Stromausfall in Venezuela: Gibt es einen Wirtschaftskrieg der USA?


Bildmontage: HF

27.03.19
InternationalesInternationales, Kultur, Debatte 

 

Buchkritik-Essay von Hannes Sies und Galindo Gaznate

Aktuell verschärfen in Caracas mysteriöse Stromausfälle die von den USA verhängte Hungerblockade qua Wirtschaftssanktionen. Dringend benötigte Lebensmittel und Medikamente verderben, Kinder hungern und Kranke sterben. Aber die Westmedien sehen als verantwortlich für die Krise in keinster Weise die USA, sondern allein den demokratisch gewählten Präsidenten Maduro, den Nachfolger des Sozialisten Hugo Chavez.

Eigentlich weiß jeder West-Journalist, dass die USA Lateinamerika immer als ihren „Hinterhof“ betrachtet haben und dort stets die CIA den Hofwart spielen durfte. Dennoch tabuisiert der Westmedien-Mainstream allein schon jeden Ansatz einer Überlegung, ob die CIA nicht auch jetzt in Venezuela aktiv sein könnte. Allein Maduro wird immer wieder zugeschrieben, die USA für die Misere Venezuelas mitverantwortlich zu machen. Natürlich behauptet Maduro dies nur, so unterstellen die West-Journalisten, um von seiner eigenen „sozialistischen Misswirtschaft und Korruption“ abzulenken.

Dabei liegen die Parallelen von Rohstoffstaat Chile (1973) und Rohstoffstaat Venezuela (2019) ebenso klar auf der Hand wie die Verantwortung der CIA und des US-Außenministers Henry Kissinger für die damalige Wirtschaftskrise in Chile und den folgenden Putsch gegen Allende; dazu schrieb Eduardo Galeano in seinem weltberühmten Klassiker zur Geschichte Lateinamerikas:

„Die Akten des Kongresses der Vereinigten Staaten registrieren unwiderlegbare Zeugenaussagen über die Interventionen der USA in Lateinamerika.... daß die Vereinigten Staaten durch Bestechung, Spionage und Erpressung direkt in die chilenische Politik eingriffen. Die Strategie der Verbrechen wurde in Washington geplant. Seit 1970 bereiteten Kissinger und die Geheimdienste sorgfältig den Sturz Allendes vor. Millionen von Dollar wurden unter den Feinden der legalen Regierung verteilt... Es war ganz normal für die CIA, auch über politische Gelder zu verfügen...“ Galeano, Die offenen Adern Lateinamerikas, Ergänzung 1978, S.IX

Von ARD bis FAZ tun die Lateinamerika-Korrespondenten und –Experten so, als könnten sie nichts von Chile 1973 wissen oder wären nicht in der Lage die Parallele zu erkennen. Als wäre es nicht ihr Job, zu recherchieren und analysieren, sondern nur Regierungsverlautbarungen vorzulesen und diese stets so präsentiert, dass Washington und seine Truppen als edle Retter und Maduro als der Schurke dastehen. Im derzeit über Venezuela herfallenden medialen Mainstream, der sich überhaupt nicht seiner Reproduktion von Stereotypen des Kalten Krieges bewusst zu sein scheint, marschieren jüngst auch einige sich als „links“ gerierende Autoren mit.

Natürlich darf man von niemandem verlangen, den Sozialismus in Venezuela zu bejubeln, Kritik ist angebracht -nicht aber, dass dabei kritiklos die Kriegstrommeln der USA unterstützt werden. Deren Grundton ist derzeit das Ableugnen jeder Einmischung der CIA in Caracas: Ein reicher Erdölstaat mit sozialistischer Regierung, aber ohne geheime Umsturzpläne der USA? Das wäre ein Novum in der Weltgeschichte, aber unser Mainstream will uns dies weismachen und er hat sich sogar einen „linken Flügel“ zugelegt.

Linke Gerüchteküche gegen Venezuela?

Christoph Twickel stimmt in den ehedem linken „Blättern für dt. u. Int. Politik“ aktuell ein Loblied auf den von Westmedien und -Politik gehypten „selbsternannten Übergangspräsidenten“ Juan Guaido an. Guaido sitzt in Caracas auf seinem goldenen Thron der Nationalversammlung, die Maduro völlig verfassungsgemäß durch Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung entmachtet hat, und wettert gegen die Chavisten. Guaido ist der Star der Westmedien, wurde von den USA und ihren Verbündeten als Präsident anerkannt und heizt seine teilweise bewaffneten Anhänger munter zum gewaltsamen Straßenkampf gegen die Regierung an. Als würde dadurch nicht genug Blut an seinen Händen kleben, hat Guaido sogar die USA zur „Intervention“, also zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Venezuela aufgefordert.

In den USA hätte das FBI einem Aktivisten, der sich so benimmt wie Guaido, wohl längst die Tür eingetreten und er wäre unter Androhung der Todesstrafe wegen Hochverrat eingekerkert worden, beim hofierten Nato-Partner Saudi Arabien hätte der Geheimdienst ihn vermutlich in Streifen geschnitten. Aber im von Westmedien gebetsmühlenhaft ausgerufenen „Autoritarismus“ Maduros wurden bislang nur einige seiner Komplizen verhaftet, offenbar unter dem Verdacht in jene gewaltsamen Aktionen verwickelt zu sein, zu denen Guaido aufzurufen nicht müde wird.

Das alles kümmert Twickel nicht, er nimmt Guaido im Schulterschluss mit ARD und FAZ gegen „Linke und Maduro-treue Blogger“ in Schutz, die ihn angeblich „dämonisieren“ wollen. Twickel lässt seinerseits kein gutes Haar an Maduro und seinen Chavisten, die sich angeblich durch Korruption beim Sozialen Wohnungsbau bereichert hätten: „Dies sind zwar nur Gerüchte, aber sie beschreiben die Stimmung im Land“ (so Twickel S.26). Ähnlich glaubwürdige Quellen bemüht sein Kollege Stefan Peters, wenn er von „mafiösen Strukturen“ in Venezuela schreibt, „denen gute Verbindungen zu den jeweiligen staatlichen Behörden nachgesagt werden.“ (S.147)

WER da den Behörden des chavistischen Staates etwas „nachgesagt“ hat und WER „nur Gerüchte“ gegen Maduro in Venezuela verbreiten möchte, fragen sich Twickel und Peters nicht. Sie sind sich aber implizit wohl einig, dass es auf gar keinen Fall die CIA sein kann. Denn die CIA existiert in ihren Lateinamerika-Expertisen nicht, wird nirgends erwähnt, hat niemals je und nirgendwo in die Politik des „Hinterhofes der USA“ eingegriffen. Nicht eine einzige Erwähnung der CIA findet sich auf den 240 Seiten von Peters Anfang 2019 publiziertem Buch „Sozialismus des 21.Jahrhunderts in Venezuela“, das Twickels Chavez-Biographie von 2007 als Quelle anführt. Auch den oben zitierten Klassiker von Eduardo Galeano führt Peters an, aber nur, um ihn als veraltete linke Sicht des „Rohstofffluches“ hinzustellen; Galeanos Anklagen der Einmischungen der USA in Lateinamerika, der Verbrechen der CIA, verschweigt Stefan Peters verbissen. Aus gutem Grund: Sie würden seine einäugige Darstellung als solche entlarven.

Peters wortgewaltige „Analyse“ der Bolivarischen Revolution

Wenn ein Buch, kaum druckfrisch auf dem Ladentisch, bereits sowohl von „Neues Deutschland“ wie von der „FAZ“ in den höchsten Tönen bejubelt wird, dann hat es sich aalglatt in den Medienmainstream eingefügt. Die FAZ (19.2.2019) lobt Stefan Peters‘ „Bilanz des Grauens“ der Bolivarischen Revolution, deren Sozialisten angeblich daran scheiterten, die Raffinerien in Schuss zu halten und den staatlichen Ölkonzern mit Fachpersonal statt mit „Kuschern“ zu besetzen. Auch das ND (7.2.2019) bejubelt Peters „glänzende Analyse“, aber weil diese zeige, dass das Scheitern Venezuelas „weder die Folge von Sozialismus noch eines Wirtschaftskrieges“ gewesen sei. Diese Bewertungen sind verständlich: Peters lehnt unisono mit FAZ und ND jede auch nur ansatzweise Überlegung ab, ob die USA und ihre CIA nicht doch irgendwie mit der Misere Venezuelas zu tun haben könnten. Er verdammt sie kategorisch als „Verschwörungsdenken“ -weil die USA, die bekanntlich schon zahlreiche Milliarden in diverse geheime „Regime Change“-Programme investierten und hinter dem Erdöl her sind wie der Teufel hinter der lieben Seele, ja unmöglich im reichsten Erdöl-Staat der Welt,Venezuela, aktiv sein können?

Weder was die analytische Qualität noch was die politische Ausgewogenheit angeht, muss man also einer Meinung mit ND und FAZ sein: Denn Peters ebenso dürftige wie weitschweifige Analyse vom „Aufstieg und Fall der Bolivarischen Revolution von Hugo Chavez“ bemüht sich von der ersten bis zur letzten Seite ebenso krampfhaft wie wortgewaltig das Scheitern ebendieser Revolution zu verkünden. Ihre Ziele wurden nicht nur verfehlt, sie wurden „kilometerweit verfehlt“, ihre Regierung scheiterte nicht nur, sie „scheiterte krachend“ (S.133). Dabei ist „wortgewaltig“ sogar selbst ein Lieblingswort von Peters, der es allerdings stereotyp nur auf Chavez und Maduro anwendet: Besonders wenn die von einem „von den USA angezettelten Wirtschaftskrieg“ zu sprechen wagen, kann Peters solch „wortgewaltige Äußerungen“ (S.136) natürlich nicht stehen lassen, wo „die Regierung für die wirtschaftliche Situation im Land wortgewaltig einen Wirtschaftskrieg seitens… der USA“ verantwortlich macht (S.120).

Peters selbst kommt nirgends in den Sinn, die so fern nun auch wieder nicht liegende Vermutung eines geheimen Wirtschaftskrieges der USA gegen das verhasste Venezuela auch nur ansatzweise zu diskutieren oder wenigstens zu überprüfen, ob die USA irgendwo zumindest Einfluss ausgeübt haben könnten. Obwohl die USA schon seit Obama, mehr noch unter Trump, das chavistische Venezuela ausdrücklich als „Bedrohung von US-Interessen“ betrachten und einen „Regime Change“ propagieren. Dass dies aus dem Munde von US-Präsidenten keine leeren Drohungen sind, könnten eigentlich insbesondere „Experten“ für Lateinamerika wissen. Würden diese „Experten“ natürlich Karrieren im Mainstream anstreben, sollten sie Kritik an den USA tunlichst vermeiden. Wenn ein Wissenschaftler solche Kritik liefert, wird er wie der Fall Daniele Ganser belegt, abgeschoben und bekommt trotz noch so ausgewiesener Qualifikation und Kompetenz keinen Lehrstuhl. Peters bekam seinen natürlich.

Es ist jedoch kein Geheimnis, dass die USA weite Teile unseres Planeten mit Geheimkriegen nebst Drohnenterror überziehen und die CIA in der Vergangenheit gleich reihenweise missliebige Regierungen durch Putsche und Mordanschläge beseitigt oder es zumindest versucht hat. Spezialität der CIA ist dabei bekanntlich das Ruinieren der Wirtschaft eines Landes mittels Terror, Sabotage und Aufbau mafiöser Strukturen zwecks Drogen- und Waffenschmuggel (vgl. McCoy 2016). Im Visier der CIA sind insbesondere ideologische Gegner, die sich „sozialistisch“ nennen, und Rohstoffländer, besonders wenn es um Erdöl geht. Venezuela hat die größten Erdölreserven aller Länder und Chavez wollte den „Sozialismus des 21.Jahrhunderts“ begründen: Dringendere Motive für einen CIA-Geheimkrieg hat man selten gesehen. Dennoch wollen Twickel und Peters uns glauben machen, dass ausgerechnet in Venezuela die CIA die Hände in den Schoß legt?

