Kuba im Umbruch

05.01.12
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von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die katholische Kirche in Kuba.
[Auszug]
  
»Viele Gläubige und auch einige Priester hatten zu Beginn die revolutionäre Bewegung Fidel Castros zum Sturz des Diktators Fulgencio Batista noch unterstützt. Der Priester P. Guliiermo Sardiñas hatte die Rebellen sogar als Seelsorger in die Maestra begleitet.

Als die neue Führung aber entschieden gegen die ehemaligen Mitglieder der Batista-Regierung vorging und die ersten Enteignungen von Großgrundbesitzern ohne entsprechende Entschädigungen durchgeführt wurden (Mai 1959), fanden ›die kurzen Flitterwochen‹ [1/6] zwischen Kirche und Revolution ein Ende. -

Anfang der 1960er Jahre waren auf Kuba mehr als drei Viertel der Priester Spanier, die vor der Revolution mit den konservativen wirtschaftlichen und politischen Eliten des Landes verbunden gewesen waren. Auf dem Land existierten kaum Kirchen. Die katholische Amtskirche galt als Verbündete der besitzenden städtischen Schichten, nicht als Volkskirche. {...}« (Vgl.)

»In den ersten Jahren nach der Revolution setzte ein Prozess der inneren und äußeren Emigration ein. 600 von 800 Priestern und 1800 von 2000 Ordensschwestern wanderten aus. Die zurückgebliebenen Christen/innen - insbesondere die jungen - distanzierten sich von der Kirche und wandten sich der Revolution zu. Denjenigen, die weiterhin aktiv waren, drohten bei ›konterrevolutionären Tätigkeiten‹ vom Militär geführte Arbeits- und Umerziehungslager (Unidades Militares de Apoyo a la Producción, UMAP). Gottesdienste mussten von den Behörden genehmigt werden, Hirtenbriefe oder kirchliche Verlautbarungen gab es bis 1969 keine. Folglich lebte die katholische Kirche in den 1960er Jahren ›(...) In jeder Hinsicht (personell, finanziell, auch theologisch) von der Substanz‹ [2/10] - sie war an den Rand der Gesellschaft gedrängt.«

»{...} 1979 (wurde) erstmals wieder eine Prozession zugelassen. Darüber hinaus würdigte Fidel Castro das christliche Engagement bei der sandinistischen Revolution in Nicaragua (1980). Die Kirche lobte ihrerseits die sozialen Errungenschaften der Revolution im Bereich der Bildung und des Gesundheitswesens und verurteilte das US-Wirtschaftsembargo.« (Vgl.)

»{...} Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks verlor das Land seine ökonomische Stütze. Darüber hinaus hatten die USA im Zuge des Torricelli- und des Helms-Burton-Gesetzes [3/12] die von ihnen verhängte Wirtschaftsblockade verschärft. Der Inselstaat war von der Außenwelt weitgehend isoliert. {...}« (Vgl.)

»Dieser wirtschaftliche Tiefpunkt bedeutete gleichzeitig einen sozialen Wendepunkt: Das Regime führte zaghafte Liberalisierungsmaßnahmen durch, ließ in den Bereichen Landwirtschaft und Dienstleistung Privatisierungen zu, öffnete das Land dem Tourismus und führte eine doppelte Währung ein, was jedoch zu grundlegenden Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft führte. [4/14] Die homogene Gesellschaft der 1980er Jahre sah sich erneut mit sozio-ökonomischen Disparitäten konfrontiert.« (Vgl.)

»{...} In den 1990er Jahren sprossen neben zahlreichen NGOs auch christliche Initiativen aus dem Boden, um mit sozialen Projekten der Not leidenden Bevölkerung unter die Arme zu greifen. {...} Oftmals hatte die Kirche durch internationale Kooperation Zugang zu Spendengeldern und Devisen und entlastete die politische Arena durch die Übernahme von Aufgaben, die der Staat seinerzeit nicht mehr finanzieren oder übernehmen konnte {...}« (Vgl.)

»{...} Im Jahr 1991 ließ das Regime wieder Gläubige in der Partei zu und 1992 folgte die konstitutionelle Neudefinition vom atheistischen zum laizistischen Staat. [5/16] Auch Anträge der kubanischen Bistümer wurden deutlich häufiger bewilligt, {...}« (Vgl.)

»Der vorläufige Höhepunkt des allmählichen Annährungsprozesses {...} bestand {...} im Besuch von Papst Johannes Paul II. im Januar 1998. Die Papstreise hatte {...} auch konkrete Auswirkungen für das christliche Leben vor Ort: So sei es für ausländische Priester und Missionare leichter geworden, nach Kuba zu reisen; {...} und zu besonderen Festivitäten {...} durften nun auch Bischöfe im staatlichen Radio auftreten. [6/18] {...}« (Vgl.)

»{...} Glauben spielt demnach eine zentrale Rolle für das Miteinander der kubanischen Bevölkerung. Diverse Autoren/innen konstatieren vor allem seit Beginn der Wirtschaftskrise eine starke Rückbesinnung auf die Religion. Die Religion(en) der Insel haben eine sehr große nationale, im Fall der katholischen Kirche auch internationale Reichweite. 75 bis 85 Prozent der Kubaner/innen bezeichnen sich heutzutage als gläubig {...} Rund die Hälfte der Kubaner/innen ist getauft und lässt sich kirchlich bestatten. [7/21] Zur Zeit des Papstbesuches sprang die Zahl der Taufen von bis dato rund 10.000 pro Jahr auf 45.000 im Jahr 1998. {...}« (Vgl.)
 
{...}
  
»Die gemeinsame Geschichte von Staat und Kirche auf Kuba war über weite Strecken von einem Auf und Ab, einem Geben und Nehmen geprägt. Es wird spannend zu beobachten sein, ob und wie lange sich die neue strategische Partnerschaft halten kann.« (Vgl. Quelle.)

Anmerkungen

  
1/6.  Huhn (2009), S. 262.

2/10. Huhn (2009), S. 266.

3/12. Das »Torricelli-Gesetz« (Cuban Democracy Act) wurde 1992 auf Initiative des Abgeordneten Robert Torricelli verabschiedet. Es verbietet Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen, jeglichen Handel mit Kuba zu betreiben. Auch ausländische Schiffe, die mit Kuba handeln, müssen Sanktionen befürchten. Des Weiteren dürfen in den USA lebende Kubaner/innen keine Geldsendungen mehr an ihre Verwandten auf der Insel schicken, und US-Amerikanische Staatsbürger/innen dürfen nicht mehr in das Land einreisen. Der »Helms-Burton-Act« (Cuban Liberty and Democratic Soldarity Act) von 1996 verschärft diese Sanktionen nochmals, indem er sie auf den Finanztransaktionsbereich ausweitet. Ebenfalls verboten ist die Einfuhr oder der Handel mit Waren, die aus Kuba stammen oder auf Kuba produziert bzw. verarbeitet wurden.
Vgl. Cuban Democracy Act unter: www.state.gov/www/regions/wha/cuba/democ_act_1992.html ;
sowie Cuban Liberty and Democratic Solidarity Act unter: www.treas.gov/offices/enforcement/ofac/legal/statutes/libertad.pdf. 
 
4/14. Für weiterführende Lektüre siehe u.a.: Burchardt, Hans-Jürgen (1996): Kuba. Der lange Abschied von einem Mythos, Stuttgart : Schmetterling; Corrales, Javier (2007): The Gatekeeper State: Limited Economic Reforms and Regime Survival in Cuba, 1989-2002, in: Hoffmann / Whitehead (Hrsg.), S. 61-88.

5/16. Vgl. Art. 8, Verfassung der Republik Kuba (Stand: 1992).

6/18. Vgl. Kardinal Jaime Ortega y Alamino: »Die Freiräume sind grösser geworden«, Interview in Die Tagespost Nr. 140 (22.11.2007), S. 5.

7/21. Vgl. Crahan, Margaret E./Armony, Ariel C. (2007), S. 141/152; Wulffen, Bernd (2008): Kuba im Umbruch. Von Fidel zu Raúl Castro, Berlin: Links, S. 181.


Quelle vgl.: FES, Dezember 2011: Kuba. Die katholische Kirche als Vermittler zwischen Staat und Gesellschaft. Eine Studie von Christina Moebus. Friedrich-Ebert-Stiftung, Referat Lateinamerika und Karibik, Berlin. “Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung.“
FES KUBA:  http://library.fes.de/pdf-files/iez/08771.pdf



   


VON: REINHOLD SCHRAMM






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