Neuerscheinungen Politik und Geschichte

24.06.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Sophie Backsen/Silke Backsen: Butter bei die Fische. Wie wir von Pellworm aus die Klimapolitik verändert haben, Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-455-01416-7, 16,90 EURO (D)

Sophie und Silke Backsen wohnen auf der nordfriesischen Nordseeinsel Pellworm, wo die Auswirkungen des Klimawandels besonders spürbar sind. Silke Backsen zog bereits 2019 für eine bessere Klimapolitik vor Gericht, ohne spürbaren Erfolg. Ihre Tochter Silke zog 2021 gemeinsam mit anderen Kläger*innen bis vor das Bundesverfassungsgericht.

Das Bundesverfassungsgericht bestätigte, dass das Klimaschutzgesetz in Teilen verfassungswidrig ist. Die zuständigen Richter*innen verpflichten den Gesetzgeber, bis Ende 2022 die Ziele zur Reduktion von Treibhausgasen nach 2030 konkret zu regeln. Das Urteil war überraschend und sorgte für einen Paukenschlag in der deutschen Presse und Politik.

In diesem Buch erzählen die beiden vom Leben auf Pellworm, dem Kampf für eine lebenswerte Zukunft und davon, wie es ihnen gelungen ist, ein wegweisendes Gerichtsurteil zu erwirken. „Es hat grundsätzliche Leitplanken für eine Politik gesetzt, egal welche Partei oder Koalition nun an der Regierung ist.“ (S. 139)

Abwechselnd berichten Sophie und Silke Backsen, darunter manchmal auch Persönliches. In der Mitte des Buches gibt es einige Abbildungen.

Im Anhang gibt es eine Chronik von 2007 bis hin zur erfolgreichen Klage.

„In diesem Buch haben wir versucht zu zeigen, dass jede und jeder von uns die Möglichkeit hat, etwas gegen die Klimakrise und für eine lebenswerte Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder zu unternehmen.“ (S. 169)

Diese Botschaft ist der Kern des Buches, es ist auch ein Erfahrungsbericht und ein Hilferuf zugleich.

Die Auswirkungen der Klimakrise bedrohen vor allem durch die höheren Temperaturen, Starkregen und Dürre die Zukunft der Insel Pellworm, auch das Artensterben wird dort sichtbar. Die wenigen Bewohner*innen müssen um ihre Lebensgrundlage fürchten. Ob das anders aussehen würde, wenn dort politische Entscheidungsträger*innen leben würden?


Buch 2

Amanda Gorman: Was wir mit uns tragen. Call us what we carry. Zweisprachige Ausgabe. Gedichte, Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-455-01172-2, 28 EURO (D)

Bei der Amtseinführung von Joe Biden am 20.1.2021 trug Amanda Gorman auf Einladung von Jill Biden im Rahmen der Zeremonie ihr Gedicht The Hill We Climb vor das sie nach dem Sturm auf das Kapitol angepasst und fertiggestellt hatte. Mit ihren damals 22 Jahren war sie die jüngste Dichterin, die jemals bei der Amtseinführung eines US-Präsidenten aufgetreten ist.

Die Gedichtsammlung Call Us What We Carry enthält The Hill We Climb neben vielen anderen Gedichten, die die Komplexität der menschlichen Erfahrung abdecken. Sie haben aktuellen Charakter wie existentielle Fragen zur Covid-19-Pandemie, Trauer über psychische Gesundheit bis hin zu kollektiver Verbesserung und sozialen Bewegungen. Sie sind nicht nur auf USA-spezifische Themen, sondern auf die gesamte Menschheit übertragbar, auch wenn Emanzipation, afroamerikanische Identität, Rassismus und Ausgrenzung eine wichtige Rolle spielen.

Zu den Inhalten gehören thematische Abschnitte wie: Requiem, Was für ein Stück Wrack ist der Mensch, Earth Eyes, Memoria, Sühne, Wut & Glaube und Resolution.

