Mythos „Volksheim“ in Schweden


Bildmontage: HF

08.09.18
InternationalesInternationales, Debatte, Sozialstaatsdebatte 

 

Von Meinhard Creydt

Anlässlich der schwedischen Wahlen (9.9.2018) ist häufig die Rede davon, die rechte Partei der „Schwedendemokraten“ würde m i t dem alten sozialdemokratischen Leitbild des „Volksheims“ g e g e n die regierenden Sozialdemokraten Stimmung machen. Es erscheint also angebracht sich zu vergegenwärtigen, was „Volksheim“ meint und wie es in seiner Hochzeit aussah.

„Volksheim“ verheißt: „Fundament des Heimes sind Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeitsgefühl. Das gute Heim kennt keine Privilegierten und keine Benachteiligten, weder Nesthäkchen noch Stiefkinder. In ihm blickt keiner auf den anderen heim, keiner sucht Vorteile auf Kosten der anderen, der Starke unterdrückt den Schwachen nicht und beutet ihn nicht aus. Im guten Heim herrschen Gleichheit, Rücksicht, Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft“ (Per Albin Hansson am 19.1. 1928 in seiner Rede vor der zweiten Kammer des schwedischen Reichstages. Hansson war 1928 bereits Vorsitzender der Sozialdemokraten und von 1932 bis zu seinem Tode 1946 (mit kurzer Unterbrechung 1936) schwedischer Ministerpräsident.).

Historisch zugrunde lagen Erfahrungen, die die schwedische Entwicklung als nationale Arbeitsgemeinschaft bei kolossalen Kraftanstrengungen zum Wohl aller erscheinen lassen. Diese Arbeitsgemeinschaft hat sich zusammengefunden vor dem Hintergrund prägender traumatischer Erfahrungen wie der drohenden Entvölkerung durch 1 Million Auswanderer zwischen 1850 und 1910 bei einer Bevölkerungszahl von 3, 5 Millionen (1850) und 5, 7 Millionen (1914). Schweden hat eine sehr späte und dann sehr schnelle Industrialisierung erfahren. 1870 arbeiteten 9 % der arbeitenden Menschen in der Industrie, 1920 waren es bereits 55 %. Das Wirtschaftswachstum in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts war „das schnellste Wirtschaftswachstum der Welt“ (Buci-Glucksmann, Therborn 1982, 179). Der Strukturwandel durch die Rationalisierung bzw. Wegrationalisierung von Bergbau, Forstwirtschaft und Landwirtschaft und die Zentralisierung der Industrie in Stockhalm, Göteborg und Malmö war mit einem gigantischen Umsiedlungsprogramm verbunden, das die Arbeitsmarktbehörde AMS begleitete. Deren Abkürzung wurde nicht zufällig oft übersetzt mit der Parole ‚Alle müssen südwärts’. Auch die Reglementierung des Alkoholgebrauchs stellt eine kollektive Anstrengung und Verpflichtung dar, die in anderen Nationen nicht hätte in Angriff genommen werden können und müssen.

Die schwedische Bevölkerung war ethnisch und religiös ausgesprochen homogen. Letzteres unterscheidet sie von Ländern, in denen religiöse Bürgerkriege stattfanden und in denen von der Mehrheit abweichende Religionen in Dissidenz ‚einübten’. Die Erfahrung religiöser Bürgerkriege als den politischen Liberalismus begünstigendes Moment fehlt in Schweden. Weder gab es historische Brüche noch Revolutionen und Aufstände. Auch die feindliche Entfremdung des Staates gegen große Teile der eigenen Bevölkerung mussten die Schweden nicht erleben und unterschieden sich diesbezüglich vom deutschen Nationalsozialismus, dem italienischem Faschismus, dem spanischen Franco- und dem französischen Petainregime. Kriegerische Auseinandersetzungen, die das Land verwüsteten, blieben Schweden erspart.

