Neuerscheinungen Romane

24.09.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Itamar Vieira Junior: Die Stimme meiner Schwester, S. Fischer, Frankfurt/Main 2022, ISBN: 978-3-10-397-493-5, 25 EURO (D)

Itamar Vieira Junior promovierte in ethnischen und afrikanischen Studien an der Federal University of Bahia mit einer Studie über die Bildung von Quilombola-Gemeinschaften im Inneren des Nordostens Brasiliens. Dieses Sujet spiegelt sich auch in seinen Romanen wider, für die er in Brasilien mehrfach ausgezeichnet wurde.

Sein bekanntester „Torto Arado“ liegt nun in deutscher Übersetzung vor.

Der Roman spielt im Hinterland von Bahia, wo das Leben der Schwestern Belonisia und Bibiana nach einem häuslichen Unfall miteinander verflochten ist. Eine von ihnen verlor ihre Stimme und stürzte sich in die Welt der Stille. Von da an muss das eine die Stimme des anderen sein.

Sie sind Angehörige der Quilombola, Nachkommen von Sklaven, die an den Ufern eines Flusses leben, unter Dürren und Ressourcenmangel leiden, Tag für Tag von Sonne zu Sonne schuften, ohne Gehalt, nur im Austausch für ein Lehmhaus auf einem Stück Land leben, das ihnen nicht gehört. Zusätzlich zu unmenschlichen Lebensbedingungen und schlechter Nahrung sind sie im Kreislauf von geschlechtsspezifischer Gewalt, Ausbeutung und Marginalisierung gefangen.
Dies ist die traurige Realität der Quilombola,, die Trost in der Weisheit der Ältesten und spirituellen Führer des Jare finden. Dieser mit mystischen Elementen besetzte Glaube gibt ihnen Kraft und Hoffnung für eine Weiterleben. Sie besitzen eine tiefe Verbindung zu dem Land, auf dem sie arbeiten und leben, wohl wissend, dass sie jederzeit vertrieben werden können.

Der Versuch, diese Situation zu ändern, und die Lebenswege, die jede der Schwestern verfolgte, prägen die weiteren Entwicklungen im Buch.

Der Autor erzählt spannend, präzise und empathisch die Geschichte der Menschen und ihrer Beziehung zum Land, zum Glauben, zur Familie und zur Gemeinschaft selbst. Es ist ein Narrativ, um Schwarzen, Indigenen und Angehörigen der Quilombola eine Stimme zu geben, die inmitten der Ungerechtigkeiten einer Welt ums Überleben kämpfen, die privilegierten Weißen zugute kommen soll.


Buch 2

Lara Williams: Die Odyssee. Roman, Atlantik, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-455-01471-6, 23 EURO (D)

Dies ist der ins Deutsche übersetzte Roman der britischen Autorin Lara Williams. Die Hauptprotagonistin Ingrid hat ihren Lebensmittelpunkt auf einem Kreuzfahrtschiff, wo sie lebt und arbeitet. Sie ist zwar schon jahrelang dabei, aber nicht sonderlich glücklich. Sie sieht weniger die weite Welt, sondern führt ein relativ gleichförmiges Dasein zwischen Bedienung für manchmal anstrengende Gäste, Kosmetikerin oder Verkäuferin im Souvenirshop. So vergeht ein Tag wie der andere, die Ingrid irgendwie sinnentleert vorkommen. Bei den Landgängen wird es meist feucht-fröhlich, nach kurzem Amusement folgt der Kater.

Ingrid ist ohne feste Beziehung, hat nur ihre Kollegen, die ihr aber kein dauerhaftes Glück bieten können. Als als sie von dem esoterisch angehauchten Kapitän Keith für ein Mentoringprogramm ausgewählt wird, ändert sich alles. Als Grundvoraussetzung dafür soll eine selbst durchgeführte Supervision erfüllt werden. Sie muss sich also mit ihrem bisherigen Leben, den Grund für ihre Arbeit auf dem Schiff und ihren Zielen im Leben auseinandersetzen.

Ingrid merkt schnell, dass sie ihre Vergangenheit und unangenehme Dinge gut verdrängt hat, die nun ausgelöst durch die neue Situation alle wieder an die Oberfläche kommen. So gibt es emotionale Rückblicke auf ihr bisheriges Leben, die Erzählweise wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Wer nun eine Erzählung mit griechischen Helden oder Göttern zu Zeiten Homers erwartet hat, wird enttäuscht sein. Der Titel des Buches kann als Synonym und weite Analogie auf die lange Irrfahrt Ingrids zu sich selbst verstanden werden.

Absurd-Komische Situationen kommen häufig vor, die auch manchmal sprachlich auf die Spitze getrieben werden, es ist also kein tragisch-trauriger Roman.

Ingrid ist auf jeden Fall eine spannend geschriebene Hauptperson, etwas verpeilt, aber sympathisch. Sie hat Fehler und Schwächen, die zutage treten, was sie aber menschlich, greifbar macht.

Einiges ist exzentrisch und überlagert, so die emotionalen Dramen mit Berg- und Talfahrten von Ingrid oder andere Dinge, die eher außerhalb von gediegenen realen Kreuzfahrten zu finden sind. Wer auf amüsante, expressive Hauptdarsteller auf der Suche nach Sinn im Leben, dem ist dieses Buch empfohlen.


