Grass kritisiert Griechenland-Politik der EU

31.05.12
InternationalesInternationales, Kultur, News 

 

von Christoph Dreier via wsws

In er Samstagausgabe der Süddeutschen Zeitung hat Günter Grass ein politisches Gedicht veröffentlicht, in dem er das Vorgehen Deutschlands und der Europäischen Union gegen Griechenland anprangert. Er zieht darin Parallelen zu der Militärdiktatur, die Griechenland von 1967 bis 1974 mit Unterstützung der NATO beherrschte, und zur deutschen Besatzung des Landes im Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig antwortet er den Kritikern seines letzten Gedichts, das vor den Gefahren eines israelischen Angriffskriegs gegen den Iran gewarnt hatte.

Unter dem Titel „Europas Schande“ klagt der 84-jährige Literaturnobelpreisträger in zwölf Strophen mit je zwei Versen die europäischen Eliten wegen ihrem Umgang mit der griechischen Gesellschaft an. In altgriechischer Metrik verfasst, zeigt das Gedicht auf, wie die Märkte und europäischen Regierungen das Land und seine reiche Geschichte zerstören. „Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht, bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh“, wirft die erste Strophe Europa vor.

Grass nimmt damit Bezug auf die Sparauflagen, die die EU-Institutionen in den letzten Jahren diktiert haben und die zu Reallohnkürzungen von bis zu 60 Prozent, einer offiziellen Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent sowie zu Hunger und Massenelend geführt haben. Um die Kredite der internationalen Banken zu retten und die Profite der Konzerne zu steigern, wurden die sozialen Rechte der Arbeiter zerschlagen.

Mittlerweile wird in breiten Teilen der europäischen Politik offen darüber diskutiert, Griechenland aus der Eurozone auszuschließen und zu einer Rückkehr zur Drachme zu zwingen. Das würde zu Hyperinflation und einer entsprechenden Abwertung der Löhne, Renten und Sozialleistungen führen und das Land in ein Niedriglohnparadies für europäische Konzerne verwandeln. Im Berliner Kanzleramt zirkuliert ein Sechs-Punkte-Plan, der vorsieht, staatliche Unternehmen an den Meistbietenden zu verkaufen und Sonderwirtschaftszonen zu errichten, in denen niedrigere Löhne und Steuern gelten und Arbeitnehmerrechte außer Kraft gesetzt werden.

Angesichts dieser Entwicklung verweist Grass in seinem Gedicht völlig zu Recht auf die Besatzung Griechenlands durch die deutsche Wehrmacht, die Hunderttausende Griechen das Leben kostete. Das Deutsche Reich plünderte das Land wirtschaftlich aus. Es hatte sich von Italien und Bulgarien vertraglich das Recht zusichern lassen, alle Besatzungszonen selbst ökonomisch auszubeuten.

Auch Grass’ Hinweis auf die Diktatur der Obristen, die sich 1967 mit Unterstützung der NATO an die Macht geputscht hatten, um einen Wahlsieg linker Parteien zu verhindern, ist eine berechtigte Analogie. Der undemokratische Charakter des Spardiktats der EU zeigte sich bereits im Dezember letzten Jahres, als die gewählte Regierung auf Druck von Brüssel durch ein demokratisch nicht legitimiertes Technokratenregime ersetzt wurde. Inzwischen werden die griechischen Wähler international erpresst und unter Druck gesetzt, keine Parteien zu wählen, die das Spardiktat ablehnen. Hinter den Kulissen werden militärische Lösungen diskutiert.

Grass’ Gedicht geht auch darauf ein, dass das Spardiktat der EU nicht alle Griechen gleichermaßen trifft. Die Elite des Landes, die er als dem „Krösus verwandtes Gefolge“ bezeichnet, hat ihr Geld längst ins europäische Ausland gebracht, wo es sicher verwahrt wird.

Schließlich weist Grass darauf hin, dass die griechische Bevölkerung dem Spardiktat in den letzten Wahlen eine deutliche Absage erteilt hat. Sokrates, schreibt er, gebe den Becher randvoll zurück, den zu trinken ihn die EU-Kommissare zwingen wollten. Während Sokrates den todbringenden Schierlingsbecher aus Respekt vor dem Gesetz noch leerte, lässt Grass ihn die Griechen heute zurückreichen. Damit spielt er auch auf die sozialen Folgen der Sparpolitik für ganz Europa an.

