Neuerscheinungen Sachbuch

03.07.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Katrin Suder/Jan F. Kallmorgen: Das Geopolitische Risiko. Unternehmen in der neuen Weltordnung, Campus, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-593-51558-8, 28 EURO (D)

Geopolitik gewinnt für Unternehmen zusehends an Bedeutung, das beste Beispiel ist der Überfall Russlands auf die Ukraine und die Gefahr eines Weltkrieges. In diesem Buch wird die Wichtigkeit betont, diese externen Faktoren zu berücksichtigen, wie sie in das eigene Geschäftsmodell eingebaut werden kann und wie diese gestaltet werden können.

Einen Schwerpunkt nimmt das EGS- Modell (Environment Social Governance) ein. Der erste ist der Verantwortungsbereich der Unternehmen für die Umwelt. Dieser Bereich umfasst die Aspekte der Umweltverschmutzung, der Energieeffizienz, der Artenvielfalt oder den Treibhausgasemissionen. Der zweite die soziale Verantwortung von Unternehmen, Dies umfasst den Umgang mit Mitarbeitern und Arbeitsschutz, den demografischer Wandel, Gesundheit, Ernährung und Menschenrechte. Der dritte Aspekt beinhaltet die Grundsätze guter Unternehmensführung. Hier wird eine nachhaltige Unternehmensführung thematisiert, in der die Schwerpunkte der Unternehmenswerte, Unternehmenssteuerung und der Kontrollprozesse enthalten sind.

Die Globalisierung und die zunehmende Technisierung, die Rivalität zwischen den USA und China, das sich immer eigenständiger verstehende Europa, die Digitalisierung, die wachsende Rolle der KI und der sich rasant vollziehende wirtschaftliche Wandel sind ebenfalls Themenbereiche.

Weiterhin gibt es Ausführungen zu Szenarien im Zusammenhang mit der Unterbrechung von Lieferketten, geopolitische Risiken im Kontext von Handelsrestriktionen, der Energieversorgung im geopolitischen Kontext sowie die massive Zunahme geopolitisch motivierter Cyberattacken.

Zum Abschluss gibt es ein Kapitel, dass und wie Unternehmen politischer werden. Hier werden Optionen, Handlungsempfehlungen und Beispiele genannt. Wie ein Geopolitik- Upgrade, um potentielle Auswirkungen globaler politischer Entscheidungen auf das eigene Geschäftsmodell frühzeitig zu erkennen. Oder die Evaluierung der eigenen Struktur oder Organisation, ob diese krisensicher und handlungsfähig sind. Weiterhin gibt es Tools für erfolgreiches Risikomanagement mit Checkliste, die konkrete Planung einer Strategie, um Risiken in den Griff zu kriegen und die Option des Chief Geopolitical Officers oder Chief Digital Officers. Oder die Unternehmenschefs müssen selbst politischer werden.

Die Feststellung, dass es „höchst unternehmensrelevant, wenn nicht existenzsichernd“ (S. 216) sei, sich politischen und geopolitischen Fragen zu öffnen, ist richtig. Politische Risiken müssen in die Managementprozesse einfließen, das geschieht aber noch viel zu wenig.

Das Buch zeigt, wie globale Unternehmen mit politischen Risiken umgehen können, und skizziert mögliche Handlungsoptionen. Die Zahl der Beispiele oder Tools könnten sicherlich noch erweitert werden, während ein Bewusstsein dafür, dass Verständnis und Management politischer Risiken Teil der eigenen Strategie sein sollte, mehr als deutlich geweckt wird.


Buch 2

J. Michael Mehltretter (Hrsg.): Armbanduhren. Technik, Funktion und Bewertung. Das Handbuch für Sammler und Experten, Motorbuch Verlag, Stuttgart 2021, ISBN: 978-3-613-04425-8, 69 EURO (D)

Der Uhrenexperte und Maschinenbauingenieur J. Michael Mehltretter führt zusammen mit Gastautoren ein in die Geschichte und Technik von sieben Schweizer Uhrenmarken mit exklusiven Fotografien. Unabhängig von den Herstellern hat er fundierte Informationen gesammelt: Er gibt einen Leitfaden für den Erwerb edler Uhren, Kostenbeispiele für deren Revision und beschreibt die Wertentwicklung.

„Unabhängig von Uhrenmarke und Kaufpreis soll dieses Buch für alle Leser als eine fachlich tiefgreifende, verlässliche Informationsquelle dienen und zu einem gern benutzten Nachschlagewerk werden.“ (S. 16)

In der Einführung geht es um grundlegende Informationen über das Buch, Bewertung, anonymen Kauf von besonderen Armbanduhren zur Feststellung von Qualität und Präzision, Beschaffungswege, Armbanduhren als Wertanlage, Nutzwerk und möglichen Wiederverkaufswert.

