Neuerscheinungen Biografie und Belletristik

13.07.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Fabian Michl: Wiltraut Rupp-von Brünneck (1912-1977). Juristin, Spitzenbeamtin, Verfassungsrechtlerin, Campus, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-593-51523-6, 39 EURO (D)

Wiltraut Rupp-von Brünneck war eine der profiliertesten Juristinnen der Bonner Republik. Von 1963 bis 1977 amtierte sie als Richterin des Bundesverfassungsgerichts – als einzige Frau unter fünfzehn Männern. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie in den Siebzigerjahren durch ihre pointiert formulierten Sondervoten bekannt, in denen sie die Entscheidungen ihrer mehrheitlich konservativen Richterkollegen kritisierte. Ihr Sondervotum zum umstrittenen Abtreibungsurteil machte sie zu einer Identifikationsfigur der Frauenbewegung.

Auf der Grundlage umfangreicher Archivbestände schildert Fabian Michl den außergewöhnlichen Lebensweg einer Spitzenjuristin und streitbaren Vorkämpferin für Gleichberechtigung, Sozialstaat und Demokratie in der Bonner Republik. Michl stützt sich dabei auf veröffentlichte Urteile und Voten, eigene Wahrnehmungen der Verfasser und anekdotische Überlieferungen.

„Ihr Geschlecht wird relevant sein, aber nicht den Fokus der Darstellung bilden. Sie war eine Frau, aber noch vieles mehr: Tochter aus altem preußischen Adel, Juristin mit Bestnoten, juristische Pragmatikerin, kluge Taktikerin und gewiefte Verhandlungsführerin.“ (S. 13f)

Ihre dunkle Seite wird gleich in den ersten Kapiteln deutlich.

Sie stammte aus einem großbürgerlichen Elternhaus, das illiberale deutschnationale Züge trug. Ihre prägenden Jahre und Studienzeit fielen in die Anfangsjahre der NS-Herrschaft. Rupp-von Brünneck war keine Gegnerin, im Gegenteil sie trat 1934 dem Nationalsozialistischen Studentenbund bei, später wurde sie auch Mitglied im NS-Rechtswahrerbund und in der NS-Frauenschaft. Sie machte nach ihrem Studium im NS-Staat Karriere und war linientreu gegenüber der nationalsozialistischen Ideologie. In ihrem Referendariat arbeitete sie bei dem Protegé von Hermann Göring und Antisemiten, Rüdiger Graf von der Goltz. Sie diente aus Überzeugung bei der Wehrmacht als Flugmelderin und arbeitete nach der zweiten juristischen Staatsprüfung 1941 wissenschaftliche Assistentin am Institut für Arbeitsrecht der Universität Berlin. Eine weitere Karrierestation war ihre Arbeit ab 1943 im Justizministerium des NS-Staates Von 1943 bis 1945 arbeitete sie im Reichsjustizministerium, auch diesmal ganz im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie.

Danach werden Rüpp-von Brünnecks steiler Aufstieg nach 1945 mit den Schwerpunkten ihrer Arbeit in Hessen bis hin zu ihrer Arbeit beim Bundesverfassungsgericht, als einzige Frau unter meist konservativer Männer mit einen respektierlichen Weltbild, was Frauen allgemein und vor allem in Führungsposten betraf. Schwerpunkte sind auch ihre Sondervoten zum Mephisto-Beschluss von 1971, zum Hochschulurteil von 1972 und zum Abtreibungsurteil von 1975.

Dies sind die wichtigsten Thesen des Buches:

Wiltraut Rupp-von-Brünneck war eine Praktikerin, keine Theoretiker, obwohl sie auch einige Schriften herausgebracht hat. Ihre Orientierung an der gesellschaftlichen Wirklichkeit führte sie zu einem juristischen Pragmatismus. Einige ihrer Entscheidungen stießen Reformen des geltenden Rechts an oder verhalfen bereits vorliegenden Reformvorhaben zum Durchbruch. Für sie war es allein Aufgabe der von der Bevölkerung unmittelbar legitimierten Organe, im öffentlichen Willensprozess nach dem Mehrheitsprinzip über die politische Gestaltung zu entscheiden und die Durchführung dieser Entscheidungen zu überwachen.

Im Kampf für Gleichberechtigung setzte sie nicht auf die große emanzipatorische Geste, sondern auf diskrete Einflussnahmen.

Im sehr umfangreichen Anhang findet sich ein Lebenslauf, ihre Schriften, Entscheidungen, Sondervoten, die verwandten Abkürzungen, ein Abbildungsverzeichnis, Quellen und Literatur, ein Personenregister und ein Entscheidungsregister.

Diese Biografie setzt sich zwar ausführlich mit der NS-Vergangenheit von Rupp-von Brünneck auseinander und hat auch keine Scheu, ihre erfundene Geschichte über ihr Wirken im „Dritten Reich“, um ihre Rolle und Schuld zu vertuschen, als solche zu benennen. In der Bilanzierung Michls fehlt diese Episode aber fast vollständig, es wird nur die Zeit nach 1945 betrachtet. Sie war ebenso eine ergebene und überzeugte Multiplikatorin der nationalsozialistischen Ideologie.

Sonst ist dies eine sehr ausführliche Biografie und auch ein Teil der Rechtsgeschichte der BRD, die nicht nur die Vorzüge und die Lernbereitschaft nach 1945 der Karrierefrau hervorhebt, sondern ihre Wirkung für die Nachwelt beinhaltet.


Buch 2

Natascha Bub: Ein Bild von einer Frau. Roman, List, Berlin 2022, ISBN: 978-3-471-36036-1, 20,99 EURO (D)

Schon der doppeldeutige Titel deutet an, worum es geht. Einerseits um die Hintergründe und die Geschichte hinter dem weltbekannten Bild mit der Fotografin Inge Schönthal, Ernest Hemingway und einem mächtigen Schwertfisch. Um um das Leben der Fotografin selbst.

Dies ist ein Roman, der sich teils am historischen Vorbild orientiert, aber auch fiktive Elemente besitzt. „Eine fiktive Geschichte, die doch im Kern wahr ist.“ (S. 281) Viele der Figuren im Roman sind reale historische Persönlichkeiten.

Unterthemen sind in diesem Roman auch Lebensträume, Lebenswege, Vorbilder, Erfahrungen, die auf dem eigenen Lebensweg gesammelt wurden.

Der historische Hintergrund ist folgender:

Die junge hübsche deutsche Fotografin Inge Schönthal machte sich durch Aufträge für die Frauenzeitschrift Constanze einen gewissen Namen in der Branche, auch durch ihre Bild von Greta Garbo, der in der berühmten Zeitschrift Life erschien.

Der Verleger Rowohlt schickte sie nach Kuba, um sich dort mit Ernest Hemingway, zu seiner Zeit einer der angesehensten Schriftsteller der Welt und Autor beim Rowohlt Verlag zu treffen und zu fotografieren.

Sie bemühte sich, einen Termin mit ihm zu vereinbaren, er hatte aber zunächst kein Interesse, war barsch und abweisend. Nach einem Mittagessen gelang es doch der Fotografin, einen zweiwöchigen Aufenthalt auf Hemingways Finca zu bekommen.

Die Innenansichten von Hemingway und seinem Lebensstil sind wenig erwärmend. Kurz nach dem Ende der Nazi-Diktatur übertrug Hemingway seine Abneigung dagegen in Form einer Verallgemeinerung ungerechtfertigt auf Schönthal. Dies ließ er sie auch spüren, er benahm sich herrisch, beschimpfte sie, vor allem wenn er betrunken war, was oft vorkam.

So entstanden einige Bilder, von dem 1953 ein mit Selbstauslöser aufgenommenes Bild von ihr, Hemingway und einem großen Schwertfisch um die Welt ging. Auch andere Porträts waren sehr privat. Sie zeigen seine Lieblingsbar, Aufnahmen mit seiner Ehefrau oder Auszüge seiner Freizeitbeschäftigungen.

Mit dieser Fotoreportage gelang Schönthal der internationale Durchbruch. Sie machte eine schnelle Karriere und machte Bilder von weiteren weltberühmten Persönlichkeiten wie John. F. Kennedy, Fidel Castro, Pablo Picasso oder Marc Chagall.

Sie heiratete später den reichen italienischen Verleger Giangiacomo Fetrinelli. Der Verleger wandte sich dem Kommunismus zu und die Ehe zerbrach. Nach dem Tod Giangiacomo Fetrinellis führte sie den Verlag als Präsidentin weiter.

Es treffen eine junge aufstrebende Fotografin und ein Star im Spätherbst seines Lebens aufeinander. Erst nach ihrem Ableben und der Erinnerung an sie, wird klar, dass beide bekannte Persönlichkeiten ihrer Zeit waren.

Sie wird als mutige, selbstbewusste Frau illustriert, die ihren eigenen Kopf hatte und ihrer Zeit der 50er Jahre weit voraus war. Ein spannend geschriebener Roman.


Buch 3

Karina Ewald: Bitterwasser. Ein Bad-Gastein-Krimi Servus, Wals bei Salzburg 2022, ISBN: 9783710403101, 14 EURO (D)

Dieses Buch ist der Auftakt einer neuen Krimi-Serie in und um Bad Gastein von Karina Ewald.

Die Bibliothekarin und Literaturwissenschaftlerin Carolin Halbach nimmt eine neue Stelle in Bad Gastein an. Sie wird Leiterin des neuen Medienzentrums, das nicht bei allen Bewohnern auf Zustimmung stößt. Gleich bei der festlichen Einweihungsfeier mit viel Lokalprominenz wird der Chefarzt der Kurklinik vergiftet. Die Häppchen am Buffet waren manipuliert: Sollte die Eröffnungsfeier des neuen Zentrum verhindert werden oder hat es der Täter gezielt auf den Chefarzt abgesehen?

