Neuerscheinungen Sachbuch

18.06.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Lorenz Peiffer/Henry Wahlig (Hrsg.): „Einig. Furchtlos. Treu“. Der kicker im Nationalsozialismus – eine Aufarbeitung, Verlag Die Werkstatt, Bielefeld 2022, ISBN: 978-3-7307-0621-3, 39,90 EURO (D)

Der kicker ist das führende Fußballmagazin in der BRD. Aus Anlass seines 100jährigen Jubiläums hat das Magazin unabhängige Fachleute mit der Aufarbeitung seiner Entwicklung in der Zeit des Nationalsozialismus beauftragt.

Im Rahmen dieser Studie wird untersucht, ob und wie sich die allgemeinen politischen Veränderungen in der Berichterstattung des kicker ab 1933 widerspiegeln und ab wann und in welchem Maße sich die Inhalte dem politischen Zeitgeist anpassten. Neben der inhaltlichen Analyse der Texte des Blattes stand eine biografische Aufarbeitung der damaligen kicker-Redakteure im Mittelpunkt.

Der Titel bezieht sich auf eine Überschrift des damaligen Chefredakteurs Hanns J. Müllenbach unmittelbar nach dem Überfall auf Polen 1939, dem ein ganzseitiger Aufruf Hitler „An das deutsche Volk“ folgte.

Zunächst gibt es eine ausführliche Einführung in die redaktionelle und strukturelle Entwicklung des Magazins in den allgemeinen politischen Rahmen.

Danach untersucht Bernd M. Beyer die Rolle des neuen Hauptschriftleiters Hanns J. Müllenbach, der Nachfolger des im März 1933 in die Schweiz vertriebenen jüdischen Gründer des kickers, Walther Bensemann wurde, bis zum Januar 1941. Danach beschäftigen sich Lorenz Peiffer und Henry Wahlig mit dem Netzwerk der kicker-Redakteure und Mitarbeiter. Sie weisen nach, dass zahlreiche von ihnen auch in der BRD wieder an teils führenden Stellen im deutschen Sportjournalismus tätig waren.

Für den kicker schrieben in den 1920er Jahren und Anfang der 1930er Jahre mehrere Personen mit jüdischem Hintergrund. Diese werden von Petra Tabarelli vorgestellt.

Die Sprache des kickers am Beispiel der Länderspielberichterstattung 1931-1952 entsprach auch der herrschenden politisch-ideologischen Ausrichtung, wie Simon Meier-Vieracker nachweist. Karin Rase untersucht danach die Stilmittel der Karikatur im kicker in der NS-Zeit.

In seinem Beitrag verweist Moshe Zimmermann auf offene und verklausulierte judenfeindlichen Aussagen im Magazin. Danach stellt Diethelm Blecking anhand der Biografie von Ernst Willimowski, der zuerst für polnische Nationalmannschaft und nach dem Überfall auf Polen für die deutsche spielte, dar und stellt fest, dass er politisch nicht vom kicker zugeordnet und instrumentalisiert werden konnte.

Im zweiten Teil geht es um die Auslandsberichterstattung im Spiegel der NS-Expansionspolitik. Andreas Kullick untersucht die Berichterstattung des kicker der Länderspiele gegen England, die sich immer wieder im Sinne der nationalsozialistischen Politik positionierte. David Gilgen widmet sich der Berichterstattung über die Spiele gegen die italienische Nationalmannschaft und geht der Frage nach, ob dort die ideologische Nähe des italienischen Faschismus und des Nationalsozialismus vorherrschend war.

Die Länderspiele gegen Polen während der NS-Zeit werden dann von Thomas Urban sowohl im kicker als auch in der polnischen führenden Sportzeitung Przeglad Sportowy untersucht. Der „Anschluss“ Österreichs, als „Ostmark“ bezeichnet, und der dortige Sport wird dann von Matthias Marschik thematisiert. Der Sport nach der Okkupation des Sudetenlandes wird von Stefan Zwicker analysiert.

Die okkupierten Gebiete Westpolens, die als „Sportgaue“ dem NS-Sportsystem einverleibt wurden, und die ideologische Verbreitung der NS-Herrschaft in der Berichterstattung weist Martin Borkowski-Seruhan nach. Die Besetzung des Elsass und der dortige Fußball im Zweiten Weltkrieg wird dann von Bernd Reichelt skizziert. Die schweizerischen-deutschen Fußballbeziehungen der NS-Zeit und die Länderspiele werden anschließend von Christian Koller analysiert.

