Neuerscheinungen Diverses

01.06.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Kurt Schrader (Hrsg.): Grund- und Fachwissen Garten- und Landschaftsbau. Kompetenzorientiert durch die Ausbildung, Ulmer, Stuttgart 2022, ISBN: 978-3-8186-0087-7, 59,95 EURO (D)

Dieses Lehrbuch ist speziell für die Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau konzipiert. Es vermittelt das notwendige Wissen gemäß den bundesweit gültigen Rahmenlehrplan und richtet sich nach den aktuellen Normen.

Es gibt ein Kompetenzraster, in dem der Lernfortschritt, der in einer überschaubaren Zeit erreicht werden kann, in kleineren Schritten beschrieben wird. Die Auszubildenden können ihr Vorwissen aus der betrieblichen und überbetrieblichen Ausbildung bei Einführung eines neuen Themenbereichs selbst überprüfen.

In der Einleitung wird der allgemeine Aufbau des Kompetenzrasters und die Wissensabfrage über Signalwörter mit Schwierigkeitsabstufung, was später noch konkretisiert wird, vorgestellt. Außerdem gibt es Informationen über das digitale Bonusmaterial und ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

Danach werden die rechtlichen Grundlagen für Verträge und Abrechnungen behandelt. Die folgenden Kapitel bieten Wissen zu folgenden Themenfeldern: Entwerfen und Plandarstellung, das Einrichten einer Baustelle, Grundlagen der Vermessung, Erdarbeiten, Verdichtungsarbeiten, Entwässerung und Drainage, Betonarbeiten, Mauerbau, Grundlagen des Treppenbaus, Belagsarbeiten, Grundlagen des Holzbaus, Wasseranlagen, Bauwerksbegrünung, Pflanzung, Rasenbau und Grünpflege, Bewässerung und Bewässerungstechnik, Bauabnahme.

Danach steht das Fachrechnen im Vordergrund, darunter auch Kostenrechnung und Löhne.

Am Ende eines jeden Kapitels wird der vorherige theoretische Inhalt jeweils auf ein konkretes Beispiel übertragen. Dazu gibt es einen Mustergarten, dessen Plan sich auf Seite 2 befindet. Außerdem gibt es passende Rechenaufgaben.

Rund 700 Fotos und Zeichnungen veranschaulichen die Erläuterungen.

Es gibt als digitales Zusatzmaterial Videos, Lösungen zu den Rechenaufgaben, Zeichnungen zum Herunterladen und Ausdrucken und beispielhafte Leistungsverzeichnisse. Die Webseite dazu ist auf Seite 17 zu finden.

Im Anhang finden sich der Quellennachweis, ein Verzeichnis der Normen und Vorgaben und ein Register zum Nachschlagen.

Das Buch ist zur Aufbereitung aller Inhalte für die Abschlussprüfung nutzbar. Es ist didaktisch gut gemacht, bietet viele Visualisierungen und den unmittelbaren Transfer in die Praxis. Hier wird viel mit Visualisierung gearbeitet, die Texte sind in leichter Sprache gehalten. Als Einführungsbuch mit ausführlicher Aufbereitung aller wichtigen Subthemen rund um den Garten- und Landschaftsbau ist es zu empfehlen.


Buch 2

Gerhard Roth: Die Imker, S. Fischer, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-10-397467-6, 32 EURO (D)

Der letzte Roman des kürzlich verstorbenen österreichischen Schriftstellers Gerhard Roth ist ganz im Zeichen der Dystopie geschrieben.

Es ist der Morgen des 1. April, als etwas Ungeheures geschieht: Ein gelber Nebel zieht auf, der die Menschen buchstäblich in Luft auflöst. Aber nicht alle Menschen sind verschwunden, stellt Franz Lindner fest, der Erzähler oder eher Chronist des Romans. Er selbst hat als Patient einer Einrichtung für psychisch beeinträchtigte Künstlerinnen und Künstler die Katastrophe überlebt – wie auch die anderen Patienten, Ärzte und Besucher. So unfasslich das Ereignis ist, so konkret muss der Alltag jetzt organisiert werden.

Eine Dorfgemeinschaft aus Bienenzüchtern entwickelt sich, und Franz Lindner wird ihr Chronist. Aber die neue Welt ist keine friedliche: Gewalt, Hass und Eifersucht sind nicht verschwunden, und auch die Natur scheint sich vom Menschen befreien zu wollen. Zwei Jahre begleiten die Leser die Bienenzüchter durch eine Welt, in der Traum und Wirklichkeit nicht zu unterscheiden sind.