Lateinamerika-Geschichte ohne den Faktor USA

So macht Peters einzig und allein die Chavisten für die Misere des Landes verantwortlich, wobei er die stark involvierte Supermacht USA, vor ihren Sanktionen Hauptabnehmer des venezolanischen Öls, kaum je erwähnt. Und wenn, dann um sie gegen Kritik aus Caracas in Schutz zu nehmen. Diese einseitige Weglassung eines bedeutenden Faktors wirkt tendenziös, bedenkt man die Putschversuche und Mordanschläge gegen Chavez und Maduro, die Drohnenattacken, die Raketenangriffe auf führende Staatsorgane mitten in Caracas, den Straßenterror durch eine teils paramilitärisch bewaffnete Opposition -ein Flugzeug eines in CIA-Machenschaften verwickelten Adolfo Moreno, das eine Ladung Waffen nach Venezuela schmuggeln wollte, wurde jüngst vom Zoll in Valencia gestoppt (Neuber 2019). Ein Novum in der Geschichte der CIA wäre dies nicht. Prof. Alfred McCoy von der University of Wisconsin, Autor des Klassikers der Geheimdienst-Forschung „The Politics of Heroin“, gibt zu bedenken:

„Bei der Durchführung komplexer verdeckter Operationen in entfernten ausländischen Gebieten benötigen CIA-Agenten offenbar häufig die Dienste krimineller Handlanger... Schlicht ausgedrückt sind kriminelle Beziehungen integraler Bestandteil der verdeckten Operationsfähigkeit der CIA... Jede Nation braucht einen Geheimdienst, der sie vor kommenden Gefahren warnt. Aber Nationen im Frieden haben nach amerikanischen und auch nach internationalen Gesetzen kein Recht, ihre Außenpolitik mit verdeckten Operationen durchzusetzen, zu denen Mord, Bestechung, Lügenpropaganda, Verbrechen und unerklärte Kriege gehören“ McCoy 2016, S.656 f.

Robert Baer, ehemaliger CIA-Experte für verdeckte Operationen, sorgt sich zwar mehr um das Image seiner „Firma“ als um Opfer ihrer Machenschaften. Baer gibt aber zu, dass man wg. PR und „political correctness“ heute (leider?) direkte Gewaltverbrechen meist an kriminelle Handlanger delegieren muss, damit die CIA dieser Verbrechen nicht so leicht „bezichtigt“ werden kann; das folgende Zitat belegt zugleich das orwellianische „Zwiedenken“ solcher CIA-Führungskräfte im verlogenen Gebrauch des Verbs „bezichtigen“, der sich seiner Verlogenheit überhaupt nicht mehr bewusst zu sein scheint: Baer bestätigt, dass die CIA Verbrechen begehen, beklagt aber zugleich, sie wäre dieser Verbrechen „bezichtigt“, also fälschlich beschuldigt worden.

„Sogar damals, bevor political correctness in Langley und überall um Washington herum tiefe Wurzeln schlug, war das Management sich nur zu gut der Tatsache bewusst, dass die CIA immer dann, wenn ihre Leute zu den Waffen griffen, in Schwierigkeiten geriet. Es gab genügend leidvolle Erfahrungen: Im Iran, in Chile, in Laos und im Kongo; in allen diesen Ländern war die CIA bezichtigt worden, sich an Umstürzen beteiligt zu haben. Besser war es, im Schatten zu operieren und das Herumgeballere den anderen zu überlassen.“ Baer 2002, S.65

Ähnliches Zwiedenken wie CIA-Mann Robert Baer scheint Venezuela-Experte Stefan Peters zu praktizieren, der so tut als wüsste er rein gar nichts von CIA-Aktivitäten in Lateinamerika. So kommt er zu seiner „Analyse“, die kurz gesagt nahezu alles Gute, was Chavez erreicht haben mag, einer angeblichen „Rohstoff-Party“ zuschreibt, die das Land im „Ölboom“ bis 2015 feiern konnte. Alles Schlechte aber kommt allein von der „sozialistischen Korruption und Misswirtschaft“. So liefert Peters, neben einer dürftigen Analyse der Wirtschaftslage, die weiter unten noch genauer zu diskutieren ist, also vor allem und im Kern dies: Eine implizite Freisprechung der CIA von jedem Verdacht, in Sabotage, Terror und Putschversuche in Venezuela verwickelt zu sein. Eine wichtige Frage muss also lauten: Wie kommt ein Autor zu diesem blinden Fleck?

CIA, CCF und „antideutsche“ Linke

Im Jahr 1966 wurde bekannt, dass die CIA insgeheim hinter dem „Congress on Cultural Freedom“-Programm stand. Im Rahmen des CCF sollten auf Desinformation und Massenmanipulation spezialisierte CIA-Geheimdienstler auf breiter Front einen Kulturkrieg gegen den Sowjetmarxismus führen. Moskau hatte nämlich u.a. Kritiker am US-Rassismus finanziert, was den Apartheitsstaat USA und den in Asien und Afrika noch tief im Kolonialismus steckenden Westen schlecht aussehen ließ.

Mit Abermillionen harter US-Dollar finanzierte die CIA daher über Jahrzehnte den CCF in Westeuropa, das Enthüllungsbuch von F.S.Saunders nennt 200 Millionen Dollar jährlich, die aus Geldern des Marshallplans an die CIA abgezweigt wurden (Saunders S.104). Vor allem in Westdeutschland (der BRD) finanzierte man zahlreiche teils renommierte linksliberale, sogar marxistische Zeitschriften, Kongresse, Intellektuelle -sie alle mussten nur eine einzige Bedingung erfüllen: kritisch gegen die Sowjetunion und vor allem Stalins Gulags schreiben. Viele hätten den Stalinismus wohl ohnehin kritisiert, aber mit etwas finanziellem Zuckerbrot rutschte die Kritik an Ost und West in die von der CIA gewünschte Schieflage. Der auch im Mainstream gelegentlich interviewte Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom nennt den ZEIT-Verlag und Gert Bucerius als engen CCF-Kontakt, da er zusammen mit der CIA-Tarnorganisation „Gesellschaft für Internationale Publizistik“ noch ab 1970 die CCF-Zeitschrift ‚Der Monat‘ herausgab (Eenboom 2004, S.357ff.).

