Der Geheimredner


Bildmontage: HF

20.08.11
InternationalesInternationales, Sozialismusdebatte, Theorie 

 

von René Lindenau

Zum Todestag von Nikita Chruschtschow (1894-1971)


Es war sicher alles andere als ein verspäteter April-Scherz, was da am 17. April 1894 in dem Dorf Kalinowka begann: Das Leben von Nikita Chruschtschow, der wurde an diesem Tage geboren. Dieser Mann sollte einer schillerndsten und widersprüchlichsten Exemplare im roten Figuren-Kabinett der Moskauer Kremlchefs werden.

Voller Klippen und Brüche war sein Weg. Es galt Höhen und Tiefen zu meistern sowie Ängste und Abgründe zu überstehen. Manche Stufe seiner Karriereleiter war mit Blut getränkt und gleichzeitig war dieser Saft sein persönliches Klebemittel auf dem mit dem jeweiligen Partei- und Staatsamt verbundenen Stuhl.

Konkret: In den Jahren 1938-1939 rückte er an die Stelle von Pawel Postyschew zum Kandidaten des Politbüros auf. Und als Chef der ukrainischen KP löste er Stanislaw Kossior ab. Beide Genossen wurden Opfer der Stalinschen Repressalien und 1939 erschossen. Hier schlägt wieder die Ironie der Geschichte zu, denn nach Stalins Tod wurden sie 1956 durch Chruschtschow rehabilitiert. So wurde z.B. aus dem einst von ihm als Volksfeind denunzierter Kossior wieder ein „hervorragender Arbeiter der Partei“.

Aber damals war Genosse Chruschtschow ein eifriger willfähriger Gehilfe Stalins. Allein in den ersten fünf Monaten hat der neue stalingläubiger Oberhirte der ukrainischen KP das ZK so gründlich gesäubert, das nach dessen Neuformierung im Juni 1938 nur noch drei Genossen übrigblieben, denen er ungestraft ihren ZK-Sitz gelassen hat.

Der Rest war als Parteifeind und als Volksfeind ausgeschaltet worden. Zuvor - als er der Moskauer Parteiorganisation vorstand wies ihn das KPdSU-Politbüro 1937 an, 35.000 Volksfeinde zu verhaften. Der diensteifrige Apparatschik lieferte 41.000...Wer hätte von seinen damaligen Zeit-Genossen geahnt, das dieser „Iwan der Tölpel“ Jahrzehnte später, nur drei Jahre nach Stalins Tod es wagen würde, auf einem KPdSU-Parteitag die berühmte Geheimrede („Über den Personenkult und seine Folgen“) zu referieren?

Doch bis zu jenem XX. Parteitag (Februar 1956) sollte noch viel Blut und Tränen durch das Land fließen. Den Weg in die Partei fand Chruschtschow 1918. Als Freiwilliger nahm er auf Seiten der Roten Armee am Bürgerkrieg teil. Die in Sowjetrussland 1921 wütende Hungersnot hat seine erste Frau Galina aus dem Leben gerissen. Ab da war er mit 2 Kindern alleinerziehender Vater. Seine Zweitfrau Nina Petrowna heirate er 1924. Dieser Ehe war noch zweifacher kindlicher Nachwuchs beschieden. Mit dem Jahr 1935 machte man ihn für die Neubauten in Moskau, darunter auch für den Bau der Metro zuständig.

Dies brachte dem aufstrebenden Stalinisten den ersten Lenin-Orden ein, drei sollten es werden. Zwischen 1939/40 hatte er, entsprechend der Abmachungen im Hitler-Stalin-Pakt die Eingliederung bislang polnischer Gebiete in die West-Ukraine zu überwachen. Im Großen Vaterländischen Krieg diente der Parteisoldat Stalins im Generalsrang „kommissarisch“ (als Mitglied des Kriegsrates) an verschiedenen Fronten, wo er es mit den Marschällen/Generälen Budjonny, Timoschenko, Jeremenko und Rokossowski zu tun bekam.

Außerdem war er in der Ukraine für die Evakuierung des industriellen und landwirtschaftlichen Maschinenparks sowie für die Organisation des Partisanenkampfes verantwortlich. Nach dem Sieg rückte Chruschtschow erneut an die Spitze der KP in der Ukraine. Nach zwei Jahren, 1947, musste er zwar die Parteiführung abgeben, aber ukrainischer Ministerpräsident durfte er noch bleiben. Dann - 1949, berief man ihn zu Stalin, an den „Hof des roten Zaren“ (Titel eines Buches von Simon Sebag Montefiore; „Stalin - Am Hof des roten Zaren“, Fischer), wo er als Sekretär des ZK der KPdSU diente.

Wenige Monate nach Stalins Tod avancierte Nikita Chruschtschow im September 1953 zum Ersten Sekretär der Partei. Noch eine Stufe höher, auf der sowjetischen Machtpyramide, gelangte Chruschtschow1958, als er UdSSR-Ministerpräsident wurde. Ausgerechnet dem langjährigen NKWD-Chef Lawrenti Berija sollte es zukommen, die ersten Schritte der Entstalinisierung zu gehen. So verbot er die Folter in der Untersuchungshaft. Ferner verfügte er die Freilassung von 1, 2 Millionen Lagerinsassen. Im Juni ließ der neue Kremlchef, Berija aber doch verhaften und den Prozess machen.

Am 23. Dezember 1953 wurde Stalins Bluthund erschossen. Wirklich spürbare positive Wandlungen waren unmittelbar nach Chruschtschows Geheimrede merkbar: Ca. 8-9 Millionen politische Gefangene wurden aus den GULAGS entlassen, massenhaft wurden Repressierte rehabilitiert. Die Zensur erfuhr eine Schwächung, was den Kulturschaffenden der UdSSR mehr Freiräume brachte.

Manches ist in der Tauwetter-Periode in Partei, Kultur und Wirtschaft angestoßen und versucht worden, um dem Land einen besseren Weg mit Perspektive zu eröffnen. Aber man muss feststellen, das dabei u.a. das hohe Maß an Inkonsequenz und Halbherzigkeit, den tatsächlich großen, den sowjetischen Sozialismus erneuernden Reform-Wurf verhindert haben. So urteilte der letzte KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow in seinen „Erinnerungen“ (erschienen 1995 bei Siedler, S. 100ff.) über Chruschtschows Geheimreferat, das es zu wenig Analyse und zu viele subjektive Momente enthalten habe. Die eigentlichen Wurzeln des Übels deckte er nicht auf. Nach Gorbatschow war Chruschtschow selbst noch ein Gefangener überlebter Strukturen und ideologischer Dogmen, wodurch es ihm unmöglich wurde, die engen Grenzen des Systems zu überschreiten.

Aber selbst das ging den „Eisheiligen" im Kreml schon zu weit und so schlugen sie am 14. Oktober 1964 zurück: Nikita Chruschtschow wurde aller Ämter enthoben und kaltgestellt. Nun trat in Gestalt von Leonid Breshnew „Väterchen Frost“ an seine Stelle. Der beendete das Tauwetter und nahm Kurs auf Restauration und Stagnation. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Chruschtschow weitgehend isoliert, vom KGB bewacht, in seiner verwanzten und mit Abhöranlagen gespickten, nahe Moskau gelegenen Datscha.
Neun Jahre vor dem von ihm vorausgesagten Sieg des Kommunismus in der Sowjetunion - am 11.September 1971 starb der „Ehrenpensionär“ der UdSSR.

Cottbus, den 20.08. 2011




VON: RENÉ LINDENAU






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