Der Roman besitzt viele surreale Elemente, die sich allen sachlichen Erklärungsversuchen entziehen. Diese werden dem eigentlichen Geschehen nebeneinander zugeordnet. Den Protagonisten werden übernatürliche Eigenschaften zugeschrieben und nicht irgendwie logisch begründet. Menschen und Tiere verschwinden plötzlich nach ihrem Tod, der Chronist kann plötzlich fliegen und mit Lebewesen kommunizieren.

Alle bekannten Faktoren des Wesens des Menschen, der Natur und des Zusammenlebens scheinen nach der Katastrophe außer Kraft gesetzt.

Der Versuch einer Organisation nach humanen Maßstäben der Überlebenden scheitert an Neid, Hass, Egoismus und fehlender Solidarität unter den Menschen. Alle Eigenschaften, die schon vor der Katastrophe bestanden, kommen noch einmal verstärkt zum Vorschein. Die Bienenzüchter müssen sich gegen die feindlichen Angriffe einer anderen Formation erwehren, selbst in der Katastrophe gibt es den Hang zu Kriegen und Machtansprüchen. Ein anthropologischer Offenbarungseid.

Roth zeichnet apokalyptische Vorstellungen, Kriege, Leid und immer wieder steht der Tod im Mittelpunkt. Zwischen der realen und der phantastischen Welt verschwimmen für den Leser die Grenzen.

Die Figuren sind einprägsam geschrieben, metaphorisch ist der Stil von Roth ausdrucksstark. Es gibt immer wieder Anspielung, kleine Seitenhiebe und Exkurse in die Literaturgeschichte. Die manchmal vorkommende Abschweifungen von der eigentlichen Handlung sorgen eher für eine Störung des Leseflusses und Langatmigkeit. .

In der fiktiven dystopischen Gesellschaft müssen Elemente aus dem Hier und Jetzt anklingen, die dem Leser aus seinem eigenen Erfahrungshorizont bekannt sind. Wenn der Leser die Muster oder Trends identifizieren kann, die unsere heutige Gesellschaft. potentiell in das fiktive Dystopia führen könnten, wird die Beschäftigung mit der Fiktion zu einer fesselnden und wirkungsvollen Erfahrung. Dieses zentrale Merkmal bringt Roth gekonnt rüber.

Das Vermächtnis von Roth ist zweierlei auszulegen: Er schafft diese düstere Atmosphäre, um Gesellschaftskritik zu üben, und will durch dieses Szenario der heutigen Generationen einen Spiegel vorhalten, um Besserung zu erzielen.

Oder Roth hat den Glauben an das Gute im Menschen völlig verloren und seine misanthropischen Züge und apokalyptischen Zustände in diesem Buch sind für ihn die bittere Realität.


Buch 3

Alan Hollinghurst: Der Hirtenstern. Roman, Albino, Berlin 2022, ISBN: 978-3-863-00331-9, 28 EURO (D)

Dies ist der zweite Roman von Alan Hollinghurst zweiter Roman, der beim Erscheinen der englischen Erstausgabe 1994 euphorische Kritiken erhielt, und nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

Mit Anfang dreißig entflieht der verhinderte Schriftsteller Edward Manners der Orientierungslosigkeit seines Daseins in der südostenglischen Provinz, um im belgischen Brügge als Privatlehrer zu arbeiten.

Bereitwillig lässt er sich vom modrigen Charme der altehrwürdigen Handelsstadt in den Bann ziehen, erkundet ihre engen Gassen, zwielichtigen Kneipen und versteckten Parks, in denen schwule Männer sich zum Sex treffen.

Er unterrichtet zwei junge Männer, Marcel und Luc Altidore. Edward verliebt sich hoffnungslos in Luc, es ist kein flüchtiges rein sexuelles Abenteuer. Der Roman dreht sich um seine sich allmählich steigernde Besessenheit für den jungen Luc. Es dreht sich aber auch um das Leben und die Kunst eines obskuren flämischen Künstlers, Edgar Orst, dessen Kurator und Bewunderer im örtlichen Museum der Vater von Edwards anderem Schüler, Marcel, ist.

Edwards Obsession für Luc verläuft parallel zu der Lebensgeschichte von Orst und seiner großen Liebe, die tragischerweise in Meer bei Ostende schwimmen ging und niemals zurückkehrte.

Hollinghurst versteht es, Stimmungen, Tragik und Atmosphäre in dem Roman meisterhaft zu zeichnen. In manchmal lyrischer Sprache beschreibt er sehr genau Brügge, das Leben, Straßenszenen, Schwulenkneipen, das künstlerische Ambiente der Stadt, Personen und die sexuellen Handlungen. Manchmal wird es bei letzterem zuweilen etwas übertrieben.

Auch die Charaktere mit ihren Gefühlen und Stimmungen werden gut herausgearbeitet. Sie sind unvollkommen dargestellt, es werden gute und auch schlechte Seiten offenbar, wenn auch manchmal etwas selbstverliebt, aber immer authentisch. Dadurch gelingt eine weitgehende Identifikation mit ihnen.

Die Handlung ist manchmal etwas langatmig, aber viele der Handlungsstränge sind miteinander verwoben und werden später zusammengeführt.

Insgesamt ein durchaus empfehlenswerter Roman.


Buch 4

Lene Kempe: Die diskursive Seite hegemonialer Ordnung. Eine Neubestimmung des Verhältnisses von Diskurs, Macht und Hegemonie, Westfälisches Dampfboot, Münster 2021, ISBN: 978-3-89691-066-0, 26 EURO (D)

Die Frage nach der Form und Bedeutung von ideellen Aspekten hegemonialer Ordnungen bleibt in vielen neogramscianischen Ansätzen deutlich unterbelichtet. In diesem Buch entwickelt Lene Kempe einen Diskursbegriff, der sich in eine neogramscianisches Analyseraster einfügen lässt und die systematische, auch empirische Untersuchung ideeller Aspekte hegemonialer Ordnungen und Praxen ermöglicht. Es wird in diesem Zusammenhang geprüft, ob und wie die Erkenntnisse der Diskurstheorie für die neogramscianische Hegemonialanalyse fruchtbar gemacht werden kann.

Dies ist die überarbeitete Fassung der von der Autorin 2019 an der Universität Marburg im Bereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie eingereichten Dissertation.

Zunächst wird ein Überblick über das neogramscianische Forschungsprogramm sowie neogramscianische Versuche der Bestimmung der Verhältnisses von Hegemonie (-Projekten) und den im weitesten Sinnen ideellen Aspekten von Hegemonie gegeben. Danach wird eine Verhältnisbestimmung von Hegemonie und Diskurs vorgenommen. Im ersten Teilbereich wird der Hegemonie- und Ideologiebegriff Gramscis untersucht. Im zweiten geht es dann um Diskursanalyse. Schwerpunkt der Auseinandersetzung sind das Diskursverständnis von Vivien A. Schmidt, Ernesto Lacalu und Chantal Mouffe, Michel Foucault sowie der kritischen Diskursanalyse und dem jeweiligen Verständnis von Diskurs und Macht. Eng damit verbunden wird auch die Frage nach der wirklichkeitsschaffenden oder -gestaltenden Kraft von Diskursen.

Im vierten Kapitel wird ein materialistischer Diskursbegriff im Spannungsfeld dieser Zugänge zum Diskurs entwickelt und vermittelt dies mit der neogramscianischen Kategorie des hegemonialen Projektes. Dies wird am Beispiel des Exportdiskurses der Krise 2009 empirisch veranschaulicht. Dieser Diskurs war die „entscheidende Ebene, auf die hegemoniale Qualität des Exportprojektes über einen krisenhaften Bruch hinweg verteidigt werden konnte,“ (S. 214)

In einem Fazit werden zentrale Punkte festgehalten und auf Möglichkeiten einer gegenhegemonialen Diskurskultur hingewiesen. Ein Literaturverzeichnis beschließt das Buch.

Wie gelingt es bestimmten sozialen Kräften ihre partikularen Interessen, als die für alle maßgeblichen Ziele zu etablieren? Dieser Kern der Neogramscianismus und das Verhältnis von Diskurs und Macht wird hier in anregender Weise näher beleuchtet. Die Zielsetzung der Arbeit, einen Diskursbegriff zu entwickeln, der sich in ein Analyseraster einfügen kann, wird theoretisch fundiert dargelegt und begründet. Leider nur an einem Beispiel, dem Exportdiskurs als hegemonialer Diskurs.








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