Neue Einsichten in Paul Klees Leben und Werk


Paul Klee (1922) Senecio, Kunstmuseum Basel, Foto: abcgallery.com via Wikimedia Commons

26.12.17
KulturKultur 

 

Von Michael Lausberg

Paul Klee (1879-1940) gehört zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Sein vielseitiges Werk wird dem Expressionismus, Konstruktivismus, Kubismus, Primitivismus und dem Surrealismus zugeordnet. Leben und Werk bilden bei ihm wie bei kaum einem anderen Künstler eine wechselseitige Synthese. In der Zeit des Nationalsozialismus galt sein Werk als „entartete Kunst“, erst nach seinem Tod im Jahre 1940 und dem Ende des „Dritten Reiches“ fanden seine Werke eine späte Würdigung.

Klee war eine stille und eher unscheinbare Person von hoher Intelligenz, die ihre Umgebung sehr genau wahrnahm. Er interessierte sich auch für andere Wissenschaften, wie Mathematik, Physik, Astronomie, Philosophie etc., um die Welt besser verstehen zu können und dieses Wissen dann auch in seine Kunst einfließen lassen zu können. Denn seine gesamte Persönlichkeit unterstand seiner Kunst. Außerdem spielte er sehr gut Geige, verfügte über ein sehr hohes Musikverständnis und dichtete auch manchmal.

Klee empfand die Welt als ein Ganzes, in das jedes Lebewesen, jede Pflanze eingebettet ist. Er hatte die Wahrheit des Kosmos gefunden und strebte deshalb einen Platz im Universum ein, der sehr nahe am Ursprung aller Dinge befindet und an dem Nichtigkeiten verblassen. Dieser Weltgedanke macht sich auch seiner Stellung als Künstler bemerkbar: An diesem Punkt der Schöpfung existíeren keíne Gegenstände mehr, sondern geheime Chiffren, also Zeichen für die jeweiligen Dinge. Der Künstler übernimmt diese nun und lässt sie in sein Werk einfließen.

Indem der Künstler beim Schaffen seiner Werke allgemeingültige und ewige Chiffren benutzt, werden seine ebenfalls zu Schöpfungen, zu Beispielen der ,,großen" Schöpfung, der Natur. Das Kunstwerk selber wird nicht nur vom Künstler geschaffen, sondern durch Intuition, durch einen Funken der von diesem Ursprung, dem Kosmos, aus überspringt. Das heißt, dass das eigentliche Zeichnen zum Schöpfungsprozess (Genesis) wird und der Inhalt der Bilder in einem kosmischen Zusammenhang gesehen werden müssen.

Bei der Zwiesprache mit einem Gegenstand gilt es, diese innere Wahrheit des Gegenstandes zu ,,erschauen", d.h. man muss unter die sichtbare Oberfläche sehen und den kosmischen Zusammenhang erkennen. Dann stellt man fest, dass dieses Sichtbare nur eine von vielen Komponenten dieses Dinges ist und man deshalb die anderen sichtbar machen muss (Offenbarung der Relativität der sichtbaren Dinge).

Klee geht erstmal von den elementaren bildnerischen Mittel eines Künstlers aus (Punkt, Linie, Hell-Dunkel, Farben). Dabei ist für ihn die Linie am einfachsten. Darum ergeben sich die Formen aus der Linie, was zur Folge hat, dass seine Bilder oft primitiv wirken. Doch er will sich auf die Uranfänge der Kunst zurückbesinnen, daher Reduzierung der bildnerischen Mittel als höchstes Ziel. Für ihn liegt der Schöpfung die Bewegung, die schöpferische Kraft zugrunde, die er in seinen Werken auch darstellen will. Daher hat er keine statischen Kompositionen, alles wirkt leicht. Ziel: einen formalen Kosmos zu schaffen, der der richtigen Schöpfung gleicht.

Klee sieht die Kunst als Schöpfungsgleichnis. Deswegen spiegelt sie auch nicht eine Vorbild-Abbild-Beziehung wieder, sondern bezeichnet etwas Homologe. Natur und Kunst besitzen die gleiche Basis, sie entsprechen sich hinsichtlich ihrer Genesis. Klee studierte die Natur und ihre Gesetze, durch die er die Grundausbildung zur Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der Kunst erfassen konnte. Für ihn ist der Künstler selbst Natur in einem Raum Natur, dessen Aufgabe es ist, Eindrücke sichtbar zu machen. Der Künstler und der ihm entgegentretende Gegenstand sind beide Teil der irdischen Schöpfung und zugleich mit dem Kosmos verbunden, was den Künstler befähigt, eine Synthese von äußerem Sehen und innerem Schauen zu erkennen. Als eines der wichtigsten Mittel in der Kunst für Klee ist die Reduktion. Denn die Reduktion als bildnerisches Mittel bietet für Klee die Möglichkeit, zu den Menschen unmittelbar und deutlicher sprechen zu können.