Die Militär-, Luftwaffen- und Marinesportvereine werden danach von Florian Wittmann untersucht. Die Berichterstattung über den in der NS-Zeit besonders erfolgreichen Verein Schalke 04 und den Schalker-Kreisel wird von Stefan Goch vorgestellt.

Die zwei abschließenden Beiträge widmen sich der Frage nach der Entnazifizierung in den Reihen des kicker sowie dem Umgang mit dem Erbe von Walther Bensemann in der Nachkriegszeit. Zuerst untersuchen Thorben Pieper, Christopher Kirchberg und Marcel Schmeer nach der Vorstellung der politischen Rahmenbedingungen exemplarisch Entnazifizierungsverfahren einzelner kicker-Journalisten. Frank Wolff und Lewis Wellbrock geben sich auf die Suche nach Spuren dem Erbe des kicker-Gründers Bensemann. Erst im direkten Vorfeld der WM 2006 entdeckte der kicker Bensemann wieder und beteiligte sich an einer beginnenden Institutionalisierung seines Gedenkens.

Hinter den jeweiligen Essays findet sich ein Literaturverzeichnis.

Im Anhang werden die Autorinnen und Autoren näher vorgestellt.

Der Band gewinnt dadurch Glaubwürdigkeit, dass unabhängige Historiker*innen, damit beauftragt wurden, die NS-Verstrickungen aufzuarbeiten. Der Anspruch einer kritischen Reflexion des führenden Fußball-Magazins der Zeit wird erfüllt. Nicht alle Aufarbeitungsversuche anderer Institutionen oder Firmen haben diese Konstellation.

Dennoch stellt sich die Frage: Warum gab es erst jetzt diese notwendige Aufarbeitung?

Ob das Magazin damals eine reine Fußballzeitung war oder ob die Olympischen Spiele in Berlin 1936 auch thematisiert wurden (und wenn ja, wie), wird leider nicht ersichtlich. Auch ein Beitrag über rassistische Komponenten der NS-Propaganda wie „bolschewistische Untermenschen“ vor allem im Zweiten Weltkrieg oder biologistische Ideologien in Bezug auf den Fußball wären spannend gewesen.

 

Buch 2

Lori A. Roggman, Gina A. Cook, Mark S. Innocenti, Vonda Jump Norman, Katie Christiansen, Sheila Anderson: Piccolo™-Manual. Einschätzung von Eltern-Kind-Interaktionen, Ernst Reinhardt, München 2022, ISBN: 978-3-497-02768-2, 39,90 EURO (D)

Mit PICCOLO erhalten Fachkräfte ein Instrument, um solche Eltern-Kind-Interaktionen wahrnehmen und stärken zu können, die günstige Effekte auf die kindliche Entwicklung haben.

Es legt den Fokus auf die Stärken im Interaktionsverhalten der Bezugspersonen. PICCOLO kann in vielen unterschiedlichen Programmen und Angeboten, die die Arbeit mit Säuglingen oder Kleistkindern, eingesetzt werden. Es eignet sich weder als Diagnoseinstrument zur Erfassung von Störungen oder Pathologien noch als Grundlage für familienrechtliche Gutachten. Dies wird im ersten Kapitel zum Verständnis des Instruments deutlich gemacht.

Die Anwendung wird danach aufgezeigt. Erst werden vier Schritte für Fachpersonen für ihre Arbeit mit Familien vorgestellt.

PICCOLO umfasst 29 Punkte aus vier Hauptbereichen: Affektive Zuwendung, Responsivität, Ermutigung und Anleitung. Danach wird für jeden Punkt in Form einer Tabelle Hinweise formuliert. Dies geschieht in dem Dreischritt Item-Richtlinie-Beobachtungshinweise.

Danach werden Fragen beantwortet, die Aufschluss darüber geben wie eine Beobachtung durchgeführt wird. Dazu wird nach Familien, jüngere oder ältere Kinder oder entwicklungsbeeinträchtigten Kindern oder Väter differenziert. Dazu gibt es manchmal spezielle Tipps.

Fachpersonen aus der Praxis haben Fragen zu den Beobachtungsmessungen gestellt. Eine Auswahl davon werden im nächsten Kapitel beantwortet.

Die Entwicklung von PICCOLO und die sechs Schritte des Prozesses der Entwicklung der Messungen folgen danach.

