Chinas Afrika. Imperialismus heute?


Bildmontage: HF

08.12.13
InternationalesInternationales, Wirtschaft, News 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

»In den Medien gilt Afrika zunehmend nicht mehr als Krisen-, sondern als neuer Wachs- tumskontinent. Als zentraler Motor dieser Entwicklung wird die Kooperation mit China genannt. Die größte internationale Aufmerk- samkeit erregen die Rohstoffaufkäufe der Volksrepublik sowie die unzähligen chinesischen Infrastrukturprojekte. Aus chinesischer Sicht geht es jedoch nicht nur um die Sicherung von Rohstoffen, sondern auch um die Erschließung neuer Absatzmärkte. {...} Auch die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) stellt in einem ihrer aktuellen Berichte fest, dass sich der Kontinent in seiner dynamischsten Wachstumsperiode befindet. Bislang beruht dies jedoch überwiegend auf dem Abbau und Verkauf von Rohstoffen. Die Gewinne fließen in die Taschen einiger weniger {...}

China als Wachstumstreiber und Segen für Afrika?

Umstritten ist ebenso, welche Rolle China für die Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent spielt. Als mittlerweile größter Handelspartner und Investor in Afrika ist die Volksrepublik ein wichtiger Faktor. Im Westen hält sich jedoch der Vorwurf, China gehe es nur um die Sicherung afrikanischer Rohstoffe für die eigene Wirtschaft, nicht jedoch um die Entwicklung in Afrika.

Die europäische Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG bezeichnet die intensivierte Kooperation zwischen China und Afrika allerdings als einen der zentralen Motoren für den aktuell zu beobachtenden Wachstumsschub. Nach Ansicht der aus Sambia stammenden US-Ökonomin Dambisa Moyo haben Chinas Ressourcenaufkäufe in Afrika Handel, Investi- tionen und schnelles Wachstum vorangebracht.

Gleichzeitig verbessere sich das Leben der Afrikaner durch chinesische Investitionen. Der kenianische Publizist James Shikwati betont, dass China durch sein verstärktes Engagement eine neue Dynamik nach Afrika gebracht und damit einen Wettbewerb unter den internationalen Geldgebern und Investoren erzeugt hat. Dabei biete China eine echte Alternative zur westlichen Entwicklungshilfe. Diese sei in den vergangenen Jahrzehnten wenig erfolgreich gewesen, habe afrikanische Regierungen korrumpiert, die Länder in ein langfristiges Abhängigkeitsverhältnis gebracht und diene nicht selten dazu, die eigenen geopolitischen und geschäftlichen Interessen in einem besseren Licht erscheinen zu lassen.

Die Chinesen hingegen wollten in erster Linie Geschäfte machen, ohne dabei missionarisch ihr System auf den Kontinent zu übertragen, so Moyo und Shikwati. Chinas Direktheit habe somit auch dabei geholfen, das ganze Fiasko der westlichen Entwicklungshilfe offen zu legen, schreibt Shikwati. Aber wirkt sich Chinas Expansion tatsächlich so positiv auf die afrikanische Wirtschaft und Gesellschaft aus? Und was sind die treibenden Faktoren für die chinesische Expansion?

Zwischen ideologischen und ökonomischen Interessen

Auch wenn im Westen kaum noch einer glauben mag, dass chinesische Außenpolitik auf einer kommunistischen Weltanschauung aufbaut, wird sie nach innen – insbesondere unter den Parteifunktionären – weiterhin als Ausgangsbasis für die Gestaltung der chinesischen Außenbeziehungen herangezogen. So wird Chinas Engagement in Afrika von der Parteiführung

gegenüber den eigenen Mitgliedern als Beitrag zur Bekämpfung von Imperialismus und Hegemonismus begründet. Um die These zu untermauern, wird auf die Unterstützung verschiedener afrikanischer Unabhängigkeitsbewegungen in den 60er und 70er Jahren verwiesen, als China selbst noch ein armes und unterentwickeltes Land war. Gleichzeitig wird die Gemeinsamkeit betont, einst Kolonie westlicher Großmächte gewesen zu sein.

Der Bau von Agrarforschungsinstituten und eine intensive Zusammenarbeit bei der Ernährungssicherheit stehen genauso wie die Unterstützung im Gesundheitswesen in der Tradition der historisch gewachsenen und ideologisch begründeten Kooperation. Der Vorwurf aus dem Westen, China betreibe Neo-Kolonialismus, wird von der chinesischen Führung daher stets vehement zurückgewiesen. Dagegen wird die westliche Entwicklungszusammenarbeit als Fortsetzung vorangegangener Kolonialbeziehungen bewertet.

Während Chinas Interessen unter Mao Tse-Tung in den 60er und 70er Jahren von der ideologischen Konkurrenz mit der Sowjetunion geprägt waren, stehen – trotz der ideologischen Legitimation nach innen und der politischen Rhetorik nach außen – heute vor allem kommerzielle Interessen im Vordergrund. Startschuss für Chinas wirtschaftliche Expansion war die Ende der 90er Jahre von der Führung ausgegebene nationale »Go Global Strategy« zur Sicherung von strategischen Rohstoffvorkommen und Unternehmensbeteiligungen im Ausland. Daneben wurden jedoch auch die vielen Millionen potenzieller afrikanischer Konsumenten als Chance für den Absatz eigener Waren begriffen.

So wuchs der Warenverkehr mit Afrika von 2000 bis 2012 von 10 auf rund 200 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr beliefen sich die afrikanischen Exporte nach China auf 117 Milliarden Dollar. Inzwischen ist China zum größten Markt für afrikanische Güter aufgestiegen. Allerdingsdominieren hierbei Öl und andere Rohstoffe. Hervorzuheben ist Chinas wichtigster Handelspartner Angola, der fast zwei Drittel der chinesischen Rohölimporte aus Afrika liefert. Chinas Anteil am gesamtafrikanischen Handel ist in den vergangenen zehn Jahren von 3 % auf knapp 20 % gewachsen. Während viele amerikanische und europäische Investoren spätestens nach Ausbruch der Finanzkrise Geld aus Afrika abzogen, nutzten chinesische Staats- wie auch Privatbetriebe die sinkenden Preise. Unterstützt wurden sie dabei von der chinesischen Führung, die einen Teil der enormen Währungsreserven im Sinne der »Go Global Strategy« bereitstellte. Allerdings verteilen sich bislang zwei Drittel der chinesischen Investitionen auf zehn Länder: Nigeria, Südafrika, Sambia, Äthiopien, Ghana, Tansania, Kongo,Angola, Sudan und Kenia.

Neben den wirtschaftlichen Beziehungen ist China in Form von Entwicklungshilfe in Afrika engagiert. Schätzungen gehen von 75 Milliarden Dollar aus, die – auf die 50 Länder verteilt, mit denen diplomatische Beziehungen existieren – bereits vergeben wurden. Offiziell bekannt ist, dass China von 2009 bis 2012 insgesamt 10 Milliarden Dollar an weichen Krediten – also

Kredite mit einem Zuschussanteil – an Staaten südlich der Sahara vergeben hat. Die Kredite der Weltbank beliefen sich im Vergleich auf 4,5 Milliarden Dollar jährlich. In ganz anderen Größenordnungen vergibt China jedoch – hauptsächlich über die staatliche Export-Import-Bank – mehrjährige Kredite, die über Ressourcen abgesichert werden. So haben sich Angola 14,5 Milliarden, Ghana 13 Milliarden, Nigeria 8,4 Milliarden, die Demokratische Republik Kongo 6,5 Milliarden und Äthiopien 3 Milliarden Dollar für Infrastrukturprojekte geliehen, die von chinesischen Baufirmen ausgeführt werden.

Als Rahmen der chinesischen Afrikapolitik dient das alle drei Jahre stattfindende »Forum on China Africa Cooperation« (FOCAC), das zur Unterstützung der »Go Global Strategy« geschaffen wurde. Gleichzeitig funktioniert FOCAC als ideologische Plattform für die chinesische Erzählung in Afrika: »Kooperation auf Augenhöhe«, »win-win« und »gemeinsame Entwicklung« lauten die Prinzipien, die von chinesischer Seite hochgehalten werden. Auf dem letzten FOCAC-Gipfel im Juli 2012 versprach der damalige chinesische Staatspräsident Hu Jintao, das finanzielle Engagement im Vergleich zur vorangegangenen Dreijahres-Periode zu verdoppeln und weiche Kredite in Höhe von 20 Milliarden Dollar für die Infrastruktur bereitzustellen.

Tatsächlich wird die Entwicklung in vielen afrikanischen Ländern neben Kriegen, Krisen und Krankheiten weiterhin durch die mangelhafte Infrastruktur beeinträchtigt. Während deren Aufbau bei vielen westlichen Gebern durch andere Prioritäten ins Hintertreffen geriet, hat China mit seinen Bauunternehmungen in den vergangenen Jahren eine Vorreiterrolle in Afrika übernommen. Die staatliche Kreditvergabe begründet einen der größten Vorteile des Landes gegenüber der Konkurrenz aus dem Westen. So sind Chinas Baufirmen bereits in vielen Ländern Afrikas auch zum größten Auftragnehmer von öffentlichen Ausschreibungen geworden und bauen Straßen, Brücken, Flughäfen, Häfen, Schienen. Aufgrund niedrigerer Arbeitskosten und -standards sowie der bereits gesammelten Erfahrungen können sie häufig kostengünstiger bauen als die westliche und afrikanische Konkurrenz. Nicht selten macht es China zur Bedingung, dass bestimmte Projekte nur dann umgesetzt werden, wenn die afrikanischen Partner Aufträge an chinesische Baufirmen vergeben.

Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor ist die deklarierte Nichteinmischung in die Innenpolitik des Partnerlandes. Dies macht China bei den afrikanischen Politikeliten attraktiv, die aufgrund ihrer schlechten Regierungsführung auf wenig Unterstützung aus dem Westen hoffen können. So wird die Infrastrukturhilfe nicht an politische Bedingungen geknüpft, sondern häufig an den Zugang zu Ressourcen und Märkten. Dieses für Chinas Engagement in Afrika typische Tauschgeschäft wird von chinesischer Seite stets als »win-win«Situation deklariert. Ob ein solcher Handel tatsächlich beiden Seiten nützt – also vor allem den Menschen in den jeweiligen Ländern –, hängt vom Einzelfall ab. Denn auch wenn das Ziel vieler Straßenbauprojekte ist, den Zugang zu und Abtransport von Rohstoffen zu erleichtern, kommen sie doch auch der Öffentlichkeit und der Privatwirtschaft zu Gute. Bei nicht wenigen Bauprojekten handelt es sich jedoch um Prestigeobjekte wie prunkvolle Präsidentenpaläste und überdimensionierte Sportstadien, die insbesondere den herrschenden Eliten zu Gute kommen.

Reaktion auf die wachsende afrikanische Kritik

Während westliche Kritik an Chinas Engagement auf dem Kontinent in der Regel als auf Neid gründende Propaganda zurückgewiesen wird, wird Kritik aus Afrika ernst genommen – kollidiert sie doch mit dem eigenen Anspruch einer Kooperation auf Augenhöhe. Es wird somit spannend, wie chinesische Entscheidungsträger auf die zunehmende afrikanische Kritik reagieren: So forderte der südafrikanische Staatspräsident Jacob Zuma auf dem letzten FOCAC-Gipfel in Peking, dass sich Chinas stark auf Ressourcensicherung fokussierte Afrikapolitik in Richtung einer für beide Seiten nachhaltigen Entwicklungspartnerschaft bewegen solle. {...}«
[Ein Auszug, vgl.]

Quelle: China und der Wachstumskontinent Afrika. Eine Analyse von Sergio Grassi. NG/FH, 6/2013
www.fes.de/afrika/content/downloads/NGFH_6-2013_Grassi-Artikel_Web.pdf


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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