Die Gedichte sind zweisprachig, dabei ist die Übersetzung gelungen, es gibt keine grobe sprachliche Uneindeutigkeiten. Sie werden meist minimalistisch abgedruckt, ohne Verzierungen oder sonstiger Aufmachung. Nur einige Stellen werden farblich abgehoben, So wirken sie puristisch auf den Inhalt reduziert, ästhetisch jedoch etwas lieblos.

Jedes Wort ist sorgfältig ausgewählt und voller Bedeutung. Gorman gibt historische Hinweise auf die amerikanische Vision und erinnert daran, dass diese amerikanische Erfahrung und dieses Bestreben unvollendet sind.

Ohne viel Pathos schafft sie es, ihre Träume, ihre Gedanken und Emotionen darzustellen und dabei aktuelle kritische Themen anzusprechen, die jeden von uns betreffen. Gedichte sind nicht nur Thema des gehobenen Bildungsbürgertums, sondern können die breite Masse ansprechen, das wird deutlich.

Und: Amanda Gorman verankert die etwas angestaubte Poesie durch ihre moderne Interpretation wieder in das Bewusstsein der jüngeren Generation.


Buch 3

Jörg Mückler: Deutsche Bomber im Ersten Weltkrieg, Motorbuch, Stuttgart 2017, ISBN: 978-3-613-03952-0, 29,90 EURO (D)

In diesem Band werden die historische Entwicklung und der Einsatz von deutsche „Bomber“ im Luftkrieg im Ersten Weltkrieg behandelt. Dabei wird meist unveröffentlichtes Bildmaterial gezeigt.

Die vom italienischen General Guilio Douhet formulierte Luftkriegstheorie fand im Deutschen Reich schnell Bewunderer und Nachahmer. „Bomberväter“ wie Hermann Thomsen oder Oskar Ursinus werden vorgestellt. Der erste „Bomber“ stammt von AEG, wurde K 1 genannt und machte 1915 seinen Erstflug. Organisatorisch wurden zwei Kampfgeschwader 1915 von der Obersten Heeresleitung gegründet. Verbesserte Maschinen wie die AEG G III folgten dem „Bomber“-Prototyp. Der „erfolgreiche“ Einsatz von „Bombern“ bei der Zerstörung von Bukarest führten zu schnellen Kriegserfolgen. Sie wurden in der Folgezeit beim Übergang zu einer kontinuierlichen Luftkriegsführung mit Flugzeugen gegen England eingesetzt. Auch an der Front im Westen, vor allem bei Einsätzen nach Paris, Kanalhäfen und militärische Hinterlandzielen in Nordfrankreich, Industriestandorten in Lothringen, taktische Ziele in Frontnähe, fanden sie ein Operationsfeld.

Die „Bomberflotte“ wurde 1917 umgebaut. Die „Kampfgeschwader“ wurden durch „Bombengeschwader“ ersetzt.

Danach wird die neue Kategorie der Riesen-Flugzeuge ab 1915 vorgestellt und Unterschiede zu den Groß-Flugzeugen herausgearbeitet. Danach steht der Bombenwurf, deren Übung und sogar Wettbewerbe und die Entwicklung zum PUW-Torpedo und passender Abwurfseinrichtungen im Mittelpunkt.

Danach werden Werke und Firmen alphabetisch vorgestellt: von der Flugtechnischen Abteilung von AEG bis hin zur Zeppelin-Werke GmbH Staaken.

Marineflieger und ihr Einsatz seit 1916 werden dann behandelt. Der im Osten andauernde Erste Weltkrieg führte dazu, dass die jungen polnischen Luftstreitkräfte jedes deutsche Flugzeug beschlagnahmten, das auf ihrem Staatsgebiet landete. Der Besitzerwechsel wird anhand zweier Groß-Flugzeuge dargestellt.

Im Anhang gibt es Literatur, Quellen, ein Abkürzungsverzeichnis, den Bildnachweis und farbige Zeichnungen einiger wichtiger Modelle.