Danach werden die Modelle von Marken einzeln vorgestellt: Audemars Piquet, IWC, A. Lange & Söhne, Patek Philippe, Rolex, Vacheron & Constantin. In den jeweiligen Kapiteln werden nicht nur alte, sondern auch einige neue Modelle vorgestellt, um eine Entwicklungsgeschichte der behandelten Marken zu geben.

Danach geht es um das Kaufen und Revidieren anhand von verschiedenen Beispielen, wo auch die Bezugsquellen genannt werden. Aus Gründen der Objektivität, um die alten mit neuen vergleichen zu können, hat Mehltretter eine anonyme Beschaffung neuer Armbanduhren vorgenommen.

Anschließend werden vier neue schweizerische Automatikwerke vorgestellt und mit früheren Werken verglichen. Die wichtigsten Kriterien dabei sind Konstruktion, Alltagstauglichkeit, Revisionsfreundlichkeit, Gangleistungen und innovative Neuerungen, Als Referenz dient das Automatikkaliber 3135 von Rolex.

Danach stehen drei aktuelle Chronografen auf dem Prüfstand, dabei dient das Kaliber 4130 von Rolex als Referenz. Weiter geht es mit edlen Sportuhren (Audemars Piquet Royal Oak, Patek Philippe Nautilus und Vacheron Constantin 222).

Zifferblätter werden danach einer detaillierten Analyse unterworfen: Schweizerische Hersteller, Design, Konstruktion, Materialien für die Herstellung, Herstellungsverfahren und Fertigungsablauf, verschiedene Zifferblätter und Aufdrucke werden dabei zuerst behandelt. Danach werden Zifferblätter von verschiedenen Marken untersucht und die Ergebnisse zusammengefasst.

Gerhard R. Thoma stellt danach genaue Richtlinien für die Berechnung der Gangleistung von Armbanduhren auf. Es folgt ein Aufsatz über technische Komponenten wie Konstruktion und Fertigungstechnik der Uhrwerke.

Danach geht es um Risiken und Chancen beim Kauf von alten Armbanduhren beim Antik-Uhren-Händler, bei nationalen oder internationalen Auktionen, auf Uhrenbörsen oder über das Internet. Zu Beginn gibt es eine genaue Checkliste für den Kauf.

Die fachgerechte Überholung wird aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet: der Marke Patek Philippe, beim Konzessionär und bei einem vertrauten Uhrmacher. Wert- und Wertsteigerungspotential von Uhren von Auktionshäusern, Uhrenbörsen, aus dem Internet oder bei privatem Kauf schließt das Buch ab.

Im Anhang gibt es noch ein Stichwortverzeichnis und Literaturhinweise.

Der Titel Armbanduhren ist etwas irreführend: Schweizer Armbanduhren wäre besser gewesen. Hier werden schwerpunktmäßig die Modelle der Marken Audemars Piquet, IWC, A. Lange & Söhne, Patek Philippe, Rolex, Vacheron & Constantin vorgestellt und beurteilt.

Dieses Buch richtet sich an Einsteiger, Fachleute, passionierte Sammler oder (potentielle) Investoren. Die als hochwertig angegebenen 700 Fotografien lösen diesen Anspruch ein und geben viele Details wieder.

Besonders für Einsteiger werden alle relevanten Informationen und deren Quellen kompakt dargelegt: Es wird also das notwendige Rüstzeug an die Hand gegeben, um sich selbst ein Bild über den Kauf und den höherwertigen Uhrenmarkt vornehmlich der Schweiz zu machen und auf dieser Basis die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

 

Buch 3

Jürgen Nebel/Nane Nebel: Die CEO Bewerbung. Karrierebeschleunigung ohne Netzwerk und Headhunter, 3., komplett überarbeitete Auflage, Campus, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-593-51544-1, 32 EURO (D)

Rund 80 Prozent aller vakanten Positionen werden unter der Hand besetzt - dies gilt gerade für die Positionen des oberen Managements. Die Karriereberater Jürgen und Nane Nebel haben eine Bewerbungsmethode entwickelt, um genau diesen verdeckten Stellenmarkt zu erschließen. Dies ist ein Praxisbuch entstanden aus der 15jährigen Beratungstätigkeit der Autoren innerhalb des C-Level-Stellenmarktes. Es ist geschrieben für Manager, die diese Hierarchieebene bereits erreicht haben und für diejenigen, die dorthin gelangen wollen.