Später ging nun das Gerücht um (und wenn Peters und Twickel Gerüchte zitieren, soll dies ausnahmsweise auch hier einmal erlaubt sein), dass die angeblich nach dem Auffliegen 1966 eingestellten CCF-Programme unter anderem Namen munter weiter liefen -und speziell in der BRD die begehrten elektrischen Schreibmaschinen an ihre Aspiranten verteilten. Die CIA-gesponserten Antisowjet-Marxisten sollten ihre linken Flugblätter und Artikel schneller tippen können als andere. Die CIA-Schreibgeräte hatten aber noch einen besonderen Clou: Sie versetzten dem Benutzer immer dann einen kleinen elektrischen Schlag, wenn er die Buchstabenfolge „CIA“ eintippte.

So wurden die CIA-Erwähnungen dort immer seltener und verschwanden schließlich ganz aus linken Texten, später aus der kompletten Weltsicht jenes Teils der Linken, die man heute „Antideutsche“ nennt. Schreiben andere Linke über CIA-Machenschaften, so nennen die Antideutschen das „Verschwörungstheorie“ und setzen solche oft gleich mit Paranoia und Antisemitismus. Denn Kern der CCF-Propaganda war stets die historisch aberwitzige Gleichsetzung von Nazis und Sowjets, die beide paranoide Antisemiten gewesen seien. (Im Computerzeitalter kann die Konditionierung natürlich differenzierter und über Infraschall-Schocks aus dem Computer-Lautsprecher ablaufen.)

Chile, Guatemala,Venezuela: ITT, Chiquita und Conoco Oil

Selbst weltbekannte CIA-Operationen, die längst in Geschichtsbüchern stehen, werden von den so (oder anders) manipulierten Antideutschen als „Verschwörungstheorie“ wahrgenommen und aus ihrem Weltbild ausgeblendet: Die blutigen „Regime Changes“ in Guatemala und Chile etwa. Dort wurden demokratisch gewählte „Sozialisten“ mittels Putsch durch US-hörige Diktatoren ersetzt, nachdem die CIA zuvor die Wirtschaft dieser Länder durch Terror und Sabotage ruiniert hatte. In Chile, wo Präsident Allende im Auftrag der USA ermordet wurde, ging es bekanntlich um die weltgrößten Kupferreserven, die der US-Konzern ITT weiterhin billig einsacken wollte. In Guatemala war der US-Riese United Fruit (heute Chiquita) erbost über die Verstaatlichung der gigantischen Bananen-Plantagen, die man den Guatemalteken zuvor in neokolonialer Manier geraubt hatte; zufällig hatte United Fruit den CIA-Boss Dulles in die Konzernspitze geholt, bevor die CIA Guatemala in Blut tauchte, um die Plantagen zurück zu holen (vgl. Ganser 2016, S.60 ff.).

In Venezuela geht es heute um die größten Ölreserven der Welt, nach denen die US-Riesen Chevron, Exxon und Conoco Oil gieren; zufällig hat Conoco den CIA-Veteranen Richard L. Armitage in den Vorstand geholt, während die venezolanische Wirtschaft terrorisiert und sabotiert wird und die USA das Land mit grausamen Sanktionen überziehen. In den Freien Medien des Freien Westens hatte man bezüglich Guatemala und Chile seinerzeit nichts von CIA-Operationen gehört, während die geheimen Terrorkriege liefen; die Westmedien schrieben stattdessen von „sozialistischer Misswirtschaft und Korruption“, die Guatemala und Chile ruiniert hätten, und werteten das als Beweis, dass Sozialismus nun mal nicht funktionieren könne. Man kritisierte vielleicht den Militärputsch in Brasilien, aber dass USA und CIA damit zu tun hatten, wurde nicht bekannt gemacht. Der CIA-Aussteiger Philip Agee zeichnet als Zeitzeuge ein anderes Bild der Ereignisse in Lateinamerika:

„Repressionen in Brasilien, das heißt: auch Kinder werden vor den Augen ihrer Eltern gefoltert, um diese zum Reden zu bringen. Das haben die CIA, ihre Unterstützung der lokalen Polizei, militärisches Training und Wirtschaftshilfeprogramme dem brasilianischen Volk beschert. Und das brasilianische Modell breitet sich aus: Bolivien 1971, Uruguay im Februar dieses Jahres und jetzt Chile...

Während die wirtschaftliche Unterstützung für Chile nach der Wahl Allendes schlagartig gedrosselt wurde, ging die militärische weiter: die militärische Hilfe, die 1972 chilenischen Generälen gewährt wurde, war in der Tat die höchste in ganz Lateinamerika; die Ausdehnung der CIA-Station, seit 1970 unter Ray Warren; der Mord an General Schneider; die Militanz finanzkräftiger patriotischer Organisationen wie ‚Patria y Libertad‘; die Wirtschaftssabotage... beide Streiks waren möglicherweise von der CIA finanziert...“ Agee, CIA Intern, S.453f.

Erst Jahre nachdem die prowestlichen Diktaturen Guatemalas und Chiles den kapitalistischen US-Konzernen wieder ihre „Märkte geöffnet“ hatten, lockerte sich die Informationsblockade. Viel zu spät, um politisch wirksam zu sein, gaben Westjournalisten unter dem Druck sich häufender Beweise gegen die CIA zu, dass damals einiges unsauber gelaufen sein könnte. Analog weiß heute der Mainstream im Westen fast gar nichts über Terror, Sabotage und Wirtschaftskrieg gegen Venezuela –und will es wohl auch gar nicht wissen. Westjournalisten führen alles, was das Land ins Elend stürzt, auf Maduros „sozialistische Misswirtschaft und Korruption“ zurück (die es sicherlich geben mag, aber wahrscheinlich auch nicht mehr als anderswo). Mitten in diesem Mainstream der Begleitpropaganda zu den aktuellen Umsturz-Programmen für Venezuela schwimmt das Buch von Stefan Peters. Kein Wunder also, wenn er aktuell als Venezuela-Experte in den Medien gehypt wird.

 

Peters geißelt „Rentismus“ und Rohstoffparty

Peters erklärt die chavistische Revolution immer wieder aus einem Hauptgrund als gescheitert: „Im Ergebnis scheiterten Strategien zur Verringerung der Rohstoffabhängigkeit immer wieder krachend.“ Das habe mit „Rentismus“, der „Holländischen Krankheit“ und dem „Rohstofffluch“ zu tun: Fachbegriffe die Peters in weitschweifigen, aber wenig erhellenden Exkursen bemüht.

„Rentismus“ ist Peters Lieblingswort, in diversen Variationen wird es fast auf jeder Seite seines Buches eingeflochten (Rentenökonomie, Rentenverteilung, Rentengesellschaft…); der Fachbegriff soll theoretisch hervorheben, dass eine Ökonomie von Bodenschätzen zehrt und dass dies irgendwie weniger nobel sei als durch andere Industriezweige Gewinn zu machen. Der Begriff klingt danach, als hätte Chavez‘ Bolivarische Revolution das ganze Land in Frührente geschickte, um „Rohstoffparty“ zu feiern. Genau weil diese Assoziation dem Begriff „Rente“ so nahe liegt, reitet Peters wohl auch ebenso weitschweifig und gebetsmühlenartig darauf herum, wie auf seiner Bewertung des „krachend gescheiterten“ Chavismus.

Peters Analyse der Erdölökonomie bleibt dabei eher oberflächlich. So strotzt der Wirtschaftsteil des Buches von wirren Tabellen und Statistiken, es fehlt aber die Wichtigste: Die Entwicklung des Ölpreises. So entgeht Peters auch eine eminent wichtige Frage: Was hat denn den Ölpreis 2015 einbrechen und die „Ölboom-Party“ enden lassen? Es war die von Obama ohne Rücksicht auf die Umwelt irrwitzig voran gepeitschte Fracking-Industrie der USA. Natürlich würde Peters wieder lauthals „Verschwörungstheorie!“ schreien, würde man mutmaßen, diese Ölpolitik hätte zumindest auch auf Venezuela gezielt. Dabei liegt der Gedanke so fern nicht: Was taten die USA als der Sozialist Allende vor fünf Jahrzehnten die Frechheit besaß, die reichen Kupferminen Chiles dem Griff der US-Konzerne zu entziehen? Sie plünderten ihre nationale Kupferreserve, warfen sie auf den Weltmarkt und ließen damit den Kupferpreis abstürzen. Einziges Ziel: Der sozialistischen Revolution in Chile die Einnahmequelle abschneiden.

Da mag einer noch so ausgiebig über Rentenverteilung, Holländische Krankheit und Rohstofffluch salbadern: Letztlich bleibt diese Analyse dürftig, wenn sie den politischen Faktor USA ausblendet. Statt Obamas Fracking-Politik zu kritisieren wirft Peters auch lieber Chavez und Maduro ökologische Vergehen an der Umwelt vor, obwohl er zugeben muss, dass die immerhin eine vorbildliche Gesetzgebung geschaffen haben. Wenn diese heute auch wegen des reduzierten Ölpreises nicht umgesetzt werden kann, könnte man evtl. ja auch die USA in die Pflicht nehmen. Gäbe es dort vernünftige Umweltstandards, wäre das Fracking-Öl teurer, der Weltmarkt stabiler und auch Venezuela hätte mehr Geld für Ökologie.

Stattdessen bemäkelt Peters das mangelnde Ökobewusstsein der Venezolaner, die nicht mal eine politische Umweltbewegung zustande gebracht hätten. Und wen führt er als Zeugen dafür an? Ausgerechnet eine Vertreterin des Ölkonzerns Chevron, die er höchstselbst in Venezuela interviewte (S.221). Eigentlich ist es ja schön, dass Ölmultis sich heute mit Greenwashing-PR wenigstens rechtfertigen müssen. Aber muss ein Autor da unbedingt mitmachen?

Mäkelei statt kritischer Analyse

Die Ökobilanz der Bolivarischen Revolution fällt bei Peters also schlecht aus, wie er wortreich ausführt. Alle Erfolge des Chavismus, die ja nicht völlig geleugnet werden können, will man sich als „links“ gerieren, presst Peters dagegen eng gedrängt in dürre Sätze, die er stereotyp mit „letztlich auch gescheitert“ bewertet. Was seltsam ist, denn was kann an einer breitflächigen Bekämpfung von Armut und Analphabetismus „krachend gescheitert“ sein, wenn ca. 10 Millionen Kindern eine menschenwürdige Kindheit und Schulbildung ermöglicht wurde -statt sie weiter in Slums dahin vegetieren zu lassen?

Peters leugnet die Erfolge unter diversen Verrenkungen, findet immer eine Mäkelei, die sein gnadenloses Urteil „krachend gescheitert“ rechtfertigen soll: Die Bildung der armen Bauern und Slumbewohner sei nicht so gut wie jene in den Privatschulen der Ober- und Mittelschicht in Caracas. Mag sein, aber hätte man die Armen im Analphabetismus belassen sollen? Im Sozialen Wohnungsbau hätte es Korruption gegeben. Mag sein (wie in der Baubranche überall, selbst im sauberen Deutschland) aber hätte man die Slumbewohner deshalb in ihren Blechhütten verrotten lassen sollen?

Die vom Chavismus aus dem Boden gestampften kommunalen Betriebe seien zu ineffizient und klientelistisch. Vielleicht, aber wäre es besser gewesen, die Petrodollars wie zuvor in den Taschen von Exxon, Conoco und ihren lokalen Statthaltern der Oberschicht von Caracas verschwinden zu lassen? Die sich, nebenbei gesagt, vermutlich weit „klientelistischer“ organisiert als die bemäkelten Kommunalbetriebe, deren Ineffizienz übrigens auch etwas mit Sabotage aus einem mutmaßlichen Milliarden-Dollar-Regime-Change-Programm der USA zu tun haben könnten. Aber dessen Existenz kann natürlich nur reine paranoide Verschwörungstheorie Maduros sein, weil die USA ja noch nie irgendwo solche Programme aufgelegt haben und die CIA noch nie irgendwo Sabotage organisiert hat, wie Peters zu glauben scheint.

Dabei verbreiten die Westmedien allzu gerne Verschwörungstheorien, wenn sie nur gegen Venezuela gerichtet sind: Etwa die Theorie von Elliott Abrams, der tausende kubanischer Agenten in Venezuela vermutet. Abrams ist Donald Trumps Sondergesandter für Venezuela, ein neokonservativer Hardliner mit Verstrickung in die Iran-Kontra-Affäre der CIA (Guardian). Oder die aktuell verbreitete Horrorgeschichte, die kubanischen Ärzte in Venezuela hätten dort die Wahlen zugunsten Maduros manipuliert und seinen Gegnern die Behandlung verweigert (vgl. Knobloch 2019).

Die UNO jedenfalls lobte ausdrücklich Venezuelas Erfolge in Armutsbekämpfung, Gesundheitswesen und Bildung, auch wenn Peters davon genauso wenig weiß wie von Machenschaften der CIA oder auch nur von der Existenz dieses Geheimdienstes. Peters betont lieber, dass jetzt eben alle sozialen Programme von Chavez „krachend gescheitert“ seien. Schuld hätten Chavez, der dabei nur das Glück hatte „früh genug gestorben“ zu sein (S.227), also vor Ende der „Ölboom-Party“, aber mehr noch Maduro mit seinem Autoritarismus.

Einige kleine Relativierungen seiner gebetsmühlenhaft auf beinahe jeder Seite seines Werkes wiederholten Verurteilung des Chavismus nimmt Peters immerhin bezüglich „Holländische Krankheit“ und „Rohstofffluch“ vor. Erstere liegt in der härteren Landeswährung, wenn ein Staat Erdöl teuer exportieren kann: Die heimische Industrie schrumpft dann, weil Importe billig, Exporte teuer werden. Die folgliche Tendenz zur Deindustrialisierung steigert sich zum „Rohstofffluch“, wenn dem Land in Kämpfen um die Verteilung der Öldollars auch noch politische Stabilität und Demokratie verloren gehen.

Wobei Peters konstatiert, dass Venezuela eigentlich ein Gegenbeispiel für diese Fluch-These ist, denn immerhin sei die Demokratie dort relativ stabil geblieben. Aber: Dies gelte nur bis zur Wahl von Chavez 1998, seitdem gleite das Land in den Autoritarismus. Schon Chavez sei von Oppositionellen mit Hitler verglichen worden (S.196), unter Maduro sei Venezuela aber in den Autoritarismus abgestürzt, dessen tatsächliche oder angebliche Schattenseiten Peters breit auswalzt. Äußerst knapp und unter krampfhaften Verrenkungen behandelt Peters dagegen eine mögliche Verantwortung der Opposition an der Misere des Landes:

„So werden der gescheiterte Putschversuch von 2002, Hoffnungen auf einen gewaltsamen Regierungswechsel, der in Teilen der anti-chavistischen Rhetorik zum Ausdruck kommende unverhohlene Rassismus und Klassismus gegenüber der Basis des Regierungsprojektes in den Armenvierteln ebenso wie bis zur Lynchjustiz reichende gewalttätige Ausschreitungen bei oppositionellen Protesten im Jahr 2017 von weiten Teilen der Opposition bzw. oppositionsnaher Wissenschaftler allenfalls nachrangig behandelt.“ (Peters 2019, S.198)

Unbewusst outet sich Stefan Peters hier selbst als „oppositionsnaher Wissenschaftler“, denn die im verquasten Schachtelsatz angeführten Aspekte werden damit auch „allenfalls nachrangig behandelt“: Peters diskutiert den „Rassismus und Klassismus“ der Opposition nicht weiter (im Gegensatz zu deren dümmlichen Hitler-Chavez-Vergleich) und lässt auch die „Lynchjustiz“ lieber im dürr hingeworfenen Ungewissen stehen; man muss schon anderswo nachlesen, um zu erfahren: Der anti-chavistische Lynchmob hatte 2017 nicht nur zahlreiche Polizisten niedergeschossen, sondern auch chavistische Gegendemonstranten lebendig verbrannt. In Westmedien waren diese Todesopfer lapidar Maduro in die Schuhe geschoben worden, zusammen mit -mutmaßlich in Notwehr- von der Polizei getöteten Oppositionellen.

Stefan Peters und die Ölkonzerne

Nur an einer einzigen Stelle am Anfang seines Buches, kam Stefan Peters noch ansatzweise die Idee, dass auch Ölkonzerne mitverantwortlich für den angeblichen „Rohstofffluch“ sein könnten: „Aber auch die Rohstoffkonzerne mischen bei der Korruption mit.“ (S.37) Das war das linke Feigenblatt, denn diesen Gedanken lässt Peters sofort wieder fallen wie eine heiße Kartoffel. Von US-Konzernverflechtungen mit der CIA, wie etwa CIA-Boss Dulles bei United Fruit oder CIA-General Armitage bei Conoco Oil, will Peters nie gehört haben. Ebenso wenig von Wirtschaftskriegen und Invasionen, welche die USA bekanntlich im Sinne ihrer Ölkonzerne weltweit führten (Iran, Irak, Libyen, Syrien). Dass der von Chavez aus Venezuela vergraulte Conoco-Konzern enge Kontakte zur anti-chavistischen Opposition hält, darf man wohl vermuten -die soll Conoco schließlich zurück an die Ölquellen bringen. Ob Conoco-Mann Armitage den Maduro-Gegnern seine Expertise zur Verfügung stellte, wissen wir leider nicht. Armitage war im Vietnamkrieg zufällig führender CIA-Verhörspezialist und somit verstrickt in Menschenrechtsverletzungen aller Art, von Folter bis zu politischem Massenmord.

Nach seiner CIA-Karriere machte Armitage dann im US-Außenministerium Furore, wo er zur „Halliburton-Clique“ gehörte, welche unter US-Präsident Bush jr. die Ölreserven des völkerrechtswidrig besetzten Iraks plünderte. Solche schon bei Wikipedia leicht recherchierbare Fakten in Beziehung zur Lage in Venezuela zu setzen, hält Peters für „Verrenkungen“, die er gerne anderen unterstellt:

„Die verbleibenden Verteidiger der Bolivarischen Revolution verkrampfen bei ihren Verrenkungen zur Rechtfertigung der Politik von Präsident Maduro oder sind vornehmlich mit der Suche nach immer neuen Anzeichen einer internationalen Verschwörung gegen die Bolivarische Revolution beschäftigt.“ (Peters 2019, S.226)

Und immer wieder ignoriert Peters borniert die naheliegendsten Fragen zur Misere in Venezuela: Die USA kämpfen mit schmutzigen Methoden ums Öl: Alles nur „Verschwörungstheorie“? Ist es nicht notorische Praxis der USA, Milliarden Dollars in „Regime Changes“ zu investieren? Warum sollten sie ausgerechnet in Caracas darauf verzichtet haben? Und wenn nicht: Wohin sind diese Milliarden denn geflossen, falls nicht in Sabotage der Wirtschaft und den Versuch, einen Bürgerkrieg anzuzetteln? Haben Chavez und Maduro nicht die Machtansprüche der USA wiederholt herausgefordert, als sie die Opec wiederbelebten, die Staatenbündnisse ALBA und CELAC gründeten, welche die US-dominierte OAS herausforderten, mit China und den BRICS-Ländern in deren AIIB kooperiert, wo die US-dominierte Weltbank herausgefordert wurde? (vgl. Rügemer 2018, S.308 ff.) Alles Fragen, die sich Peters nicht stellte, dessen wirre Analyse der „Renten“-, soll meinen Erdöl-Ökonomie Venezuelas am Ende sogar in leicht rassistische Untertöne abzugleiten scheint.

 

Die faulen Bohnenfresser machen Party

Schuld am „krachenden“ Scheitern der Revolution sind laut Peters keinesfalls Einwirkung seitens Ölkonzernen, CIA und USA, sondern vor allem die unverschämte Erdöl-Party der Chavisten, die sich gebetsmühlenhaft wiederholt wie ein roter Faden durch Peters Buch zieht, und die er als zynisch-burleske Allegorie in seiner vernichtenden Abschlussbilanz der Bolivarischen Revolution penetrant über mehrere Seiten auswalzt:

 

„In der Hochphase des Erdölbooms ließen die Türsteher der Rohstoffparty (fast) alle eintrittsfrei am rauschenden Fest teilhaben. Getanzt wurde dabei dennoch weiterhin auf unterschiedliche Ebenen. Zwar konnte sich eine Reihe von Gästen erstmals in den oberen Stockwerken am reichhaltigen Buffet mit Champagner und Kaviar bedienen und machte hiervon auch kräftig Gebrauch. Um eine Eintrittskarte für die VIP-Zone zu erhalten, brauchte es aber gute Kontakte zum Gastgeber oder zu privilegierten Stammgästen... Die Mehrzahl der Feiernden vergnügte sich gleichwohl auf den unteren Tanzflächen… Doch als die Party ihrem Ende entgegenlief und am Buffet nur noch spärlich nachgelegt werden konnte, wurde zunehmend deutlich, dass viele der Gäste der unteren und mittleren Ebenen schon bald mit einem heftigen Kater aufwachen würden und zu allem Überfluss in der ganzen Umgebung kein Aspirin zu finden war. Dennoch behalten sie das rauschende Fest und den freigiebigen Gastgeber in bester Erinnerung und freuen sich schon auf die kommende Party.“ Stefan Peters 2019, S.233-34

 

So erklärt Peters auch die immer noch zu verzeichnende Zustimmung breiter Bevölkerungsteile zu Maduros Regierung mit einer klassisch-reaktionären Propaganda-Figur: Wer soziale Politik macht ist Linkspopulist, weil er sich damit ja bloß die Mehrheit der Armen „kaufen“ will. So weitschweifig, genüsslich und hämisch wie hier hat man diese zynische Vorhaltung allerdings selten lesen müssen. Der Zynismus entlarvt sich besonders bei der Aspirin-Metapher für durch die gnadenlosen US-Sanktionen in Venezuela fehlenden Medikamente, die für viele Kranke grausame Leiden und Tod bedeuten.

Peters Vorschläge, was denn Chavez und Maduro hätten anders machen sollen, bleiben dagegen schemenhaft: Mehr Partizipation, aber weniger von oben verordnet, mehr Ökologie bei der Rohstoffnutzung und in der Steuerpolitik mehr Progression. Nun ja, stimmt wohl alles, ist nichts Neues. Aber angesichts der in der Karibik, in Kolumbien und Brasilien säbelrasselnd aufmarschierten US-Truppen sowie eines von USA & friends schon zum Staatschef erklärten Guaido, der markig zum Aufstand aufruft und eine US-Invasion fordert, hat das Land andere Sorgen. Auch schon angesichts von Medien-, Wirtschafts- und Terrorkrieg (so sehr die Westmedien und Peters dies alles auch ableugnen mögen) scheint es von Venezuela etwas viel verlangt, Peterssche Marginalien vordringlich zu behandeln.

Was Venezuela droht, wenn die US-orientierte Opposition um Guaido die Macht ergreift, kann man derzeit am Beispiel Brasilien erahnen: Der rechtsextreme Militär und Trump-Freund Bolsonaro kam in einer von dubioser Propaganda manipulierten Wahl an die Macht, die sich aus den Brasilien dominierenden evangelikalen Medien und einer antikommunistischen Fake-News-Kampagne gegen die Sozialisten Lula und Rousseff bei Facebook & Co. speiste. Bolsonaros Superminister Guedes ist neoliberaler Friedman-Schüler und orientiert sich an der Chicago-School-Ökonomie des von der CIA installierten Pinochet-Faschismus in Chile (vgl. Ruffato 2019).

