Die New York Times zeigt uns, wie Propaganda funktioniert


Bildmontage: HF

06.12.14
InternationalesInternationales, Kultur, Debatte 

 

von Robert Parry

Übersetzung Ullrich F.J. Mies

Vorbemerkung des Übersetzers:

Vor einigen Tagen erschien der Artikel „Kriegführung an der Meinungsfront“ [1]

In diesem Beitrag hieß es u.a., die Funktion der deutschen „Leit- und Qualitäts“-Medien sei während der Ukraine-Krise überdeutlich geworden:
Sie dienen der deutschen herrschenden politischen Scharfmacher-Klasse als weitgehend gleichgeschaltete, offiziöse Sprachrohre. Die Mainstream-Medien stellen unbewiesene Be- hauptungen, sachliche Verdrehungen und schlichte Lügen am Fließband auf. Sie operie- ren mit Kampfbegriffen und desorientieren die Bevölkerung.

Der Einsatz der „Qualitätsmedien“ als Propaganda-Plattformen ist jedoch nicht das zweifelhafte Privileg der deutschen Bewusstseinsindustrie. Am Beispiel der internati- onalen Berichterstattung des wohl bekanntesten US-amerikanischen „Leitmediums“ - der 'New York Times' - beschreibt Robert Parry, wie dort Propaganda betrieben wird.

Anfang der Übersetzung:

Exklusiv: Die US-Mainstreammedien tun so, als arbeiteten sie nach professio- nellen Standards der Objektivität und der Fairness - insbesondere im Hinblick auf ihre Internationale Berichterstattung - aber die einzig wirklichen Standards sind Doppelstandards, so wie es die New York Times am Beispiel der Ukraine und Syrien gezeigt hat, schreibt Robert Parry.

In den vielschichtigen Doppelstandards ihrer internationalen Berichterstattung zeigt die 'New York Times', wie Propaganda funktioniert: Empörung ist die einzig adäquate Antwort, wenn ein Gegner eine Regel verletzt, aber ein Achselzucken ist in Ordnung, wenn es „unsere Seite“ betrifft. Darüber hinaus muss die Beweislage perfekt sein, um „unsere Seite“ einer Verletzung zu beschuldigen, alles ist jedoch erlaubt, wenn es sich um einen Gegner handelt.

'New York Times' Artikel der letzten Zeit erhellen, wie diese Art der Heuchelei funktioniert. Nehmen wir zum Beispiel das Internationale Recht, insbesondere Verbote gegen die Aggression. Wenn das Thema die Ukraine ist und der behauptete Regelverletzer Russland, dann ist kein Extremismus zu extrem, um den russischen Präsidenten Vladimir Putin zu denunzieren. Aber die Sorge um das Internationale Recht verschwindet ganz einfach, wenn es um Diskussionen über Syrien und die Wünsche von US-Präsident Barack Obama geht, andere Regierungen zu stürzen.

Bezüglich der Ukraine verweigert die 'Times' russischen Argumenten jede Gnade und das jenseits der trüben Umstände, die den Putsch vom letzten Februar begleiteten, in dem der gewählte Präsident gestürzt und der Krieg im östlichen, ethnisch russischen Osten losgetreten wurde. Alles dreht sich um das geheiligte Prinzip der Nicht-Intervention; die Begleitumstände spielen keine Rolle.

Wenn es jedoch darum geht, Obama aufzufordern, das US-Militär loszuschicken, um die syrische Regierung zu stürzen, dann vergisst die Times Internationales Recht; alles dreht sich um die Begleitumstände, die die Bombardierung der syrischen Regierungstruppen rechtfertigen und den Weg für den Sieg der Rebellen bereiten.

Ein gutes Beispiel hierfür ist ein Artikel der 'Times'-Korrespondentin Anne Barnard vom 28. November, die auf Obama wegen angeblicher Inkonsistenzen seiner Politik bezüglich der Bombardierung von IS-Radikalen innnerhalb Syriens einschlägt, der das US-Militär aber nicht auch gegen die Syrische Regierung von Präsident Bashar Assad los schickt.

Barnard schreibt, Anti-Assad-Kräfte innerhalb Syriens „schlussfolgern zunehmend, dass die Obama Administration gemeinsame Sache mit Assad macht, indem die Vereinigten Staaten die ganze Kampfkraft ausschließlich gegen den islamischen Staat richten. Dies bedeutet, einem Präsidenten zu helfen, dessen Sturz - zumindest offiziell - ein amerikanisches Ziel ist.“

„Ihre Bestürzung  (die der Anti-Assad-Kräfte, U.M.) gibt die breite Meinung aller Seiten wieder, dass die Syrien-Politik Präsident Obamas über den islamischen Staat widersprüchlich bleibt und je länger der Kampf dauert, ohne dass die Verhältnisse gelöst werden, umso mehr Schaden wird der amerikanischen Position in der Region zugefügt.“

Es kann ein begründetes Argument sein, dass die US-Militärschläge innerhalb Syriens gegen die Radikalen des IS, die auch Gebiete im Irak unter ihre Kontrolle brachten, lediglich eine technische Verletzung des Internationalen Rechts ist. Aber die syrische Regierung hat diesen Angriffen zugestimmt, da sich diese gegen Rebellen-Kräfte richten, die weithin als Terroristen angesehen werden. So haben diese Bombardierungen einen Anschein von Legitimität.

Syrische Regierungstruppen anzugreifen, steht auf einem völlig anderen Blatt. Das wäre eine eindeutige Verletzung des Internationalen Rechts. Das wäre ein Aggressions-Krieg, der vom Nürnberger Tribunal nach dem zweiten Weltkrieg als das „größte internationale Verbrechen“ verurteilt wurde, da er „in sich selbst das akkumulierte Übel als Ganzes“ wäre. Doch dieser wichtige legale Aspekt fehlt in dem Times Artikel vollständig, stattdessen konzentriert er sich darauf, wie Obama Assads Gegner verstößt, indem er den Islamischen Staat angreift und nicht Assad selbst.

Im Ergebnis puscht die 'Times' damit die neokonservative Linie, dass die Vereinigten Staaten zuerst den 'regime-change' in Syrien vornehmen sollten, bevor sie sich mit dem islamischen Staat befassen. Auf diese Weise lässt die Times nicht nur die Frage des Internationalen Rechts aus, sondern ignoriert die Gefahr, dass die Zerstörung von Assads Militärmacht die Tore Damakus’ für den Islamischen Staat oder den Al-Qaida Ableger Nusra Front öffnet - die einzigen beiden effektiven Kampfgruppen unter den syrischen Rebellen.

Betrifft: Internationales Recht

Ein professionellerer Nachrichtenartikel hätte beides angesprochen, die Sache des Internationalen Rechts und die Gefahren im Zusammenhang mit einem US-geführten syrischen Regierungswechsel einschließlich der sehr hohen Wahrscheinlichkeit, dass ein Dschihadisten-Sieg im Herzen des mittleren Ostens eine totale US-Militärintervention mit hunderttausenden Truppen und mehreren hundertmilliarden Dollar an Kosten erzwingen könnte.

Tatsächlich sieht die Berichterstattung der 'Times' über die syrische Krise oft so aus wie das Rückspiel der gutgläubigen Akzeptanz dieser Tageszeitung des von den Neokonservativen vorhergesagten Kinderspiels über Irak 2003. Auch im Irak-Krieg gab es die geringe Beachtung der Frage, ob die Vereinigten Staaten das Internationale Recht verletzen. Aber der Chance, dass die Invasion so geschmeidig vorangehen könnte, wie sich die Neokonservativen dies erträumten, wurde Beachtung geschenkt.

