Der militärische Geheimdienst-Dschungel der USA (5)
27.01.12
Internationales, News
von Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Geheimnisse der USA-Geheimdienste (Geschichte)
»Die amerikanischen Militär-, Marine- und Luftwaffenattachés sowie die Militärmissionen mit ihrem offiziellen Personal bilden die Grundlage des heutigen legalen Auslandsapparates des militärischen Geheimdienstes der USA. Bis 1962 hatten Armee, Marine und Luftstreitkräfte einen oder mehrere eigene Vertreter in den Botschaften, wobei jeder Attaché selbständig handelte und nur der Geheimdienstzentrale seines Ministeriums Rechenschaft gab, die auch seine Tätigkeit finanzierte. -
Nach der Schaffung der 'Defense Intelligence Agency' wurde von 1962 an diese gesamte Informationstätigkeit im Apparat der DIA konzentriert, und zwar in der Abteilung für Militärattachés. 1964 führte die Untersuchung einer Sonderkommission aus Vertretern des State Department, des Verteidigungsministeriums und des Haushaltsbüros zu der Schlussfolgerung, dass es geboten sei, die drei separat wirkenden Organisationen der Militärattachés der Teilstreitkräfte zu einer einheitlichen zusammenzuschließen. Von diesem Untersuchungsergebnis ließen sich die Vereinten Stabschefs und der Verteidigungsminister leiten, als sie am 1. Juli 1965 beschlossen, ein einheitliches Netz der Militärattachés des Verteidigungsministeriums zu bilden, die unmittelbar der DIA rechenschaftspflichtig sind.
Jetzt gibt es in allen amerikanischen Botschaften im Ausland einen Attaché des Verteidigungsministeriums. Er ist in der Regel Erster Militärattaché und kontrolliert die Militärattachés der Teilstreitkräfte seines Landes. Er ist verpflichtet, für ein enges Zusammenwirken aller Attachés zu sorgen, um die Interessen jedes Stabes der Streitkräfte wahrzunehmen. -
Der Attaché des Verteidigungsministeriums ist befugt, Vorlagen beim Verteidigungsminister, beim Komitee der Vereinigten Stabschefs und bei der DIA einzubringen. Die Stäbe der Teilstreitkräfte behalten das Recht, den Attachés Aufträge zu den sie interessierenden Fragen zu erteilen. Direktiven und Instruktionen hinsichtlich der geheimdienstlichen Tätigkeit der Militärattachés können jedoch nur von der DIA ausgehen.
Die Abteilung, die die Arbeit der Militärattachés leitet, gehört zum Sektor Spionage und Aufklärung der DIA. Sie arbeitet eng mit den entsprechenden Abteilungen des Außenministeriums zusammen.
Attachés des USA-Verteidigungsministeriums waren 1970 in 100 Ländern akkreditiert. Die Funktion des Ersten Attachés üben in 39 Ländern [-1975-] Attachés der Armee aus, in 22 Ländern Marineattachés und in 23 Ländern Luftwaffenattachés. In den größten Ländern sind Attachés aller drei Waffengattungen vertreten. Die Frage, wer Erster Attaché sein soll, wird von den drei Ministerien unter dem Gesichtspunkt entschieden, welche Waffengattung in dem betreffenden Land für die USA am interessantesten ist. -
„Da die Luftmacht Rußlands die Vereinigten Staaten am meisten interessiert“, schreibt General McCloskey, „ist in Rußland der Luftwaffenattaché Erster.“ Nach offiziellen amerikanischen Angaben gab es 1969 1089 Attachés des Verteidigungsministeriums, für deren Unterhalt die Regierung 10 Millionen Dollar ausgab. [1969]
Das Personal für den Apparat der Militärattachés wird unter Angehörigen der Armee, der Luftstreitkräfte und der Marine ausgewählt. Die in den militärischen Lehranstalten dafür ausgewählten Personen erhalten in der DIA eine spezielle Ausbildung. Zum Ausbildungsprogramm gehören Spezialfächer, diplomatisches Protokoll und Fremdsprachen.
