Neuerscheinungen Kultur

11.05.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Daniel Boberg: Verlassene Orte in Niedersachsen. Lost Places – Die Faszination des Vergänglichen, Sutton, Erfurt 2021, ISBN: 978-3-96303-347-6, 29,99 EURO (D)

In Niedersachsen verbergen sich zahlreiche verlassene Orte, die als Zeugen der Vergangenheit mit ihrem morbiden Charme beeindrucken und spannende Geschichten erzählen. Daniel Boberg präsentiert rund 160 Fotografien, die durch außergewöhnliche Blickwinkel, viel Liebe zum Detail und besondere Intensität hervorstechen.

Zu Beginn stellt sich der Autor mit ergänzenden Informationen und Kontaktmöglichkeiten vor. Danach wird die Faszination verlassener Orte beschrieben und was man beim Aufsuchen der Orte unbedingt beachten soll.

Danach bilden die Orte eigene Kapitel. Eine gruselige Atmosphäre bietet der Wald der Puppen. Die Puppen dienten als Dekoration rund um einen Geocache und hängen bevorzugt an Bäumen und Ästen. Einigen Puppen sind die Köpfe eingedrückt, sind gefesselt oder die Haare versengt.

Ein verlassenes Berghotel, das vor mehr als 70 Jahren errichtet, mehrfach modernisiert und schließlich ausbrannte, wird ebenfalls vorgestellt. Die ehemalige Terrasse bietet einen guten Ausblick auf die Weser. Drinnen gibt es alte Möbel, Einmachgläser gefüllt mit Früchten und Gemüse, Werbeplakate, ein alter Kinderwagen und die Anzeichen eines prunkvollen Speisesaals sowie ein altes Klavier.

Oder die verlassene Kurklinik mit einem Schwimmbad und darin befindlichen Ergometer, eine mit Holz vertäfelte Kneipe, eine Großküche mit Backstube und Vorratskammern und zahlreiche Patientenzimmer sowie einer gut erhaltenen Sauna.

Die Orte werden jeweils von Short Facts zu Kategorie, Zeitpunkt der Erkundung, Baujahr, Verlassen seit, Gesamtfläche und weitere Informationen eingeleitet. Danach gibt es einen beschreibenden Text zur früheren Nutzungsgeschichte und zum Besuch des verlassenen Ortes. Danach folgen die Bilderstrecken, die auch mal eine Doppelseite umfassen.

Das Thema Architekturverfall und auch einige eigenwillige Orte werden durch die Bilder melancholisch, düster, und geheimnisvoll dargestellt. Das Erzeugen von Stimmungen und Atmosphären gelingt hier ganz gut. Die Hintergrundinformationen sind auch ausführlicher als bei anderen Lost-Places Büchern.


Buch 2

Stefan Wittich: Die Tegernsee Bahn. Die Geschichte in Bildern, Sutton, Erfurt 2021, ISBN: 978-3-96303-290-5, 22,99 EURO (D)

Die Eisenbahn-Actiengesellschaft Schaftlach–Gmund erhielt 1882 von König Ludwig II. die Konzession für Bau und Betrieb einer Bahnstrecke von Schaftlach nach Gmund, die 1883 eröffnet wurde.1896 wurde die Konzession für eine Verlängerung der Bahnstrecke nach Tegernsee erweitert. 1902 wurde die Strecke bis Tegernsee eröffnet; eine zunächst geplante Verlängerung nach Rottach-Egern kam u.a. wegen erfolgloser Grunderwerbsverhandlungen nicht zustande. Sie konnte das Zugangebot über 100 Jahre lang mit einer eigenen Infrastruktur selbständig gestalten bis zur Bahnreform 1998.

Stefan Wittich zeichnet in diesem Band die Historie der Strecke bis in die Gegenwart nach und dokumentiert das Geschehen mit mehr als 150 bisher unveröffentlichten Aufnahmen.

Zunächst wird die Geschichte des Unternehmens beschrieben und mit einigen Bildern unterlegt. Dieses System wird die folgenden Kapitel beibehalten: zuerst gibt es einen einleitenden Text, dann die passenden Bilder, meist zwei auf einer Seite, manchmal auch auf einer Doppelseite. Es schließt sich eine Schilderung an, die den Verlauf der Strecke und die baulichen und technischen Einrichtungen beschreibt sowie einzelne Loks auf Bildern vorstellt.

Danach werden die verschiedenen Modelle der Triebfahrzeuge dargelegt, es folgen die Wagen und Sonderfahrzeuge von TAG/TBG. Weiter geht es mit dem Betrieb von 1883 bis 1945, wo neben Bildern auch verschiedene historische Fahrpläne und Billets gezeigt werden. Der Betrieb von 1945 bis 1998 wird dann behandelt, dort werden verschiedene Züge, Sonderzüge, Billets und auch ein Schneepflug illustriert.

