von Sinn Féin Poblachtach
Finden sie den Unterschied
Im Juni und Juli kam es zu schweren Ausschreitungen in mehreren Teilen Nord-Irlands, vor allem im Osten und Norden Belfast.
Im August erschütterten schwere Unruhen in England die Weltöffentlichkeit.
Viel wird seither über den Umgang der Behörden und der Polizei vor, während und nach derartigen Ausschreitungen diskutiert. Der Journalist des britischen Guardian, Henry MacDonald, begibt sich auf die Suche nach den Unterschieden zwischen London und Belfast.
Man fühlt sich an einen der Erfolgsfilme der 1980er Jahre erinnert, “Crocodile Dundee”, an die Szene in der Paul Hogan und seine Freundin von Straßenräubern überfallen werden. Eines der Gangmitglieder bedroht die beiden mit einem Messer und fordert Geld. Hogan schüttelt nur den Kopf und meint: „Das ist kein Messer.“ Dann zieht er eine gewaltige Machete hervor, um zu verdeutlichen, was er meint: „Also, das hier ist ein Messer.“ Daraufhin fliehen die verhinderten Räuber in Panik.
Dieser „das ist doch kein Messer“-Moment kommt einem in den Sinn, wenn man die Unruhen in England und Irland in diesem Sommer miteinander vergleicht. Niemand würde bestreiten wollen, dass die Vorkommnisse in mehreren englischen Städten im August schwerwiegend waren. Man denkt nur an die drei jungen Männer die von einem Unbekannten vorsätzlich überfahren wurden, als sie versuchten, eine Tankstelle auf der Dudley Road in Birmingham zu schützen.
Vor dem Hintergrund dieser Tragödie erlebten wir einen der bewegendsten Momente des Jahres, als der Vater von zweien der Opfer zum Frieden zwischen den Bevölkerungsgruppen aufrief und hoffte, es möge nach seinen Söhnen keine weiteren Toten in der Stadt geben. Auch sollte man die Todesgefahr nicht geringschätzen, in der sich einige der Menschen befanden, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren, etwas der junge polnische Angestellte, der sich durch einen Sprung aus den Flammen eines brennenden Gebäudes im Süden Londons retten konnte.
Trotz allem sollte man das Randalieren, Plündern, den Vandalismus und die Überfälle von Croydon bis Manchester in einem bestimmten Kontext sehen. Einige Wochen zuvor waren Unruhen zunächst im Osten und später im Norden von Belfast ausgebrochen.
Die erste Runde von Zusammenstößen im Juni war von der loyalistische Terrororganisation Ulster Volunteer Force geplant, die hunderte von Randalierern organisierte und eine “Invasion” der katholisch-nationalistischen Enklave Short Strand begann. Anrainer berichteten dem englischen Guardian, dass ihre Straßen von zwei Seiten mit beinahe paramilitärischer Präzision angegriffen worden seien, und sie um ihr Leben gefürchtet hätten.
Während der folgenden Tage trennte die britische Polizeitruppe PSNI/RUC – mehr schlecht als recht – die Loyalisten vom nationalistischen Short Strand, wobei sie fortwährend mit Molotow-Cocktails, Feuerwerkskörpern und einmal sogar mit scharfer Munition angegriffen wurden, ein Pressefotograf erlitt Schussverletzungen am Bein.
Nur einige Tage später, nachdem die Unruhen in Ost-Belfast abgeflaut waren, verlagerte sich das Geschehen in eins der der instabilsten Interface-Gebiete der Stadt. Ein mittlerweile zu einer jährlichen Tradition gewordener Protest gegen den Durchmarsch einer kleinen Gruppe Loyalisten und Oranier durch das nationalistische Gebiet, auf dem Weg zur Hauptparade der Oranier in Ost-Belfast, führte am 12. Juli zu stundenlangen Auseinandersetzungen zwischen republikanischen Jugendlichen und der Polizei.
Auch während diesen Unruhen in Ardoyne wurden Dutzende von Molotow- Cocktails und zusätzlich jede Form von Wurfgeschoßen, derer die Protestierenden habhaft werden konnten, geworfen. Angesicht der Zielgenauigkeit und Wurftechnik bei einigen der Angriffe auf die Linien der Polizei könnte man auf die Idee kommen, die Demonstranten in Ardoyne wären sehr geeignet für die Speer- und Diskuswurf oder Kugelstoßwettbewerbe als Teil der britischen Mannschaft bei Olympia 2012 in London… wären sie nur willens, jemals Teil irgendeiner Institution zu werden, die das Wort „britisch“ im Namen trägt.