Nach einem Literaturverzeichnis wird ein Forschungsbericht veröffentlicht, der Informationen über die Entwicklung und die psychometrischen Eigenschaften des ursprünglichen Beobachtungsverfahrens liefert. Zunächst wird ein Überblick über die Instrumente selbst geliefert, danach werden die demografischen Merkmale der Stichproben beschrieben. Die Entwicklung mit Blick auf die Itemauswahl, die Itemanalyse und psychometrische Gütekriterien, deskriptive Statistiken und Informationen zur Reliabilität der Messungen und Validitätsstudien runden dies ab.

Die Autor*innen, das Forschungsteam, technische Unterstützung, Finanzierung und Programmpartner sowie ein Sachregister folgen danach.

Wie Eltern-Kind-Interaktionen mit Segmenten mithilfe der PICCOLO-Checkliste besser codiert werden können, wird in diesem Manual verständlich gezeigt und anhand von Forschungsergebnissen offengelegt. Zur Unterstützung wären Video-Sequenzen zum Beispiel per QR-Code wünschenswert gewesen. Passend zum Manual ist ein Beobachtungsbogen (ISBN: 978-3-497-03118-4) erhältlich.


Buch 3

Pierre Charbonnier: Überfluss und Freiheit. Eine ökologische Geschichte der politischen Ideen, S. Fischer, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-10-397110-1, 36 EURO (D)

Der französische Philosoph Pierre Charbonnier entwirft er die erste philosophische Ideengeschichte zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die ökologische Krise der Gegenwart sieht er als Chance, sozial und politisch umzudenken und als Gesellschaft neue Wege zu gehen. Dabei setzt Charbonnier auf eine radikal andere Politik, die nicht notwendig mit Verzicht verbunden ist.

Charbonnier begreift das Konzept vom Anthropozän als Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Im Jahr 2002 definierte der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen das Konzept vom Anthropozän als Nachfolger des bislang andauernden Holozäns offiziell im Wissenschaftsjournal »Nature«. Der Kerngedanke bei dem neuen Zeitalter ist der massive Einfluss der Menschheit auf die Umwelt seit der Industrialisierung, der auch noch in ferner Zukunft für Geologen etwa in Gesteinsschichten oder anhand von Fossilien nachweisbar sein wird.

Er macht den Vorschlag, die Geschichte der (westlichen) politischen Philosophie seit dem 17. Jahrhundert im Lichte dieses neuen historischen Zustands neu zu lesen.

Charbonnier will aufzeigen, wie die politischen Ideen der Moderne mit einer bestimmten Vorstellung von der Beziehung zur Umwelt verbunden sind. Er sieht das westlich formulierte Ideal von Freiheit mit der intensiven Nutzung natürlicher Ressourcen und Böden verbinden, deren Ausbeutung seit zwei Jahrhunderten der Finanzierung des gesellschaftlichen Fortschritts dient.

Charbonnier zeigt, dass aus dem Bündnis zwischen Freiheit und Wachstum das Ideal der Autonomie allmählich von der staatlich unterstützten Marktwirtschaft übernommen wurde. Letzteres schafft und garantiert einerseits die rechtlichen Voraussetzungen für das Funktionieren des Marktes, andererseits seine fortschreitende Expansion, insbesondere durch koloniale Eroberung.

Die Erde wird seit dem 17. Jahrhundert als unerschöpfliche Quelle von Wohlstand und Wachstum gesehen. Alle seither entwickelten politischen Ideen beruhen darauf, vor allem die zentralen Begriffe von Freiheit und Gleichheit, von Autonomie und von Wachstum bzw. Überfluss.

Dieses Zusammenspiel wird nun durch die ökologische Krise infrage gestellt. Dabei sieht er eine Paradoxon: Durch die Ausbeutung der Natur wurde seiner Meinung erst ein sozialer Fortschritt möglich. Die Rufe nach mehr Ökologie und Verzicht würden den Wohlfahrtsstaat und seine Schutzmechanismen schwächen, da diese von der Herrschaft des Wachstums abhängig sind, die ihre Finanzierung bedinge.

Sein Anliegen ist eine philosophische Neudefinition des Verhältnis von Mensch und Natur. Und zwar innerhalb des jetzigen wirtschaftlichen und politischen Systems. Das will er durch eine Neuverankerung der Ökologie in der Politik. Es wird eine Art Spagat gewagt: die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems, die Erhaltung von Individualität und Autonomie sowie sozialer Standards und ihrer Finanzierungsmechanismen ohne einer Kultur des Verzichts zu predigen.

All das ist nur schwer vorstellbar.

Dass der Siegeszug des Materialismus und der kapitalistischen Gier nach immer mehr Konsum, Geld und Macht für die ökologische Katastrophe verantwortlich ist, wird hier nicht in der notwendigen Deutlichkeit sichtbar. Ob da gerade marktwirtschaftliche Modelle für die Lösung der selbst verschuldeten Krise sind?

