Neuerscheinungen Sachbuch und Belletristik

13.04.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Eleonore Büning: Wolfgang Rihm – Über die Linie, Benevento, Wals bei Salzburg 2022, ISBN: 9783710901478, 24 EURO (D)

Zu den größten deutschsprachigen Komponisten unserer Zeit gehört Wolfgang Rihm, der gerade seinen 70ten Geburtstag feierte. Musikkritikerin und Autorin Eleonore Büning, die sich persönlich gut mit Wolfgang Rihm versteht, beschreibt in dieser Biographie zum ersten Mal Leben und Werk des Musikers. Darin ist auch ein längeres Interview mit Rihm zu finden.

Die Art und Weise ist am besten als Mischung zwischen Hintergrundinformationen zu Musikgeschichte und Werken von Rihm und Primärquellen, Anekdoten von Rihm und Interview, zu beschreiben. So kommt viel Persönliches in diesem Buch vor, es ist nicht sachlich-distanziert und auf die Auswertungen von Sekundärquellen beschränkt wie andere Biografien.

Rihm erzählt viel aus den Stationen seines beruflichen und privaten Lebens, über die Entstehungsgeschichte von Werken und lässt auch Freunde, Gönner und Weggefährten nicht aus wie Karlheinz Stockhausen oder Kurt Kocherscheidt.

Seine Liebe zur Musik steht aber im Mittelpunkt des Werkes. Dabei wird aber deutlich, dass er mehr ist als ein Komponist und Musiker, sondern ein vielseitig belesener Intellektueller. Neben anderen bekannten Musikern holte er sich Anregungen aus der Literatur, der Philosophie, Lyrik oder der bildenden Kunst. Vor allem die Ästhetik spielt in seiner Herangehensweise an Musik eine wichtige Rolle. Er vertritt eine subjektive, sehr freie, expressive mitunter auch rebellische Ausdrucksweise, die er von bereits verstorbenen Geistesgrößen und zeitgenössischen Künstlern für sich übernommen hat.

Es wird deutlich: Wolfgang Rihm ist der Rockstar unter den Komponisten: unangepasst, offen und experimentierfreudig. In seinem bewegten Leben hat er der Musik viele neue Impulse und ein wenig Modernität und Glamour in ein verstaubt anmutendes Genre gebracht. Gut, dass er in seiner eigenen Biografie oft selbst zu Wort kommt, was eine authentische Wirkung hat.

Eine lesenswerte Biografie, nicht nur für Musikliebhaber.


Buch 2

Susanne Matthiesen: Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen. Roman einer Sylter Jugend, Ullstein, Berlin 2022, ISBN: 9783550201912, 22 EURO (D)

Susanne Matthiessen ist gebürtige Sylterin. Die Insel hat sich während der Pandemie und des Lockdowns verändert. Sie berichtet jedoch nicht nur von den finanziellen Engpässen ohne die Einnahme aus dem Tourismus oder die Angst vor dem Virus, sondern über ein ursprüngliches natürlicheres Sylt, das sie seit ihrer Kindheit so nicht mehr erlebt hat. Ruhe, die Freiheit der Natur, keine Touristenmassen, leere Strände und mehr Gelassenheit fand sie wieder vor.

Die Erinnerungen an die 1980er Jahre auf Sylt und ihre Kindheit und Jugend lässt sie in diesem Buch Revue passieren.

Die Liebe zu Sylt und das Leben der einfachen Sylter steht jedoch im Mittelpunkt. Durch den neuen Wohlstand von Teilen der Bevölkerung in der BRD entwickelte sich Sylt vor allem in den Sommermonaten zu einem der beliebtesten Ferienziele. Der Tourismusboom wuchs und wuchs, die Insel wurden zum Inbegriff einer elitärem Mekka der Reichen und Schönen, die dort auch ihren Wohnsitz haben wollten.

Dies führte zu steigenden Immobilienpreisen, von der viele alt eingesessenen Sylter finanziell profitierten. Villen, Restaurants und Hotels verdrängten bald die Einheimischen, Wohnraum für einfache Leute wurde zu teuer. Der Tourismus bestimmte das Leben auf Sylt.

Doch nicht nur Promis, Reiche und Erholungsbedürftige sahen Sylt als lohnendes Reiseziel an. Inspiriert vom Lied „Westerland“ der Band Die Ärzte, wie der Titel aussagt, kamen Punks, die die beschaulich-spießige Ferienidylle durcheinanderbrachten und so zum Snob- und Bürgerschreck mutierten.

Eines der Highlights des Buches.

Ernster wird es bei der schlimmen Sturmflut 1981, den Schattenseiten des Massentourismus, dem Seehundsterben, den Veränderungen des Meeres und den Folgen des Klimawandels. Sie sieht auch manche Veränderung bei Einheimischen, mitunter zu deren Nachteil, kritisch.

Sehr viel intimer wird es, als sie von dem Missbrauchsfall einer Freundin erzählt. Dabei bleibt zu hoffen, dass dies mit Autorisierung und nach Absprache erfolgt ist.

Sie berichtet auch über ihr Verhältnis zu ihren Eltern. Ihr Vater, der ein großes Pelzgeschäft betreibt, wirkt dabei eher unsympathisch. Sie berichtet auch von Familienfesten, Feten in ihrem Bekanntenkreis und einige wenige Promis.

Vielfach ist das Inselleben mit seinen Besonderheiten, Bräuchen und anderen Geschichten und natürlich die Natur und das Meer Thema.

Es gibt in diesem Roman wenig Dramatik, Spannung oder einen Plot am Ende des Buches. Es werden auch keine Skandale über Promis, tagelange Partys oder die kulinarischen Feinheiten auf Sylt berichtet. Das Buch schildert die Veränderungen auf Sylt in den letzten 40 Jahren aus Sicht einer echten Sylterin. Sie erklärt das besondere Flair Sylts, das Buch ist auch gleichzeitig eine Hommage und Liebeserklärung an ihre Heimatinsel.


Buch 3

Sebastian Fitzek/Micky Beisenherz: Schreib oder stirb. Thriller, Droemer, München 2022, ISBN: 978-3-426-28273-1, 19,99 EURO (D)

Dieses Buch ist ein Experiment, der Versuch, ein ungleiches Autorenduo zusammenzubringen: Sebastian Fitzek und Micky Beisenherz. Diese Experimentierfreude ist jedoch bei Fitzek nicht neu, es gab schon andere Bücher mit Verstärkung eines anderen Autors und einem anderem Schwerpunkt.

Der Inhalt des Thrillers ist vielversprechend: Der Literaturagenten David Dolla bekommt ein sehr ungewöhnliches Angebot von Carl Vorlau, der Patient in einer psychiatrischen Klinik ist. Vorlau behauptet, dass er ein kleines Mädchen entführt hat. Dolla soll seine Geschichte aufschreiben, gleichzeitig von einem Verlag einen Vorschuss von 1 Million als Honorar aushandeln. Als Gegenleistung würde er das Versteck des Mädchens verraten und Dolla mit einem Schlag zu einem bekannten Autor aufsteigen.

Blufft Vorlau nur oder ist an der Geschichte wirklich etwas dran?

Die Geschichte hält tatsächlich, was sie verspricht, es gibt durchgängige Spannungsmomente in dem Buch, auch durch eine Vielzahl an mysteriösen Personen und unerwarteten Wendungen. Dazu gibt humorige Einlagen oder komische Szenen, die jedoch so gehäuft auftreten, dass sie erstens vorhersehbar sind und zweitens irgendwann ihre Wirkung verfehlen und nicht mehr witzig sind.

Die Personen und die Situation werden detailliert beschrieben, der typische Schreibstil von Fitzek ist dort herauszulesen. Gefühle in psychische Extremsituationen sind eine Stärke des Buches.

Die Spannung und der Nervenkitzel fällt nie ab, auch wegen der gelungenen Thematik. Ein Buch über eine Geschichte zu schreiben, die man in der Gegenwart selbst erlebt, ist eine gute und vor allem sprachlich gut umgesetzte Idee. Alles in allem wieder ein packender Psychothriller, der aber durch die dauerhaft eingestreuten und nicht immer witzigen Beisenherz-Pointen etwas entwertet wird.

Dass die Kombination von packendem psychologischen Thriller und Comedy zusammenpasst, wird jedenfalls in diesem Buch nicht nachgewiesen.


Buch 4

Eckhard Nagel/Elke Büdenbender: Der Tod ist mir nicht unvertraut. Ein Gespräch über das Leben und das Sterben, Ullstein, Berlin 2022, ISBN: 978-3-550-20211-7, 24 EURO (D)

Elke Büdenbender ist die Frau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die schon eine komplizierte Nierenkrankheit überstanden hat. Eckhard Nagel ist Chirurg, Philosoph und Theologe. Beide sind seit langem befreundet.

Dieses Gespräch über das Sterben und den Tod ist während der Corona-Zeit entstanden, wo die Todeszahlen in die Höhe schnellten. Dies war der Impulsgeber sich intensiver mit dem Tod und dem Leben auseinanderzusetzen, auch um Tabus darum aufzubrechen. In diesem Buch berichten sie auch von ihren privaten und beruflichen Erfahrungen und bieten Hintergründe über die Diskussion über Leben und Sterben.

Das Gespräch wird in sechs Teilbereichen präsentiert. Im ersten Teil gibt es einen persönlichen Zugang der beiden zu Tod und Leben. Dabei wird dargelegt, wie sich ihr Denken darüber entwickelt oder verändert hat.

Sterben als Tabuthema und die Gründe dafür bilden den Schwerpunkt des zweiten Teils. Dabei wird auf frühere theologische Ansätze verwiesen. Als Ars moriendi wird eine im Spätmittelalter entstandene Gattung der Erbauungsliteratur bezeichnet, die die christliche Vorbereitung auf einen guten, das Leben gut abschließenden bzw. heilsamen Tod lehrt. Dabei kann Ars moriendi sowohl die unmittelbare Situation des Sterbens als auch die Einübung des Sterbens zur rechten Zeit. Auch mit dem Schwinden von Religionsgemeinschaften ist dies nicht mehr präsent.

Es herrsche heute eine Angst, den Tod mit Leiden gleichzusetzen. Wie eine würdevolle Sterbebegleitung aussehen kann, wird auch diskutiert.

Auswege daraus und helfende Institutionen wie die Hospizbewegung, die Palliativmedizin und die Fragen der Sterbehilfe werden dabei diskutiert. Dort lernt man auch einiges über die Arbeit in Hospizen und deren Grundsätze. Ein subjektiver Ansatz, der die Sterbenden und deren/dessen Bedürfnisse im Vordergrund stehen, obwohl auch Angehörige und Freunde mit eingebunden werden.

In dem folgenden Kapitel geht es um unterschiedliche Vorstellungen zur eigenen Sterblichkeit, die Erfüllung des Lebens und Beziehungen zu anderen Menschen . Es gibt keine fertigen Antworten, sondern Impulse zum Nachdenken.

Formen der Trauer und Sterberituale sind danach das Thema. Christliche Rituale, aber auch außertheologische Zugänge werden geschildert. Es werden auch Rituale in anderen Religionen vorgestellt., wobei indigene Kulturen etwas zu kurz kommen.

Was von einem Menschen nach seinem Tode bleibt, wird dann diskutiert. Das beinhaltet nicht nur die Erinnerung der lebenden Welt, sondern auch Jenseitsbilder, die theologisch geprägt sind, Himmel und Hölle und auch ein Weiterleben nach dem Tod.

Das letzte Kapitel führt wesentliche Diskussionspunkte zusammen und es werden Thesen formuliert.

Das Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens sollte mehr im Mittelpunkt stehen. Nicht die Trauer soll überwiegen, sondern der Tod soll als Teil des Lebens akzeptiert und mit einer ganz eigenen Daseins-Berechtigung betrachtet werden. Außerdem soll die Angst vor dem Tod genommen und die Akzeptanz trainiert werden.

Dieses Buch kann helfen, mit Situationen am Lebensende umzugehen, auch wenn nicht alle Probleme oder Themen angesprochen werden. Wie professionelle Trauerbegleitung oder philosophische Impulse. Ethische Grundfragen, die nur individuell beantwortet werden können, müssen immer miteinbezogen werden.

Einen mehr spirituellen Zugang bietet das Buch von Carlo Leget, Professor am Lehrstuhl für Care Ethics an der Universiteit voor Humanistiek in Utrecht, das als gute Ergänzung dienen kann. Er aktualisiert die Tradition von Ars Moriendi und bietet einen modernen Ansatz, um Menschen durch die spirituellen Aspekte des Sterbens zu unterstützen. Es wird darauf verzichtet, den Tod zu moralisieren oder den Menschen ein Gefühl aufzustülpen.


Buch 5

Michael Paul: Der Kampf um den Nordpol, Herder, 2022, ISBN: 978-3-451-39052-4, 18 EURO (D)

Das »ewige Eis« am Nordpol schmilzt und arktische Räume werden immer leichter und länger zugänglich. Auf dem Land können die reichen Bodenschätze einfacher abgebaut werden und der Schiffsverkehr im Nordpolarmeer nimmt zu. Der Klimawandel macht sie zum Objekt widerstreitender Interessen und Machtkonflikte. Dies führt zum Streit zwischen den Großmächte USA, China und Russland um die Vorherrschaft in der Arktis. Der Arktische Rat und seine Politik, deren Ziele und Perspektiven spielen auch eine Rolle.

Es gibt ungeklärte Besitzansprüche auf Gebiete rund um den Nordpol. Russland hat schon vor mehr als 10 Jahren seine Ansprüche formuliert: Durch einen Tauchgang wurde eine russische Flagge in über 4000 Metern Tiefe auf den Meeresboden unter dem Nordpol gesetzt. Russland beansprucht in der Arktis ein Gebiet von 1,2 Millionen Quadratkilometern, den Nordpol inklusive.

Auch Dänemark anhand der von Grönland aus bestimmten Basislinien und Kanada mischen in dem Streit, um die Vorherrschaft in der Arktis mit. Dabei gibt es territoriale Überschneidungen mit den russischen Ansprüchen, was natürlich zum Streit und diplomatischen Verwicklungen führte, die schon in den 2010er Jahren ausgefochten wurden. Die einzelnen Etappen dieser Entwicklung und auch die Interessen der USA und Chinas in der Arktis werden ausführlich geschildert.

Neben den geopolitischen Erwägungen spielen auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle.

Bodenschätze zum Beispiel Metalle wie Nickel, Kupfer und Platin werden in der Antarktis vermutet, sind aber nicht endgültig nachgewiesen. Dazu gehören Metalle wie Nickel, Kupfer und Platin. Dem steht jedoch noch entgegen: Das Umweltschutzprotokoll zum Antarktisvertrag verbietet für noch fast fünfzig Jahre die Gewinnung von Rohstoffen in der Antarktis.

Dies ist ein Buch über Politik und die Arktis als geopolitischer Faktor in der Weltpolitik, kein Buch über Ökologie und Klima. Die möglichen Wege des Dialogs und der Kooperation sind durch den Angriffskrieg Russland auf die Ukraine und der damit verbundenen Zeitenwende in der Weltpolitik obsolet geworden. Dennoch ist das Buch spannend für die Geopolitik einer Gegend, die zumeist nicht auf der Agenda steht. Die Ausplünderung der Arktis und der damit verbundene Raubbau an der Natur wird leider weitergehen, das zeigt dieses Buch eindrücklich.


Buch 6

Peter Ansari/Mathilde Ansari: Genug geschluckt. Psychopharmaka erfolgreich und dauerhaft absetzen, Knaur Balance, München 2022, ISBN: 978-3-426-65889-4, 18 EURO (D)

Menschen, die ihre Psychopharmaka reduzieren wollen, erhalten kaum Hilfe und nur wenig Informationen. Peter und Mathilde Ansari begleiten seit Jahren Menschen auf dem Weg des Absetzens. In diesem Ratgeber wird erläutert, wie langsames, schrittweises Reduzieren zum Erfolg führt. Er enthält individualisierbare Absetzpläne, weist auf Schwierigkeiten hin und erklärt, was nach dem erfolgreichen Absetzen zu beachten ist.

In den ersten Kapiteln wird erläutert, dass sich die Autoren nicht gegen den Einsatz von Psychopharmaka generell aussprechen, sondern vor den Gefahren einer dauerhaften Einnahme warnen. Danach gibt es Empfehlungen zum Umgang mit psychischen Krankheiten und ihre möglichen Behandlungsformen.. Anschließend gibt es Informationen rund um Psychopharmaka, Fehlbehandlungsrisiko, Notsituationen, Behandlungen und Entzugskrisen. Sie raten zu einem sanften Entzug mit dem langsamen Einnehmen von Dosierungen. Eine dauerhafte Einnahme hat den Informationsfluss im Gehirn verändert, von daher müssen Veränderungen Stück für Stück vorgenommen werden, die allerdings auch mit unangenehmen Zuständen verbunden sein können. Dazu werden verschiedene Methoden vorgestellt.

Es werden auch verschiedene Alternativen zu Psychopharmaka wie pflanzliche Unterstützung, Nahrungsergänzungen, Psychotherapie, Psychosoziale Hilfen, Sport, Entspannungstechniken, kreative Therapien, Musik, Massagen, Lichttherapie oder Schutz vor zu vielen Reizen genannt.

Am Ende des Buches werden typische Fragen von Teilnehmern ihrer Vorträge gestellt und konkret beantwortet. Nach einem kurzen Schlusswort folgt ein Anhang mit einem Literaturverzeichnis und den Anmerkungen.

Es ist kein Buch, dass sich generell gegen den Einsatz von Psychopharmaka wendet. Das Buch macht sehr deutlich, dass Psychopharmaka niemals sofort abgesetzt werden sollen, sondern durch ein langsames Ausschleichen in Form einer schrittweisen Reduktion. Die Selbstbestimmung von Patienten hat auch seine Grenzen, wenn das Absetzen zu neuen Symptomen und Störungsbildern führt. Von daher sollten eigenmächtige Handlungen unterbleiben oder erst nach dem Gespräch mit Fachleuten unternommen werden.







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