Umfassende Lenin-Biographie


22.11.17
KulturKultur, Sozialismusdebatte 

 

Rezension von Michael Lausberg

Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland legt der Historiker Victor Sebestyen eine Biographie vor, wie aus dem Sohn eines liberalen Mathematiklehrers einer der wichtigsten Politiker des 20. Jahrhunderts wurde. Lenin war die Führungsfigur der Bolschewiki bei der revolutionären Absetzung der Zaren und der Begründer einer neuen Zeit mit einer grundlegenden Änderung der Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur in einem der größten und mächtigsten Länder der Welt.

Zur Zeit des Staatssozialismus nahm Lenin die Rolle einer politischen Leitfigur ein, daher errichteten viele Staaten der Welt ihm zu Ehren Denkmäler. Nach ihm wurde die Lehre des Leninismus benannt; nach Lenins Tod 1924 entwickelten die Gesellschaftstheoretiker in der Sowjetunion daraus den Marxismus-Leninismus als neue Weltanschauung.

Sebestyen will seine Persönlichkeit, seine Motivation und seine Absichten nach dem Ende des Kalten Krieges unabhängig neu bewerten, was auch zum großen Teil gelingt. Dabei betont er die Janusköpfigkeit Lenin, einerseits ein grausamer Machtpolitiker andererseits ein herzlicher und sozialer, mit viel emotionaler Intelligenz ausgestatteter Mensch. Dieser komplexe Charakter wird in seiner monumentalen Biographie Lenins deutlich. Der Autor legt auch persönliche Seiten Lenins offen, seine Beziehung zu seiner Frau Nadeschda und seine Gefühle für Inessa Armand, bei deren Tod er zusammenbrach. Seine Vorliebe zur Natur, sein intensive Beziehung zur Familie und sein fanatischer Gerechtigkeitssinn werden ebenfalls genauestens präsentiert. Für Lenin war das Private Politisch (wie auch bei Ulrike Meinhof und anderen Linken), was eine Unterscheidung zwischen Privatmensch und Staatsmann fast unmöglich macht.

Er stellt mit Recht fest, dass der Hass auf das zaristische System auch persönliche Gründe hatte: „Sein Zorn, nachdem sein älterer Bruder wegen eines versuchten Mordanschlags auf den Zaren hingerichtet worden war, motivierte Lenin genauso nachdrücklich wie sein Glaube an die Mehrwerttheorie von Karl Marx.“ (S. 15) Lenins älterer Bruder Alexander, Student an der Mathematisch-Physikalischen Fakultät an der Universität Sankt Petersburg, hatte sich einer revolutionären Gruppe angeschlossen, die den Zaren Alexander III. ermorden wollte. Er wurde am 20. Mai 1887 hingerichtet.

Für den Autor war Lenin als politischer Machtpolitiker ein Idealist und ein Demagoge zugleich:  „Lenin errang die Macht durch einen Staatsstreich, aber er operierte nicht durchweg mit Terror. In vielerlei Hinsicht war er ein durch und durch modernes Phänomen – jene Art Demagoge, der uns aus den westlichen Demokratien ebenso vertraut ist wie aus Diktaturen. (…) Er bot einfache Lösungen für komplexe Probleme, log schamlos und rechtfertigte sich damit, dass allein der Sieg zähle. Der Zweck heilige die Mittel.“ (S. 13f) Diese einfache Beschreibung seines politischen Handelns gibt aber nicht den komplexen und mehrperspektivisch denkenden Lenin wieder. Lenin war ein herausragender Intellektueller seiner Zeit: Er verfasste Unmengen von Büchern und Schriften über den Marxismus und seine Weiterentwicklung und auch sonst in der Lage, multiperspektivisch zu denken und zu handeln.

Auch in einem anderen Punkt macht es sich der Autor zu einfach: „Lenin war ein Produkt seiner Zeit und seines Landes: eines gewalttätigen, tyrannischen und korrupten Russland. Der revolutionäre Staat, den er schuf, war weniger die sozialistische Utopie, von der er träumte, als ein Spiegelbild der zaristischen Autokratie unter den Romanows. Dass Lenin Russe war, ist genauso bedeutsam wie seine marxistischen Überzeugungen.“ (S. 15) Erstens wurde von seiner Zeit im Exil politisch und auch menschlich geprägt, zweitens kann man nicht aufgrund seiner Abstammung Rückschlüsse auf seinen Charakter ziehen.

Was für Lenin spricht ist die Tatsache, dass er wie auch andere Revolutionäre wie Kropotkin oder Bakunin aus einem privilegierten Elternhaus kamen und ihr einigermaßen sicheres Leben für eine Revolution aus moralischen und ethischen Gründen aufgaben. Nach zaristischer Rangordnung war Lenin ein Dworjanin, ein Adliger, auch wenn erst der Vater in den Adelsstand erhoben worden war und die Familie nicht recht an die höhere Gesellschaft anschließen konnte.

Lenin war ein herausragender Theoretiker, der dem Marxismus eine maßgebliche Weiterentwicklung gab. Nach Lenins Tod, seit der Zeit des Stalinismus, wurde daraus die Ideologie des Marxismus-Leninismus konstruiert. Dagegen sind sein Umgang mit Andersdenkenden, sein zum Teil ausgeprägter Dogmatismus und seine autoritäre Staatshörigkeit nicht mit modernen Sozialismuskonzepten vereinbar.

Er machte den Fehler, den alle kommunistisch orientierten Persönlichkeiten machten: mitsamt einer absolutistischen in der Theorie vorgefertigten „Wissenschaft“ durch autoritäre Methoden und einen zentralistisch bürokratischen Staat  einen neuen Menschen zu schaffen und den ewigen Traum der Menschheit einer gleichen und gerechten Gesellschaft zu verwirklichen.

Lenin in einer Linie mit Stalin zu nennen, ist aufgrund der verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen und der unterschiedlichen Herrschaftspraxen eine Konstruktion, die meist von antisozialistischen Vordenkern vorgenommen wird, um das System der Sowjetunion als grundsätzlich bestialisch und personenzentriert zu verurteilen. Die Verbrechen Stalins grundsätzlich mit seinen Vorgängern in Verbindung zu bringen, ist unseriös und plakativ.

Das Buch von einem nichtsozialistischen Historiker geschrieben, der wissenschaftlich fundiert und in abwägender Perspektive die Grundstruktur der Persönlichkeit Lenins umfassend herausarbeitet. Es ist keine Hagiographie und auch kein Verriss des Menschen Lenin, der viele unterschiedliche Facetten zu bieten hat. Es kommen auch persönliche Vorlieben, die weitgehend unbekannt sein dürften, zur Sprache, die über den Revolutionär Lenin hinausgehen. Die Rezeption Lenins aus verschiedenen Perspektiven und Weltanschauungen hätte tiefgreifender und kritischer sein können. Insgesamt aber gibt das Buch einen tiefen Einblick in Lenins Fühlen und Denken, das auch von antagonistischen Merkmalen geprägt ist.

 

Victor Sebestyen: Lenin. Ein Leben, Rowohlt Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-87134-165-6







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