Neuerscheinungen Literatur

26.05.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Christian Uhle: Wozu dies alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens, S. Fischer, Frankfurt am Main 2022, ISBN: 978-3-10-397141-5, 26 EURO (D)

Die meisten Menschen stehen im Laufe ihres Lebens vor Sinnfragen – bei Begegnungen mit dem Tod, dem Schicksal, in Krisenzeiten wie der Pandemie oder ganz handfest am Arbeitsplatz: Wozu das alles? Was ist wirklich wertvoll und macht ein gutes Leben aus?

Mit vielen Beispielen entwickelt der Philosoph Christian Uhle neue Perspektiven auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es ist nicht direkt ein Ratgeber: „Insgesamt ist das Ziel aber weniger, am Ende ganz genau zu wissen, was zu tun ist, sondern vielmehr die eigenen Wünsche und inneren Konflikte, die Zweifel oder Erfahrungen im Alltag besser zu verstehen - und sich dennoch leichter in der Welt orientieren zu können.“ (S. 12)

Dabei erweitert er das Blickfeld und berücksichtigt neben philosophischen Grundlagen auch die Felder der Psychologie und Soziologie. Er gibt eine Einführung in die Grundfragen und stellt verschiedene Richtungen der Philosophie und Spiritualität vor. Neben Religionsphilosophie gibt es zum Beispiel Exkurse in die griechische Antike (Aristoteles), Epikurs gemäßigte Lebensfreude, Selbstbestimmung in der Moderne genauso wie die Existenzphilosophie.

Uhle beschreibt ein scheinbares Paradoxon: Gerade in reicheren Industrienationen gibt es mehr Sinnleere und Unzufriedenheit als in ärmeren Ländern. Dabei kritisiert er das Glücksversprechen von Materialismus und Kapitalismus und die Steigerungslogik nach immer mehr Wohlstand verbunden mit Konsumismus. Er verbindet also persönliche Sinnkrisen mit gesellschaftlichen Werten und Handlungen. Strukturelle Denk- und Einstellungspotentiale können also das Individuum auch hemmen bei der Suche nach Sinn genauso wie negative oder von Eltern tradierte Überzeugungen.

Seine Beispiele haben eine Orientierung am Alltag und der Umgebung, sie sind also nicht intellektuell-weltabgewandt. Einen anderen Blick für die eigene Wahrnehmung und das Wertschätzen von Dingen oder Begegnungen bietet Anregungen, die Ansätze der Leiblichkeit bzw. Körperlichkeit weniger.

Dabei bleibt er nicht individualistisch und singt das hohe Lied der Selbstverwirklichung, sondern misst sozialen, humanen und gesellschaftlichen Ansätzen dieselbe Bedeutung bei.

Uhle gibt nicht den einzigen umfassenden Sinn vor und presst die Leser in kein Schema. Orientierung und Hilfe auf dem individuellen Weg, den persönlichen Sinn zu finden, ist sein Anliegen. Er trägt auch der Tatsache Rechnung, dass dieser sich im Laufe eines Lebens verändern kann. Etwas unter geht dabei, dass es vielleicht auch mehrere Sinn-Quellen anstatt einer einzigen geben kann.



Viele neue Ansichten und Zugänge bietet das Buch für Philosophiekenner nicht. Es ist eher ein populärwissenschaftliches Buch, das Interessierten an Lebens- und Sinnfragen Anregungen geben kann. Es ist relativ einfach geschrieben und verbindet Philosophie mit Soziologie und Psychologie. Es hat den Vorteil, die Gedanken an der Lebenswelt und alltäglichen Dingen zu orientieren.


Buch 2


Francesca Reece: Ein französischer Sommer. Roman, S. Fischer, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-10-397068-5, 24 EURO (D)

Die 24jährige Engländerin Leah absolviert ihr letztes Studienjahr in Paris und weiß nicht genau, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Aus Angst, sich jetzt schon festlegen zu müssen und irgendeinen Job in London anzunehmen, bleibt sie in Paris und hält sich mit Nebenjobs über Wasser. Sie stößt schließlich auf die Stellenanzeige des bekannten Schriftstellers Michael Young. der jemanden sucht, der seine alten Tagebücher transkribieren soll.

Michael erkennt in ihr seine frühere große Liebe wieder und stellt sie als Assistentin ein, die seine Tagebücher digitalisieren und seine Korrespondenz bearbeiten soll, damit er wieder die Zeit findet, sich dem Schreiben zu widmen.

