Neuerscheinungen Sachbuch und Kulinarik

15.05.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Alexander Pinwinckler/Oliver Rathkolb (Hrsg.): Die Internationale Stiftung Mozarteum und der Nationalsozialismus, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2022, ISBN: 978-3-7025-1022-0, 49 EURO (D)

Die aus dem 1841 gegründeten Dommusikverein und Mozarteum hervorgegangene Internationale Stiftung Mozarteum in Salzburg gilt seit 140 Jahren als führende Kulturinstitution weltweiter Mozartpflege. Auf der Grundlage erstmals ausgewerteter Quellen beleuchtet dieser Band die Aktivitäten der Stiftung Mozarteum unter ihrem Präsidenten Albert Reitter während der NS-Zeit. Dabei soll „nicht endlich ein Schlussstrich“ gezogen werden, sondern „Entwicklungen in unserer Geschichte, auch der Nachkriegsgeschichte besser zu verstehen“ und „seriös und glaubhaft“ zu bleiben. (S. 10)

Der Band besteht aus Essays von Experten mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Zuerst beschäftigt sich Alexander Pinwinckler mit dem Leitungspersonal der Internationalen Stiftung Mozarteum. Er stellt einerseits die Biografien maßgeblicher Akteure vor, von denen die „Stiftung Mozarteum“ in der NS-Zeit und davor institutionell getragen wurde und andererseits die gesellschaftlichen Milieus, in denen die „Stiftung Mozarteum“ in Salzburg verankert war.

Danach untersucht Tobias Dubuch Gleichschaltung und Selbstverständnis der (Internationalen) Stiftung Mozarteum am Beispiel der Satzungsänderungen der Jahre 1939 bis 1943. Die Satzung wurde nach dem „Führerprinzip“ umgestaltet und der antisemitische „Arierparagraph“ wurde eingeführt. Außerdem wurden die Mitglieder des Vereins zugunsten einer Führung durch den Gauleiter und durch den eingesetzten Präsidenten vollständig entmachtet.

Alexander Pinwinckler geht auf Albert Reitters Werdegang und politische Karriere ein. Er macht deutlich, dass Reitters problematische Rolle in der NS-Zeit lange Zeit keiner ausreichenden kritischen Auseinandersetzung unterzogen wurde. Oliver Rathkolb stellt die politischen Funktionalisierungen der Biografie und Musik Mozarts in Europa unter NS-Hegemonie und im Exil bzw. Widerstand dar. Mozarts Biografie als auch seine Werke wurden in vielen Fällen völlig aus dem jeweiligen zeitlichen und regionalen Kontext gelöst.

Danach folgen drei Artikel von Christoph Großpietsch. Im ersten geht es um die Idee von Erich Schenk einer zentralisierten Mozart-Forschung in Salzburg. Dessen Gremium wandte sich zum Teil früh dem Nationalsozialismus zu. Im zweiten Essay stehen die Mitglieder des Zentralinstitutes für Mozartforschung im Mittelpunkt. Im dritten Beitrag geht Großpietsch vor allem auf Erich Valentin ein, der 1939 zum Generalsekretär der „Stiftung Mozarteum“ berufen wurde.

Anschließend beschäftigt sich Ulrich Leisinger mit Erich Valentin und die gescheiterte Gesamtausgabe der Werke Mozarts, eine neue Gesamtausgabe der Werke Mozarts. Armin Brinzing skizziert dann die Bibliothek der Internationalen Stiftung Mozarteum und deren personelle und institutionelle Entwicklung. Werke von Komponisten jüdischer Herkunft wurden gezielt aus dem Bestand ausgesondert oder , wo dies aus inhaltlichen Gründen nicht zweckmäßig erschien, durch entsprechende Hinweise gekennzeichnet.

Derselbe Autor analysiert dann aktuelle Probleme der Provenienzforschung in der Bibliotheka Mozartiana. Es gibt keine Hinweise auf Erwerbungen aus enteigneten Sammlungen von Besitzern jüdischer Herkunft, es wurden jedoch in großem Umfang Musiksammlungen kirchlicher Institutionen vorgefunden.

Daran anschließend stellt Christoph Großpietsch Probleme der Provenienzforschung für den Zeitraum von 1931 bis 1991 dar. Er kann nachweisen, dass zwar bei den wenigen exemplarisch untersuchten Objekten keines bedenklich ist, aber ein Raubkunstanteil vorhanden sein kann, das es keine durchgängigen Inventarisierungsakten gibt.