Eine Szene während der vielen Stunden die wir uns gegen die Wand der Holy-Cross-Kirche an der Crumlin Road drückten, die Molotow-Cocktails um unsere Füße explodierten und wir den Kopf einzogen um den Steinen und Ziegeln zu entgehen, blieb besonders im Gedächtnis. Einer der Straßenkämpfer, vermummt mit der bekannten „Uniform“ aus Kapuzenshirt und Fußballschal, sprintete im Zickzack durch einen Hagel aus Gummigeschossen der Polizei um einen riesigen, weiß lackierten Wasserwerfer anzugreifen. Der Junge hatte ein Brotmesser in der Hand und sowie er auf das Fahrzeug geklettert war, begann er, auf die Reifen einzuhacken, ohne sich im Geringsten um die Wasserstrahlen zu kümmern, die auf ihn abgefeuert wurden.
Eine Phalanx seiner Genossen deckte ihn, indem sie sich der Polizeilinie entgegen warfen und die Polizisten mit Steinen attackierten. Der junge Republikaner schaffte es schließlich, das Gummi der Reifen zu durchdringen und setzte den Wasserwerfer so außer Gefecht. Trotz mehrerer Versuche ihn zu verhaften, gelang es ihm, in der Menge unterzutauchen.
Nun bekommen wir zu hören, der jugendliche Republikaner im Kapuzenshirt sei Teil einer Subkultur im Norden Irlands, für die das Randalieren eine Freizeitbeschäftigung ist, nach der sie regelrecht süchtig sind. Ein soziales Phänomen das genauso nihilistisch und willkürlich ist wie die Gewalt und der Vandalismus, die im vergangenen Sommer England befallen haben soll.
Aber die, die an den Straßenkämpfen in Ardoyne beteiligt waren, sind nicht durch Langweile oder Nihilismus motiviert, jedenfalls nicht alle. Sie werden angetrieben von historischer Feindschaft gegen den politischen Gegner und die britische Polizei und durch die nach wie vor präsenten republikanischen Ideale.
Der zentrale Unterschied zwischen dem Vermummten, der die Reifen des Wasserwerfers aufschlitzt und dem, der in einem Laden in Manchester mit einem DVD-Player unter dem Arm durchs zerbrochene Schaufenster springt, ist das politische Motiv des Ersteren.
Ob es einem gefällt oder nicht, der Reifenaufschlitzer von der Crumlin Road hatte keinen materiellen Vorteil von seinem Angriff auf ein schwer gepanzertes Polizeifahrzeug, unter Beschuss mit Wasser und Gummigeschossen. Er ist ein weitaus größeres Problem für den Staat, und die Zahl von seinesgleichen wird zunehmen, wenn die Rezession sich verschärft und die Prinzipien des Republikanismus mehr Gehör finden.
In dieser Betrachtung gewalttätiger Auseinandersetzungen in Ardoyne im letzten Juli, sind die Schlüsselworte “Wasserwerfer” und “Gummigeschosse”. Mitte Dezember schloss sich der Innenausschuss des Unterhauses der wachsenden Zahl derer an, die einen Einsatz solcher Waffen in Britannien ablehnen.
Die Abgeordneten kündigten an, jeden Versuch, sie bei einer eventuellen Wiederholung der Ereignisse des vergangenen August auf englischen Straßen einzusetzen, zu blockieren. Dem zugrunde liegt eine unterbewusste Vorstellung eines Rechtes für Engländer, Waliser und Schotten und eines anderen Rechts für jene im besetzten Norden Irlands, unabhängig davon, auf welcher Seite des politisch-kulturellen Grabens sie aufgewachsen sind.
Kein Parlamentarier wird fordern, diese Waffen aus den Straßen von Belfast und Derry abzuziehen, obwohl die Gummigeschosse seit 1969 für den Tod von 17 Menschen verantwortlich waren, acht davon Kinder.
Der Kommentar basiert auf einen Artikel von Henry McDonald, erschienen Ende Dezember 2011 in der englischen Tageszeitung The Guardian.
www.irish-solidarity.net
www.rsf.ie
www.saoirse.info
VON: SINN FÉIN POBLACHTACH