Im ersten Kapitel geht es um eine Veränderung der Bewerbungsstrategie. Dies wird anhand von drei positiven Beispielen illustriert. Im ersten Praxisfall wird die Frage geklärt, welche Karrierechancen sich mit einer gezielten Initiativbewerbung eröffnen können. Daran wird gezeigt, dass man auch nach einer längeren Phase ohne Berufstätigkeit wieder ganz oben mitmischen kann. Der letzte Praxisfall zeigt, warum es darauf ankommt, die richtigen Entscheider anzusprechen.

Deutlich wird: Markttransparenz kann man nur durch Direktansprache derjenigen Unternehmen schaffen, die aufgrund von Branche, Größe, Standort in Betracht kommen. Dabei wäre es unerlässlich, in den Unternehmen die Entscheider anzusprechen.

Danach werden sieben Prinzipien genannt, die einzeln vorgestellt werden. Das erste sind Souveränität, Autonomie und Wahlfreiheit, die erreicht werden, wenn man die Zielgruppe genau definiert und aktiv richtig anspricht. Viele Initiativbewerbungen steigern dabei die Chancen.

Die Erfolgsdarstellung folgt danach. Langfristig entscheiden weder Fachkompetenzen noch Social Skills über Erfolg, sondern nur der Erfolg selbst. Beiträge zum Unternehmenserfolg sind daher breit darzustellen. Dies wird in vier Stufen der Erfolgsdarstellung illustriert.

Das folgende Prinzip Transparenz weist zwei Blickrichtungen auf: eine Innen- und eine Außensicht. Danach geht es um Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Authentizität. Dies richtet sich gegen das geläufige Prinzip: „Sie müssen sich gut verkaufen.“ Dafür werden drei Stufen, der Wahrheit näher zu kommen, vorgestellt.

Das Prinzip Emotionalität als lebendig erzählte Geschichte im Lebenslauf gewinnt eher die Aufmerksamkeit und Konzentration als nüchterne Formulierungen. Dies gilt ebenso wie ein Bewerbungsgespräch.

Das Prinzip Augenhöhe bei der Bewerbung und beim Gespräch durch Fragen, Formulierungen oder Kniffe wird danach präsentiert. Das letzte Prinzip Strategie wird anhand von kybernetischen Regelkreisen dargeboten.

Der folgende Teilbereich enthält eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, um den eigenen Lebenslauf neu entwickeln und strukturieren, damit er Wirksamkeit erzielt. Diese Anleitung wiederholt und präzisiert bereits gemachte Empfehlungen zum Lebenslauf und ergänzt die bereits gemachten Inhalte. Es wird empfohlen, sich mit dem Lebenslauf in einem zeitintensiveren Prozess zu beschäftigen. Die einzelnen Phasen werden vorgestellt.

Im Anhang gibt es ein Literaturverzeichnis, ein Register und Informationen über die Autoren.

Dieser Bewerbungsratgeber bringt mehrere Vorteile mit sich: Er basiert auf Erfahrungen der Praxis, bringt Bewerbern nicht blinde Unterordnung und Anpassung bei und rät davon ab, sich zu verstellen. Und er zeigt genau und präzise die Schritte für die Bewerbung auf. Soft Skills wie flexibles Denken oder Empathie werden leider viel zu gering eingeschätzt.

Insgesamt können die hier beschriebenen Methoden und Prinzipien nicht nur bei Spitzenbewerbungen eingesetzt werden, sondern auch bei anderen Leitungsebenen.


Buch 4

Julia Haes/Klaus Mühlhahn; Hongkong: Umkämpfte Metropole.Von 1841 bis heute, Herder, Freiburg 2022, ISBN: 978-3-451-39973-2 24 EURO (D)

Das Buch analysiert vor dem historischen Hintergrund den gegenwärtigen tiefgreifenden Wandel der Beziehungen zwischen China, Hongkong und der Welt.

Ab dem 18. Jh. versuchte der britische Imperialismus in Ostasien Fuß zu fassen. Hongkong wurde während des Ersten Opiumkrieges 1841 besetzt und durch den Vertrag von Nanking 1843 zur britischen Kronkolonie erklärt.

Der Vertrag regelte die Annexion von Hongkong, die Zahlung einer großen Summe als Kompensation, die Abschaffung der bisherigen Rechtspraxis in Handel und Diplomatie sowie die Freilassung aller britischen Staatsbürger in China sowie eine Amnestie für chinesische Kollaborateure.

Er war nicht nur ein Meilenstein für die Kolonialisierung Ostasiens und ein Beweis des imperialistischen Machtstrebens Großbritanniens sondern auch ein Menetekel für ein blutiges 20. Jahrhundert Chinas.