In dem gesamten Gedicht bemüht Günter Grass immer wieder solche Analogien aus der griechischen Geschichte und Mythologie: Die trotzende Antigone trage schwarz, die europäische Elite wolle den Olymp enteignen. Auf diese Weise will er offensichtlich zeigen, wie die Intellektuellen und Bildungsbürger Europas ihre ehemaligen humanistischen Ideale, die sich auf die Denker der griechischen Antike stützten, mit der wachsenden Aggressivität des Kapitals über Bord werfen. „Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt“, schreibt er in Anlehnung an Goethes Iphigenie, „wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.“

Damit trifft er ins Schwarze. Tatsächlich haben nur wenige Intellektuelle oder Künstler ernsthaft gegen die barbarischen Maßnahmen Position bezogen, mit denen die griechische Bevölkerung in Armut und pure Verzweiflung getrieben wird. Stattdessen gab es weit über den Boulevard hinaus eine unbeschreibliche chauvinistische Hetzkampagne gegen „faule Griechen“ oder die „korrupten Strukturen“ des Landes.

Schon die Reaktionen auf Grass’ letztes Gedicht vor knapp zwei Monaten zeigten, dass mit dem Wiedererwachen des deutschen Imperialismus und der Zuspitzung der Klassenspannungen in Europa größere Teile des Bildungsbürgertums nach rechts gegangen sind. Grass’ Warnung, wonach die israelischen Kriegsvorbereitungen gegen den Iran die Gefahr eines Weltbrandes bergen, wurde in den deutschen Feuilletons fast einhellig verurteilt. Während ihm Josef Joffe in der Zeit Antisemitismus vorwarf, verstieg sich die Präsidentschaftskandidatin der Linkspartei, Beate Klarsfeld, sogar dazu, Grass mit Hitler zu vergleichen.

„Europas Schande“ ist nicht nur eine Anklage gegen die barbarische Politik der deutschen Regierung und der gesamten EU, sondern auch gegen alle Publizisten, Journalisten und Autoren, die sich auf die Seite des deutschen Imperialismus geschlagen haben und aggressiv gegen seine Kritiker vorgehen. Sie haben jeden Anspruch verloren, sich auf die humanistischen Ideale zu beziehen, die in ihrem Munde zu bloßen Apologien der Barbarei geworden sind.

Nichts könnte Grass’ Einschätzung mehr bestätigen, als die unaufrichtigen und verleumderischen Reaktionen, mit denen diese Schichten auf sein mutiges Gedicht reagiert haben. Grass Kritik „geht an der Wirklichkeit vorbei“, meinte der Vorsitzende des Europaausschusses des Bundestags Gunther Krichbaum (CDU) im Deutschlandradio Kultur. „Insgesamt sollte man Günter Grass nicht mehr ganz so ernst nehmen“, fügte er hinzu.

Die Springer-Tageszeitung Die Welt beschwerte sich, Grass schreibe nicht darüber, wie sich Griechenland die Aufnahme in den Euroraum erschlichen habe. „Kein Wort“, kommentierte sie „über das Schummeln danach, das das Anwachsen des Schuldenbergs verschleierte. Kein Wort zum desolaten Verwaltungsapparat, zu Vettern- und Misswirtschaft.“

Die meisten Redaktionen beschäftigten sich allerdings überhaupt nicht mit dem Inhalt des Gedichts, sondern gingen vor allem auf einen geschmacklosen Scherz Volker Weidermanns ein, der in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung behauptet hatte, bei dem Gedicht handele es sich um ein Werk des Satiremagazins Titanic. Dessen Autoren hätten „in aller Eile alles zusammengeschrieben, was Google zu den Suchbegriffen Griechen, Antike und Europa so hergibt, haben dann jeweils die Satzstellung leicht verschoben, die unsinnigsten Genitivkonstruktionen aneinandergereiht und fertig.“

Weidermann griff sogar Grass’ kurze Mitgliedschaft in der Waffen-SS als 17-Jähriger auf. Ihretwegen sei „dieser Gestus des Moralmeisters [...] in der Folge des langen Schweigens hohl, unglaubwürdig, peinlich und – im besten Falle – lächerlich geworden“.

Weidermann, der früher für die den Grünen nahestehende taz geschrieben hat, steht für eben die Schichten, deren Verhalten Grass in seinem Gedicht charakterisiert. Angesichts sich verschärfender Klassenkonflikte und dem zusehends barbarischen Charakter der bürgerlichen Herrschaft stellen sie sich hinter den Staatsapparat und sind bereit, Kritiker mit den dümmsten und hohlsten Beschuldigungen mundtot zu machen.

Die Aggressivität, mit der sie schon gegen Grass’ letztes Gedicht vorgegangen sind, kommt auch daher, dass sie gesellschaftlich in der Minderheit sind. Auch in „Europas Schande“ spricht Grass wieder für die Mehrheit der europäischen Bevölkerung. Es ist begrüßenswert, dass er sich nicht hat einschüchtern lassen, sich mutig gegen seine Angreifer wendet und zeigt, wes’ Geistes Kind sie sind.

https://www.wsws.org/de/2012/mai2012/gras-m31.shtml

 







<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz