Das Deutsche Heer als „Weltklasseheer“ und deutsche Heeresgeneräle zwischen Aufstandsbekämpfung und Bündnisverteidigung im Osten


Bildmontage: HF

22.06.15
InternationalesInternationales, Debatte, TopNews 

 

von Jürgen Heiducoff

Vor wenigen Tagen fanden intensive militärische Aktivitäten von NATO – Truppen in einigen Staaten, die unmittelbar an Russland grenzen, statt. Im „Edlen Sprung“ („Noble Jump“ ist der Name einer der Übungen der Manöverserie) setzten Verbände der „Speerspitze“ der schnellen Eingreiftruppe der NATO nach Polen über. Insgesamt beteiligen sich 15.000 Soldaten aus 22 Nationen an der Übungsserie „Allied Shield“. Den Kern der „Speerspitze“ bilden Kräfte und Mittel des Deutschen Heeres.

Die USA erwägen die dauerhafte Stationierung eigener schwerer Waffen im Osten Europas.

Dem deutschen NATO - General Domröse, der die Befehlsgewalt über die NATO – Truppen in Mittel- und Nordosteuropa hat und auch Verantwortung für die NATO – Operation in Afghanistan trägt, geht all das noch nicht weit genug. Er fordert: „Die Nato sollte, bevor man in Osteuropa schwere Waffen stationiert, konsequent eine Ausrüstungsoffensive für die baltischen Staaten und die Ostalliierten starten. Wir sollten unsere Verbündeten mit modernen und schlagkräftigen Waffen ausstatten, wie Hubschraubern, Haubitzen, Schützenpanzern, Flugabwehrraketensystemen und schweren Pioniergerät und sie anschließend daran ausbilden.“ 1)

Was bewog den General zu solchen hoch politischen Forderungen, die eigentlich von den nationalen Parlamenten und Regierungen der betroffenen souveränen Staaten kommen müssten?

Noch vor drei Jahren verkündete der damalige Inspekteur des Deutschen Heeres, Generalleutnant Werner Freers während eines Besuches bei den Landstreitkräften der Russischen Föderation: „Das Heer versteht sich als Treiber sinnhafter Kooperation und … Zusammenarbeit mit Russland.“ 2)

Was treibt General Domröse heute zur Abkehr vom Kurs der Kooperation mit dem größten Land Europas? Überschreitet er mit seinen sicherheitspolitischen Empfehlungen seine Kompetenzen? Respektiert er den Primat der Politik in ausreichendem Maße? Sind ihm die gewaltigen Defizite bei Bewaffnung und Ausrüstung der eigenen deutschen Truppen nicht bewusst?

Domröse ist ein General mit Kriegserfahrungen in Kommandofunktionen. Er war Chef des Stabes der Internationalen Schutztruppe ISAF in Afghanistan. In dieser Funktion haben sich auch die Generale Wieker und Kasdorf mit Operationsplanung und -führung befasst. General Wieker ist heute Generalinspekteur der Bundeswehr und Generalleutnant Kasdorf wurde nach zwei mehrmonatigen Einsätzen als Chef des Stabes im Kabuler ISAF – HQ Inspekteur des Deutschen Heeres.

Kasdorf bezeichnete seine Teilstreitkraft wiederholt als ein „Weltklasseheer“. 3)

Am 9. Juni erst unterstrich er in einem Interview: „Wir brauchen den Vergleich mit niemandem zu scheuen …. Wir verfügen über moderne, unserem Anspruch als Hochtechnologienation entsprechende Ausrüstung ….“ 3)

Warum fragt ihn niemand, ob diese Behauptungen nicht vielleicht doch etwas überzogen sind?

Deutschland eine Hochtechnologienation? Dabei fehlt diesem Land und auch seiner Bundeswehr das erforderliche IT -  Personal. Es mag ja sein, dass beim qualitativen Vergleich dieses oder jenes Waffensystems das Deutsche Heer gegenüber anderen Landstreitkräfte gut abschneidet, wenn man Qualität an den hohen Beschaffungskosten fest macht. Ist es nicht überzogen, deshalb und aufgrund des Engagements des Personals von einem „Weltklasseheer“ zu sprechen?

Und eine solche überzogene Selbstdarstellung kann missverstanden werden, besonders wenn sie von einem deutschen General kommt. Immer dann, wenn die Fähigkeiten deutscher Streitkräfte unrealistisch überschätzt wurden, führte dies in eine Katastrophe. Die Überbewertung der Fähigkeiten des Deutschen Heeres kann natürlich auch das Streitkräftebild unserer Politiker verfälschen. Dieses aber bildet die Grundlage für politische Entscheidungen zur Entwicklung und auch zum Einsatz der Streitkräfte. 

Zudem sei nach Aussagen des Inspekteurs sein „Deutsches Heer der Treiber der internationalen Zusammenarbeit im Frieden und im Einsatz.“ 4) Dass dieses „Weltklasseheer“ wie große Teile der Bundeswehr über erhebliche qualitative und quantitative Defizite in der Bewaffnung, Munition und Ausrüstung verfügt, sei hier nur nebenbei bemerkt. Das, was der Volksmund als Mangelwirtschaft bezeichnet, wird im Deutschen Heer unter dem Begriff „dynamisches Verfügbarkeitsmanagement“ geführt. Die viel zu wenigen noch verfügbaren Waffensysteme und Fahrzeuge können erst nach zentraler Anforderung der Truppe zeitweilig zur Verfügung gestellt werden. Die Ausbildungs- und Einsatzfähigkeit des Heeres dürfte dadurch eingeschränkt sein.Wie ernst die Defizite beim Material sind machte der Heeresinspekteur am 21.05.15 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung deutlich: Um die schnelle Eingreiftruppe „VJTF mit dem modernsten Material ausstatten zu können, haben wir das notwendige Material aus dem gesamten Heer zusammengeführt.“ 3)

„Die Befähigung zur Beteiligung an der kollektiven Verteidigung in Europa muss umfassend hergestellt werden“, sagte der Wehrbeauftragte Bartels der Zeitung „Die Welt“. Das sei „nach heutigem Stand nicht wirklich“ gewährleistet. Für die erste Übung der sogenannten Speerspitze, der neuen schnellen Eingreiftruppe der Nato, in Polen habe Gerät „aus der gesamten Bundeswehr zusammengekratzt“ werden müssen. 5)

Ist es nicht eine  Missachtung der Interessen und Rechte der eigenen Soldaten, der „Staatsbürger in Uniform“, sie unter solchen Bedingungen auszubilden und in Kriegsgebieten auf anderen Kontinenten einzusetzen sowie vor den Toren Russlands in Stellung bringen zu wollen?

Keine Bedenken, Einwände, Empfehlungen gegenüber der Politik oder gar Widerspruch seitens eines der kriegserfahrenen Generale?

Wer soll die Politiker und Parlamentarier unseres Landes objektiv und realitätsnah über die militärische Lage und die Potentiale unterrichten, wenn nicht die Verantwortlichen auf den Kommandoposten? Aber die reden – zumindest in der Öffentlichkeit – die eigene Truppe schön.

In Afghanistan sollten westliche Militärs terroristische Strukturen zerstören und eine stabile Sicherheitsordnung aufbauen. Doch der Terror nahm stetig zu und von Jahr zu Jahr erstarkten die regierungsfeindlichen Kräfte. Erst heute griffen die Taliban das Parlament in Kabul an und im einstigen Bundeswehrstandort Kunduz sind sie ebenfalls auf dem Vormarsch. Jetzt versucht auch die Terrororganisation Islamischer Staat in Afghanistan Fuß zu fassen.

Nach diesem Misserfolg der NATO im Kampf gegen einen asymmetrischen Feind fordert nun das stärkste Militärbündnis der Welt das größte Flächenland der Erde heraus. Dies kann einen Krieg  zwischen Staaten mit gewaltigen Arsenalen einschließlich interkontinentaler und thermonuklearer Waffen provozieren. Und Teile des Deutschen Heeres, eines „Weltklasseheeres und Treibers“ und deutsche Generäle waren und sind dabei.

Eine Herausforderung an die Vernunft und eine unverantwortliche Bedrohung der Zivilisation.

 

 

1)                 http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/verteidigung-deutscher-nato-general-fordert-massive-aufruestung-osteuropas-13655728.html

2)                 http://www.deutschesheer.de/portal/a/heer/!ut/p/c4/NYzBCoMwEET_aJMISulN8VJ6K4K1t20MZm1MZFnbSz--yaEzMAy8YdRDZUd804JCKWJQdzVZOj8_4J1jwJccLgSIaD2T9eIirOi50qaC9QhUihrLy-zApuikZJ4J5VwYJTHsiSUUcjBnAjSrSZu-07X-y3xP47Udmrox_aW7qX3b2h_zydiC/

3)                 http://www.deutschesheer.de/portal/a/heer/!ut/p/c4/NYzBCsIwEET_aDcp9KA3S0G8emnrbU1DszVNyrLVix9vcnAGhoE3DD6wONGbF1LOiSKOODk-Pz8QvBeglx4-RkjkgrAL6hOsFKQxtoX1SFwLDvVl9uBy8lqzzJRLLkKaBfYsGis5RAoBnnEytu9Ma_6y39PYXYfetk1_6-64b9vlByu7CmM!/

4)                 http://www.deutschesheer.de/portal/a/heer/!ut/p/c4/04_SB8K8xLLM9MSSzPy8xBz9CP3I5EyrpHK9jNTUIr3c0pySzNzUlMxEvezEnNS8lNQi_YJsR0UA97bRTQ!!/

5)                 http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wehrbeauftragter-beklagt-ausruestung-der-bundeswehr-13660682.html







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