Für viele Chinesen war die britische Kolonie Zufluchtsort vor dem chinesischen Bürgerkrieg 1927 bis 1949. Im Jahr 1997 erfolgte die Übergabe der Staatshoheit an die Volksrepublik China. Mit über sieben Millionen Einwohnern und einem bedeutenden Wirtschafts- und Finanzsektor zählt Hongkong zu den bedeutenden Metropolen der Welt. 95 Prozent der Einwohner Hongkongs sind chinesischer Abstammung.

Seitdem ist Hongkong eine chinesische Sonderverwaltungszone unter Beibehaltung der Marktwirtschaft und hoher innerer Autonomie (Prinzip Ein Land, zwei Systeme). Dies wurde in der gemeinsamen Erklärung zu Hongkong vertraglich vereinbart.

Im Sommer 2019 brachen in der chinesischen Sonderverwaltungszone Massenproteste gegen die Peking-nahe Regierung unter Carrie Lam aus. Anlass war ein vorgeschlagenes Gesetz, das unter anderem Auslieferungen von Häftlingen an die Volksrepublik ermöglichen sollte. Die Gegner dieses Gesetzesentwurfs befürchten, dass damit das weitgehend unabhängige Rechtssystem Hongkongs ausgehöhlt würde.

Die Eckdaten der Geschichte Hongkongs werden hier fundiert dargestellt, mit dem Schwerpunkt auf die neueren Entwicklungen.

Dass hier ausschließlich die Perspektive der westlichen Staaten und den politisches und wirtschaftliches Modell zum Tragen kommt, ist nicht anders zu erwarten. Dennoch ist das Buch etwas differenzierter als andere, es zeigt aus historischer Perspektive die enge kulturelle, mentalitätsgeschichtliche und geistige Verbindung zu China auf.

 

Buch 5

Dan McCrum: House of Wirecard. Die ganze Geschichte, Econ, Berlin 2022, ISBN: 978-3-430-21064-5, 25 EURO (D)

Der Fall Wirecard ist der wohl größte Skandal der Dax-Geschichte. 1,9 Milliarden Euro sind verschwunden. Der langjährige Konzernchef Braun sitzt in Haft, Ex-Vorstand Jan Marsalek ist auf der Flucht. Aktionäre haben Milliarden in den Sand gesetzt.

Die britische Zeitung Financial Times ermittelte schon seit 2015 gegen Wirecard und brachten Beiträge über den Konzern, Hinweise auf Bilanzfälschungen, verdächtige Geldströme und Manipulationen. Diese waren öffentlich einzusehen. Wirecard wies die Vorwürfe als Geschäftsschädigung und Diffamierungen zurück. Der Konzern ging auch gegen Reporter der Financial Times gerichtlich vor. Der Vorwurf war neben Rufschädigung, das Offenlegen von vermeintlichen Geschäftsgeheimnissen und Verbreitung von Lügen. Es wurde ein hoher Schadensersatz gefordert, wenn diese Behauptungen nicht zurückgenommen werden. Dabei ging es nicht um die Forderungen an sich, sondern es war ein Mittel, die Journalisten zum Schweigen zu bringen und einzuschüchtern.

Diese Form der Einschüchterung besaß offenbar Methode: Reporter der Financial Times wurden zum Ziel von perfiden psychologischer Angriffen. Das Buch zeigt die schmutzigen Tricks, die diese Unternehmen bei Kritikern anwenden.

Wirtschaftsprüfer und Finanzaufsicht schauten offenbar jahrelang nicht genau hin oder wollten das nicht. Es zeigt auch die Lücken im Strafrecht für Unternehmen in der BRD schonungslos auf.

Das Buch liest sich wie ein spannender Wirtschaftskrimi, leider ist dies real. Ein Buch, das Insidergeschichten und strukturelle Verbindungen aufdeckt. Das Buch wirft ein Licht darauf, was in scheinbar Vorzeigeunternehmen wirklich vor sich geht, ohne dies zu verallgemeinern.

Was jedoch stört: Nicht McCrum alleine hat den Wirecard-Skandal aufgedeckt, sondern ein Team von Reportern. Weniger Selbstgefälligkeit und mehr Zurückhaltung wäre angebracht.

Wie konnte es zu dem Skandal kommen? Der Verweis auf die autokratischen Machenschaften der Geschäftsführung reicht aber nicht aus. Die Beteuerungen von führenden Mitarbeitern, von nichts gewusst zu haben, klingen so, als wollten sie nicht mehr wissen. Solche Geschäftspraktiken hätten vielleicht durch ein Konzept des lean managements verhindert werden können. Auf jeden Fall durch mehr Transparenz der Entscheidungswege und starken Gewerkschaften mit Kontrollmandat.







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