Buch 3

Michael Brandner. Kerl aus Koks. Roman, List, Berlin 2022, ISBN: 978-3-471-36045-3, 23 EURO (D)

In diesem Roman mit autobiografischen Elementen geht es um den Lebensweg des kleinen Paul bis zu seiner nicht geplanten Passion als Schauspieler.

Paul wächst in einer Pflegefamilie in Bayern auf, zusammen mit seiner Mutter zieht er in jungen Jahren ins Ruhrgebiet, ein Kulturschock für Paul. Zum Glück erweist sich der neue Partner ihrer Mutter als verträglicher als sie selbst. Helmut geht wirklich auf Paul ein und lässt ihn Kind sein. Paul entwickelt eine viel engere Bindung zu ihm als zu seiner Mutter. Die Nachkriegsjahre sind hart und entbehrlich, wie viele andere wächst er in Trümmern und neben Kohlehalden auf und ist fußballbegeistert.

Paul ist zwar intelligent, hat aber nicht keine Lust auf Lernen, sondern will das Leben kennenlernen. So macht er eine Lehre, lernt als Jugendlicher neue Freunde kennen und die Haare werden länger. Als er zum Wehrdienst muss, trägt er eine Kurzhaarperücke, um nicht einer Totalrasur zum Opfer zu fallen. Auch mit der strengen Disziplin hat er so seine Schwierigkeiten.

Danach geht es mit dem prallen Leben in allen Facetten weiter. Paul hat kurze Beziehungen zu verschiedenen Frauen, kein langfristiges Ziel, neben Alkoholexzessen lockt die Magie der Kaffeegeschäfte in Amsterdam. Das Rebellische in der jungen Nachkriegsgeneration verkörpert sich im jungen Paul, verknüpft mit etwas Politik, aber weit entfernt von Kommunardentum oder Revolutionsgedanken.
Dazwischen gibt es immer wieder innere Zweifel, die Suche nach der eigenen Identität und Sinn im Leben, ohne aufzuhören Neues auszuprobieren. Der junge Erwachsene Paul lebt auf der Überholspur, ohne etwas auszulassen. Durch Zufall entdeckt er seine Affinität zur Schauspielerei, wird mit der Zeit etwas gesetzter und reifer. Er hat seinen Platz gefunden, jedenfalls seinen Lebensmittelpunkt bei den Reisen als Schauspieler.

Der Stil ist ehrlich-authentisch, ohne große Lebensreflexion, eher wie eine spontane Erzählung geschrieben. Mit ein wenig Humor, locker aber nicht oberflächlich und ohne Selbstmitleid oder Euphemismus.

Es zeigt sich, dass Brandner sehr gut mit Sprache und Vorstellungskraft spielen kann. Die Frage, die sich durchgängig stellt, ob die jeweiligen Szenen nun autobiografisch sind oder rein fiktional.

Jedenfalls ist keine normale autofiktionale Biografie als Panorama Westdeutschlands, dafür ist das Leben von Paul viel zu spannend mit vielen Höhepunkten und Tiefpunkten. Paul ist neugierig, will seine eigenen Erfahrungen machen und hat keine Angst vor Veränderungen oder neuen Situationen. Sicherheitsdenken, spießiges Einerlei und Gleichförmigkeit ist ihm fremd.


Buch 4

Matthias Matschke: Falschgeld. Roman, Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, ISBN: 978-3-3-455-01463-1, 24 EURO (D)

Der Schauspieler Matthias Matschke legt hier seinen lange erwarteten ersten Roman vor.

Der autobiografisch angelegte Roman mit der Hauptfigur Matthias Maschke verschwimmt zwischen Realität und Fiktion. Es kommen Versatzstücke der Erinnerung an das Elternhaus irgendwo in der hessischen Provinz im Odenwald vor. Sein Vater ist Dorfpfarrer und seine Mutter arbeitet bei der Post, eine Durchschnittsfamilie in Westdeutschland, wo wenig Ereignisse den Alltag durcheinanderwirbeln.

Bei seinen Kindheitserinnerungen bekommen kleine Dinge eine große Wirkung in emotionaler Hinsicht. Er wirkt relativ unauffällig und nachdenklich, er erlebt seine Umgebung jedoch genau. Seine Stationen des Erwachsenwerdens, die erste große Liebe und das Sinnieren über den Sinn des Lebens sind interessanter und wechseln immer wieder zwischen Erinnerungen und der Gegenwart. Die Selbstfindungsphase des Protagonisten und der Ton des Romans wechselt immer mal wieder, je nach emotionalem Erleben. Dabei gibt es wenig Handlung, wechselvolle Ereignisse oder Spannungskurven.

Dabei zeigt sich, dass Matschke sehr gut mit Sprache und Vorstellungskraft spielen kann.

Dass der Roman auch seine witzigen und grotesken Episoden hat, überrascht bei der Person Matschke nicht.

Die Frage, die sich durchgängig stellt, ob die jeweiligen Szenen nun autobiografisch sind oder rein fiktional. Das ständige Lavieren zwischen Wirklichkeit und Fiktion ist verwirrend und befremdlich, vor allem auf den tieferen Sinn des ganzen Romans. Ist dies nur ein Spiel mit Phantasie und Realität oder geht es um Wirklichkeit in Bezug auf Identität? Also Konstruktion der eigenen Wirklichkeit losgelöst von Raum und Zeit unter Einbeziehung der Reflexion über seine eigene Kindheit und Jugend?

Ein Roman, der am Ende mehr Fragen aufwirft als nachdenklich machende Aussagen.








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