Leah fühlt sich geschmeichelt von der Anfrage eines bekannten Intellektuellen und erkennt dies als Möglichkeit voran zu kommen und etwas zu erleben. Er lädt Leah ein, den Sommer in seiner südfranzösischen Villa mit Freunden und Familie zu verbringen.

Der Roman hat als Vorlage das Motiv des Künstler-Bohemiens, das schon viele historische und literarische Vorbilder hat. Wie Charles Baudelaire, der den Dandy mit seinem Konzept zu einem Typus der intellektuellen Souveränität abbildete. Oder der französische Maler Gustave Courbet, der in seinem Bilden den nachlässig gekleideten Bohemien als Konzept der Abgrenzung und als Sinnbild für Freiheit, Eskapismus, Individualität und Selbstbestimmung ansah. Dieses Lebensgefühl findet sich auch in den Sommerresidenzen von Künstlern nach dem Zweiten Weltkrieg.

Dies transportiert Francesca Reece in das Jahr 2016. Frankreich als Land des Savoir-Vivre ist dafür prädestiniert. Der Schreibstil passt sich dem an, er ist leicht zu lesen und besitzt einen kultivierten Duktus.

Von den Bewohnern und Gästen der Villa werden vor allem der alternde, erfolgsverwöhnten Autor, seine Frau Anna, die erwachsenen verwöhnten Kindern und einige Gäste näher vorgestellt. Das Leben als Boheme kennt Leah nur aus der Literatur, fühlt sich davon aber angezogen. Nach einiger Zeit fühlt sich Leah schon als vollwertiger Teil der Sommergemeinschaft und Mitglied der gehobeneren intellektuellen Gesellschaft. Sie bleibt trotz ihrer geistigen Esprits und ihrer Bildung Außenseiterin, weil sie ihre Herkunft aus dem Arbeitermilieu und die fehlende Nonchalance im Umgang des intellektuellen Jet-Sets nicht verstecken kann.

Der sorglose, sinnliche und harmonische Sommer wird dann durch Fundstücke in den Tagebüchern von Michael jäh gestört, plötzlich auftauchende alte Fotos werfen Fragen auf. Auch Michaels Tagebücher von seinen Ausschweifungen im Soho der 60er und dem krisengeschüttelten Athen der 70er Jahre offenbaren immer dunklere Seiten des Schriftstellers.

Der Roman wird aus Sicht von Leah und Michael dargestellt. Er beinhaltet nicht nur einen Sommer in Frankreich, sondern auch Exkurse in die Vergangenheit. Durch die Tagebucheintragungen und Erinnerungen von Michael taucht der Leser auch in dessen Vergangenheit ein und lernen den Studenten Michael kennen. Dieser Perspektivwechsel sorgt für eine Vermischung von Gegenwart und Vergangenheit.

Das Buch vermittelt zum einen das Savoir-vivre des französischen Lebensgefühls und zum anderen die Sinnsuche einer jungen Erwachsenen, die sich selbst und ihren Platz noch nicht gefunden hat. Leah ist eine sympathische Protagonistin, mit der eine Identifikation möglich ist.

Auch wenn der Roman nicht sonderlich in die Tiefe geht, besitzt er eine sinnliche Atmosphäre und eine gelungene sprachliche Umsetzung der Imagination von Landschaften, Räumlichkeiten und Stimmungen. Auch die Personen werden sehr lebendig dargestellt, Spannungselemente hätten mehr transportiert werden können.


Buch 3

Wolfram Lotz: Heilige Schrift I, S. Fischer, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-10–397135-4, 34 EURO (D)

Wolfram Lotz ist eines der bekanntesten zeitgenössischen Dramatiker, Lyriker und Hörspielautor. Vor ein paar Jahren machte er einen Selbstversuch, er wollte das Leben möglichst vollständig und unmittelbar zu erfassen, mit allen literarischen Mitteln. In einem kleinen Dorf in Frankreich schreibt Lotz ein Jahr lang mit, jeden Tag, von morgens bis nachts. Knapp 3000 Seiten umfasste sein Konvolut. Kurz danach löscht er den entstandenen Riesentext wieder. Dennoch liegen nun über 900 Seiten vor, weil er im Frühjahr 2018, noch während der Arbeit, den Anfang des Textes per Mail an einen Freund geschickt hat.