Angestachelt von ihrer Leidenschaft, der Lektüre von Krimis, beschließt Carolin eigenständig der örtlichen Polizei bei ihren Ermittlungen zu helfen.

Schneller als ihr lieb ist, wird sie von der Ermittlerin zur Gejagten. Bei ihren nagelneuen Fahrrad werden die Bremsschläuche manipuliert. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die erst kürzlich Zugezogene selbst aus dem Weg geräumt werden soll? Unerklärliche Sachen passieren außerdem beim Bau des Zentrums, es riecht schwer nach Sabotage.

Die bekannten Gegner des Projekts im Ort geraten als Verdächtige ins Visier. Aber auch Mitarbeiter des Medienzentrums verhalten sich auffällig.

Die Idylle der umgebenden Landschaft des Gasteiner Tals und die naturhistorischen und architektonischen Sehenswürdigkeiten im Ort selbst wie die Wasserfälle im Ortszentrum und in Böckstein, die Gletschermühlen oder die Hotelanlagen der Belle Epoque werden immer wieder in der Handlung berücksichtigt und eingefügt.

Die Figur von Carolin hat viel von der deutschsprachigen Miss Marple, Analogien springen sofort ins Auge. Der Fall selbst ist gut durchdacht, es passiert viel, was die Spannung hochhält. Dass auch Lokalkolorit eine Rolle spielt, macht einen guten Regionalkrimi aus, auch wenn einiges sich in die Länge zieht.

Insgesamt ein gelungener Auftakt der neuen Serie mit der Ermittlerin Carolin Halbach.

 

Buch 4

Anders de la Motte/Måns Nilsson: Der Tod macht Urlaub in Schweden, Droemer, München 2022, ISBN: 978-3-426-30876-9, 14,99 EURO (D)

Dies ist der erste Band einer sommerlich-heiteren Krimi-Reihe vom schwedischen Bestseller-Autor Anders de la Motte und Komiker Måns Nilsson.

Der Ermittler Peter Vinston, der eigentlich in Stockholm wohnt und arbeitet, muss wegen seiner wiederkehrenden Ohnmachtsanfälle notgedrungen im südschwedischen Österlen Urlaub machen. Dort wohnt auch seine frühere Frau Christina mit ihrem neuen Mann Poppe und Peters Tochter Amanda.

Dieser Urlaub wird jäh unterbrochen, als die Leiche der Maklerin Jessie Anderson gefunden wird. War es doch ein Unfall oder gar Mord? Jedenfalls war die lokale Bevölkerung nicht gut auf die skrupellose Maklerin zu sprechen, weil sie deren Strände mit geplanten Villen verunstalten wollte. Die örtliche junge Kommissarin Tove Esping beginnt zunächst mit den Ermittlungen rund um den mysteriösen Todesfall, Peter Vinston wird ihr als Hilfe zugeteilt, was bei ihr und den Einwohnern Österlens nicht gut ankommt.

Die beiden gehen schließlich von Mord aus. Die Dorfbewohner sind eher verschlossen, was die Aufklärungsarbeit erschwert. Verdächtige gibt es mehr genug, so bleibt die Geschichte spannend bis zum Ende.

Einen breiteren Raum nimmt die Vorstellung der beiden Hauptprotagonisten ein. Die beiden sind grundverschieden und sind sich anfangs auch nicht sehr sympathisch. Beiden ist nur gemeinsam, dass sie auf ihre eigene Art eine gewisse Schrulligkeit besitzen, was sie eigen und sympathisch macht.

Peter Vinston ist ein wenig eitel, legt Wert auf sein Äußeres und erscheint immer im dreiteiligen Anzug und mit blankgeputzten Schuhen. Er ist wortkarg, rational und hat einige Marotten und festgelegte Gewohnheiten. Er fühlt sich in der Provinz überhaupt nicht wohl, sondern in der Großstadt. Tove Esping ist das genaue Gegenteil: Sie ist ein richtiges Landei, mit praktischer Kleidung ohne Angst vor Schmutz und trägt bevorzugt Gummistiefel.

Ihre scheinbare provinzielle Haltung und Habitus schreckt Vinston ab, sie sieht in ihm einen Besserwisser und Schnösel aus der Stadt. Dies bricht die eigentlich ernsten und düsteren Ermittlungen auf, es gibt witzige Szenen, in denen sich die beiden gegenseitig verspotten und reiben.

Die Handlung selbst bietet einige Wendungen und ist spannend, die Aufklärung des Verbrechens gut durchdacht und in einer lockeren Sprache geschildert. Es ist kein Krimi a la Fitzek, wo Psychospiele und blutrünstige Taten die Regel ist. Er wird mit keinem anderen aktuellen Thema verbunden oder stellt keine tiefgreifende moralische Fragen. Ein Krimi, der sich flüssig an einem Sommertag oder am Strand lesen lässt.







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