Während die Tatsache der US-Aggression im Krieg gegen Syrien ignoriert wird, präsentiert die Times die Ukraine-Krise als eine schlichte Angelegenheit russischer „Aggression“, indem sie den Zusammenhang des US-geführten Staatsstreichs am 22. Februar auslässt, der Präsident Viktor Janukowitsch und seine Offiziellen dazu zwangen, aus dem Land zu fliehen. Das Ergebnis war der Widerstand gegen die neue Ordnung (in Kiew, U.M.) durch den Osten und den Süden der Ukraine, die Janukowitschs politische Basis waren.

Wie es der frühere Republikaner Dennis Kucinich geschrieben hat, hätte dieser bedeutungsvolle Hintergrund - sowie die frühere Expansion der NATO in das östliche Europa - die Ukraine-Story in ein sehr anderes Licht gestellt: „Die Nato-Einkreisung, der US-gestützte Staatsstreich in der Ukraine, der Versuch, ein Abkommen mit der Europäischen Union dazu zu nutzen, die NATO an die russische Grenze zu führen, eine nukleare 'US-first-strike'-Politik, sind alles Politiken, die versuchen, Diplomatie durch Gewalt zu ersetzen.“

Die russische Antwort auf den entfachten Terror durch west-gestützte Neo-Nazis auf der Krim und in Odessa erfolgte, nachdem die örtliche Bevölkerung an Russland appelliert hatte, sie vor der Gewalt zu schützen. Russland erklärte sich darauf hin einverstanden, die Krim der Russischen Föderation anzuschließen, die Wiederbelebung einer historischen Beziehung.

„Die westliche Presse beginnt ihre Erzählung über die Krim-Situation mit der Annexion, sie ignoriert die Provokationen durch den Westen total ebenso wie andere ursächliche Faktoren, die die Annexion zur Folge hatten. (Anm. des Übersetzers: auch hier wird von einer Annexion geredet, dies ist jedoch durchaus umstritten, andere Stimmen sprechen von Sezession, siehe hierzu der Völkerrechtler Merkel in der FAZ, U.M.). Diese Verzerrung der Realität bewirkt eine Hysterie über die russische Aggressivität, eine weitere Verzerrung, die der Welt eine außerordentlich gefährliche Situation bringen könnte, wenn andere Nationen dieser folgen sollten. Der US-Kongress antwortet auf diese Verzerrungen, nicht auf die Realität.“

Propaganda Vehikel

Ein weiterer Weg, den die 'New York Times' für sich selbst als Propaganda-Vehikel der Neokonservativen nutzbar macht, liegt darin, dass sie zwei radikal unterschiedliche Beweisstandards nutzt, wenn Anschuldigungen gemacht werden. Wenn zum Beispiel irgend jemand bemerkt, dass US-finanzierte Nichtregierungsorganisationen eine Hintergrund-Rolle bei der Durchführung des ukrainisch Putsches spielten - obwohl es klar dokumentierte Beweise aus den öffentlichen Reporten des National Endownment for Democracy (ein CIA-Ableger, U.M.) und ähnlich finanzierte Einheiten gibt - so ist das eine „Verschwörungstheorie“.

Wenn sie jedoch Russen dafür beschuldigen wollen, dass sie 'Anti-Fracking'-Gruppen in Rumänien geheim finanzieren, benötigen sie nicht die geringsten Beweise, allein vage Vermutungen. So veröffentlichte die 'Times' einen langen Artikel von Andrew Higgins, der für die Verdächtigungen der rumänischen Regierung Werbung machte, lokale Umweltgruppen, die Chevrons Einsatz hydraulischen Frackings bei Schiefergas blockierten, seien Frontkämpfer der russischen Energie-Industrie.

