Skuriles Spektakel auf den Knochen der Blokadniki


An die Belagerung von Leningrad erinnernde Gedenkstätte im heutigen St. Petersburg. Bild: Southpark via Wikipedia.de

05.02.14
InternationalesInternationales, Debatte, Antifaschismus 

 

Wie liberale Journalisten die Blockade von Leningrad zum russischen Skandal-Thema machten

Ulrich Heyden, Moskau

Am 26. Januar, einen Tag vor dem 70ten Jahrestages des Endes der Blockade von Leningrad durch die Truppen der Hitler-Wehrmacht, stellte die Redaktion des TV-Kabel-Kanals „Doschd“ (Regen) http://tvrain.ru/?quality=lo den Zuschauern die Frage: „Hätte sich Leningrad ergeben müssen, um Hunderttausende Menschenleben zu retten?“


Angreifer wollten Kosten sparen

Die Frage legt nahe, dass die Sowjet-Führung die Bewohner der Stadt sinnlos opferte. Dabei wurde von Historikern belegt, dass das Aushungern der Stadt zum Konzept des von Hitler geführten Vernichtungskrieges gehörte. Die Russen galten als minderwertige Rasse. Doch über diese historische Tatsache redet man in Russland nicht gerne.
Kreml-nahe Politiker, denen der Kabel-Sender schon lange ein Dorn im Auge ist, nahmen die öffentliche Empörung über die Frage der Doschd-Journalisten zum Anlass, die Schließung des Fernsehkanals zu fordern. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Die Menschenwürde Blokadniki, wie die eingeschlossen Leningrader heißen, sei verletzt worden. Bisher haben fast alle Kabel-TV-Anstalten die Übertragung von Doschd eingestellt. Der TV-Kanal ist für Abonnenten noch im Internet zu sehen, ringt aber jetzt um seine Existenz.


Kreml-Sprecher: Entschuldigung „nicht ausreichend“

Die Leitung des Fernsehkanals hatte sich für die Frage an die Zuschauer „bei allen, die sich gekränkt fühlen“ entschuldigt und erklärte, die Frage sei „nicht korrekt“ gewesen http://lenta.ru/news/2014/01/27/raingate/ . Damit war der Skandal jedoch nicht beendet, sondern ging erst richtig los. Putins Pressesprecher Dmitri Peskow erklärte, der Kanal habe sich „nicht klar entschuldigt“. Die Telekommunikations-Aufsichtsbehörde Roskomnadsor sprach eine Verwarnung aus, meinte allerdings, dass keine Gesetzesverletzung vorliegt.
Die Kreml-kritische Öffentlichkeit ist über den Skandal um den Fernseh-Kanal gespalten. Der Großteil der liberalen Öffentlichkeit empört sich insbesondere über die Absicht der Behörden, den kritischen Fernsehkanal endlich mundtot zu machen. Die 86jährige Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe, Ljudmila Aleksejewna, erklärte, die Kritik an der Umfrage des Fernseh-Senders sei berechtigt. Sie sei jedoch gegen die Schließung des Kanals.
Der Leiter des Moskauer Instituts für Globalisierung und soziale Bewegungen, Boris Kagarlisky erklärte, die Initiatoren der Umfrage, „wüssten natürlich, welche Gefühle die sogenannte ´Umfrage´ bei der Mehrheit der Bevölkerung aufwühlt.“ http://igso.ru/articles.php?article_id=520 Deshalb müsse man annehmen, dass mit der „Umfrage“ Gefühle in der Gesellschaft und „eine Verstärkung der staatlichen Zensur-Maßnahmen“ provoziert werden solle. Ein Teil der Liberalen spiele „auf einem Feld mit der Macht“ und trage zur Verstärkung autoritärer Tendenzen der herrschenden Klasse bei.


Gehungert wurde auch außerhalb des Blockade-Rings

Was war die Strategie der Wehrmacht in Leningrad? In der Stadt lebten 1941 drei Millionen Menschen. Die Blockade der Newa-Stadt durch die deutschen Truppen begann am 8. September 1941 und dauerte 872 Tage. In drei Evakuierungswellen gelang es 1,5 Millionen Menschen zu retten. 1,5 Millionen Menschen starben, davon 97 Prozent an Hunger. Nach dem Scheitern von Hitlers Blitzkrieg-Strategie, entschied sich die Führung der Wehrmacht, Leningrad nicht einzunehmen, sondern auszuhungern. Auch die Bombenangriffe auf die Stadt wurden weniger, weil man Munition sparen wollte.
Zudem ist bekannt, dass die Menschen in den unweit von Leningrad besetzten kleineren Orten, wie Peterhof, ebenfalls an Hunger starben, weil es unter deutscher Besatzung kein Lebensmittel-Karten-System gab. Das Beispiel der von der deutschen 6. Armee besetzten Stadt Kiew zeigt außerdem, wie die deutschen Truppen mit der Zivilbevölkerung umgingen. Nur neun Tage nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, am 29. September 1941, wurden in der im Nordwesten der Stadt gelegenen Schlucht Babi Jar 33.771 Juden von der Sondereinheit 4a, Wehrmachtsangehörigen und ukrainischen Hilfspolizisten erschossen. Bereits zwei Tage zuvor waren 752 Patienten einer Psychiatrischen Klinik in der Schlucht erschossen worden.

 

Online-Redaktion wegen Goebbels-Zitat gekündigt

Das man mit Entgleisungen von Journalisten in Russland sehr unterschiedlich umgeht, zeigte sich wenige Tage nachdem der Doschd-Skandal aufgeflogen war, beim staatlichen Fernsehkanal Vesti www.vesti.ru . Dort kam es zu einem ähnlichen Skandal, über den die regierungsnahen russischen Medien aber kaum berichteten, obwohl der Fehler der Vesti-Journalisten viel drastischer endete. Die gesamte Redaktion wurde entlassen.
Was war passiert: Auf der Facebook-Seite des Fernsehkanals wurden zum 90. Geburtstag von Lenin Äußerungen berühmter Personen über den Revolutionsführer veröffentlicht. Neben Einstein, Churchill, Gandhi und Stalin konnte man dort auch ein Zitat vom NS-Propaganda-Minister Joseph Goebbels finden http://www.snob.ru/selected/entry/71044 , der sich über die große Anerkennung Lenins durch die Russen äußert. Vermutlich hatten sich die Journalisten gedacht, wenn wir Stalin zitieren, können wir auch Goebbels zitieren. Doch eben diese Gleichsetzung von Hitler-Deutschland und der Sowjetunion wollen die Fraktion in der Duma jetzt per Gesetz verbieten lassen. Das Foto und das Zitat von Goebbels ist auf der Facebook-Seite von Vesti https://www.facebook.com/media/set/?set=a.724945727539934.1073741890.127803987254114&type=1 jetzt nicht mehr zu sehen.


Das Geschichts-Bewusstsein der Russen sinkt

Je länger der Zweite Weltkrieg und der Hitler-Faschismus zurückliegt, desto mehr gerät das Wissen über diesen dunkle Periode in Vergessenheit. Das geht nicht nur den Deutschen so sondern auch den Russen. In Russland, so könnte man meinen, wissen die Menschen viel über den Hitler-Faschismus. Doch besonders tief ist das Wissen nicht. Faschismus bedeutet für die meisten Russen die militärische Okkupation des sowjetischen Territoriums durch die Truppen der Hitler-Wehrmacht. Das Wissen darüber, dass Faschismus auch aus übersteigertem Nationalgefühl, Militarismus und Vorurteilen gegen Minderheiten entstehen kann, nimmt in Russland immer mehr ab.


Ulrich Heyden, Moskau, 05.02.14, www.ulrich-heyden.de







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