Neuerscheinungen Literatur

12.08.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Erin Littekin: Denk ich an Kiew. Roman, Lübbe, Köln 2022, ISBN: 978-3-7857-2832-1, 24 EURO (D)

Dieser Debütroman von Erin Littekin über die schlimmen 1930er Jahre in der Ukraine und die Erinnerungen daran überschneidet sich mit den aktuellen Ereignissen des russischen Überfalls auf die souveräne Ukraine.

Stalins Regime zwang die Ukrainer zur Kollektivwirtschaft; Land, Produkte, Vieh und landwirtschaftliche Geräte wurden als Eigentum des Staates betrachtet und weggenommen. Die als Klassenfeinde markierten Ukrainer wurden interniert oder nach Sibirien verbannt. Am schlimmsten war aber die Hungersnot von 1932 bis 1933 über die Ukraine. An ihr starben fast 10 Millionen Menschen, ein vergessenes Kapitel in Europa.

Dies sind die Rahmenbedingungen des Romans. Er wird wird in einer dualen Zeitlinie aus abwechselnder Perspektive erzählt. Der erste Strang beginnt 1929, wo Katja behütet in einem Dorf bei Kiew aufwächst. Ihre Familie ist nicht reich, kann sich aber von ihrer eigenen Hände Arbeit ernähren. Stalinisten zwingen die Dorfbewohner zwingen, dem Kollektiv beizutreten. Wer sich weigert, wird mitgenommen und nie wieder gesehen. Anfangs gibt es für Katja dennoch auch glückliche Stunden. Sie ist in den Nachbarssohn verliebt und ihre Schwester in dessen Bruder. Doch schon bald muss Katja sich jeden Tag Mut zusprechen, um weiterzumachen angesichts des Schreckens um sie herum.

Jahrzehnte später entdeckt Cassie im Haus ihrer Großmutter in Illinois ein Tagebuch. Nie hat diese über ihre ukrainische Herkunft gesprochen. Seit einiger Zeit aber verhält sie sich merkwürdig. Sie versteckt Lebensmittel und murmelt immer wieder den Namen Alina, den niemand so recht zuordnen kann.

Littekin bietet eine sehr emotionale Geschichte von Hunger, Verlust und Tod. Sowohl Katja als auch Cassie erlebten unterschiedliche Grade des Verlustes, aber sie lernen, im Leben voranzukommen und das Beste daraus zu machen. Dabei beruht die Geschichte auf realen Menschen und Ereignissen basiert, was die Authentizität enorm steigert.

Die Geschichte ist ebenso fesselnd wie tragisch, aber mit einer zugrunde liegenden Botschaft der Hoffnung, Mut und über Neuanfänge. Die Charaktere in der Vergangenheit sind komplex, authentisch und außergewöhnlich. Außerdem wird einiges von der ukrainische Tradition und Kultur vermittelt.

Das Buch ist zwar in seinem Kern zeitlos, historische Vergleiche zu Putins Angriffskrieg sind immer schwierig, da es sich um eine eine andere Zeit mit anderen Regimen, Machtkonstellationen und geopolitischen Aspekten handelt.


Buch 2

Bella Mackie: how to kill your family. Roman, Heyne Hardcore, München 2022, ISBN: 978-3-453-27370-2, 22 EURO (D)

Dieses Buch von der Journalistin und Autorin Bella Mackie war in den USA ein Publikumsrenner. Nun liegt es in deutscher Übersetzung vor.

Die Rahmenhandlung ist skurril: Die mit psychopathischen Zügen ausgestattete Hauptperson, die 28jährige Grace, sitzt im Gefängnis für einen Mord, den sie nicht begangen hat. Sie hat aber tatsächlich jedoch tatsächlich mehrere Mitglieder ihrer Familie getötet, wie sie in ihrem Tagebuch, das aus ihrer Gefängniszelle schreibt, bestätigt.

Die Erzählung laviert zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Schnörkellos und direkt wird ihr Leben geschildert: Sie war das Produkt einer unehelichen Affäre des Milliardärs und Playboys Simon und Marie. Grace war also nicht gewollt, sie wurde von Anfang an abgelehnt und hat dies zu spüren bekommen. Vor allem durch Simon, der es kategorisch ablehnte, sie anzuerkennen. Nach dieser schlimmen und demütigenden Kindheit reiften schon früh in Grace Pläne, ihre Familie zu bestrafen, sprich zu ermorden. Diese Rachegelüste wurden ihr primäres Lebensziel.
Diese prägenden Jahre werden ausführlich geschildert, ebenso die Planung und Durchführung ihrer tödlichen Handlungen. Dies geschieht mit sehr schwarzem Humor, aber einer kalten Entschlossenheit und ohne Skrupel oder Reue. Sie plant ihre Taten sehr detailliert und überlässt dabei nichts dem Zufall. Ihre Emotionen der Rache stehen ihr bei der genauen Ausführung und Planung nicht im Weg.

Wie andere mechanisch ein Haus planen, plant sie Morde.

Die Erzählung besteht allerdings nicht nur aus der linientreuen Dokumentation ihrer Taten und den biografischen Hintergründen dazu, sondern hält auch einige unerwartete Wendungen bereit.

Dies ist ein dunklen, manchmal brutaler Roman mit viel schwarzem Humor, der in einem Moment lachen und im nächsten erschaudern lässt.

Es ist kein normaler Kriminalroman, der sich nicht in eine Schublade stecken lässt, eher ein genreübergreifendes Buch. Und auch einer, der unter Lesern auf jeden Fall polarisieren wird.


Buch 3

Seishu Hase: Tamons Geschichte. Roman einer Reise nach Süden, Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-455-01401-3, 24 EURO (D)

Dieses Buch von Seishu Hase wurde mit einem der wichtigsten japanischen Literaturpreise ausgezeichnet und liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Es ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, das im Norden von Japan beginnt.

Es spielt im Jahre 2011, kurz nach dem T?hoku-Erdbeben: Viele Existenzen sind zerstört, das Leben der Menschen nicht mehr so, wie es einmal war. Der junge Kazumasa findet einen herrenlos streunenden Schäferhund, der ihm nicht mehr von der Seite weicht. Er findet heraus, dass der Hund Tamon heißt.

Doch dann wird Kazumasa Opfer einer Bande und Tamon zieht es nach Süden, auf einer Reise durch atemberaubende Landschaften, in denen er einem Dieb, einer Prostituierten, einem jungen Paar und einem Jäger begegnet.

Diese Menschen, die mit Hunden interagieren, haben alle ein trauriges Schicksal, und die Menschen können durch die Interaktion mit Tamon wenigstens vorübergehend eine Besserung erzielen. Dabei wird aus ihrer jeweiligen Perspektive berichtet. Es kommt immer zu traurigen Abschieden, als Tamon nach Süden weiterzieht.

Wer eine virtuose Sprache erwartet, wird enttäuscht werden. Die Sprache und die Dialoge sind einfach gehalten, auch wenn sie einige Anspielungen enthalten.

Der Hund als der beste Freund des Menschen, der eine reine unverfälschte Natur besitzt und aufopferungsvoll und treu ist. Aber der auch unterschätze Fähigkeiten hat und Emotionen zeigen kann. Die Begegnung mit Hunden können ein Schicksal verändern und geben inneren Halt, Aufmerksamkeit, Trost und Kraft.

Manchmal wird jedoch auch zu viel Verherrlichung in den Beziehungen zwischen Mensch und Tier betrieben, was manche Passagen der Geschichte unglaubwürdig machen.

Insgesamt ist es eine berührende Reihe von Kurzgeschichten, die in die Tiefe gehen, ohne viele literarische Höhepunkte.


Buch 4

Mikita Franco: Die Lüge, Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-455-01367-2, 24 EURO (D)

In diesem emotional geschriebenen Roman geht es um Mikita, der dem Tod seiner Mutter, die an Krebs verstarb, von seinem Onkel Slawa adoptiert wurde. Slawa ist heimlich mit Lew liiert, was aber niemand wissen darf, denn in Russland steht Homosexualität unter Strafe. Dort erlebt er eine unbeschwerte Kindheit, Slawa und Lew lieben ihn wie ein eigenes Kind.

Aber mit der Einschulung beginnt das Versteckspiel, das Lügen. Die Homosexualität seiner beiden Väter muss geheim gehalten werden. Wenn Besuch kommt, müssen Fotos weggeräumt, in Aufsätzen müssen Dinge verschwiegen oder erfunden werden, Nachbarn und Freunde angelogen werden.

Mikita merkt schnell, dass Homosexualität in seinem näheren Umfeld von vielen abgelehnt wird, aus Unwissenheit und staatlich-gelenkter Propaganda.

Je älter er wird, wird dieser Zustand zu einer inneren Zerreißprobe. Die scheinbare Andersartigkeit seines familiären Umfeld und das ständige Lügen belastet Mikita so sehr, dass er Lew und Slawa die Schuld dafür gibt. Dies explodiert sogar in gewalttätigen Streit. Dabei spielen aber wohl auch Pubertät und Austesten von Grenzen eine Rolle. Andererseits liebt er die beiden auf ihre eigene Weise – sie sind individuell sehr verschieden - und fühlt sich wie in einer Familie. Normalität und (scheinbare) Andersartigkeit spielen eine große Rolle.

Neben üblichen altersbedingten Stimmungsschwankungen ist er auf der Suche nach seiner Identität, auch der sexuellen. Fragen bohren sich in seinen Kopf, er wird nachdenklich, in sich gekehrt und etwas depressiv.

In einem Jungen aus dem Waisenhaus sieht er einen Gleichgesinnten, jemanden, der keine Familie hat und daher ein Außenseiter ist. Die beiden freunden sich an und unternehmen viel zusammen. Als Mikita sich dann endlich eingestehen kann, dass er mehr für ihn empfindet als Freundschaft, verschlechtern sich sein Seelenzustand. Fragen der eigenen Identität nehmen großen Raum ein und die nach seiner familiären Vorprägung. Er versucht, seine eigene Homosexualität abstreifen zu wollen und eine „normale“ Beziehung führen zu wollen. Sexuelle Kontakte mit jungen Frauen scheitern, die gewünschten Gefühle stellen sich nicht ein. Er macht sich auch Selbstvorwürfe: er sei der lebende Beweis dafür, dass die gesellschaftliche Agitation zutrifft, gleichgeschlechtliche Paare würden homosexuelle Kinder produzieren. . Innere Dialoge werden ausführlich geschildert. Dabei ist die entscheidende Frage, ob er sich nur zu Männern hingezogen fühlt, weil Lew und Slawa homosexuell wird, oder ob er eigenständig so empfindet.

Die inneren Konflikte werden emotional herausgearbeitet und ein gutes gesellschaftliches Panorama skizziert.

Dieser autobiografisch angehauchte Roman zeigt eindrücklich, dass Gleichberechtigung und Toleranz in anderen Gesellschaften immer noch als Sünde oder Verbrechen gelten und sexuelle Identität nur jenseits der Öffentlichkeit gelebt werden kann. Was nicht heißen soll, dass es in der BRD und anderen westlichen Gesellschaften eine Selbstverständlichkeit ist, hier gibt es genug zu tun.


Buch 5

Mascha Vassena: Mord in Montagnola. Moira Rusconi ermittelt, Eichborn, Köln 2022, ISBN: 978-3-8479-0102-0, 17 EURO (D)

Moira Rusconi, frisch getrennt von ihrem Mann, lebt eigentlich in Frankfurt und arbeitet als Übersetzerin. Sie kehrt für einige Zeit in ihr Heimatdorf Montagnola im Tessin zurück, weil ihr Vater Ambrogio einen Schlaganfall hatte.

Kurz nach ihrer Ankunft wird ein Toter in einer Nevèra, einem der dort typischen historischen Eiskeller, gefunden. Sie wird durch das Zusammentreffen mit ihrer Jugendliebe Luca Cavadini, der als Gerichtsmediziner arbeitet, in den Fall, der das ganze Dorf aufwühlt, involviert.

Da Montagnola italienischsprachigen Teil der Schweiz liegt und es mit deutschsprechenden Schweizer immer mal zu Kommunikationsschwierigkeiten kommt, wird sie gebeten, als Dolmetscherin zu fungieren und die Polizeiarbeit zu unterstützen.

Sie arbeitet dort mit Chiara meist zusammen, was Moira aber nicht davon abhält, selbst Ermittlungen anzustellen. Der Tote war nicht allzu beliebt, von daher gibt es einige Verdächtige in diesem Mordfall, die sich nicht sonderlich auskunftsfreudig zeigen. Die Ermittlungen verlaufen zuerst zäh, danach steigert sich der Spannungsbogen.

In Montagnola gibt es das Hermann-Hesse-Museum über das Leben, das der Dichter über vierzig Jahre im Tessin führte. Dort gibt es neben Büchern auch persönliche Gegenstände Hesses. Als herauskommt, dass Briefe des Dichters verschwunden sind, kommt Moiras Vater als Literaturwissenschaftler und Experte ins Spiel. Ob dies mit dem Mord im Zusammenhang steht?

Es gibt viele Wendungen in der Ermittlung, auch scheinbare Lösungen entpuppen sich als Nebelkerze.

Der Schreibstil ist flüssig und gut lesbar, Elemente des Thrillers mit viel Blut und psychologisierende Stellen a la Fitzek finden sich hier nicht, eher noch witzige Passagen.

Neben der eigentlichen Handlung gibt es viel über die Region und ihre kulinarischen Genüsse, Lokalkolorit und Landschaft zu entdecken.

Neben dem eigentlichen Fall werden die Protagonisten der Serie mit ihren Eigenheiten näher vorgestellt. Die Protagonisten sind zwar manchmal eigen, aber durchweg sympathisch.

Ein guter Einstieg für die Serie um Moira Rusconi.









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