Dass es eines Bewusstseins jenseits der Politik für ein Wirtschaften mit und in der Natur braucht, fehlt auch bei seinen Ausführungen weitgehend.

Es ist auch nicht ersichtlich, warum Charbonnier erst ab dem 17. Jahrhundert ansetzt.

Der Gegensatz zwischen Mensch und Natur geht bis in die Frühgeschichte zurück. Ein großer Teil der Weltgeschichte besteht darin, dass die Menschen allmählich die Werkzeuge zur Erfüllung ihrer Wünsche auf Kosten der übrigen Natur erwarben. Die technischen Möglichkeiten ließen erst Mitte des 17. Jahrhunderts eine rücksichtslose Plünderung zu.

Von daher gibt es bessere Werke über die ökologische Frage, zum Beispiel: Daniel R. Headrick: Macht euch die Erde untertan. Die Umweltgeschichte des Anthropozäns, WGB Theiss, Darmstadt 2021, ISBN: 978-3-8062-4394-9, 50 EURO (D)


Buch 4

Wolfgang Schmidbauer: Der Fortschritt und das Glück. Eine gescheiterte Beziehung, oekom, München 2022, ISBN: 978-3-962-38350-3, 20 EURO (D)

„In diesem Buch geht es um einen Widerspruch. Obwohl immer mehr Menschen in wachsendem Wohlstand und steigender Sicherheit von Krankheit und Gewalt auf dem Planeten leben, steigt jedes Jahr die Zahl derer, die an Depressionen oder Ängsten leiden.“ Auf der Suche nach Antworten stellt der Sozialpsychologe Wolfgang Schmidbauer die Frage, ob „es der Fortschritt selbst ist, - vielleicht genauer: ein allzu gieriger Umgang mit ihm -, der uns in Gefahr bringt, unglücklich zu sein.“ (S. 10)

Seine Kernthese lautet, dass das Streben nach immer mehr Konsum, Reichtum und Macht sowie die technischen Möglichkeiten die Menschen nicht zufriedener und glücklicher gemacht hat und eine wirkliche innere Fülle verhindert hat. Eine harsche Kritik am Materialismus und an der konsumorientierten kapitalistischen Gesellschaft, die Glücksversprechen in Form von äußerlichem Besitz propagiert.

Spiritualität, das Wissen um wirklich lebensnotwendigen Güter (Minimalismus), eine neue ethische und bewusstere Haltung gegenüber der Welt bringt er in verschiedenen Beispielen und Anekdoten rüber.

Sein Anliegen ist auch eine philosophische Neudefinition des Verhältnis von Mensch und Natur.

Er beschreibt das schwierige und konkurrierende Verhältnis der frühen Menschen zu ihrer jeweiligen Umwelt. Ein Gegensatz zwischen Mensch und Natur, der bis in die Frühgeschichte zurückgeht. Ein großer Teil der Weltgeschichte besteht darin, dass die Menschen allmählich die Werkzeuge zur Erfüllung ihrer Wünsche auf Kosten der übrigen Natur erwarben.

Die industrielle Revolution und ihre Wirkung für die Umwelt und den Menschen selbst mit ihren Nachteilen der Aufstieg der Konsumgesellschaft und ihrer Umweltkosten ist eine wichtige Etappe. Im Zeitalter des Anthropozän haben sich die Machtverhältnisse zwischen Mensch und Natur eindeutig hin zum Menschen verschoben.

Die menschlichen Einstellungen gegenüber der Natur sollten verändert werden. Dazu werden indigene Gemeinschaften, die Natur als heilig und schützenswert ansahen, als Vorbild gesehen.

Es geht auch grundsätzliche Gegenwarts- und Zukunftsfragen wie wir Menschen mit dem Planeten, den wir bewohnen, interagieren sollte.

Das Buch zeigt eindrücklich, die dramatischen Auswirkungen der menschlichen Gesellschaft auf die Umwelt. Eine kritische Haltung gegenüber dem Begriff des Fortschritts ist zwar richtig genauso wie die Konsum- und Kapitalismuskritik, dennoch ist das Buch zu kulturpessimistisch und klammert Vorteile aus oder redet sie klein.

Glück und Glücksgefühle sind individuell verschieden, auch die tieferen immateriellen. Niemand kann eine eindeutige allgemeingültige Antwort auf die Frage, was Glück bedeutet und ausmacht geben, auch Schmidbauer nicht.







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