»Das ist eine Lüge!«


Bildmontage: HF

30.11.11
InternationalesInternationales 

 

von Zoran Sergievski (via Red Globe)

Seit dem Beginn der serbischen Proteste und Straßenblockaden im Nordkosovo im Sommer diesen Jahres filmen die Demonstranten vor Ort die meisten Geschehnisse mit und stellen ihre Videos auf YouTube. Damit möchten sie eine Gegenöffentlichkeit zu dem massenmedialen Tenor aufbauen, welcher sie als ausschließlich kriminelle Extremisten darstellt.

Viele Videos zeigen Demonstranten, die sehr ironische Reaktionen auf die Aktionen der NATO abgeben. So quittierten sie den Ausbau von österreichischen und deutschen Stellungen in Jarinje bei Brnjak im Herbst mit den Worten »Ajde, ajde (hopp, hopp), ARBAJT, ARBAJT (serbische Aussprache des deutschen Wortes „Arbeit“)!«

Als Montag, die NATO-geführte UN-Truppe KFOR in Jagnjenica die Barrikaden einzureißen begann, riefen sie noch: »Ajde, ajde, schneller, schneller«. RedGlobe dokumentiert im folgenden den Auszug eines Gesprächs zwischen einem anscheinend österreichischen Offizier und dem Vorsitzenden des Bezirks Zubin Potok, Slavisa Ristic. Ristic ist einer von vier Bezirksvorstehern im Nordkosovo, welche die Barrikaden unterstützen und die Bevölkerung wiederholt zu friedlichem Protest aufrufen. Ristic ist einer der bekanntesten Lokalpolitker und hat sich als kritischer Diplomat vor Ort einen Namen bei den Serben gemacht.

Dieser Link dokumentiert das Gespräch in annähernd voller Länge:
http://www.youtube.com/watch?v=71zeG9fBvTY&feature=related

Es wurde nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Okkuppationstruppe KFOR und serbischen Demsontranten am gestrigen Montag geführt. Der Offizier kommunizierte über einen Dolmetscher. Dessen Dialekt liegt zeitweise nahe, dass er kroatischer Herkunft ist. Er tut einem stellenweise wirklich leid. Seine deutschsprachige Übersetzung wird hier nicht mit aufgeführt, da sie jede/r Leser/in, der/die des Deutschen mächtig ist, selber durch das Video nachvollziehen kann.

Bundesheer-Offizier (BH): Ich gebe nochmal zu bedenken: wir haben verletzte Soldaten, KFOR-Soldaten mit Schussverletzungen.

Slavisa Ristic (SR): Das tut mir leid.

BH: Wir werden mit gleichen Mitteln zurückzahlen, sollte noch einmal so etwas passieren.

SR: Es tut mir wirklich leid, dass ich das von Ihren verletzten Soldaten höre. Es tut mir wirklich leid. Wir rufen die ganze Zeit die Leute dazu auf, nicht einen Steine zu werfen, und noch weniger mit Feuerwaffen zu schießen. Aber Sie müssen verstehen, dass ihr heutige Aktion es verunmöglicht hat, die Situation zu kontrollieren. Ich fürchte mich wirklich, dass wir die Situation nicht mehr kontrollieren können. Da kann ich mich noch so oft umdrehen und den Leuten sagen, sie sollen ruhig bleiben.

BH zu Dolmetscher (D): Sogn'S eam noch amoi (Sagen Sie ihm noch einmal, Anm.), es ist eine rote Linie, der Schusswaffengebrauch ist eine rote Linie. Und die wurde von seinen Leuten überschritten.

SR: Ich verstehe dass, wenn jemand auf Sie schießt, Sie sich wehren müssen, klar. Aber mir ist einfach unverständlich, warum man das hier heute Morgen machen musste. Alle hatten Bewegungsfreiheit, die Leute und sogar Sie! Aber Sie wollten Gewalt demonstrieren!

