Anregendes Psychofeuilleton


28.08.17
KulturKultur, Theorie 

 

Götz Eisenbergs Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus*)

Von Richard Albrecht

Diese Kritik des gegenwärtigen Kapitalismus kann gespannt machen. Es geht um nicht weniger als die (Sozialpsychologie genannte) Innensicht des Kapitalismus als besondere Form eines imperialen Weltsystem ohne aktuelle Alternative. Und entsprechend des beiden Büchern unterliegenden Grundkonzepts um einen geschichtlich besonderen Menschen- oder Identitätstyp des entfesselten Kapitalismus. Dessen Verhalten soll ohne herkömmliche Bindungen enttraditionalisiert, auf sich bezogen individualisiert und auf eigene Gewinnmaximierung ausgerichtet sein.

Der Autor GE ist Jahrgang 1951. Er schreibt gegen die zunehmende "Kultur aus Selbstsucht und Gier" voller Sehnsucht nach einer Welt, in der der Mensch dem Menschen kein Wolf mehr ist, präsentiert sich als libertärer Sozialist, Marxversteher und Anhänger einer Kritischen Theorie frankfurter Richtung (Th. W. Adorno, Minima Moralia 1951; M. Horkheimer, Dämmerung 1934 [H. Regius]). Nach Studien-, Lern- und Wanderjahren war GE als ausgebildeter Familientherapeut von 1993 bis zur Verrentung 2016 Gefängnispsychologe in der hessischen Justizvollzugsanstalt Butzbach (an der A5 nahe Bad Nauheim). Er veröffentlichte unter anderem Bücher über Jugend und Gewalt (1993) und Amok (2000, 2002, 2010) sowie Fachaufsätze über zeitgenössische Tötungsdelikte (2006), Gewalt verherrlichende Computerspiele im Gefängnis (2008) und "Schlüsselerlebnisse" in der Verbrechenstherapie (2009). Seit Mitte 2011 publiziert er regelmäßig in den Nachdenkseiten.     (Dort ersterschienen auch einige der hier gedruckten Texte: http://www.nachdenkseiten.de/?s=g%C3%B6tz+eisenberg&Submit.x=16&Submit.y=9)

GEs Aufklärungsanliegen ist in mehrfacher Hinsicht anspruchsvoll. Methodisch geht es um die Transformation von objektiven Strukturen vor allem der politischen Ökonomie und ihrer Entwicklung in durchs Handeln von Menschen(gruppen) geschaffene gesellschaftliche Kultur. Insofern schließt der Autor nicht nur explizit an Peter Brückners Sozialpsychologie des Kapitalismus (1974) an. Sondern auch an Sigmund Freuds Essay über Das Unbehagen  i n   der Kultur (1930) sowie an eine unterm Titel Prinzip Neugier (1992) als Buch veröffentlichte andere Sozialpsychologie Klaus Ottomeyers.

In beiden Bänden geht es um GEs Vorstellung eines dem entfesselten Kapitalismus entsprechenden gesellschaftlichen Identitätstyps. Und damit um Antworten auf die politisch wichtige Frage: Warum konnte und kann sich der Neoliberalismus als bisher letztes Stadium des Kapitalismus so rapide und gründlich durchsetzen, in die Poren der ihm unterworfenen Subjekte eindringen und ihren - zunehmend digitalisierten - Alltag so nachhaltig bestimmen?

Diesen Typus verortet GE als Psychopathen im narzißstischen Zeitalter. Das wohl als dessen Unterfütterung wirkt. Der Narzist selbst freilich entspricht nicht mehr dem entfesselten, im Kern selbst pathologischen Neoliberalismus mit seiner finanzmarktdominierten, entstofflichten, geldgetriebenen und algorithmisierten Parasitärökonomie. Gebraucht wird das pathologisch entfremdete Subjekt in so totalitärer wie flexibler Abhängigkeit ohne Gedanken und Aussichten seine Lage überwinden zu können - eine neoliberale Persönlichkeit, Prototyp Bankster.

GE variiert diesen Typus zahlreich, beredt, anschaulich, anregend, in oft griffigen Formulierungen und gelegentlich einprägsamen Spachbildern. Im Band 1 in zehn Kapiteln und einem breiten Spektrum von Leben in Alterseinsamkeit über Schulwandertage und Kindergartenkinder bis zum Konsumkonformismus. Eingefügt sind 26 als Ethnologie des Inlands bezeichnete Kurztexte, die vor allem visuelle Alltagseindrücke versprachlichen und reflektieren (dabei auch konstrativ gelegentlich systemdissente humane Alltagsgesten ansprechen). Auch GE erschließt sich (wie jeder neue Mensch) vor allem mit den Augen die Welt ...

Gelegentlich blickt GE auch übern Zaun vieler Individualitäten und erinnert mit R. K. Merton an den soziologischen Anomietyp des abweichenden Konformisten. Jugendliche "Konsumkrawalle" sind nicht nur abweichendes Verhaltens, sondern auch devianter Konformismus. Diesem fehlen allein die gesellschaftlich vorgegeben Mittel zur Bedürfnisbefriedigung. Weshalb Gruppen in Bandenform organisiert plündern - etwa als Beute Elektrogeräte, Turnschuhe, Bildschirme, Smartphones, Süßigkeiten: "Wenn die Teilnahme am Konsum mehr und mehr über die Zugehörigkeit zur Gesellschaft entscheidet, gehört, wer bestimmte Dinge nicht vorzeigen kann, eben nicht dazu. Die Jugendlichen holen sich die Dinge nun auf ihre Weise."

Analog zum ersten ist auch der zweite Band mit seinen sieben Abschnitten und 29 Inlandsethnologien angelegt. Jedoch erheblich besser gegliedert, durchstruktuiert (auch lektoriert?), mit (unvollständigem) Namensregister, augenfreundlicher gesetzt. Er enthält drei bereits in Bd. 1 gedruckte Kurztexte. Und in den letztbeiden Abschnitten von Bd. 2 auch einige erfahrungsgesättigte, zum Nachdenken anregende Aufsätze, etwa zur Lebenswelt von Berufseinbrechern und Therapie gefangener Männer als Einblicke in Bereiche der versteckten Gesellschaft (im Sinne von Vilhelm Auberts "hidden society”).

Abschließend drei Kritikpunkte - sprachlich, wissenschaftlich, politisch:

-Auch GE floskelt von Wir (bzw. uns) und Wir alle. Das wirkte auf mich zunächst abstoßend. Zwei Wirvarianten werden freilich aufgelöst: Das einfache Wir läßt sich auf "die Bürger eines dem Anspruch nach  demokratischen Gemeinwesens", dem sich GE zugehörig fühlt, beziehen. Beim bombastischen Wir alle verweist GE auf die auch von Peter Brückner vertretene Demoskopeneinsicht: "Was für alle gilt, gilt nicht für jeden" (vulgo: Alle, nicht jeder). Andere von GE benützte Wirvarianten sind als gedankenlose Worthülsen überflüssig.

-Das Problem der Vermitlung von der großen globalen Welt der Wenigen oben in die kleine Lebenswelt der Vielen unten wurde schon Anfang der Nullerjahre kritisch bemerkt (R. Albrecht, Nur ein "Amokläufer"? In: Recht und Politik, 38 (2002) 3: 143ff.; http://www.gabnet.com/pol/richard-albrecht-bonn-zeitdiagnose.htm) Es ist auch hier nicht gelöst (s. Th.W. Adorno, Wozu noch Philosophie 1962). Mittels Anschauung und durch Zurechnung geht es nicht. So anregend GEs Hinweise zum Identitätstyp als Grundthese auch sind - sie bleiben feuilletonisches Stückwerk, damit (sozial)wissenschaftlich beliebig.

-Politisch wirkt die postadornietische Ausrichtung einer Ökonomie des Glücks hilflos. Deshalb als Ausblick im politdiskursiven Sinn ein aktuelles, auf die Gegenwartslage in der Neu-BRD bezogenes, Zitat zum möglichen nächsten Schritt (analyse & kritik, 16. Mai 2017): "Das Ziel einer Neuen Klassenpolitik besteht darin, Erfahrungen zu bündeln, und aufzuzeigen, dass trotz geschlechtlicher, ethnischer oder nationalstaatlicher Grenzziehungen überschneidende Interessen bestehen, gemeinsame Kämpfe möglich sind und erfolgreich sein können."

 

*) Götz Eisenberg: Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus. Band 1: Zwischen Amok und Alzheimer. Frankfurt/Main: Brandes & Apsel, 3. korrigierte Auflage 2016, 289 S., ISBN 978-3-95558-108-4, 24.90 €. Band 2: Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst. Gießen: Edition Georg-Büchner-Club, 2016, 317 S., ISBN 978-3-9818195-1-9, 24.90 €.

 

Dr. Phil R. Albrecht, Freier Autor, Bad Münstereifel. Kultur- und Sozialwissenschaftler, Mitarbeiter des Linzer Fachmagazins soziologie heute. Letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren (2011). BioBibliographie (2015) http://wissenschaftsakademie.net







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