Weiterhin geht Sabine Gregor-Amantshauser der Frage nach, wie sich die „Stiftung Mozarteum“ in der Ausstellungspolitik der Nationalsozialisten positionierte. Sie war mit ihren wertvollen Bilder- und Autografensammlungen besonders im Mozart-Gedenkjahr 1941 gefragte Leihgeberin bei den der NS-Propaganda dienenden Mozart-Ausstellungen in München, Prag und Wien.

Zum Abschluss führt Christoph Großpietsch aus, dass Alfred Haidl, dem langjährigen Sekretär der (Internationalen) Mozart-Gemeinde kurz vor Kriegsende eine bedeutende Rolle in der Internationalen Stiftung Mozarteum zukam und er nach Kriegsende die 1948 erfolgte Neukonstituierung des Vereins mit Teilen der früheren Vereinsspitze vorbereitete.

Wichtige Thesen sind:

Es gab ein überdurchschnittlich angepasstes Verhalten führender Akteure und Mitarbeiter der Stiftung während der NS-Zeit. Sie trugen den gleichermaßen romantisierenden wie martialischen Geniekult der Nationalsozialisten bereitwillig mit. Die Stiftung profitierte von der NS-Kulturpolitik, die Mozart als Heroen des „arischen Deutschtums“ umdeutete. Nach 1945 gab es den Versuch von maßgeblich Verantwortlichen, ihre eigene Rolle in den Jahren davor kleinzureden.

Der Band gewinnt dadurch Glaubwürdigkeit, dass (unabhängige) Historiker, die vom Präsidium der Stiftung Mozarteum damit beauftragt wurden, die NS-Verstrickungen aufzuarbeiten und dass die benutzten Materialien digitalisiert und damit transparent der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Nicht alle Aufarbeitungsversuche anderer Institutionen oder Firmen haben diese Konstellation.

Dennoch stellt sich die Frage: Warum gab es erst jetzt diese notwendige Aufarbeitung? Besser spät als nie, aber zeitliche Versäumnisse muss sich das Präsidium schon gefallen lassen.


Buch 2

Thomas A. Vilgis/Katharina Pflug/Manuel Kohler: Der Genussforscher. Mit ungewöhnlichen Rezepten zu ungeahnten Geschmackserlebnissen, Ars vivendi, Cadolzburg 2022, ISBN: 978-3-7472-0297-5, 38 EURO (D)

Thomas A. Vilgis forscht auf dem Gebiet der weichen Materie und leitet die Arbeitsgruppe Soft Matter Food Physics, die physikalische Aspekte des Essens hinsichtlich der Zutaten und Zubereitung untersucht. Mithilfe verschiedener Garmethoden will er unentdeckte Geschmackserlebnisse aus den Lebensmitteln herauskitzeln. Das Buch will helfen, Alltagsküche neu zu konzipieren und sowohl altbekannte als auch ungewöhnliche Zutaten zu neuen Geschmacksinspirationen zu kombinieren.

Die Rezepte werden anhand von Spektralfarben unterteilt, die Lebensmittel gruppieren. Dabei legen die Geschichten der Einführungstexte die Farben fest – oft übereinstimmend mit den relevanten und geschmacksgebenden Grundprodukten. Die Saison wird jeweils auf den geraden Seiten oben und unten bei den Rezepten genannt, der Charakter der Rezepte auf den ungeraden, wobei die Grenzen fließend sind. Zu jedem Rezept gibt es einen Extra-Tipp.

Im ersten Kapitel „Weiß und Silber“ werden Rezepte wie Rettich zwischen roh und gekocht mit Ziegenkäsesauce und Karottenpüree oder Klippfisch am Spieß vorgestellt. Anschließend folgen schwarz-hellbraune Grundprodukte und Rezepte wie Honigmelone mit Holunderbeeren oder Knusperhirsch mit Dippanierung und Kartoffelschmalzpüree.

Bei dunkelviolett und rosa gibt es Rezepte wie Dry-Aged dried beef und Blutgewürz oder Erdbee-Tomaten-Gazpacho zu entdecken. Das folgende Kapitel „Kupfer-Creme“ bietet zum Beispiel belegten Kartoffelpudding auf Emmentalerbrühe oder Forellentatar mit Sauce grenoble-mentoise. Grün-Blaue Grundprodukte und Rezepte wie sommerliche Kaffee-Bohnen auf Karottengrünpüree und Kaffee-Bohnensahne oder Grünkohl mit Lachs und Backerbsen.

Im Anhang gibt es noch ein Register.


Hier werden innovative Rezepte und dazugehörige Informationen von hoher Qualität vorgestellt. Geschmack und Aromen stehen dabei im Vordergrund, es ist eher für Feinschmecker mit Lust zum Experimentieren und neuen Geschmackserlebnissen geeignet. Die Rezepte haben saisonalen Charakter und reichen von konventionell mit Fleisch über vegetarisch und vegan. Also eine gute Bandbreite, wo es für jede kulinarische Richtung, die hochwertige Küche bevorzugt, etwas gibt.

