Sonderheft zu ’Den Gelbwesten’: „Ein Jahr in Gelb“


Bildmontage: HF

18.12.19
FrankreichFrankreich, Internationales, Debatte 

 

Von Dr. Nikolaus Götz

Jetzt liegt sie vor, die Sondernummer 168 der ’Monde Diplomatique’ (Dezember2019/Januar 2020), zum Thema: ’Das Volk an den Kreisverkehren’ (Le Peuple des ronds-points). Die Autoren unter der koordinierenden Leitung von Hélène Richard gehen ihr Thema jedoch etwas breiter an: Von den „’Gelbwesten’ und anderen Aufständen“ (Gilets jaunes et autres soulèvements) lautet nämlich der Untertitel des 100 Seiten füllenden Heftes in DIN A4 Format. Und die durch diese Publikation gelieferte innerfranzösische Politikanalyse, ihre ’Art der Betrachtung’ ist zugleich eine profunde Gegenwartskritik der etablierten Presse wie die der Medien, die so auch leider für Deutschland zutrifft.

Kaum dass der ’Fall der Mauer’ gefeiert wurde, schoben die Mainstreammedien nämlich ’Die Gelbwesten’ in den Vordergrund ihrer Berichterstattung. Dabei erfolgte die bevorzugte Themenpräsentation überwiegend aus dem montierten Blickwinkel: „brave“, friedlich demonstrierende Bürger und „wütende“ Schlägertrupps. Doch dieser eher unseriöse Versuch der Medien, die eigentlich die nicht nur die innerfranzösische Öffentlichkeit sachlich-objektiv über die politischen Anliegen ’der Gelbwesten’ zu informieren hätten, beinhaltete gleichzeitig das Verschweigen der Ursachen dieses französischen Bürgerprotestes! 

Das aktuelle Infoheft der ’Monde Diplomatique’ in der Reihe ’Manière de voir’ will dieses Defizit nun nachträglich beheben. Dabei geht der analytische Blickwinkel weit über die Proteste ’Der Gelbwesten’ hinaus und ordnet diese sogar in eine ’Geschichte der Sozialerhebungen’ ein, die ähnlich wie eine Klimakatastrophe hurrikanartig den Erdball unrunden.

Das so betitelte Eingangsresümee ’Gelbe Jahreszeit’ (S. 4-5), verfasst von Hélène Richard, setzt die Bürgerbewegung in Relation mit dem „arabischen Frühling“ oder der Bewegung Occupy Wall Street, erinnert an die Aufstände im Irak, in Ecuador, in Chile, im Libanon, in Haiti, in Hongkong, in Algerien usw. Stets revoltieren Menschen, wenn die Grenze eines allgemeingültigen Lebensniveaus für die Allgemeinheit überschritten wurde (S. 4). Und so verengt sich der Blick auf Frankreich, wobei das Erste Kapitel des Heftes der Frage nachgeht, worin die Ursachen der Revolte lagen (S. 7-34), die „den „Geist/den ’Dämon’ aus der Flasche“ ließen. Konfrontiert mit dem „Teufel“ erfolgt die Aufarbeitung des entstandenen Schadens im zweiten Kapitel (S. 34-65). Offen schreiben die Autoren, dass der französische Staat seinen Repressionsapparat gegen seine eigenen Bürger voll einsetzte, wobei dessen Unterdrückungsorgane in den zurückliegenden 20 Jahren unter dem scheinheiligen Mantel „Antiterrorismus“ die Bekämpfung bürgerlicher Aufstände“ üben konnten (S. 34). Selbst der Europarat sah sich genötigt, angesichts der Polizeiknüppelei, den französischen Staat, womit die Regierung von Präsident Emmanuel Macron gemeint war, zu ermahnen (S.39). Das Fazit der zentralen, provokanten Kapitel „Die demokratische Freiheit unter dem Polizeiknüppel“ (S. 39ff.) und „Kriegsgas für Friedenszeiten“(S. 52ff.) zieht der Autor und Dozent Vincent Sizaire an der Universität Paris Nanterre, wenn er seinen Landsleuten rät, „den Geist von 1789 zu erneuen und dabei gleichzeitig den demokratischen Fortschritt, zivil wie politisch, ökonomisch wie sozial, wiederaufzunehmen“. Das sei zwar wenig, doch eine der Botschaften, die die gegenwärtigen „Sans-culottes“ mit ihren gelben Westen uns signalisieren würden (S. 44). Ob solch akademischer Ratschlag aber die französischen Anarchos befrieden, die Gelbwesten satt macht oder auch die deutschen Anarchos überzeugen wird, ist kaum anzunehmen. Und so fehlt in dieser Artikelsammlung ein Kapitel über eine wirkliche politische Handlungsalternative, weshalb der Blick der Autoren erneut zurück in die agierende Realität ’der Gelbwesten’ führt.

Das dritte Kapitel des Infoheftes (S.67ff) befasst sich mit Organisationsfragen, beleuchtet die Position der KPF, der Gewerkschaften u.a. und blickt endlich nach Algerien und auf den Sudan bevor ein ’Fahrplan’ der Ereignisse (S. 92f/96f) und ein Stadtplan von Paris (S. 94f) die Analyse abschließen. Die letzte Seite (S. 98) dokumentiert die Autoren mit dem Erscheinungsdatum ihrer Artikel in der ’Monde diplomatique’. Ein Deutscher, der sich über ’Die Gelbwesten’ informieren möchte, könnte natürlich einfach auch die inzwischen erschienenen Artikel auf scharf-links.de nachlesen (siehe: scharf-links.de vom 19. 11. 2019ff).

 







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