Die zehnjährige Direktverbindung zwischen NRW und Tegernsee, die 1991 eingestellt wurde, wird anschließend thematisiert. Der Betrieb der Bayrischen Oberlandbahn/ Bayrischen Regiobahn kommt dann zur Sprache und es werden verschiedene Triebzüge gezeigt. Verschiedene Modelle von Dampfsonderzügen folgen dann. Abgeschlossen wird das Buch mit der TBG nach 1998 und dem historischen Triebwagen TAG 27 als Schwerpunkt der Bilderstrecke.

Im Anhang gibt es noch den Bildnachweis und ein Literaturverzeichnis.

Dieses Buch beschreibt das Bahnfahren, die Strecke und die Loks ausführlich, auch wenn die historischen Veränderungen bei der Planung und die verschiedenen Eigentümer etwas verwirrend sind. Es gibt viele beeindruckende Bilder zu allen Zeiten, wobei fast ein Jahrhunderts Bahngeschichte abgedeckt wird. Auch die Tradition regelmäßiger historischer Dampfsonderzugfahrten wird behandelt. Ehemalige Kurzurlauber, Eisenbahnliebhaber und alle, die verkehrshistorisch interessiert sind, werden ihre Freude haben.


Buch 3

Michael Wolffsohn: Eine andere jüdische Weltgeschichte, Herder, Freiburg 2022, ISBN: 978-3451389788, 28 EURO (D)

Michael Wolffsohn erzählt die Historie der Juden von ihren Anfängen bis heute. Es soll eine allgemeinverständliche Einführung nicht nur für Historiker sein. Das Buch will Informationen vermitteln und so kurz wie möglich sein, ohne Richtigkeit einzubüßen. Dabei wird eine subjektive Auswahl an Themenbereichen getroffen.

Bewertungen und weiterführende Gedanken werden durchgängig kursiv gekennzeichnet. In den einleitenden Abschnitten der jeweiligen Kapitel gibt es eine Übersicht über die jeweiligen Themen und am Ende Zusammenfassungen. Die einzelnen Kapitel können unabhängig voneinander gelesen werden.

Das Buch beginnt mit Informationen zum Ziel, Wunsch und Vorgehen. Danach geht es um Namen und Benennungen/Zuschreibungen. Identifikation, Nation und Gemeinschaft werden danach behandelt. Ein längeres Kapitel geht es um das Land Israel und die mehrfache Diaspora. Jüdische Gemeinschaften in vielen Ländern werden dort angesprochen.

Anschließend geht es Theologie und Religion in der jüdischen Geschichte. Es folgen die Auseinandersetzung mit Klischees und Wirklichkeit in Bezug auf Recht, Macht, Autorität und Krieg. Körperlichkeit und Sex sowie Rückblicke und Ausblicke werden dann behandelt.

Danach werden bedeutsame Juden vorgestellt, die grob nach folgenden Kriterien ausgewählt wurden: Innovativ, mit einem Alleinstellungsmerkmal und herausragenden Leistungen. Biblisch-mythologische Personen oder biblisch-historische Akteure bleiben dabei unberücksichtigt. Es gibt in Ausnahmefällen Lektüreempfehlungen.

Im Anhang gibt es benutzte, zitierte und persönliche Literatur und Fernsehessays sowie Dokumentationen.

Es ist sehr schwierig, diese Thematik in einem Buch darzustellen. Es werden kurze, pointierte Fakten und Thesen geliefert. Diese gewählte Form hat den Vorteil einer prägnanten Überblicksdarstellung als Einführung. Der Nachteil liegt darin, dass tiefergehende Streitpunkte, Kontroversen und differenziert-wissenschaftliche Fragen weitgehend außen vor bleiben.

Manches im Text klingt befremdlich, wie der gewählte Nations- oder Volksbegriff. Auch die Ausführung, dass der Antisemitismus „seine guten Seiten“ habe. „Obwohl seit rund 3000 Jahren Juden unterschiedslos diskriminierend oder liquidierend, hilft die Judenfeindschaft dem Überleben des seit dem 19. Jahrhunderts mehrheitlich nichtreligiösen jüdischen Kollektivs. Freilich auf Kosten von Millionen jüdischer Einzelopfer.“ (S. 301)

Die Erwartung und Bereitschaft zum Widerspruch oder zur Kritik wird aber extra von Wolffsohn als gewünscht hervorgehoben.







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz