INDISCHE LANDLOSEN-BEWEGUNG »EKTA PARISHAD«

15.10.12
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von Brigitte Czyborra via alleweltonair

Indien in Bewegung - Der große Marsch für Wahrheit und Gerechtigkeit

Während ich diese Zeilen schreibe, bereiten sich Tausende von Frauen und Männern in Indien auf eine große Herausforderung vor:
Anfang Oktober wollen 100.000 Landlose und Kleinbauern aus ganz Indien 350 km von Gwalior nach Neu Delhi marschieren.

Gewaltlos, in der Tradition Gandhis, wollen sie die indische Regierung an ihre Ver- sprechen erinnern: Landreform und Landzuteilung. Seit fünf Jahren bereiten sie sich auf den großen Marsch vor: Männer und Frauen aus Kleinbauernfamilien, Landlose, Dalits – die sogenannten Unberührbaren – oder Adivasi, Indiens Urbevökerung. Jahrelang haben sie täglich eine Rupie und eine Handvoll Reis in eine Schale in ihrem Haus gelegt, um einen Vertreter auf den Marsch schicken zu können.

Vor fünf Jahren hatte der erste Marsch stattgefunden, der Janadesh, auf dem damals 25.000 Landlose ihr Recht einforderten. Auch damals friedfertig und gewaltlos. In langen Reihen liefen Männer und Frauen, Alte und Junge, mit Schuhen oder barfuss, im Gänse- marsch hintereinander – auf Straßen und Wegen, selbst auf der Autobahn, wo sie nachts auf dem Zwischenstreifen ihr provisorisches Lager aufschlugen.

Auch 2007 hatte »Ekta Parishad« sie aufgerufen, die indische Landlosenbewegung, eine riesige Bewegung, vergleichbar dem MST, dem Movimiento Sem Terrra, der Landlosen- organisation in Brasilien. Die brasilianische Landlosenbewegung ist weltweit durch ihre Landbesetzungen bekannt geworden; ganze Familien besetzen – vorbereitet und organisiert im MST – Landstücke, die oft genug Großgrundbesitzern gehören und teilweise kaum bewirtschaftet sind. Sie kämpfen mit dem Rückhalt des MST um das Recht, auf diesen Parzellen ihre Hütten zu bauen und dort von ihrer Hände Arbeit zu leben.

Auch die indischen Landlosen brauchen Land, Land zum Überleben, für sich und ihre Familien. Ganz der Tradition Gandhis folgend, bringen sie ihr Anliegen und ihre Bedürfnisse in starken Massenmobilisierungen zum Ausdruck, sind zugleich aber immer bereit zum Gespräch mit Landes- oder Bundesregierung und allen anderen Akteuren. »Kooperiere wo Du kannst und leiste Widerstand wo Du musst!« (Gandhi)

Ihre Organisation ist »Ekta Parishad«, übersetzt als »Gemeinsamer Rat« oder »Solidarischer Bund«, ein Bund, dem jede/r beitreten kann, der die gemeinsamen Regeln anerkennt. Die Aktivisten verpflichten sich den Prinzipien der Wahrheit, der Gerechtigkeit und vor allem der Gewaltlosigkeit. Der Gründer von Ekta Parishad ist Rajagopal P.V., der bewusst auf den Spuren des großen Lehrmeisters Gandhi wandelt. In den 1970er Jahren war Rajagopal in den Norden Indiens gezogen, wo er zunächst lokale Selbsthilfeorganisationen aufbaute, meist unterstützt von den Frauen der Dörfer.

»Wir haben mit den Menschen in den Dörfern angefangen über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Mit der Zeit gelang es uns immer mehr Dörfer zu vernetzen. Heute sind wir in mehr als siebzehn Teilstaaten verankert«,
so schildert Rajagopal die Anfänge der Bewegung. Zu Beginn der 1990er Jahre kam es dann zur Gründung von »Ekta Parishad«, als einem übergreifenden Forum mit neuen Strukturen.

Nach der ersten Mobilisierung vor fünf Jahren versprach die indische Regierung, etwas zu unternehmen. Es wurde eine Kommission einberufen, die Vorschläge erarbeitete, die seither in der Schublade ruhen. Die Überlebensprobleme der indischen Bauern scheinen der Regierung nicht wichtig.

In Indien leben rund 70% der Bevölkerung auf dem Land, im Vergleich sind es in Deutschland 2%, die von der Landwirtschaft leben. Indien ist ein Land im Umbruch. Auf der einen Seite steht eine rasante wirtschaftliche Entwicklung, aber zugleich die Bilder, die wir alle kennen: Hunger, Armut, Elend. Menschen ohne Perspektive. Gerade auf dem Land sind die Probleme massiv.