Als kritische Bilanz des Buches von Stefan Peters bleibt am Ende eine wortgewaltige Exkulpierung aller Machenschaften von Ölkonzernen, USA und CIA (durch totale Ausblendung, dass es solche jemals irgendwo gab oder aktuell geben könnte). Sowie das (unterschwellig rassistische) Maulen eines deutschen Ökolinken, dass diese chavistischen Bohnenfresser dauernd Party machen und, salopp gesagt, den „Luxuskonsum“ chinesischer Kühlschränke seinen ökologischen Birkenstock-Latschen vorziehen.

 

Soviel Stromlinienförmigkeit mit dem Medien-Mainstream wird natürlich auch vom akademischen Betrieb belohnt: Peters bekam 2012 seinen Doktorhut für eine Abrechnung mit der Bildungspolitik von Linksregierungen Lateinamerikas, die (vermutlich „krachend“) daran gescheitert seien, die Ungleichheit in ihren Ländern zu reduzieren. Und schon nach sechs Jahren Wissenschafts-Tourismus durch Kuba, Ecuador, Uruguay und Venezuela konnte Peters als Professor auf einem der begehrten Lehrstühle Platz nehmen: Eine aalglatte Blitzkarriere, von der die meisten heute nur träumen können, insbesondere kritische Wissenschaftler wie Daniele Ganser, der sich mit den Geheim- und Wirtschaftskriegen der USA und anderer Nato-Staaten befasste. Also mit historischen Fakten, die in unseren Mainstreammedien meist abgeleugnet oder verbissen totgeschwiegen werden -unter Berufung auf ihre stromlinienförmig angepasste „Experten“ versteht sich.

 

Quellen:

Agee, Philip: CIA Intern. Tagebuch 1956-1974, Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1993.

Baer, Robert: Der Niedergang der CIA: Der Enthüllungsbericht eines CIA-Agenten, München: Bertelsmann 2002.

Borger, Julian: US diplomat convicted over Iran-Contra appointed special envoy for Venezuela, Guardian, 26.1.2019, https://www.theguardian.com/us-news/2019/jan/26/elliott-abrams-venezuela-us-special-envoy

The Congress for Cultural Freedom (CCF), https://en.wikipedia.org/wiki/Congress_for_Cultural_Freedom

Galeano, Eduardo: Die offenen Adern Lateinamerikas: Die Geschichte eines Kontinents, Wuppertal: Hammer Verlag, erweiterte Neuauflage 1981.

Ganser, Daniele: Illegale Kriege: Wie die Nato-Länder die UNO sabotieren. Eine Chronik von Kuba bis Syrien, orell füssli, Zürich 2016

Gaznate, Galindo, Venezuela: Wirtschaftskrieg, Conoco Oil und Syrien-Connection, JasminRevolution 28.8.2018, https://jasminrevolution.wordpress.com/2018/08/28/venezuela-wirtschaftskrieg-conoco-oil-und-syrien-connection/

Gaznate, Galindo: Finanzierten die USA Terror in Venezuela? JasminRevolution 28.4.2013, https://jasminrevolution.wordpress.com/2013/04/28/finanzierten-usa-terror-in-venezuela/

Gleuber, Manfred, US-Annexion: Der Beinahe-CIA-Direktor Armitage in Syrien, JasminRevolution 23.2.2018, https://jasminrevolution.wordpress.com/2018/02/23/us-annexion-der-beinahe-cia-direktor-armitage-in-syrien/

Knobloch, Andreas: Instrumentalisiert Kuba seine Ärzte in Venezuela zu politischen Zwecken? Telepolis 2019, <code>http://www.heise.de/-4341485</code>

McCoy, Alfred. W.: Die CIA und das Heroin: Weltpolitik durch Drogenhandel, Frankfurt/M.: Westend 2016.

Neuber, Harald, Weitere Anzeichen für US-Intervention in Venezuela, Telepolis 2019, <code>http://www.heise.de/-4310235</code>

Peters, Stefan: Sozialismus des 21.Jahrhunderts. Aufstieg und Fall der Bolivarischen Revolution von Hugo Chavez, Stuttgart: Schmetterling Verlag 2019.

Ruffato, Luiz, Brasilien über alles: Bolsonaro am Ziel, Blätter f.dt.u.int.Politik Nr.3, 2019, S.55-66.

Rügemer, Werner, Die Kapitalisten des 21.Jahrhunderts, Köln: Papyrossa 2018.

Saunders, Frances Stonor: Wer die Zeche zahlt… Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg, Berlin: Siedler Verlag 2001.

Sies, Hannes: Angst vor Danton? Die Debatten um den Linkspopulismus, Le Bohemien, 21.6.2016, https://le-bohemien.net/2016/06/21/angst-vor-danton-die-debatte-um-den-linkspopulismus/

Sies, Hannes: Von Meinungsmacht und Mainstream, Scharf-Links 21.8.2016, http://scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[swords]=sies&tx_ttnews[tt_news]=57397&cHash=ace5055b11

Sies, Hannes: Ganser, Daniele: Illegale Kriege. Wie die Nato-Länder die UNO sabotieren, Scharf-Links 26.7..2017, http://www.scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=61634&cHash=7e473b31ea

Sies, Hannes, Kuba: Die unerzählte Geschichte, Scharf-Links 16.7.2017, http://www.scharf-links.de/44.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=61527&cHash=9610386e44

Schmidt-Eenboom, Erich: Geheimdienst, Politik und Medien: Meinungsmache undercover, Berlin: Kai Homilius Verlag 2004.

Twickel, Christoph: Venezuela: Machtkampf im Ölstaat, Blätter f.dt.u.int.Politik Nr.3, 2019, S.25-28.

 

Ruffato, Luiz, Brasilien über alles: Bolsonaro am Ziel, Blätter f.dt.u.int.Politik Nr.3, 2019, S.55-66.

Rügemer, Werner, Die Kapitalisten des 21.Jahrhunderts, Köln: Papyrossa 2018.







<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz