, dass sie sich für Menschen, die sich einer Überhöhung verweigern, nur begrenzt interessieren. Dass sie sich für Kino nur begrenzt interessieren. Es fragt sich, für was sie sich überhaupt interessieren? Marina ist alles Mögliche, doch warum sie gleich “fantastisch” nennen? Es ist nur ein Eigenschaftswort, das charakterliche Indifferenzen transportiert und damit das Innenleben (der Filmfiguren wie der Zuschauer) gleichschaltet. Und Filmverantwortliche entblöden sich auch nicht mit mensch-überhöhenden Filmtiteln wie „Eine fantastische Frau“ die üblichen Zugeständnisse an den Mainstream zu machen, wie um seine Repräsentanten in ihren Interpretationsbemühungen nicht zu überfordern.

Ihren Weg geht Marina, eine Transsexuelle, deren Freund und Geliebter Orlando (Francisco Reyes) nach einer Liebesnacht unter ihren Händen wegstirbt, gerade nicht. Wie auch in einer Umgebung, die sie ausgrenzt und diese Ausgrenzung mit zum Teil gewalttätigen Demütigungen begleitet. Insbesondere Sonja (Aline Küppenheim), die eifersüchtige Ex-Frau von Orlando, macht ihr das Leben zur Hölle, z.B. indem sie das Gerücht eines Verbrechens streut und Marina eine Kommissarin (für Sexualstrafdelikte) auf den Hals hetzt, außerdem dafür sorgt, dass sie sich einer peinigenden gerichtsmedizinischen Untersuchung aussetzt, angeblich um sie zu entlasten, in Wirklichkeit zur eindeutigen Identifizierung ihres Geschlechts und damit ihrer “Perversität”.

Demütigung folgt auf Demütigung, der sich Marina nicht zu entziehen vermag. Dazu müsste sie sich für die Umgebung unsichtbar machen, differenzielle mentale und körperliche Eigenschaften verbergen, sein wie jede(r) andere(r). Geht nicht; also muss sie ihre Umgebung ertragen. Beziehungen, die ihr nicht ohne Mühe bleiben, helfen nicht wirklich weiter. Einer Untoten gleich bewegt sie sich in einer ihr feindlich gesonnenen Welt; man könnte vielleicht sagen, traumatisiert; freilich in gewisser Weise ohne Begriff (einer Traumatisierung); erfahrbar in bewegten und bewegenden Bildern des Films, jedenfalls für Zuschauer, die in Dialoge hineinhören (können), als käme ihnen ein Innenleben zu, das explizit in Worten „Marina ist traumatisiert“ nicht aufgeht.

So gesehen bleibt das Traumatische unsagbar wiewohl allgegenwärtig durch eingeübte Denk- und Verhaltens-Mechanismen, mit denen es Marina – wie um ihr Trauma zu bannen – zwar gelingt, ihrem Leben eine Struktur zu verleihen, allerdings mehr schlecht als recht: ver-institutionalisiert, um Überraschungen, die Leben lebenswert machen, aus dem Weg zu gehen, weil ihre Umgebung Überraschungen nicht will und mit ihren Demütigungen Traumatisches auslösen könnte. Das lässt den obigen Satz “Eine Frau geht ihren Weg” deplaciert erscheinen.

Sie geht ja, doch was für ein Weg soll das sein. Der zu ihrem Gesangslehrer, der sie mag, sich aber nicht für ihre Einsamkeit, sondern nur für ihre Gesangstechnik zuständig fühlt. Damit sie in der Musik zur Ruhe kommt, allerdings abgeschottet von der Realität, die traumatisiert. Zuweilen tut’s ein psychodelischer Disco-Besuch, wo sie sich im Tanz für ein paar Momente Rauschzuständen injiziert, immer mal wieder auf nächst höherer Stufenleiter. Das sind Wege, die nirgendwo hinführen, es sei denn in die Welt eines Gefühlsjunkies.

Hier hätten wir vielleicht eine erste Annäherung an den Begriff der Traumatisierung, die im Hochgefühl aufgehen könnte, wenn das traumatisierte Subjekte denn zu Hochgefühlen auf natürliche Weise (ganz ohne Drogen) in der Lage ist; etwa über die Musik, kurz vor dem Abspann durch den Genuss einer wunderschöne Händel-Arie, die unsere Heldin, eine Art Show-Down, auf der Bühne singt, extrem berührend, sodass schon mal Tränen ungefragt fließen, die allerdings – und das könnte eine weitere vorsichtige Begriffs-Annäherung sein – auf etwas anderes als auf sich selbst nicht verweisen; oder nur auf einen sozialen Sachverhalt, der ausschließlich im Innenleben des Zuschauers selbst aufgeht; immer um Traumatisierungen zu bannen wie um sie zu beschwören, um eine Verbindung zur äußeren sozialen Welt zu simulieren, in der Liebe zur un-geerdeten Abstraktion (zum Helden, der seinen Weg macht), die ein Außen nicht braucht, um geliebt zu werden.

 







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