In seiner Rede vor dem Senatsausschuss für die Bewilligung der Haushaltsmittel erklärte der stellvertretende DIA-Chef Admiral Souers bei der Erörterung des Budgets für den militärischen Geheimdienst für das Finanzjahr 1970, dass sich die Mitarbeiter des Militärattachédienstes in der Hauptsache mit visueller Aufklärung und mit dem Sammeln von Informationen befassen, die sie von zufälligen Bekannten oder Leuten bekommen, mit denen sie in Beziehungen stehen. Zu diesem Zweck unternehmen sie ausgedehnte Reisen durch das Land und nehmen an Empfängen teil. In den Ländern, in denen die Bewegungsmöglichkeiten der Militärattachés eingeschränkt sind, suchen sie, in die sie interessierenden Gebiete, als Begleitpersonen amerikanischer Gäste getarnt, zu gelangen. Das Sammeln geheimdienstlicher Informationen gilt als Hauptaufgabe der USA-Militärmissionen im Ausland.
Vom Ausmaß der Tätigkeit der Defense Intelligence Agency vermitteln folgende Zahlen eine Vorstellung. Der Mitarbeiterstab der DIA (ohne die Geheimdienste der Armee, der Marine und der Luftstreitkräfte) zählte 1970 [!] 6322 Personen; davon arbeiteten 1089 im Netz der Militärattachés und 5233 in anderen Zweigen des Pentagon-Geheimdienstes. Von der Gesamtzahl der von der DIA beschäftigten Personen waren 2776 Militärangehörige und 3546 Zivilangestellte. Für die Bezahlung der Zivilangestellten wurden im Finanzjahr 1970 38,597 Millionen Dollar bereitgestellt. Die finanziellen Mittel für den Unterhalt der Militärangehörigen stammten nicht aus dem Fonds der DIA, sondern aus dem Gesamtfonds des Kriegsministeriums.
In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre betrug das Budget der DIA nach dem Eingeständnis des damaligen Staatssekretärs im Verteidigungsministerium Robert F. Frelk etwa 60 bis 65 Millionen Dollar im Jahr. Davon wurden jährlich ungefähr 2 Millionen Dollar für wissenschaftliche Forschungsarbeiten ausgegeben. Einen erheblichen Teil der für die wissenschaftliche Forschung ausgegebenen Mittel verschlangen der Aufbau eines neuen Informationsspeicherungs- und Datenabrufsystems (als Ersatz für das Karteisystem) sowie die Erweiterung des Programms der wissenschaftlichen Forschungsarbeiten im Zentrum für elektronische Datenverarbeitung der Geheimdienste.
Im Finanzjahr 1970 stieg das Budget der DIA auf 74,575 Mill. Dollar an. Davon waren 68,491 Mill. Dollar für operative Ausgaben und die Unterhaltung des Verwaltungsapparates bestimmt, 2,484 Mill. für den Ankauf neuer Ausrüstungen und 2,6 Mill. für Grundlagenforschungen auf dem Gebiet der Automatisierung der Bearbeitung und Vervollkommnung des Systems der Überprüfung und Einschätzung geheimdienstlicher Daten. Für 1968 waren für diese Forschungen 1,6 Mill. Dollar und 1969 2,075 Mill. Dollar bewilligt worden.
In der DIA ist ein großer Teil der elektronischen Datenverarbeitungsanlagen der militärischen Stellen zur Bearbeitung geheimdienstlicher Informationen konzentriert. Anfang 1963 entstand das Zentrum für elektronische Auswertungssysteme. Es benutzt die Apparaturen, die sich vorher beim Geheimdienst der US-Air Force befanden. Die Defense Intelligence Agency übernahm auch die Kontrolle über die Entwicklung eines Programms zur automatischen Bearbeitung geheimdienstlicher Informationen, mit dessen Durchführung die Militärbehörden beauftragt waren.
Das Zentrum für elektronische Datenverarbeitung von Informationen der Geheimdienste befasst sich mit der Lösung von drei Hauptaufgaben: Es bearbeitet maschinell die primären geheimdienstlichen Daten, Dokumente und Fotografien; es organisiert die Speicherung geheimdienstlicher Materialien mit Hilfe von technischen Mitteln und die Weitergabe von Informationen in verallgemeinerter oder primärer Form an die „Abnehmer“. Ferner unterstützt es die anderen Gliederungen der DIA bei der Einrichtung von Systemen zur Bearbeitung von Materialien.
Der DIA untersteht auch die entsprechend einer Direktive des Kriegsministers Robert McNamara im Jahre 1962 geschaffene Schule des militärischen Geheimdienstes in Washington. In dieser Schule werden militärische und zivile Mitarbeiter des Kriegsministeriums für die Tätigkeit im Apparat der Militärattachés ausgebildet; professionelle Geheimdienstmitarbeiter, besonders ausgewählte Offiziere und führende zivile Spezialisten werden hier für den Geheimdienst qualifiziert und darauf vorbereitet, wichtige Kommandostellen, Stellen in Stäben oder in Operationsabteilungen im nationalen oder im internationalen Geheimdienstnetz zu besetzen.
Eine Analyse amerikanischer Veröffentlichungen zeigt, dass die DIA die Geheimdienste der Teilstreitkräfte stark zurückgedrängt hat und damit von Jahr zu Jahr zu einem immer gefährlicheren Konkurrenten der CIA wird. Im Bewusstsein ihrer Macht haben die DIA-Chefs mehr als einmal die festgelegte Ordnung für die Vorlage von Geheimdienstberichten verletzt und sie unter Umgehung des Rates für das Geheimdienstwesen direkt an den Präsidenten der USA gesandt. Allen W. Dulles hatte recht, als er sagte: „Es besteht natürlich immer eine gewisse Gefahr, dass zwei Dienststellen, die mit derartigen Machtbefugnissen und finanziellen Mitteln ausgestattet sind, zu Rivalen und Konkurrenten werden.“ [Allen W. Dulles: Im Geheimdienst, S. 68.]
In der Central Intelligence Agency ist man der Ansicht, dass McNamara den persönlichen Operativstab des Verteidigungsministers, sein eigenes „Imperium“, geschaffen hat, um auf jenen Gebieten, die früher Monopole der CIA waren, selbständig handeln zu können. Jedenfalls dringt die DIA von Zeit zu Zeit immer wieder in jene Bereiche der Politik und Strategie vor, die vorher ein Monopol der CIA waren, und geht damit weit über die ihr gestellten Aufgaben hinaus. Als Kriegsminister hat McNamara oft dem CIA-Direktor das Recht bestritten, sich als Spitze des amerikanischenGeheimdienstes zu verstehen. -
In amerikanischen Publikationen wird z. B. folgende Tatsache angeführt. Auf einer Sitzung des Repräsentantenhauses fragte man McNamara, ob er die von der CIA erhaltenen Informationen verwerte. Seine Antwort brachte die Befürworter einer zentralisierten Kontrolle über die Geheimdiensttätigkeit in Verlegenheit. McNamara erklärte, er erhalte die Informationen von der DIA, und mit diesen Informationen habe keine Behörde außerhalb des Verteidigungsministeriums etwas zu tun. Zwar bleiben, nach Meinung amerikanischer Experten, die Möglichkeiten der DIA auf dem Gebiet der Bearbeitung und Einschätzung geheimdienstlicher Informationen hinter denen der CIA zurück, dafür aber verfügt die DIA zusammen mit den anderen Organen des militärischen Geheimdienstes über weitaus größere Möglichkeiten, geheimdienstliche Informationen zu sammeln. Die DIA besitzt auch das Recht, in Abstimmung mit der CIA eigene Agenturen im Ausland einzurichten. Der CIA-Direktor hat jedoch kaum eine Möglichkeit, die Aktivitäten dieser Agenturen zu kontrollieren.«
Welche Aufgaben der militärischen Geheimdienstorgane werden als die wichtigsten angesehen?
»Welche Aufgaben der militärischen Geheimdienstorgane der USA werden nun als die wichtigsten angesehen? Über ihre grundlegende Orientierung gibt es keinerlei Zweifel. Die herrschenden Kreise der Vereinigten Staaten von Amerika sind bemüht, die verschiedenartigsten geheimdienstlichen Informationen über die Länder der sozialistischen Staatengemeinschaft [-1975-] und vor allem über die Sowjetunion zu erhalten. [Anmerkung hierzu: Nach dem Ende des Realsozialismus, - in entsprechend modifizierter Fortsetzung -, über die kapitalistische Welt und imperialistische Konkurrenz; global und grenzenlos, - ohne Ausnahmen.]
Angaben über das militärische und ökonomische Potenzial der sozialistischen Staaten interessierten die amerikanischen Strategen hauptsächlich als Ausgangsmaterial für die militärstrategische Planung und für die Ausarbeitung von Prognosen über die Entwicklungsperspektiven der technischen Ausrüstung der Streitkräfte dieser Staaten. Eben deshalb bildet der militärische Geheimdienst ebenso wie die anderen Geheimdienste der USA heute einen der wichtigsten Bestandteile des Militarismus: Auf der Grundlage der vom Geheimdienst gewonnenen Informationen werden die aggressiven Pläne unmittelbar ausgearbeitet {...}.
Amerikanische Spezialisten sind der Auffassung, dass die militärische Geheimdiensttätigkeit sich auf einen weiten Kreis von Fragen erstrecken müsse, die die Wirtschaft, die Industrieproduktion und die Geographie des potentiellen Feindstaates betreffen. Sie müsse die gesamte Industrie und insbesondere solche Zweige wie die Metallurgie, den Maschinenbau, die Flugzeugindustrie, Panzerproduktion, Automobilindustrie, chemische Industrie und die Elektroindustrie [einschließlich modernste Kommunikation etc.] im Blickfeld haben. -
Ferner seien Informationen über Nachrichtenmittel und das Transportwesen, insbesondere über das schienengebundene und straßengebundene Transportwesen, seine Möglichkeiten, über seine Ausrüstung und Effektivität unumgänglich. Auch die Landwirtschaft, insbesondere hinsichtlich ihrer Möglichkeiten, Bevölkerung und Armee mit Lebensmitteln und die Industrie mit Rohstoffen zu versorgen, dürfte nicht außer acht gelassen werden, ebensowenig wie die natürlichen Ressourcen, ihre Mengen, Standorte und die Haupttendenzen ihrer Nutzung, ihres Imports und ihrer Vorratsbildung. Notwendig seien auch Informationen über die wissenschaftliche Forschung, die bestimmenden Entwicklungstendenzen der verschiedenen Volkswirtschaftszweige, die Menschenreserven für die Armee und für die Industrie sowie über die Qualitäten und Verteilung der Arbeitskräfte, ihre Altersstruktur und ihren physischen [- psychischen - ideologischen -] Zustand. Schließlich müßten geographische und klimatische Faktoren beachtet werden, die die militärischen Potenzen des Landes stimulieren oder einschränken. Die Aufklärung aller dieser Bereiche geschieht mit dem Ziel, geheimdienstliche Informationen über den Gegner zu erhalten, um rechtzeitig einschätzen zu können, innerhalb welcher Frist er seine Friedenswirtschaft auf Kriegsproduktion umzustellen in der Lage ist.
Die USA betrachten die Wirtschaft der {...} Länder als Objekt für bewaffnete Aktionen und messen daher der Auskundschaftung von strategischen Zielen (große Industrie- und Transportzentren, Schlüsselbetriebe der Industrie, energetische Anlagen usw., gegen die Raketenkernwaffenschläge geführt werden sollen) sowie der Gewinnung von Informationen über die Stabilität der ökonomischen Basis dieser Länder große Bedeutung bei.
Der militärische Geheimdienst der USA ist bestrebt, möglichst viel über die Raketenwaffen {...} und über die Lenkraketen, über die Möglichkeiten der {...} Wirtschaft und Wissenschaft in der Produktion von neuen und in der Vervollkommnung der vorhandenen Arten von Waffen und militärischer Technik sowie über die wissenschaftlichen Forschungs- und Erprobungsarbeiten auf diesem Gebiet zu erfahren.
Für das Sammeln und Beschaffen solcher Informationen werden alle Methoden und Mittel angewandt, über die die Geheimdienste des Pentagon verfügen. Zum Einsatz kommen nicht nur technische Aufklärungsmittel wie Funkgeräte, Radar, Fernsehanlagen, Infrarotgeräte und sonstige Apparaturen, die in Flugzeugen, in Erdsatelliten, auf Seeschiffen sowie in festen Stationen und bei Horchposten installiert sind. [- 1975 -] Auch mit Hilfe der Agenturspionage, d. h. durch Entsendung speziell ausgebildeter Agenten in das Hinterland des Gegners, soll in sorgfältig gehütete Geheimnisse der {...} Staaten eingedrungen werden. Schließlich gehören zu diesen Aufklärungsmitteln auch das Studium der offenen Informationsquellen und andere Arten „legaler“ Spionage, deren man sich bedient, um die strategischen Möglichkeiten der {...} Länder auszuspionieren.«
[Ein Auszug.] Quelle: Geheimnisse der USA-Geheimdienste. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften. Berlin 1975. / Autoren des Buches: W. N. Wassiljew, Dr. jur. E. P. Wladimirow, A. W. Gratschew, Dr. jur. A. I. Kurtschatow, Dr. rer. oec. S. M. Michailow, Dr. jur. E. B. Peskow, Dr. rer. oec. F. M. Sergejew, E. N. Chabarow. Herausgeber: E. Ja. Jakowlew. Übersetzung aus dem Russischen: Klaus-Dieter Goll, Jochen Martin. Wissenschaftliche Redaktion der deutschen Ausgabe: Oberst Dr. sc. Albrecht Charisius, Militärgeschichtliches Institut der DDR.
VON: REINHOLD SCHRAMM
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