 

Buch 3

Nicklas Brendborg: Quallen altern rückwärts. Was wir von der Natur über ein langes Leben lernen müssen, Eichborn, Köln 2022, ISBN: 978-3-8479-0104-4, 22 EURO (D)

In diesem Sachbuch beschäftigt sich Nicklas Brendborg, Molekularbiologie an der Universität Kopenhagen, mit der Wissenschaft des Anti-Aging und stellt die Frage, wie Menschen möglichst lange ein gesundes Leben führen können. Konkret bedeutet das: Wie funktionieren die Altersmechanismen? Wie können wir sie verlangsamen?

Im ersten Teil nimmt er Anleihen an die Wunder der Natur. Wie der Titel suggeriert geht es um Quallen, die sich zurückentwickeln, und um andere Tiere wie Elefanten oder Haisorten, die Generationen von Menschen überleben. Auch die Lebensdauer von Bäumen wird dabei herangezogen. Er nennt erstaunliche Gemeinsamkeiten mit menschlichem Leben und geht auch auf theoretische Lebenszyklen von Menschen ein.

Im zweiten Teil geht es um die Geschichte der Forschung in Bezug auf die Verlangsamung von Altersprozessen. Nach Leitlinien wird die moderne Forschung kritisch in den Blick genommen. Dabei werden verschiedene Forscher und ihre Theorien vorgestellt und wie sie durch Weiterentwicklungen revidiert wurden. Dieses Kapitel ist nicht leicht zu lesen, das es um Genetik, Mikrobiologie und Chemie geht.

Der dritte Teil umfasst einerseits die Behandlung und Prävention von häufigen Krankheiten. Weiterhin wird auf die Bausteine einer gesunden Ernährung eingegangen. Die Bedeutung von Bewegung, Training des Gehirns, ausreichend Schlaf und Reduktion von Stress ebenfalls.

Dabei beschäftigt er sich auch mit der umstrittenen Hormesis. Die These, geringe Dosen schädlicher oder giftiger Substanzen haben eine positive Wirkung auf Organismen haben können. So zum Beispiel, Immunstimulantien sollen das Immunsystem des Körpers unspezifisch aktivieren, um so Infektionen abzuwehren. Das Problem ist, dass die Effekte sind meist nicht wissenschaftlich sicher belegt werden können.

Eine ganzheitliche Sichtweise ist für die Steigerung der Möglichkeit auf ein langes Leben evident: die körperliche und geistige Gesundheit, die Gene und äußeren Einflüsse, alles ist miteinander verbunden.

Dieses Buch bietet eine Menge Wissen, das auch über die reine wissenschaftliche Betrachtungsweise hinausgeht. Die früheren Ansätze, Erfolge und Misserfolge der Forschung und aktuelle Erkenntnisse und Fragen bis hin zu konkreten Tipps für die eigene Lebensführung gibt es zu entdecken. Der Stil ist dabei angenehm flüssig und auch teilweise humorig.

Dennoch fehlt die Reflexion darüber, warum wir versuchen sollten, das Altern der Menschen zu verzögern oder vielleicht sogar zu stoppen. Altern als natürlicher Prozess, der künstlich in die Länge gezogen wird, basierend auf dem Wunsch, ewig jung und vital bleiben zu wollen.

Auch ein Glossar für Fachbegriffe hätte ergänzt werden können.


Buch 4

Big Ideas- Das Medizin-Buch, DK, München 2022, ISBN: 978-3-8310-4354-5, 26,95 EURO (D)

In verständlicher Sprache und kreativen Grafiken werden in diesem Buch 90 der wichtigsten Aspekte der Medizingeschichte erklärt.

Am Rand eines jeden Themas gibt es immer eine Zeitleiste, um Kontext und Hintergründe darzustellen. Neben dem beschreibenden Text gibt es hervorgehobene Zitate, Skizzen, Diagramme, Abbildungen und Kurzbiografien von wichtigen Personen mit Hauptwerken.

Der Anhang beginnt mit alphabetisch sortierte Kurzbiografien von Persönlichkeiten, die ebenfalls eine wichtige Rolle in der Medizingeschichte gespielt haben. Außerdem gibt es ein Glossar für Fachausdrücke und ein Register.

Die Kapitel beginnen mit Medizin in der Antike und im Mittelalter. Schamanismus und Magie im prähistorischen Zeitalter, der systematische Ansatz mit dem Ayurveda bis zur Begründung des modernen Bildes menschlicher Anatomie reichen die Erläuterungen. Danach folgen die Erkenntnisse der Wissenschaft von der Körperfunktion wie Paracelsus den Körper als chemisches System oder die Erfindung des Stethoskops.