Für Klee ist die Bewegung ein zentrales bildnerisches Grundgesetz. Klee versteht die Kunst als zeitlichen Vorgang, denn der Malakt impliziert nicht nur die physische Bewegung des Künstlers, sondern die Spuren des Malers legen im fertigen Bild Zeugnis über den Entstehungsprozess des Kunstwerkes - seine Genesis - ab. Auch hier wird wieder die Idee von Kunst als Schöpfungsgleichnis aufgefasst. Für Klee vollzieht sich die Entstehung von Kunst und Natur analog. Er zieht die Entstehungsprozesse in der Natur gewissermaßen als Verfahrensregeln für die Bildgenesis heran. Hierbei darf man allerdings Bewegung nicht als Ausdrucksbewegungen des Pinsels sehen, sondern als bildnerische Aktivität, die die Passivität der Umgebung voraussetzt.

Die Genesis des Kunstwerkes stellt einen dualistischen Prozess dar: er charakterisiert ein Mit-und Gegeneinander von Geist und Malerei, wobei der Geist der initiierender und formbestimmender Faktor, und die Malerei, vom Geist abhängig, der formbildende Faktor repräsentiert. Für Klee ist die Bewegung ein übergreifendes, allgemeingültiges Existenzprinzip (wie bei Itten), dem alles Werden zugrunde liegt.

Die Frage, die sich hier aufstellt ist die, ob es sich bei der Anwendung der Naturgesetze auf die Kunst um einen rational ablaufenden Prinzipientransfer von einem Bereich auf den anderen gibt, oder ob noch andere Komponenten existieren, die darauf Einfluss nehmen. Beim intensiven Erörtern dieser Frage wird ganz deutlich, dass die rationale Erkenntnis von den Gesetzmäßigkeiten und ihre intentionale Umgebung auf ein Bild die größte Bedeutung hat. (Klee war schon früh an der rationalen Durchdringung des Gesetzmäßigen interessiert). Aber: Zum Objektiven ( gleich dem Gesetzmäßigen) muss als eigentlich wesentlicher und entscheidender Faktor das subjektiv inspirierte, „jener Funken“, hinzukommen, der das Künstlerische ausmacht. „Funke“ soll hier mit den Begriffen „Inspiration / Intuition“ gleichstehen. Mit diesem „Funken“ geht Kunst über die Gesetzmäßigkeit hinaus.

Vor allem während seiner Zeit am Weimarer Bauhaus schienen bei Paul Klee eine Einheit von Künstlerischem und Pädagogischem stattzufinden. Im Folgenden sollen verschiedene Werkgruppen exemplarisch betrachtet werden: Die Farbstufungen sind in direktem Zusammenhang mit Klees systematischer Beschäftigung mit der Farblehre zu sehen. Zu seinem Werk gehören kleinformatige Blätter, bei denen er auf die Lasurtechnik zurückgreift, und auf denen Klee die im Unterricht zu besprechenden Teilaktionen nacheinander ausführt. Dieses „Zeit-Messverfahren“ macht die Genesis des Bildes (und nicht nur in geometrischen Abbildungen) prozessual erfahrbar. Auch in Aquarellen mit gegenständlichen Motiven (Bote des Herbstes) ist die Genesis zu erkennen.

Die „Quadratbilder“ von Klee entstanden fast gleichzeitig mit den „Farbstufungen“, tauchten aber auch noch im Spätwerk Klees auf. Klee knüpft hier an die Aquarelle seiner Tunesienreise an. Dazu beeindruckt von kubistischen und orphistischen Stilelementen, zergliedert er die Flächen in Quadratische und Rechteckige, wobei die Gegenstandsbezeichnungen auf knappste Formdeutungen beschränkt sind. Die Quadratbilder sind nicht die Anwendung seiner Theorie, sondern Mittel zur Erarbeitung derselbigen. In seinen Quadratbildern benutzt Klee ein formal anspruchsloses Quadratraster als neutrales Grundgerüst zur systematischen Exploration der Gesetzmäßigkeiten des Bildnerischen. Jedoch dient das Quadratschema nicht nur für Farbuntersuchungen sondern auch zur Demonstration formaler Probleme wie Bewegung, Rhythmus, Balance, Spiegelung, Proportion usw., deren Erträge in Klees Unterricht eingeflossen sind. Der Pfeil stellt in Klees Schaffen ein polyvalentes Symbol dar. Er ist Bewegungssymbol oder auch Hinweis auf einen Bewegungsvorgang, der auch manchmal die Farbabstufung unterstützt. In einigen Bildern steht der Pfeil auch als unabwendbares Schicksalszeichen, als Symbol magischer Kraftwirkung, als Eroberungssymbol (auch im erotischen Sinne).

In der letzten Zeit wurde die Klee-Forschung durch zwei Monografien erfreulicherweise erweitert, die verschiedene Aspekte seiner Persönlichkeit und seiner Kunst beleuchten.

Manfred Clemenz: Der Mythos Paul Klee. Eine biographische und kulturgeschichtliche Untersuchung, Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 2016, ISBN: 978-3-412-50186-0

In Auseinandersetzung mit der bisher erschienenen Sekundärliteratur legt der Psychologe und Kunsthistoriker Manfred Clemenz eine aus psychologischer Sicht geschriebene Monographie über den Entwicklungsprozess des Menschen Paul Klee, eine Art „innere Biographie“ (S.11) vor.  Außerdem wertet er die bisher unveröffentlichten Tagebücher von Lily Klee und Petra Petitpierre, seiner langjährigen Freundin. Am Beispiel Paul Klee will er zeigen, „wie im Zusammenhang von Künstlern und Rezipienten, insbesondere seinen Biographien, Kritikern und Kunsthändlern, eine Künstlermythos (…) geschaffen wird, der nachhaltig das Bild eines Künstlers in der Öffentlichkeit bestimmt und schließlich für bare Münze genommen wird.“ (S. 11) Er stellt stattdessen die These auf, dass „hinter der Maske des Mythos (…) bei Klee Gefühle der Isolation, Einsamkeit und Depression, Suizidphantasien, Ängste vor dem Scheitern als Mensch und Künstler, frustrierende sexuelle Erfahrungen und Ängste von unzulänglicher und schwindender Vitalität sichtbar“ werden. Trotz seiner umfangreichen Kontakte als Künstler und als Mensch sei er letztlich immer einsam geblieben.

Clemenz bietet ein Werk an, das fundamental mit bisher hegemonialen Klee-Biographien bricht, und bringt aus psychologischer Sicht eine neue Sichtweise auf Paul Klee in die Diskussion und bereichert damit die Forschungslandschaft. Die Aussage, dass Klee sein eigenes Heldenepos (S. 281) schrieb, geht wohl etwas zu weit. Er dekonstruiert den Mythos Klee und lässt ihn als ganz normalen Menschen mit Stärken und Schwächen erscheinen, also irgendwie menschlicher.

 

Anna Szech von der Fondation Beyerle (Hrsg.): Paul Klee. Die abstrakte Dimension, Hatje Cantz, Berlin 2017, ISBN: 978-3-7757-4330-3

Dieser Katalog zur Ausstellung Paul Klee in Basel vom 1.10.2017-21.1.2018 untersucht die Werke von Paul Klee unter den Gesichtspunkten der Abstraktion. Dabei werden sowohl bekannte Werke als auch selten ausgestellte Arbeiten, die ein neues Licht auf die Schaffensphase von Klee liefern. Vom Früh- bis zum Spätwerk lassen sich Elemente der Gestaltung abstrakter Bildwelten sowie malerische Abstraktionsprozesse beobachten. Klee „balanciert zwischen den beiden scheinbar unvereinbaren Welten der Abstraktion und der Gegenständlichkeit.“ (S. 9) Es werden mehr als 100 Werke aus allen künstlerischen Phasen Klees ab dem Jahre 1912 gezeigt: „Sie versammelt wertvolle Leihgaben aus zahlreichen renommierten Instituten und Privatsammlungen in Europa und Übersee. Die Werke gewähren Einblick in die entscheidenden Etappen von Paul Klees künstlerischer Entwicklung: vom produktiven Dialog der 1910er-Jahrem den Dienst als Soldat im 1. Weltkrieg und das Bauhaus-Jahrzehnt von 1921-1931, bis hin zu den Reisen nach Ägypten und Italien in den späten 1920er-Jahren und schließlich das Spätwerk der 1930er-Jahre.“

Der Katalog beginnt mit einem Traktat von Anna Szech über die Abstraktion in Klees Werken und Schriften. Dann wird sein abstraktes Werk in die vier Untergruppen Natur, Architektur, Musik und Schriftzeichen unterteilt und jeweils von einer Autorin oder Autor näher untersucht. Zum Abschluss wird noch Paul Klees poetische Abstraktion aus dem Geist der Satire präsentiert. Nach einem Verzeichnis der über 100 ausgestellten Werke folgt noch eine Kurzbiographie über den Künstler.

Diese Ausstellung wirft ein neues, bislang wenig erforschtes Gebiet des künstlerischen Schaffens Klees. Der Blickwinkel der Abstraktion erlaubt im wahrsten Sinn des Wortes eine neue Sichtweise seiner Werke. Sam Keller und Anna Szech bringen es auf den Punkt: „In Paul Klees künstlerischem Garten sind auch heute noch wundersame Blüten und süsse Früchte zu entdecken.“ (S. 13) Dieser Forschungsbeitrag zu dem Leben und Werk des berühmten Künstler behandelt neue Facetten und überraschende Erkenntnisse, die man selbst entdecken sollte: Entweder bei der Ausstellung selbst oder bei der spannenden Lektüre des Katalogs.

 







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