Viele Kleinbauern haben keine formalen Titel auf ihr Land und sind ein leichtes Opfer von Landraub, 'land grabbing', sie werden von ihren Parzellen vertrieben oder verkaufen sie für einen Groschen, unter Druck gesetzt, beeinflusst, bedroht, zum Teil auch mit direkter Gewalt.
In einer Bürgerfunksendung hat »alleweltonair«, die Radiogruppe des »Allerweltshaus« Köln (siehe CONTRASTE Nr. 328) über so einen Fall berichtet: »Der Mord an Birju Baiga«, ein Mann vom Stamm der Baiga und örtlicher Ekta Parishad-Sprecher, wurde in seinem Dorf vor den Augen seiner Frau erschlagen.

Knapp 9% der indischen Bevölkerung werden den »Adivasis« zugerechnet, der Urbevölkerung, zu der auch der Stamm der Baiga gehört. Die Baiga sind mit dem Wald verwurzelt, leben im und vom Wald. Der indischen Verfassung nach haben die Adivasis ein Recht auf den Wald. Das Waldgebiet Indiens gehört den Adivasis, wobei dies nicht Privatbesitz ist. Wie sie das Land verwalten, ist nicht festgelegt... aber »den Adivasis gehört der Wald«, sagt die Verfassung, zumindest auf dem Papier. In der Realität werden immer mehr Adivasis von ihrem Land vertrieben, wie Birju und seine Frau Jugri Bai vom Stamm der Baiga.

Oft haben die kleinen Bauern einfach keine Urkunden, mit denen sie nachweisen können, dass das Land, das ihre Familien seit langem bebauen, ihr Eigentum ist. Es wird ohne Rücksicht auf sie verkauft, mit der hilfreichen Hand bestochener Beamter, oder zum Naturschutzgebiet deklariert, wo auf einmal die Menschen, die im und vom Wald leben, zu Eindringlingen erklärt werden. Oder sie werden mit Gewalt vertrieben, wie die Baiga in Dharipara.

Die neoliberale Wachstumspolitik seit den 90er Jahren war für die Kleinbauern eine Katastrophe. Rund 1,5 Millionen Menschen sind schon von ihrem Land vertrieben und haben damit die Möglichkeit verloren, sich und ihre Familie zu ernähren.

Seit dem 2. Oktober 2011 – Gandhis Geburtstag – laufen die Mobilisierungen. Julius Reubke vom Kölner Verein der »Freunde von Ekta Parishad« schildert die Vorbereitungen: »... und dann geht es eben ein Jahr lang durch Indien und soll alle bewegen. Die Idee war: wir fahren durch die Orte und die Menschen machen sich alle auf den Weg und dann sind es 100.000 am 2. Oktober 2012. Und diese 100.000 Leute gehen gemeinsam 33 Tage lang nach Delhi und da bleiben sie sitzen – so lange, bis die Regierung sagt: Wir kommen und reden mit euch.«

Der »Jan Satyagraha 2012« soll Indiens größte Mobilisierung für das Recht auf Land werden. Wir alle sind aufgefordert, die indische Landrechtsbewegung zu unterstützen.

Dieser Artikel basiert auf Interviews und Gesprächen für unsere Bürgerfunk-Sendungen. Die kompletten Sendungen zum Themenschwerpunkt Indien in Bewegung zum Nachhören oder Download unter:

www.alleweltonair.de

Weitere Informationen mit der Suche nach: "Jan Satyagraha 2012" oder hier:
www.ektaparishad.com/de-de/home.aspx

Die Reihe »Indien in Bewegung« wird gefördert von der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW, vom EED und Engagement Global.

OFFENER BRIEF

Der Kampf um Land und Landrechte ist ein internationaler Kampf. Ekta Parishad bittet Freunde und UnterstützerInnen weltweit, einen Offenen Brief an den indischen Premierminister zu unterschreiben. Auszug:

Sehr geehrter Herr Premierminister,

ich war sehr erfreut, als Ihre Regierung als Reaktion auf den Janadesh Marsch im Jahr 2007 ein Komitee einberufen hat, um die Landreformen zugunsten der Armen und Ausgegrenzten umzusetzen. Sie haben versprochen, den Landlosen durch eine nationale Landreformpolitik eigenes Land zu garantieren. Seit der Veröffentlichung des Berichts des Komitees im Oktober 2009, hat Ihre Regierung jedoch keine Maßnahmen ergriffen. (...)

Mit diesem Schreiben ermutige ich Sie und Ihre Minister, in Dialog zu treten mit den Vertretern der Jansatyagraha-Kampagne und Ihre Unterstützung für die Umsetzung ihrer Ziele zuzusagen. In der Tradition des gewaltfreien Handelns setzt sich die Kampagne für den Zugang der armen Bevölkerung zu deren existenzsichernden natürlichen Ressourcen ein. In dieser Absicht wurden (...) Empfehlungen formuliert. Sie beinhalten:

1. Eine umfassende Landpolitik, deren wirkungsvolle Umsetzung sowie Überwachungseinrichtungen, welche den landlosen, heimatlosen und ausgegrenzten Gemeinschaften den Zugang zu Land und existenzsichernden Ressourcen garantieren. (...)

2. Frauen sollten als Bäuerinnen anerkannt, ihre Rechte auf Land und ihre Existenzsicherung gesichert werden, und sie sollten Zugang erhalten zu allen den Bauern zustehenden Leistungen und Programmen. (...)

3. Natürliche Ressourcen wie Land, Wasser, Wälder und Bodenschätze, die als Existenzsicherung einer Gemeinschaft dienen, dürfen nicht für andere Zwecke entwendet werden. (...)

4. Der Verstoß von Verwaltungsbeamten gegen armutsorientierte Gesetze oder das Verwehren des fundamentalen und rechtmäßigen Anrechts auf Land, Wasser, Wälder und Bodenschätze sollen als strafbare Vergehen geahndet werden. (...)

Jansatyagraha 2012 ist eine Initiative von Hunderten von Organisationen des Freiwilligensektors, die das Ziel verfolgen, eine Gesellschaft zu schaffen, die frei ist von Hunger, Angst und Korruption. Ich wende mich an Sie, um eine positive Antwort auf die Forderungen der Kampagne zu erhalten, die eine echte Hoffnung für größere Ernährungssicherheit, Bekämpfung von Armut und Gerechtigkeit in Indien darstellt.

Unterstützung:
http://js2012.wordpress.com

Kasten 1

»It is a struggle about land and land resources of the poor people, this is a common agenda across the globe.« »Es ist ein Kampf um Land und Landressourcen der Armen, das ist ein Problem rund um den Globus. Und »land grabbing« ist mit der Globalisierung ein großes Problem geworden. Durch das Aufkommen der Globalisierung sind über die ganze Welt hin große multinationale Konzerne dazu übergegangen, nicht nur das Land an sich zu reißen, sondern diese drei lebenswichtigen Grundlagen: Land, Wald und Wasser. Dieses Entwicklungsmodell wird die Landbevölkerung in die Städte und die Slums treiben!«
(Rajagopal)

Kasten 2

Im Interview mit alleweltonair nennt Rajagopal beeindruckende Zahlen: 700.000 Menschen haben nach dem ersten Marsch Land zugeteilt bekommen. Für uns eine enorme Zahl, aber für Indien nichts als ein Tropfen. »700.000 Menschen haben Land bekommen seither, es ist auch ein guter Kommissionsbericht auf dem Tisch des Premierministers, mit Vorschlägen, was man machen kann, was sinnvoll ist...«

Auf der anderen Seite haben in den letzten 20 Jahren – so wird geschätzt – wohl rund 200.000 indische Kleinbauern Selbstmord begangen. »Das Hauptproblem ist die Armut«, sagt Rajagopal. »So the agenda is not to wait for any government to come and change your life. If you want to change your life, begin here.«

»Es geht also nicht darum, zu warten, bis irgendeine Regierung kommt und dein Leben ändert. Wenn du dein Leben verändern willst, fang damit an. Ich glaube, diese Philosophie gibt es auf der ganzen Welt. Die Menschen warten auf die Regierung, und die Regierung wird dadurch immer mächtiger, und die Leute werden ohnmächtig. Indem du die Menschen mächtig machst, kannst du die Demokratie mächtig machen und die Regierung zum Arbeiten bringen. Was wir tun müssen, ist die Energie der Menschen organisieren.«
(Rajagopal

Kasten 3

Was erreicht Gewaltlosigkeit? Diese Frage stellte sich Rajagopal als junger Mann und arbeitet seither an diesem Experiment. Im von Armut und Gewalt in ihren verschiedenen Formen geprägten Indien aufgewachsen, begann er im Sinne Mahatma Gandhis mit ganz eigenen Experimenten mit der Wahrheit. Als Autodidakt in Gewaltlosigkeit studierte Rajagopal im Zusammenleben und -arbeiten mit Adivasi und Dalits die Armut und die Formen der Gewalt, die zur Bedrohung des Lebens, der Lebensgrundlage und der Daseinsfreude führen.

Seit 21 Jahren kämpft Rajagopal zusammen mit der von ihm begründeten, strikt gewaltfreien Volksbewegung »Ekta Parishad« für die Durchsetzung der Gesetze, die die Rechte der Adivasi, der Dalits, der Nomaden und aller an den Rand der Gesellschaft gedrängten Gruppen schützen sollen.

Er hat erkannt, dass wir alle in die globalen Netze der Gier und der gewalttätigen Ausbeutung der Ressourcen des Planeten mit verstrickt sind. Deshalb hat er am 2. Oktober eine einjährige Mobilisierungstour durch ganz Indien, den Samwad Yatra, begonnen und ruft zum großen Jansatyagraha 2012 auf. 100.000 Landlose werden einen 350 km Fußmarsch nach Delhi unternehmen, um der Forderung auf die Durchsetzung der Landrechte Nachdruck zu verleihen. Weil die lokalen Probleme Indiens mit den globalen Verhältnissen so eng verknüpft sind, sind wir zur Globalisierung der Solidarität im gewaltfreien Kampf für Sarvodaya, das Wohlergehen aller Menschen, aufgerufen.

Dr. Julius Reubke, »Freunde von Ekta Parishad e.V.«


VON: BRIGITTE CZYBORRA






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