Welttag der Poesie im Berliner Stadtbezirk Steglitz – Zehlendorf


Man beachte: Pegasus, das Wappentier aller Dichterinnen und Dichter, reitet nach links. Bild: Pearson Scott Foresman, Wikimedia Commons

09.05.18
KulturKultur, Berlin, TopNews 

 

Essay von Antonín Dick

Zum Welttag der Poesie wurde der Frühlingsanfang, der 21. März, ausgerufen. Auf Beschluss der UNESCO wird dieser Tag seit 2000 jedes Jahr weltweit gefeiert. Der Welttag der Poesie soll an den Stellenwert der poetischen Wirklichkeitsaneignung, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern. Die Generaldirektorin der UNESCO Irina Bokova führte dazu aus:

„As a deep expression of the human mind and as a universal art,   poetry is

a  tool   for  dialogue and   rapprochement.     The   dissemination  of poetry

helps    to promote  dialogue   among   cultures and understanding between

peoples,  because it gives access to the authentic expression of a language.”

 

Den ganzen vorhandenen, auch international vorhandenen sprachlichen Reichtum zu fördern, sollte  eine kulturpolitische Aufgabe ersten Ranges auch in  unserem schönen Stadtbezirk von Steglitz–Zehlendorf von Berlin sein. Aktuell leben in Steglitz–Zehlendorf über 1300 Flüchtlinge, die hier vereinzelt oder in Familien Zuflucht vor Krieg und Terror gefunden haben. Nach 1945 kam meine Mutter,  mich, ihr kleines Kind, an  der Hand, aus dem englischen Exil, wohin die Nazis sie aus rassischen und politischen Gründen vertrieben hatten, nach Berlin-Zehlendorf. Wir kamen geradewegs aus einem Camp for displaced Persons, in dem der Typhus wütete, aus dem ehemaligen Außenlager des KZ Buchenwald Schönebeck an der Elbe, in dem die Insassen teilweise noch in Nazi-Häftlingsfetzen herumliefen. Von unserer weitverzweigten jüdischen Berliner Familie fanden wir kein einziges Mitglied.  In den Vermisstenlisten stand „verschollen“. So wuchs ich ohne Familie hier auf. Die British Military Government half uns bei der Wohnungsbeschaffung in der zerstörten Stadt.

Ich konnte kein Wort Deutsch. Fünf Wochen vergingen, und ich beherrschte  die deutsche Sprache, um mit den hiesigen Kindern konkurrieren zu können.  Die deutschen Kindergärtnerinnen wollten eigentlich von mir Englisch lernen.  Ich verweigerte mich und forderte stattdessen von ihnen,  ihre Deutschkenntnisse herauszurücken. Wohl oder übel fügten sie sich dem  Emigrantenkind, und so lernte ich Deutsch, allerdings ihr Deutsch,   das Deutsch des ausgehauchten Dritten Reiches. Aber ich zeichnete damals viel und kritzelte massenweise deutsche Laute wie verrückt aufs Papier, um mich vor  ergrautem Reichsdeutsch zu schützen. Und nicht nur auf Schreibpapier. Sogar Schrift  aus farbiger Knete, an zarte Blümchentapeten gedrückt, gegen Nazis gerichtete Kindergedichte  nach Art der  ROSTA-Fenster von  Majakowski mit Hammer und Sichel,  versetzt mit jüdischen Symbolen, die ich mir aus den Lebensmittelpaketen der jüdischen Flüchtlingshilfe zusammenklaubte.

Und heute?  Ich  schaue interessiert auf die Forscher und Wissenschaftler von Silicon Valley, die exklusiven Arbeitssklaven der Giganten der Informationstechnologie, die plötzlich zu Kindern werden, zu analog Vorgehenden, denn spontane Gefühle lassen sich nicht digitalisieren, und Fundamentalkritik an einer drohenden Weltherrschaft mittels Besitz von  Daten üben: bunt bemalte Holztäfelchen legen sie  und fotografieren sie und stellen sie ins Netz, und zwar so, dass das Bild von Hammer und Sichel entsteht – das Symbol für eine Welträtedemokratie.         

Wir leben im Zeitalter des Verschwindens von Gefühlen. So wie tagtäglich etliche Tier- und Pflanzenarten von der Erde verschwinden, so verschwinden tagtäglich etliche Gefühle, Zwischentöne von Gefühlen, Träume, Tagträume und Aufschwünge und Abwärtsbewegungen                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 von Halluzinationen und Wahnvorstellungen aus unserem Bewusstsein.  Und so wie wir Biotope und Naturparks anlegen und wilde Wälder zulassen, so sollten wir Sprache und Dichtkunst bewusst Raum zum Wachsen geben, die elende Sprache der emotionalen Monokultur aufbrechen, die dichterischen Versuche der Neuankömmlinge an diesem Welttag der Poesie willkommen heißen, auch die der Underdogs und Ausgeschlossenen, die schon immer hier leben, auch die  der sogenannten Abschiebeflüchtlinge, auch die der Papierlosen, die aller Fremden, gleichgültig aus welchem Land oder Status.  Hier ein Beispiel von vielen, vielen dichterischen Versuchen von heutigen Emigranten:

 

Die

von Kathleen Posvic

 

Die, die die

Foren befüttern mit

Mimimi

Die, die die

Höflichkeit degradieren zum

Chichi

Die, die die

Fehler beim Anderen suchen:

Sie! Sie! Sie!

Die, die die

Flüchtenden fragen

Wie? Ihr? Hier?

 

Ihr raubt mir meine Energie

Ich habe eine Allergie

Gegen diese Werte-Piraterie

Gegen eure totalitaristische Fantasie

 

Demagogie und Xenophobie

gehören zu jenen Modi

des Zusammenlebens,

unter denen niemals jemand gedieh

Schau hin! Sieh! Sieh!

Sagen sich die Kinder der Demokratie

Menschenrechte sind nie

Chichi

Unsere Auflehnung gegen Eure Hysterie

ist kein Mimimi

 

(Statt Wir und Die zu postulieren,

einer imaginären Dichotomie zu frönen,

befassen wir uns lieber ein wenig mit Anthropologie:

Der Mensch ist da, ist hier

ein Konglomerat aus Anatomie, Biochemie, Psychologie.

Ein Genie? Eine Kopie?

In jedem Fall recht soziophil

und bedarf der Harmonie

oder zumindest der Sicherheit.

Ist diese sehr labil,

sagt er zu sich selbst: Ich flieh!

Und ihr sagt daraufhin: Wie? Ihr? Hier?

Frei von Mitgefühl und Empathie,

von Wissen, Weitsicht und gutem Stil.) *

 

Alle Bewohner des Bezirks sind aufgerufen, auch die Obdachlosen, so mein Vorschlag, sich aktiv am Welttag der Poesie zu beteiligen. An diesem 21. März, am Tag des Frühlingsanfang, des Aufbruchs der Natur,  sind wir alle Kinder des Wortes, Dichterinnen und Dichter, alle, Einheimische wie Flüchtlinge, und jeder erhält die Chance, ein selbstgefertigtes Gedicht im öffentlichen Raum zu veröffentlichen, auf Arabisch, auf Deutsch, auf Englisch, auf Iwrit, auf Kurdisch,  auf Persisch, auf Polnisch,  auf Russisch, auf Serbokroatisch, auf Türkisch, auf Straßen und auf Plätzen, an Häuserwänden und an Straßenbäumen,  an Laternenpfählen und  an Rettungssäulen, an Gerüsten und an Bretterverschlägen,   an Briefkästen und an Bushaltestellen, an Lichtermasten und  an Fahnenstangen, an Clubeingängen und an Abrisshäusern, an  Bibliotheken und an Klassenzimmern, an Wartehäuschen und an Friedhofsmauern, an Hörsälen  und an Parlamentsgebäuden, an  Flüchtlingsheimen und an Kirchen, an Bahnhofshallen und an Bürgerämtern, an Spielcasinos  und an Stadiontafeln,  an Brücken und  an Brückenpfeilern, an Schornsteinen und an Werkseingängen.  Und am Abend des 21. März finden  überall im Stadtbezirk Lesungen, Diskussionen, Dichterimprovisationen und Dichterfeste statt, und in den südwestlichen Abendhimmel von Berlin steigen mit Versen bemalte Luftballone auf.

Natürlich muss man diesen kommenden Welttag der Poesie im Stadtbezirk Steglitz-Zehlendorf von Berlin gründlich vorbereiten, damit er vom Erfolg gekrönt sein wird  – deswegen diese Wortmeldung schon jetzt, zehn Monate vor dem 21. März 2019.

 

Poetry is a tool  for dialogue and  rapprochement. Menschen und  Sprachen kommen zusammen.  Wie ich dies gerade schreibe, erinnere ich mich meines  allerersten Gedichts,  das ein  Ein-Wort-Gedicht war, aus dem Augenblick heraus geboren, das ich dann voller Stolz auf den Zehlendorfer Straßen sprach, das Gedicht eines Fremden, eines jüdischen Flüchtlingskindes, das Orientierung suchte, Kommunikation, das Gedicht nur sprechen konnte, voller Wonne sprechen konnte, weil das Kind noch nicht schreiben konnte, und  jetzt erstmals zu Bleistift und Papier greift, um das Gedicht zu veröffentlichen:  Erzählendorf.

 

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*  siehe: www. literatpro.de / gedicht/ 100318/de







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