Die Rubrik „Zellen und Mikroben“ schildert unter anderem das Pflege- und Hygienewesen, die Keimtheorie, Vererbung und Erbkrankheiten. Danach stehen Impfstoffe, Seren und Antibiotika im Vordergrund. Dort werden zum Beispiel die Virologie, die Psychoanalyse, Lebendimpfstoffe oder Diabetes behandelt.

Weiter geht es mit der globalen Gesundheit von 1945 bis 1970 wo Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation, die Transplantation, Herzschrittmacher oder die Palliativmedizin Schwerpunkte sind. Gene und Technologien bilden den Abschluss, wo es auch um umstrittene Felder wie die Gentherapie oder Stammzellenforschung, Roboterchirurgie aber auch um das aktuelle Thema Pandemien geht.

Das Buch deckt viele Bereiche der Medizin ab, darunter Anatomie, Pharmakologie, Chirurgie, Psychiatrie, Infektionskrankheiten und Immunologie. Die Beiträge sind gut geschrieben, mit klaren Erklärungen. Obwohl es eine ziemlich globale Sicht hat, ist die alternative Medizin eher ein Randaspekt. Auch das Register hat eine zu kleine Schrift. Die Zeitleisten waren dagegen sehr nützlich. Es eignet sich sowohl für Mediziner als Überblickswerk als auch für Personen ohne medizinische Vorkenntnisse.


Buch 5

Arno Luik: „Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna“, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-86489-361-2, 24 EURO (D)

Bekannt geworden ist Arno Luik für seine intensive Art des Interviews und die Tatsache, mit seiner Art viel aus den Interviewten hervorzulocken.

Dieses Buch ist Sammlung von 21 Interviews mit Prominenten aus verschiedenen Genres, die Arno Luik von 1992 bis 2018 zumeist für den „Stern" führte.

Zu Beginn gibt es ein längeres Interview mit Angela Merkel mit bisher wenig bekannten Anekdoten, wie ihr Sieg bei der Russisch-Olympiade: „Das war 1970, ich war in der neunten Klasse. Mit der Mannschaft war ich bei der DDR-Olympiade in Berlin. Lenin hatte gerade seinen hundertsten Geburtstag, dazu musste man was schreiben und die Lenin-Biografie auf Russisch erzählen.“ (S. 18)

Markus Lanz verrät Details über seine schwierige Kindheit und Jugend. Seine Mutter stand nach dem frühen Tod ihres Mannes alleine da, „sie musste uns irgendwie durchbringen, es ging oft Spitz auf Knopf.“ (S. 79) Lanz musste schon seit seinem 12 Lebensjahr mitverdienen: „Mit meinem Bruder habe ich in Hotels und Clubs Musik gemacht, ich am Keyboard, mein Bruder hat gesungen. Wir sind dreimal in der Woche aufgetreten, das war richtig harte Arbeit.“ (S. 80)

Das 2009 geführte Interview mit Eric Hobsbawm zieht zwar ein düsteres, aber auch treffendes Fazit über Kapitalismus und Erinnerung an Geschichte: „Der Mensch hat ein unglaublich kurzes Gedächtnis. Wir Historiker schreiben die Verbrechen und den Wahnsinn der Menschheit auf, wir erinnern an das, was viele Menschen vergessen wollen. Aber fast nichts wird aus der Geschichte gelernt.“ (S. 217f)

Einige Interviews haben durchaus aktuellen Charakter.

Der verdiente Gesellschaftshistoriker Hans-Ulrich Wehler verwundert mit folgender Aussage: „Und als er (Nikita Chruschtschow) Staatschef wurde, war der Protest in der Ukraine besonders laut. Er wollte das Land für sich gewinnen durch ein großzügiges Geschenk und so hat er ihnen 1954 die Krim geschenkt. Ein Willkürakt. Dass Putin nun die Krim zurückholte, kann ich verstehen, obwohl ich es nicht für richtig halte.“ (S. 276) Dass das Interview 2014 gemacht wurde, ändert nichts an Wehlers fehlendem Respekt vor der territorialen Integrität der Ukraine und der Verharmlosung von Putins System und seinem Imperialismus.

Nicht alle Interviews wie dieses sind ärgerlich. Es kommen die verschiedensten Persönlichkeiten zu Wort, es sind mal heitere, rückblickende, skurrile, warnende und ganz einfach persönliche Einblicke in das Leben und Denken.

Dieses Potpourri macht den Reiz des Buches aus, natürlich nur für diejenigen Leser, die diese Interviews noch nicht kennen.


 







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