Im Artikel wurde zugegeben, dass „der Glaube, Russland treibe die Proteste an, bis jetzt von keinerlei klarem Beweis gestützt sei. Dieser Glaube werde von Offiziellen in Lettland geteilt, von wo sich 'Chevron' nach einer Welle unüblich hitziger Porteste zurückzog. (Russlands) Gazprom hat die Beschuldigungen zurückgewiesen, sie hätten die 'Anti-Fracking'-Proteste im Hintergrund unterstützt.“

„Aber Indizienbeweise plus eine Menge Verdächtigungen im Kalten-Kriegs-Stil haben, ergänzen den inszenierten Alarm über die verdeckte russische Einmischung in (westliche, U.M.) Blockinteressen seiner Energiehochburg Europa.

Es ist nicht eindeutig klar, um welche 'Times'-Indizienbeweise es geht, aber der Artikel bezieht sich im weiteren auf unbewiesene Behauptungen, die der frühere NATO-Generalsekretät Fogh Rasmussen im September in die Welt gesetzt hatte und der „mit dem Finger auf Russland zeigte“, indem er die behauptete Unterstützumng für NGO’s erwähnte. Eine heuchlerische Verdrehung, da viele NGO’s tatsächlich von der US-Regierung unterstützt und eingesetzt werden, um Feinde rund um die Erde zu zerschlagen oder zu destabilisieren.

Indem er diese Heuchelei ignorierte, erklärte Rasmussen:
Als Teil seiner ausgeklügelten Informations- und Desinformations-Operationen engagiert sich Russland mit sogenannten Nichtregierungsorganisationen - Umweltorganisationen, die gegen Schiefergas arbeiten -, um die Abhängigkeit von importiertem russischem Gas aufrechtzuerhalten.“

Wieder hat die 'Times' bemerkt, dass Rasmussen keine Beweise vorlegte, vielmehr sagte, seine Einschätzung basierte darauf, was NATO-Alliierte berichtet hatten. Aber trotz dieses zugegebenen Mangels an Beweisen widmet die Times einen Teil von zwei Seiten der Hypothese: Die versteckte russische Hand steckt hinter dem 'Anti-Fracking' Fall. Wären die USA Ziel einer derart zusammengeschusterten Spekulation gewesen, so wäre diese als paranoide Verschwörungstheorie oder als „Desinformation“ etikettiert worden.

Ferner wurde im 'Times'-Artikel Rasmussens Sündenregister nicht erwähnt, Fakten falsch darzustellen. Als dänischer Premierminister unterstützte er im Jahr 2003 die US-Invasion im Irak und erklärte großspurig:
Irak besitzt Massenvernichtungswaffen. Das ist nicht etwas, was wir glauben, wir wissen es. Der Irak hat selber zugegeben, dass er Senfgas, Nervengas und Anthrax besitzt. Aber Saddam will das nicht offenlegen. Er will uns nicht sagen, wo und wie diese Waffen zerstört wurden. Wir wissen das von UN-Inspektoren, daran habe ich keine Zweifel.“

Selbstverständlich war fast alles, was Rasmussen über Iraks Massenvernichtungswaffen erklärte, falsch. Aber es war insofern erfolgreich, als das dänische Parlament ausgetrickst wurde, indem es Bushs „Koalition der Willigen“ in den Irak einzumarschieren, zustimmte. Rasmussen wurde für seine Rolle in diesem Aggressionskrieg gegen den Irak mit dem Traumjob als NATO-Generalsekretär ausgezeichnet, wo er auf gleiche Weise seinen Alarmismus gegen Russland betrieb.

Und so ignoriert die 'New York Times' diese Geschichte, weil diese „Qualitäts-Tageszeitung“ ihre endlosen Doppelstandards dazu benutzt, die Spannungen in Syrien und in der Ukraine anzuheizen.

Der Investigativ-Reporter Robert Parry entschlüsselte viele der Iran-Contra-Stories für Associated Press und Newsweek in den 1980er Jahren.
[1] www.scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[swords]=Mies&tx_ttnews[tt_news]=48443&tx_ttnews[backPid]=65&cHash=2f443f4ea0

Originaltext unter:
consortiumnews.com/2014/12/02/nyt-shows-how-propaganda-works


VON: ROBERT PARRY






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