Notizen vom Kriege


Bildmontage: HF

05.03.16
InternationalesInternationales, Debatte, TopNews 

 

Von Karl Wild

Hintergund

In den ZDF-Spätnachrichten vom 04. März konnte mensch sich nicht den Kommentar verkneifen, zwei Tage vorm EU-Sondergipfel mit der Türkei, der für den Merkelschen Kurs des "europäischen Wegs" in der Flüchtlingsfrage entscheidend sei, dass die "nationale" Lösung des ungarischen PM Viktor Orban "mehrheitsfähig" ist. Es stellt sich die Frage, wieso hat das kleine, gar unbedeutende Ungarn diesen Einfluss, und das in in der entscheidenden "Schicksalsfrage" der EU?

Sehen wir uns dieses Land in Kontinentaleuropa – Brücke zum Balkan - etwas näher an und was ist dazu geeigneter als ein kurzer Abriss über die Geschichte. Ungarn, dessen namensgebende Magyaren aus den Steppen östlich des Urals stammen, wanderten Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Volkshelden Arpad in das Karpatenbecken ein und zogen raubend durch Europa, bis sie 955 bei Augsburg von dem christlich-germanischen Otto I. zurückgeschlagen wurden. 1000 n.Chr. Endstand das Königreich Ungarn. Im sog. Mongolensturm 1241/2 wurden 50% der Ungarn getötet und nach dieser prägenden Katastrophe wurden deutschsprechende Schwaben im Land angesiedelt. Im ausgehenden 15. Jahrhunder stieg Ungarn zur politischen Großmacht und wurde zu einem Zentrum der Renaissance und des frühen Humanisms. Mitte des 16. Jahrhunderts erfolgte die zweite Eroberung, diesmal durch die Muselmanen des Osmanischen Reiches. 1686, nach der Belagerung Wiens, befreite das habsburgische Österreich Ungarn und zwang es unter sein hartes Joch. Erst 1867 nach der (gescheiterten) Revoluzion von 1848/49 wurde Ungarn gleichberechter Teil der nun Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie. Groß-Ungarn wurde nach verlorenem Weltkrieg 1919 zerschlagen und auf das jetzige Staatsgebilde reduziert. Am 21. März 1919 gründeten die Kommunist*innen unter Bela Kun nach russischem und deutschen Vorbild eine kurzlebige Räterepublik. Unter der diktorischen Regierung von Admiral Horthy erfolgte ab 1933 das Bündnis mit Hitler-Deutschland und 1940/41 Teile seiner früheren Gebiete in der Slowakei und in Rumänien so zum Geschenk. Als Gegenleistung trat Horthy am 27. Juni 1941 mit nennenswerten Kräften in den Krieg gegen die Sowjetunion ein. Als der Krieg verloren schien und Ungarn die Fronten wechseln wollte, besetze das Deutsche Reich 1944 das Land und die Marionettenregierung der ungarischen Pfeilkreuzler ermöglichte die Deportation der ungarischen Juden in die Vernichtungslager. In schwersten Käpfen eroberte die Rote Armee bis zum 04. April 1945 Ungarn und installierten unter Rakosi ein stalinistisches Regime, welches 1956 durch einen Volksaufstand unter Imre Nagy beseitigt wurde. Der Aufstand wurde jedoch durch die sowjetische Armee blutig geschlagen,viele Ungarn verließen das Land, Nagy wurde hingerichtet, Janos Kandar bis Ende 1988 sein Erbe (Ära des "Gulaschkommunismus"). Die Öffnung des "Eisernen Vorhangs" für DDR-Touristen im Juli 1989 leitete so den Untergang des "Ostblocks" ein. 1999 wurde Ungarn Nato- und 2004 EU-Mitglied. 2010 wurde mit Viktor Orban ein sich als starker Mann erweisender PM gewählt. Die Visegrad-Gruppe (incl. Österreich) macht aus Angst vor der neuen "Völkerwanderung" konsequent die Grenzen dicht und formiert sich in Opposition zum sog. Kerneuropa der Gründungstaaten der EU unter dt.-frz. Führung.

Zurück zur Eingangsfrage. Wenn Merkel oder der EU-Außenkommisar die "europäischen Werte" beschwört, so kontern die Ungarn mit Pragmatismus und der heißt: Wir wollen keine Fremden in unserem Land. Und erst recht keine Moslems. Verträge hin oder her. Wir Ungarn glauben an unsere überlieferten Überzeugungen. Und es ist nur Arroganz, von der Größe eines Landes auf seine Rolle in der EU zu schließen. Small is beautiful!

 







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