Frohe Ostern, Frankreich! Vive la Gauche!


Bildmontage: HF

24.03.18
InternationalesInternationales, Debatte, Frankreich 

 

Von Dr. Nikolaus Götz

Der jung-dynamische Emmanuel Macron hat in einem Jahr geschafft, wozu der alte Kriegspräsident und große Europäer Charles de Gaulle fast 10 lange Jahre brauchte! Er vereinigte die in mehr als 12 unterschiedliche Gruppen, Parteien gespaltene französische Linke Bewegung ’La Gauche’. Ob nun deren Vorbilder Lenin, Stalin, Trotzki, Mao oder Che Guevara hießen oder komplett undogmatisch, keinem Anführer folgend, rein anarchistisch strukturiert und der ’reinen Lehre’ verpflichtet waren, sie alle demonstrierten gemeinsam mit den Gewerkschaften gegen ihren Präsidenten Macron und brachten seine/ihre Republik „en marche!“ Erstmals wieder zeigten sich am gestrigen Donnerstag dem 22. März 2018 so viele Franzosen mit der offiziellen französischen Politik unzufrieden und gingen, die Reihen fest, geschlossen auf die Straße.

Natürlich ereiferten sich die medialen Berichterstatter typischer Weise bei den Beteiligungszahlen an den Protestzügen. Im Zentrum des gestrigen Tages standen nämlich die neu eingeführten elektronischen Zähler der Protestzugteilnehmer, deren Genauigkeit erstmals, besonders in Paris erfolgreich getestet wurde. Stets, so sei erinnert, stritten sich nämlich Polizei, Gewerkschaften und die Organisatoren über diese immer divergierenden Teilnehmerzahlen, deren Größe ja die politische Bedeutung der ’Manif’ (dt.: Demo) bestimmt. Das ist jetzt endlich vorbei, denn ab sofort streiten sich nur noch Organisatoren und Gewerkschaftler mit der Polizei, zumal in Paris, wo es auch viele ’Casseurs’ (Schwarzer Block) gibt. Uniform bestimmt „en marche“ (beweglich?) ist jetzt aber das lustige Ratespiel der Zahlen: „34 700 zu 320 000 zu 500 000“ (francetvinfo.fr/fonctionnaires, cheminots: en marche...).

In Paris zogen an diesem geschichtsträchtigen Tag zwei unterschiedliche Protestmärsche, die französischen Eisenbahner und die Staatsbeamten der SNCF zum ’Place de la Bastille’ wobei auch Jean-Luc Mélenchon (LFI) und Oliver Faure (PS) sich solidarisch zeigten. Der Linken Anführer Mélenchon ließ während dieser Demo sogar einen lauten ’Furz’, gefeiert unter dem Gejohle der Menge: „Macron, das wird pupsen“ (francetvinfo.fr/Macron, ça va péter! Jean-Luc Mélenchon fait sauter une charge explosive...). Wohl deswegen rettete sich der so direkt angesprochene französische Staatspräsident, wahrscheinlich durch diesen ’Eklat’ angewidert, zum Brüsseler Gipfel und seiner deutschen Partnerin Kanzlerin Merkel. In Paris wie anderswo artikulierten derweil die Franzosen ihre Wut, denn immerhin stehen 120 000 Arbeitsplätze bei der Bahn auf dem Spiel, zudem wurde ein Lohnstopp verkündet und das Einfrieren des Karenzstages im Krankheitsfall. Zeitgleich bestreikten die französischen Gewerkschaften das staatliche Transportwesen, um ihren Forderungen mehr politisches Gewicht zu verleihen. Ob das die aktuellen ’Rois de France’ allerdings umstimmt, wird die Revolution der Zeit zeigen.

Der „22. März“ des Jahres 2018 war ja nicht nur wegen der ’beschissenen Staatspolitik’ ein guter Tag zum demonstrieren, sondern auch deshalb, so erinnert Le Monde ihre Leserschaft, weil vor genau 50 Jahren zum ersten Mal im Studentenwohnheim der Universität von Nanterre „die Möglichkeit für die Jungs bestand, in die Zimmer der Mädchen zu gehen“ (Le Monde vom 20. 3. 2018, S. 8). Dieses triviale Ereignis war in seiner Konsequenz so revolutionär, dass sich aus den „Frühlingsgefühlen“ der ersten französischen Nachkriegsgeneration die berühmten Studentenunruhen vom Mai 68 entwickelten. Deshalb Deutsche lasst uns erneut nach Frankreich schauen, was die „Frohe Osterzeit“ und der Mai 2018 uns bringen wird!







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