Neuerscheinungen Sachbuch

19.06.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Toluse Olorunnipa, Robert Samuels»I can't breathe« George Floyds Leben in einer rassistischen Welt, S. Fischer, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-10-397148-4, 26 EURO (D)

Dies ist die erste Biographie über George Floyds Leben und die Zeiten vor und nach seiner Ermordung Die Reporter Robert Samuels und Toluse Olorunnipa von der »Washington Post« haben dafür mit mehr als 150 Menschen Interviews geführt, darunter Floyds Geschwister, erweiterte Familienmitglieder, Freunde, Kollegen, Beamte, Wissenschaftler und Aktivisten.

Dabei spannen sie einen weiten Bogen vom Ende der Sklaverei und dessen schwierigem Erbe, respektive dem Fortbestand des Rassismus in vielen Köpfen, bis in die jüngere Vergangenheit. Die Autoren stellen insbesondere Floyds Wurzeln denen von Derek Chauvin gegenüber, dem Polizisten, der ihn getötet hat. Diese sollen nicht nur die verschiedenen Rahmenbedingungen für das Leben der beiden aufgrund ihrer Hautfarbe beschreiben, sondern für die Kluft zwischen weißen und Afro-Amerikaner*innen. Die unhinterfragten Privilegien und die Annahme der white supremacy („weiße Vorherrschaft“) Rassismus wird dabei als Norm betrachtet, die tief in gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen verankert sei und die Afro-Amerikaner*innen und andere Nicht-Weiße regelmäßig erfahren.

Die Autoren berichtet von Floyds Leben unter Einbeziehung seiner umgebenden Welt bis zu den „neun Minuten und 29 Sekunden, die er damit verbrachte, nach Luft zu schnappen“, als er starb. Sie betreiben aber keine hagiografische Schilderung, Floyds Drogensucht, sein Gefängnisaufenthalt und sein Kampf mit sich selbst werden nicht verschwiegen oder verniedlicht. Dies aber immer mit Respekt vor seiner Person und seiner Familie.

Dieses Ereignis hat die sozialen Unruhen im Sommer 2020 in den USA geprägt und die sozialpolitische Atmosphäre verändert, eine neue dauerhafte Bürgerrechtsbewegung entstand und Rassismus und Polizeigewalt war auf der Agenda. Daraus entwickelte sich eine weltweite Bewegung mit Demonstrationen, Gedenkveranstaltungen oder Polizeigewalt in anderen Metropolen wie Paris.

Dass Floyds Leben und sein Tod größere Lektionen für die amerikanische Gesellschaft symbolisieren, steht außer Frage.

Gut an dem detailliert geschriebenen Buch ist, dass der Rassismus auf der Ebene von gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen analysiert wird und damit nicht als Phänomen von Individuen, also die These der Verfehlung von Einzeltäter*innen. Die Kontextualisierung des Mordes mit Gesellschaft und Historie ist ein unabdingbarer Ansatz, die Realitäten zu beschreiben und sie zu verändern.

Rassismus ist kein genuines Phänomen der USA, sondern ein weltweites Problem, das immer Bestandteil von westlichen Demokratien, vor allem mit kolonialer Vergangenheit, war und ist. Verhältnisse wie in den USA gibt es auch in der BRD, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen.

 

Buch 2

Stephanie Zibell: Um das Feuer in Euch zu entfachen. Bedeutende Worte beeindruckender Frauen, S. Marix Verlag, Wiesbaden 2022, ISBN: 978-3-7374-1190-5, 26 EURO (D)

In diesem Buch porträtiert die Historikerin Stephanie Zibell 50 beeindruckende Frauen und gibt Auszüge aus deren Reden oder geführten Gesprächen wieder. Sie lebten alle zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert in Europa, Asien, Nord- und Südamerika oder Afrika. Sie haben ein unterschiedliches Anliegen, was sie eint, ist ein spezielles Anliegen, für das sie kämpften.

Am Anfang findet sich immer ein prägendes Zitat.

Ihr Anliegen wird eingebettet in eine ausführliche biographische sowie historische Einordnung, um die Herausforderungen der Lebenszeit und -orte der jeweiligen Frauen zu verdeutlichen.

Die Porträts beginnen mit der Astronomin Maria Mitchell (1818-1889), die sich für Frauen- und Mädchenbildung in einer männlich dominierten Gesellschaft, einsetzte. Sie reichen bis zur Schriftstellerin Mary Higgins Clark (1927-2020), die sexuellen Missbrauch anprangerte und die #MeToo-Bewegung begründete.

Es sind eher bekanntere Namen dabei wie Hildegard Knef, Bertha von Suttner, Marlene Dietrich, Josephine Baker oder Ricarda Huch.

Es werden aber auch eher unbekannte Frauen vorgestellt. Wie etwa die deutsche Zentrumspolitikerin Helene Wessel, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Remilitarisierung der BRD ablehnte und wegen dieser Position schließlich aus ihrer Partei austrat. Oder die kenianische Kämpferin für Frauen- und Freiheitsrechte gegen die britische Kolonialmacht Mary Muthono Nyanjiru (?-1922).

Am Ende der Porträts gibt es chronologisch geordnet noch Literatur und Internetquellen zu jeder vorgestellten Frau. Diese Quellen variieren von drei Stück bis hin zu zehn.

Es werden erfolgreiche und selbstbewusste Frauen, die eigenständig ihren Weg gegangen sind, vorgestellt. Dies geschieht exemplarisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die Geschichten wollen auch anderen Frauen Mut zu machen als auch ihre Erfahrungen weitergeben. Ein spannendes Buch, das gut recherchiert und aussagekräftig erzählt ist, wobei es ohne großangelegtes Pathos auskommt.


Buch 3

Bernd Kiesewetter: Die Neinsager Republik, Warum wir wieder Verantwortung lernen müssen, Business Village, Göttingen 2022, ISBN: 978-3-86980-638-9,

Der Unternehmer und Coach Bernd Kiesewetter diagnostiziert eine Verantwortungslosigkeit in der Gesellschaft, die regelrecht zur Haltung geworden sei. In diesem Buch versucht er zu vermitteln, wie jeder Einzelne Verantwortung übernehmen kann.

In Gesprächen mit Prominenten oder Entscheidungsträger*innen aus Politik, Wirtschaft, Unterhaltung und Sport definiert er ein neues Verantwortungsgefühl. Dabei skizziert er die Ambivalenz zwischen Selbstverantwortung und Sich-Verantwortlich-Fühlen und auch das Problem, sich für alles zuständig zu fühlen und dabei sich selbst zu vergessen.

Er erläutert die positiven Auswirkungen, die es hat, wenn der Einzelne für andere und anderes Verantwortung trägt. Die dabei entstandenen Glücksgefühle und Momente stellt er anhand von Erfolgen dar. Das Genießen als Lohn für die Mühen der Verantwortung als eigene Wertschätzung und Selbstlob werden auch behandelt. Und: „Sie schaffen sich mit Verantwortung echte Freiheit, denn sie sind nicht länger gefangen in Verhaltensmustern, Gewohnheiten und Zufällen. Sie sind selbstbestimmt, unabhängig und im besten Sinne frei.“ (S. 221)

Es sollte dabei aber nicht vergessen werden, für die erreichten Erfolge Dankbarkeit und etwas Demut zu empfinden.

Am Ende jedes Sinnabschnittes gibt es fett gedruckte Denkimpulse und hervorgehobene Zitate.

Die hier diagnostizierte Verantwortungslosigkeit wird nicht eingehend und umfassend begründet. Verantwortungslosigkeit pauschal zu konstatieren geht an den Realitäten vorbei: Verantwortung für Kinder zeigt sich in der Anzahl steigender Geburten, Verantwortung für andere in der Solidarität während des Lockdowns in der Pandemie oder in der Hilfe für die Ukraine oder Geflüchteter Personen, Verantwortung für die Umwelt bei FFF, Bürgerinitiativen, kirchlichen oder anderen führenden gesellschaftlichen Organisationen usw.. Das kollektive „Wir“ taucht nicht nur im Untertitel, sondern auch im Buch direkt oder indirekt durchgängig auf. Millionen von Personen, die ein Ehrenamt bekleiden, werden den Kopf schütteln.

Grausam wird es dann im Abschnitt über „Die Welt braucht Führer und Folger“ ab Seite 122.

Einige Anregungen, Impulse oder psychologische Kniffe können vielleicht hilfreich sein, auch in anderen Lebensbereichen. Dabei helfen dargestellte Beispiele von verschiedenen Personen.










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