Der Band bietet insgesamt 323 schwarz-weiß-Fotos, 44 Farbfotos, Zeichnungen und Tabellen.

Hier wird eine Militärgeschichte und zum Teil auch Luftfahrtgeschichte schon lange vor dem 1. Weltkrieg vorgestellt und genau in Gesamtzusammenhänge eingeordnet. Das zerstört auch Mythenbildungen, verherrlichende Lesarten und legt auch Irrtümer der Verantwortlichen offen. Die Technik ist ein wenig unterrepräsentiert, dafür finden Vordenker und Firmen/Betriebe stärker Berücksichtigung. Viele Bilder und Zeichnungen wie im Anhang runden ein gelungenes Werk, ohne wissenschaftliche Ansprüche zu erheben, ab.


Buch 4

Michael Fröhlich: Der andere Tiger. Der Panzerkraftwagen Porsche Typ 101, Motorbuch, Stuttgart 2019, ISBN: 978-3-613-04213-1, 29,90 EURO (D)

Im zweiten Weltkrieg kam es zum Auftrag an die deutsche Industrie, einen 45 Tonnen schweren Panzerkraftwagen zu bauen. Auf Basis seiner begonnenen 30-Tonnen Panzerprojekts beteiligte sich Ferdinand Porsche mit einem eigenen Entwurf dabei.

Dieser „Porsche-Tiger“ musste sich letztlich dem „Hentschel-Tiger“ geschlagen geben, somit wurde letzterer zum bekanntesten Panzer des 2. Weltkriegs.

In diesem Band stellt der Experte Michael Fröhlich den „Porsche Tiger“ näher vor und präsentiert dazu 300 Bilder und Zeichnungen.

Fröhlich behandelt die Modelle VK 3001 (P); VK 4501 (P) und VK 4502 (P), der Entwurf für den späteren Tiger B.

Das Anforderungsprofil und die Eigenschaften für die Praxis im kommenden Einsatz, die bestehenden Möglichkeiten der einzelnen Firmen in Bezug auf Arbeitsleistung und Rohstoffe sowie die Modelle der Sowjetunion und der anderen Alliierten werden dort beschrieben. Auch vorhandene Konzepte, Ideen und Vorstellungen werden anhand von Zeichnungen und Entwurfsskizzen vorgestellt. Der technische Aufbau der einzelnen Modelle, Motor- und Antriebkonzepten, Bewaffnung, Getriebe und Turm nimmt jedoch den größten Raum ein. Die vielen Erprobungen im Gelände, deren Resultate und Umbauten sowie der notwendige Transport der Panzer werden ebenso präsentiert.

Der „Porsche Tiger“ steht nicht allein für sich, sondern wird auch mit dem „Hentschel Tiger“ verglichen und signifikante Unterschiede herausgearbeitet.

Dies wird mit Zusammenhängen über die Entscheidungsfindung und das Kompetenzgerangel der Verantwortlichen in Militär und bis in die oberste Regierungsspitze dargelegt.

Das Buch endet nicht mit der Entscheidung pro Hentschel, sondern berücksichtigt den Einsatz im Krieg mit ein. Der „Hentschel-Tiger“ war zwar dem „Porsche Tiger“ in der Feuerkraft, der Nachladefähigkeit, der präzise Zieloptik und der exakt schießende Kanone überlegen, hatte jedoch auch viele Nachteile, wie sich in der Kampfpraxis zeigt.

Das Buch bietet eine sehr ausführliche und detailreiche Schilderung des „Porsche Tigers“, aber auch einen Einblick in die Panzerentwicklung allgemein und die Entscheidungsfindung der wesentlichen Personen. Die enge Freundschaft zwischen Hitler und Ferdinand Porsche dürfte nun auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden sein, kein Ruhmesblatt für seine Nachfolger.

Diese Liebe zum Detail zeigt sich auch bei den dargelegten Zeichnungen und Skizzen.

Das Buch taugt zum Standardwerk für den „Porsche Tiger“ in der militärgeschichtlichen Forschung.







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