Asta Uni Göttingen kritisiert Umgang mit der „Weihnachtspausen“-Idee von Wissenschaftsminister Thümler

31.07.22
KulturKultur, Niedersachsen, TopNews 

 

Von Asta Uni Göttingen

In einem Statement Ende vom 21.07.2022 [1] sprach sich der niedersächsische Wissenschaftsminister Björn Thümler in Reaktion auf die Gaskrise für eine verlängerte „Weihnachtspause“ an Universitäten aus. Das Fehlen eines Konzepts zur Umsetzung findet der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Uni Göttingen allerdings alles andere als festlich.

Der Vorschlag, vier weitere Wochen vermeintliche Pause einzulegen, kommt schließlich nicht ohne Konsequenzen. Thümler zieht sich gekonnt aus der Affäre, einen durchdachten Vorschlag zur Problemlösung zu unterbreiten, indem er von „größtmöglicher Freiheit“ für die Hochschulen in der Umsetzung des Vorschlags spricht. Die Frage, was mit den vier Wochen entfallener Lehre passiert, lässt er ungeklärt.

Diese werden aber natürlich nicht einfach wegfallen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die verpasste Vorlesungszeit entsprechend an das Ende des Semesters gehängt wird. Eine solche Handhabe bürgt jedoch große Nachteile für Studierende. Zunächst gibt es in vielen Studiengängen Pflichtpraktika, die für die vorlesungsfreie Zeit vorgesehen sind. Diese können nicht einfach flexibel um ein paar Wochen verschoben werden - oft dauert der Bewerbungsprozess mehrere Monate und die Plätze sind stark umkämpft. Studierende haben hier nicht die Möglichkeit, den Winter abzuwarten, um sich dann spontan einen Platz zu einem bisher nicht festgelegten Zeitraum zu suchen. Praktika parallel zu den Vorlesungen zu absolvieren ist jedoch aufgrund der dadurch entstehenden Mehrbelastung ebenso wenig eine Option, wie eine Verkürzung der Praktikumszeit, unter der die ohnehin schon knapp bemessene praktische Ausbildung im Studium stark leiden würde.

Ein weiteres Problem stellt die Prüfungsphase dar: Verschiebt sich diese - ähnlich wie es an vielen Universitäten auch während der Corona-Semester wiederholt passiert ist - nach hinten, so verkürzt sich auch die Zeit, die für die Erstellung von Hausarbeiten vorgesehen ist. Das wäre für Studienfächer mit einer hohen Dichte an asynchronen Prüfungsformen katastrophal, denn die Arbeiten können nicht
einfach in der Winterpause – möglicherweise ohne Zugang zu den Universitätsbibliotheken – vorbereitet und erstellt werden.

Hinzu kommt, dass die vorlesungsfreie Zeit zwischen den Semestern von vielen Studierenden gebraucht wird, um Geld für das nächste Semester zu verdienen. Es ist nicht unüblich, dass Studierende während der “Semesterferien” lukrative Student*innen-Jobs annehmen, damit sie sich das Studium überhaupt leisten können.

Hier zeigt sich ein weiterer Konfliktpunkt im Kontext einer Winterpause. Die eigentliche Idee hinter der Lehrunterbrechung ist schließlich, dass Heizkosten reduziert werden sollen, indem die Uni während der kältesten Zeit des Jahres geschlossen bleibt. „Was hier passiert, ist bloß eine Verlagerung der Kosten in die Privathaushalte. Diese Verlagerung ist an sich schon abzulehnen. Verschärft wird die Situation jedoch durch die Argumentation, dass man so eine erneute Distanzlehre und die damit verbundenen Belastungen umgehen könne. Eine Winterpause bedeutet auch Distanz – nur eben ohne Lehre. Die psychosoziale Belastung wird dadurch nicht reduziert, sondern im Zweifel sogar verstärkt. Schließt man die Uni, so schließt man auch einen sozialen Lebensraum. Und fällt die Lehre aus, so nimmt man den Studierenden zusätzlich die Sicherheit eines geregelten Tagesablaufs und verstärkt die Belastung zum Ende des Semesters“ erklärt Ann-Julie Blume, Sozialreferentin des AStA Göttingen.

Hier treten auch die Lücken in Thümlers Argumentation hervor, der sich zwar für die Einstellung des Lehrbetriebs ausspricht, auf der anderen Seite aber verspricht, dass die Studierenden während der Winterpause „in der Universität sein können und es da auch warm haben“ sollen. Wenn die Unis aber warm bleiben, dann braucht die Lehre auch nicht eingestellt werden.

Thümlers Strategie, beziehungsweise der Mangel daran, zeigt eine Mischung aus Unwissenheit über die Lage und Belange von Studierenden im Land und der fehlenden Bereitschaft zu einer klaren Positionierung. Der „Kompromiss“, den Thümler vorschlägt, vermeidet eine Aussage über die finanziellen Hilfen für Hochschulen im Falle eines vollständigen Präsenzsemesters genauso wie eine Befürwortung der Distanzlehre. Diese Inkonsequenz, die durch die kommende Landtagswahl im Oktober bedingt sein mag, wird entgegen seiner Behauptung zweifellos zulasten der Studierenden gehen, die wieder mal unter der Sparpolitik des Landes leiden müssen.

Auch die Aussage des Präsidenten der HRK, Peter-André Alt, ist außerordentlich kritisch zu bewerten. Dieser hatte in einer gemeinsamen Pressemitteilung von HRK und DSW behauptet, dass man „Corona könne“, jetzt müsse man „die Heizfrage lösen.“

Angesichts dessen, wie die pandemisch betroffenen Semester für Studierende verlaufen sind, ist dieses Eigenlob unangemessen und auch die gegenwärtige Handhabung ist für Risikopatient*innen nach wie vor gefährdend. Es ist also zu hoffen, dass der Umgang mit Corona keine Schlüsse auf den Umgang mit der Energiekrise seitens der Hochschulen und des Ministeriums zulässt. Ohne ein klares Konzept werden die Hochschulen mit der Umsetzung der Winterpause alleingelassen, was zwangsläufig zu einer asynchronen Handhabung und zur Benachteiligung vieler Studierender führen wird. Thümler scheint die Komplexität der Herausforderungen einer Winterpause stark zu unterschätzen. Der AStA der Uni Göttingen befürchtet, dass die negativen Konsequenzen dieses ungeschickten Manövers vor allem die Studierenden in sozial prekären Lagen treffen werden.
„Deshalb muss es eine einheitliche Lösung geben und es muss diese Lösung jetzt geben“ fordert Till Hampe, Außenreferent des AStA. Weiter sagt er: „Die verantwortlichen Entscheidungsträger*innen wissen, dass die Gasknappheit im Winter zu einem Problem werden wird, das zu aktivem Handeln zwingt. Jetzt erneut zu warten, bis nicht mehr agiert, sondern nur noch reagiert werden kann, wäre eine Wiederholung der Fehler, die bereits im Umgang mit der Pandemie gemacht worden sind. Wir fordern das Land Niedersachsen und Thümler daher dazu auf, sich nicht vor der Verantwortung zu drücken, sondern einen Plan zu entwickeln, der das kommende Semester für alle Studierenden in Niedersachsen
planbar und studierbar macht.“

[1] https://www.spiegel.de/start/gasmangel-laengere-weihnachtspause-hochschulen-unis-moeglich-a-611e82f8-e76d-48ab-9604-6d3d5dc0a08e-amp







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