Der Staat gilt in Schweden als guter Hirte. Die antistaatliche Skepsis und Staatsverdrossenheit, wie sie in anderen Ländern politisch folgenlos zur Alltagsfolklore gehört, war den Schweden lange fremd. Heute herrscht dem Staat gegenüber nicht mehr ungebrochen die lange existierende „Vertrauensseligkeit“ (Enzensberger 1989, 22), wohl aber immer noch der Anspruch, der Staat möge als guter Hirte wirken, wenn auch die Skepsis gegenüber manchen Überregulierungen zugenommen hat. Nicht nur der staatliche Griff in die Geldbörse der Bürger via Steuern ist in Schweden beispiellos hoch, sondern auch die Beschlagnahmung der „moralischen Werte der Bürger“, durch die „institutionellen Apparate. Sie sind es, die für Solidarität und Gleichheit, für Schutz und Hilfe, für Gerechtigkeit und Anstand sorgen – allesamt Dinge, die viel zu wichtig sind, als dass man sie den gewöhnlichen Leuten überlassen könnte“ (Ebd., 23). „Als eingefleischter Erzieher weiß er auch, dass er sein Ziel, die Verbesserung der Menschen, immer nur teilweise erreichen kann, und dass er mit seinen Zöglingen Geduld haben muss, wenn sie sich unseinsichtig zeigen“ (Ebd., 25). Entsprechend sind „die Bürger Schwedens bereit, ihren Institutionen derart arglos und zutraulich zu begegnen, als stünde deren Gutartigkeit ganz außer Frage“ (Ebd., 22). Zwar erscheint der guter Hirte Staat den Bürgern nicht als unfehlbar, „unfehlbar ist nur die ideale Totalität, die er immer nur mangelhaft und vorläufig verkörpert“ (Ebd., 25).

Die Kehrseite der Medaille ist eine gewisse Bescheidenheit der Bürger, die sich in der Verantwortung für das Ganze sehen. Es ist „die schwedische Gesellschaft von Rücksicht und Argumentation geprägt, so dass die Frauen nicht ‚naiv’ auf ihren Rechten als Mütter bestehen, sondern sich mit den allgemeinen Problemen identifizieren – mit dem Resultat, dass manche der brennendsten Probleme nicht angegangen werden“ (Erler 1984, 117). „Dem Staat gegenüber fehlt das Selbstvertrauen, auch in Krisenzeiten auf den Putz zu hauen (‚Wir haben ohnehin schon die teuersten Sozialleistungen der Welt’)“ (Ebd., 114). Die tendenzielle Allzuständigkeit des Staates schwächt die horizontale Vernetzung und kollektive Selbstorganisation der Mitglieder der Gesellschaft, da bereits immer institutionell eine Abteilung des Staates sein Sorgerecht geltend macht bzw. daraufhin anzusprechen ist.

Die Macht des staatlichen Sorgerechtes für die Qualität des schwedischen Menschen zeigte sich auch im 1934 von der sozialdemokratischen Regierung unter Per Albin Hansson präsentierten Entwurf für ein Sterilisierungsgesetz. „Ab 1935 dürfen Menschen, die als geisteskrank, ‚mental langsam’ oder seelisch gestört eingestuft werden, ohne ihre Einwilligung sterilisiert werden. … 1941 wird das Gesetz verschärft. Jetzt tritt neben die sog. ‚eugenische’, die … ‚soziale Indikation’. Menschen mit ‚asozialer Lebensweise’ sollen in Zukunft ohne ihre Zustimmung unfruchtbar gemacht werden können. Und die Sozialreformer verbergen keineswegs, wen sie damit meinen: Prostituierte, Alkoholiker, Homosexuelle sowie Sinti und Roma. Mehr als 60.000 Menschen werden in Schweden bis Mitte der 70er Jahre sterilisiert, fast ausschließlich Frauen. Auf ihr Schicksal wurde in Schweden erst 1997 in breiterem Rahmen in der Öffentlichkeit aufmerksam gemacht. Erstmals leuchteten schwedische Historiker die dunklen Winkel des vordergründig so idyllischen ‚Volksheims’ aus“ (Bührig, Budde 2007, 160).

Die hohe Staatszuständigkeit ermöglicht in Schweden das hohe Ausmaß, in dem die Individuen in das Erwerbs- und Geschäftsleben eingespannt werden. Indikatoren dafür sind nicht nur die hohe Frauen- und Müttererwerbstätigkeit, sondern auch Klagen über Zeitdruck in der Arbeit.[1] Ein hoher Stellenwert der Arbeit scheint für die Lebensweise in Schweden charakteristisch zu sein. „Die Schweden sind hochgradig arbeitsmotiviert: sie werfen sich mit fast noch größerer Intensität in ihre Arbeitsaufgaben als die Amerikaner“ (Connery 1966, zit. n. Lohmann 1978, 126). „Die Arbeit ist für den schwedischen Mann auf eine übertriebene Art die Quelle seines Selbstgefühls (ego support). Die Bewertung des eigenen Selbst stützt sich in hohem Grade auf den Erfolg im Berufsleben“ (Hendin 1964, zit. n. Lohmann 1978, 127). Die Arbeitsstunden pro Jahr liegen beim Vollzeitarbeitnehmer im Jahr 2002 in den USA und Großbritanien bei knapp 2000, in Schweden bei 1770, in Deutschland bei 1630 (Layard 2005, 63).