Er listet seine alltäglichen Routinen wie in einem Tagebuch auf, er beschreibt Gebäude, Umgebung, Leute, all das was er sieht und ordnet dann in einem Gedankensprung dies erinnerten Sequenzen aus Werken anderer Autoren zu. Aber nicht nur Literatur kommt ihn in den Sinn, auch das Silicon Valley, das Spektakel des auf das Blechdach bommelnden Regen, das Streichen des Garagentores der Nachbarn, er kommentiert die ARD-Nachrichten von Bildern des Krieges in Syrien oder über Journalismus. Hin und wieder setzt er sich er sich auch mit Theaterthemen und Filme auseinander. Beobachtungen auf seinen Fahrten mit dem Zug quer durch die BRD und ins benachbarte Ausland werden bis ins Detail notiert, mitsamt des gerade erreichten Hauptbahnhofes.

Dies alles ist in kurzen Sinnabschnitten festgehalten, mal gibt es ein einzelnes Wort, mal einen Satz und dann größere Blöcke oder mal mit mehr und weniger leeren Platz dazwischen.

Talent zum (freien) Schreiben hat der Autor ohne Frage. Es gibt wohl kaum ein Werk, wo so viele Literaturgattungen nebeneinander stehen.

Weiter gesponnene Gedanken und das ständige Interpretieren von Banalem ist zunächst herausfordernd und gewagt, es nutzt sich aber im Laufe der Lektüre ab und ermüdet. Tiefe Botschaften, Erkenntnisse oder Anregungen finden sich für Leser nur selten.

Der Versuch, das Leben mit literarischen Mitteln möglichst vollständig und unmittelbar zu erfassen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die subjektive Wahrnehmung ist nur ein Teil der Wirklichkeit, daraus werden dann die persönlich bedeutenden Sachen herausgefiltert, wobei es immer einen Bezug zu Erlebtem in der Vergangenheit, Erinnerungen und Sehnsüchten gibt, die sich im eigenen Kopf zwar abspielen, aber das wirkliche Geschehen nur schwer abbilden können.


Buch 4

Sönke und Wotan Wilke Möhring: Rausch & Freiheit. Über das Leben, die Nacht und das Brüdersein, Knaur, München 2022, ISBN: 978-3-426-28609-8, 20 EURO (D)

Die Schauspieler Sönke und Wotan Wilke Möhring schreiben in diesem Buch zusammen über ihre Beziehung, das Brüdersein und ihre gemeinsamen Jahre als Jugendliche und frühe Erwachsenen. In der Kindheit und frühen Jugend lagen die beiden Brüder sechs Jahre auseinander und es gab unterschiedliche Interessen und Freundeskreise.

Erst die gemeinsame Zeit in New York in den 1980er Jahren mit vielen Grenzüberschreitungen, Partys, der Suche nach Abenteuer und Freiheit schweißte die beiden sehr stark zusammen. Dies setzte sich im Berlin der Nachwendezeit fort.

Diese knapp zehn Jahre bis zu dem Zeitpunkt, wo beide erwachsener geworden sind und ihre eigenen Wege gingen, und ihre Reflexion darüber aus heutiger Sicht bilden das Grundgerüst des Buches.

Das Buch hat ein seltenes Format. Beide schreiben abwechseln über ihre gemeinsame Zeit in New York und Berlin, über ihre Eltern, ihre liberale Erziehung und die Stationen, wie sie sich nähergekommen sind und nun Brüder fürs Leben sind. Dies sind jedoch nicht dieselben Sichtweise, aus der jeweiligen Perspektive werden Unterschiede zwischen ihnen sichtbar. Auch Täler ihrer Beziehung, Streitpunkte oder Probleme und ihre Überwindung werden sichtbar gemacht.
In der Mitte des Buches gibt es einige private Abbildungen.

Dieses Buch ist nicht als Autobiografie der Möhrings zu werten, es umfasst meist die Jugend und das Erwachsenwerden der beiden. Die schauspielerische Karrieren der beiden sind eher ein Randaspekt.

Es ist ein persönlich geschriebenes Buch, das von gegenseitigem Respekt und innerer Verbundenheit zeugt. Wilde Zeiten gehören zum Erwachsenwerden dazu, auch die Geschichten und Erlebnisse hier haben keinen außergewöhnlichen oder spektakulären Charakter. Es ist eher die gelungene Verbindung von Geschwistern, die sich gegenseitig ihre Freiheiten lassen, Unterschiede anerkennen und sich gegenseitig helfen, wenn es darauf ankommt.









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