Unterausgeprägt waren in Schweden in Zeiten des „Volksheims“ aufgrund der hohen Staatszuständigkeit einerseits, der starken Beanspruchung der Individuen im Erwerbs- und Geschäftsleben andererseits, soziale Zusammenschlüsse und Selbstorganisation. Ein weiteres wesentliches, soziale Netze schwächendes Moment ist die auch durch die Umstrukturierung Schwedens und geographische Umschichtung (s. o.: ‚Alle müssen südwärts’) gegebene Zerreißung von sozialen Bindungen zur Herkunftsgemeinde. Die Schwedenkrimis (von Sjöwall, Wahlöös, Mankell u. a.) – nicht ohne Grund ist dieser Genrename entstanden – artikulieren den Mangel an Vergemeinschaftung.

Das Ausmaß von psychosozialem Elend, Isolation, Einsamkeit in Schweden stellt manche idyllische Vorstellung vom „Volksheim“ in Frage. Im Kriminalitätsranking liegen Dänemark und Schweden vor Deutschland.[2] Die schwedischen Soziokrimis, aber schon Filme wie Bergmanns ‚Szenen einer Ehe’ sind Anlässe dazu, nach massiven Phänomenen von Heimat- und Weltlosigkeit der Individuen zu fragen, denen gegenüber auch der Staat als guter Hirte machtlos ist oder die durch die Verstaatlichung der Sozialität noch befördert werden. Massive Ängste zeigen sich in der hohen Beliebtheit der schwedischen Ausgabe von ‚Aktenzeichen xy’[3] und im Antisemitismus. 2006 wurden 3000 Schweden aller Altersgruppen befragt. Nahezu jeder Dritte stimmte der Aussage zu, die Juden als Kollektiv hätten zu großen Einfluss in der Welt – in Deutschland lag die Zustimmung zu dieser ‚These’ bei 23 %. Fast jeder vierte der schwedischen Befragten lehne einen Juden als Regierungschef ab (Bührig, Budde 2007, 161).

Mit der Schwäche eigener sozialer Assoziation geht eine auf die abstrakten Maßgaben der Öffentlichkeit sich einrichtende Konformität einher. Skandinaviern wird die „Angewohnheit“ zugeschrieben, „alles, was nicht konform ist, misstrauisch zu beäugen“ (Bührig, Budde 2007, 58). „In anderen Ländern setzen die Leute alles daran, sich zumindest modisch von all den anderen grauen Alltagsmäusen zu unterscheiden. Nicht so die Schweden, die um keinen Preis auffallen wollen und panische Angst davor haben, einen Trend zu verpassen“ (Ebd., 65). „Weil sie sich so selten streiten, sind die Schweden Meister der versteckten Kritik. Das bekommen schon Teenager zu spüren… . An den Schulen versuchen Sozialpädagogen und Vertrauenslehrer, das in Schweden weit verbreitete Mobbing zu unterbinden“ (Ebd., 58).

Darstellungen, die das Schweden der 1960er und 70er Jahre betreffen, also die goldenen Jahre des ‚schwedischen Modells’, heben die Dominanz der instrumentellen Rationalität in der Lebensweise hervor. „Das Bild des Schweden als eines hauptsächlich an technischen Methoden und Dingen interessierten Menschen ist eine Art Klischee, das jedoch nichtsdestoweniger seine klare Verankerung in der Wirklichkeit hat. … Das Interesse am Mechanischen hat für das Leben ganz allgemein eine enorme Bedeutung: das Ziel, die Gesellschaft zu organisieren, beginnt der Zielsetzung zu ähneln, von der man ausgeht, wenn man eine Maschine konstruieren will: sie soll funktionieren. … Mit einem so sehr am Mechanischen hängenden Interesse ist der Schwede mehr an Dingen als an Personen interessiert“ (Jenkins 1968, zit n. Lohmann 1978, 126).

Der hohe Stellenwert von Effizienz, Arbeitsamkeit und instrumenteller Rationalität geht mit einer Unterkühlung des Emotionalen einher. „Wir Schweden sind gut in allem, was mit dem Körper, nicht aber mit der Seele zu tun hat. Wir engagieren uns für eine Kultur des Dinglichen, …während unser kulturelles Leben recht viel zu wünschen übrig lässt“ (Gunnar Myrdal, zit. n. Lohmann 1978, 131).

Susan Sontag schreibt 1969 über Schweden: „Das Schweigen ist eine schwedische Nationaltugend. … Immer wieder kommt es zu Augenblicken, in denen die Menschen stumm und hilflos zum Ausdruck zu bringen versuchen, dass sie nicht sagen können, was sie fühlen. … Ein ganzes System verschiedenster Angstmomente und die Auffassung, dass die Welt extrem gefährlich und tückisch ist, trägt zu diesem Schweigen bei“ (Sontag 1969, zit . Lohmann 1978, 130).

Insgesamt kommt es tendenziell zu einer Art emotionaler Anämie. „Alles Subjektive und Individuell-Persönliche wird umgangen. … Es gibt im Schwedischen kein herabsetzenderes Wort als das Wort ‚subjektiv’“ (Austin 1968, zit. n. Lohmann 1978, 132). Susan Sontag zitiert einen schwedischen Diplomaten. Er erklärt ihr, sie werde Schweden nicht begreifen können, bevor sie das Wort „människortrött“ verstanden habe – ein sonst in keiner anderen Sprache gebräuchliches, unübersetzbares Wort, das so viel bedeutet wie „der Menschen müde“.

Die hier geübte Kritik ist nicht mit den in den USA populären Ressentiments gegen den Sozialstaat zu verwechseln, der seine Bürger zu sehr „pampere“ oder einen „Nanny-Staat“ darstelle. Der Sozialstaat in Schweden geht vielmehr einher mit starken Leistungsanforderungen im Arbeits- und Erwerbsleben. „Gejagt zu sein, gezwungen zu sein, nahezu durchzudrehen, um alles erledigen zu können, was erledigt werden muss, so dass das Magengeschwür kaum zu vermeiden ist – das ist der Lebensstil von heutigen Stockholm. Sogar Leute aus New York stellen fest, dass dieses Tempo härter ist als das bei ihnen zu Hause. Dabei geht es darum, dem einzig allgemein akzeptierten Lebensstil zu folgen – damit beschäftigt zu sein, alle möglichen Sachen und Dinge zu verbessern, so dass ganz einfach keine Zeit dazu bleibt, es gemütlich und schön zu haben. … Nichts zu tun, das Leben nur zu genießen, wirkt nahezu anstößig. Oder ist es so, dass man nicht fähig ist, sich zu entspanne n und es gemütlich zu haben, und dass dies der Grund ist, warum man ständig alles immer wieder ändern muss?“ (Austin 1968, zit. n. Lohmann 1978, 131). „Sicher gibt es keine vernichtendere Kritik gegen das schwedische System als die, zu betonen, dass in der blinden Jagd nach ökonomischer Effektivität die Freude aus dem Leben verschwunden ist“ (Jenkins 1968, zit. n. Lohmann 1978, 132).

Auch ein vergleichsweise aktueller Bericht über Schweden hält fest: „Heute ist ihr Land so durchorganisiert, dass selbst deutsche Perfektionisten vor Neid erblassen dürften“ (Bührig, Budde 2007, 8). „Schweden haben ein Problem damit, Gefühle zu zeigen. Ihr größtes Bestreben scheint es zu sein, nicht aufzufallen und jedem Streit aus dem Weg zu gehen“ (Ebd., 10). Das Alkohol betreffende staatliche Verkaufsmonopol in Schweden („Systembolaget“), das den Weisungen des Sozialministerium unterliegt, und die überteuerten Alkoholpreise bilden den schweren Deckel, der die alkoholistische Artikulation und Eskalation der Probleme eindämmen soll.[4]

Vielen deutschen Linken erschien und erscheint das schwedische Modell des „Volksheims“ als vorbildlich. Die ökonomistische und technokratische Schlagseite dieser Linken zeigt sich darin, dass sie die hier skizzierten Probleme sich nicht vergegenwärtigen. Diese Probleme resultieren gerade aus der Herangehensweise, die Mängel der kapitalistischen Ökonomie mit einem starken Sozialstaat kompensieren zu wollen (vgl. Creydt 2017).[5]

 

Literatur:

Austin, Paul Britten 1968: On Being Swedish. London

Buci-Glucksmann, Christine; Therborn, Göran 1982: Der sozialdemokratische Staat. Die ‚Keynesianisierung’ der Gesellschaft. Hamburg

Bührig, Agnes; Budde, Alexander 2007: Schweden. Eine Nachbarschaftskunde. Berlin

Connery, D. S. 1966: The Scandinavians. London

Creydt, Meinhard 2017: Die Idealisierung der Staatspolitik und des Sozialstaats in der Kritik am ‚Neoliberalismus’. In: Telepolis. www.meinhard-creydt.de/archives/704

Enzensberger, Hans Magnus 1989: Ach Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern. Frankf. M.

Erler, Gisela Anna 1984: Wohlfahrtsstaat Schweden: Musterland für Frauen, Alptraum für Männer ? Argumente gegen einen wohltemperierten Industrialismus. In: Die Linke neu denken. Acht Lockerungen. Texte von Lothar Baier u. a. Berlin

Hendin, H. 1964: Suicide and Scandinavia. New York

Jenkins, D. 1968: Sweden and the Price of Progress. New York

Kersting, Wolfgang 2003: Gerechtigkeit: Die Selbstverewigung des egalitaristischen Sozialstaats. In:
Stephan Lessenich 2003 (Hg.): Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse. Frankf. M

Layard, Richard 2005: Die glückliche Gesellschaft. Frankf. M.

Lohmann, Hans 1978: Krankheit oder Entfremdung? Psychische Probleme in der Überflussgesellschaft. Stuttgart

Sonntag, Susan 1969: A letter from Sweden. Ramparts July 1969, 23

 


[1]   Auch wenn Umfrageergebnisse immer von vielen Faktoren abhängen, ist doch interessant, dass die Studie „European Survey of Enterprises on New and Emerging Risks“ (ESENER) den höchsten Befund an Klagen über Zeitdruck in Schweden (80 % der Befragten) findet, während dies in Italien (31 %), Ungarn (37 %) und Lettland (41 %) seltener als Problem betrachtet wird.

     http://www.perspektive-mittelstand.de/EU-Studie-Arbeitgeber-schauen-Stress-und-Mobbing-weitestgehend-zu/management-wissen/3492.html

 

[3]   Gemeint ist „’Efterlyst’, die Sendung mit den unerledigten Fällen und dem echten Kommissar. … Dieser Mann könnte erzählen, der Papst sei verdächtig, er könnte danach behaupten, der Mörder sei evangelisch, und niemand würde den Fernsehapparat ausschalten. … Der Kriminologe Leif G.W. Persson muss einfach nur in die Kamera blicken und halblaut denken, schon ein schlecht gelauntes Nuscheln fasziniert die Nation. Die Schweden fachsimpeln über das Verbrechen wie die Deutschen über Fußball, und der Fahnder Persson, der unrasierte Dicke aus der Stockholmer Polizeiakademie, ist ihr Franz Beckenbauer“ (Die Zeit 18/ 2007). Die Überschrift des Artikels lautet: „Warum hat ein Land ohne große Probleme so viel Angst?“

[4]   Gewiss spielen auch historische Umstände eine Rolle. Anfang des 19. Jahrhunderts war in Schweden „der durchschnittliche Verbrauch an Branntwein auf sagenhafte 45 Liter pro Person und Jahr“ angestiegen. „Bis 1955 konnten die Schweden Wein und Schnaps nur ‚auf Rezept’ und gegen Vorlage von Bezugsmarken erwerben“ (Bührig, Budde 2007, 70). 

[5]   Als „Kompensationsveranstaltung“ kapituliert der Sozialstaat „vor einem sich aller ethischen Einbindung entledigenden Marktliberalismus“. Der Sozialstaat unterstellt die „Externalisierungsentscheidungen einer sich dekontextualisierenden, absolut setzenden ökonomischen Rationalität. … Und da das nach der eigenen verengten Maximierungslogik fortentwickelnde ökonomische System zu keinerlei reethisierender, rekontextualisierender Veränderung mehr fähig war, mussten die sozialen Defizite des ökonomischen Systems durch entsprechende etatistische Arrangements kompensiert werden. Kompensationen sind konservativ: Sie lassen die Ursachenstrukturen der nach ihnen verlangenden Mängellandschaften unverändert; sie sind Komplizen der Mängelverursacher“ (Kersting 2003, 115).







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