BH zu D: Sogn'S eam, das ist nicht richtig. Wir haben hier keine Bewegungsfreiheit.

Jemand aus der Menge: Die respektieren nicht die Resolutionen! (Anm.d.Ü.: Es sind vermutlich die Resolutionen 1244 des UN-Sicherheitsrats und der Friedensvertrag von Kumanovo gemeint)

SR: Wie ich gesagt habe: ich werde mit den Leuten reden. Aber ich kann noch so gut auf sie einreden, sie werden sich nicht entfernen, sie werden nicht erlauben, dass die Barrikaden eingerissen werden. Ich werde hier bleiben. Aber ich bitte Sie, ziehen sie Ihre Soldaten zurück, hinter die Straße. Wir werden den Weg frei machen.

BH zu D: Sogn'S eam, ich wünsche ihm viel Glück aus tiefsten Herzen, dass er seine Leute überzeugen kann, dass wir hier zu einer friedlichen, kooperativen Lösung kommen. Unser Ziel ist klar: die Kreuzung wird durch uns kontrolliert. Wir werden die einheimische Bevölkerung nicht behindern. Das ist nicht unser Ziel. Wir sind nicht gegen die einheimische Bevölkerung. Nur, die einheimische Bevölkerung hat sich nicht gegen uns aufzulehnen und schon gar nicht gegen uns  Schusswaffen einzusetzen.

SR zu D: Aber was war denn bitte so schlimm auf der Straße, fragen Sie ihn das. Was war denn so schlimm daran, auf dass Sie den Leuten hier „zur Hilfe eilen“ mussten? Bitte, lassen Sie uns nicht auf diese Weise reden. Hier gab es überhaupt keine Probleme, es war friedlich, es bestand vollkommene Bewegungsfreiheiheit, sowohl für uns als auch für Sie, die Sie alle Straßen hatten!

BH: Sie wissen, dass das nicht stimmt, ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihren Leuten und stehe jederzeit für weitere Gespräche zur Verfügung. (Der Offizier schüttelt Ristics Hand, Anm.)

SR: Ich rufe Sie nochmal dazu auf, ich werde die Leute dazu aufrufen, ruhig zu bleiben, aber bitte ziehen Sie Ihre Soldaten zurück. Ich bitte Sie, versprühen sie kein Tränengas und ähnliches, wie sie es heute Morgen gemacht haben. Sonst kann ich Ihnen nichts garantieren. Wenn Sie der Ansicht sind, dass ich verantwortlich bin, hier, passt, wir gehen sofort, auf das ich Ihnen Rede und Antwort stehen kann, damit mein Volk hier nicht verreckt, dann gehe ich sofort.

BH: Wenn sich die Leute ruhig verhalten, haben wir keine Veranlassung, Tränengas einzusetzen. (zu D:) Und wir werden ihn darüber informieren, wie es (unverständlich, Anm.) weitergeht.

SR: Ja, aber heute Morgen waren alle friedlich, und dann haben Sie Tränengas eingesetzt.
(Anm.: Dolmetscher übersetzt, kurzes Gespräch zwischen Serben, es fällt das Wort „Gewehr“.)

SR: Wissen Sie, wovor ich mich fürchte? Ich fürchte mich vor einer anderen Situation: dass Leute aus Mitrovica und Zvecanin los sind, und dann können wir die Situation erst recht nicht kontrollieren. Daher denke ich, dass es vernünftig ist, wenn sie ihre Soldaten auf die andere Seite der Straße zurückziehen und wir so den Weg frei machen. Und dann verabreden wir uns für Patrouillen oder ähnliches, die den Verkehr kontrollieren können.

(Ein Bundeswehrsoldat mischt sich in die Diskussion ein, offenbar hat ein Bundeswehrkommandant einen Durchschuss am rechten Arm erlitten, auf einmal ruft ein Serbe: „Leute! Hier sind die Mitrovicer!“)

SR dreht sich um und ruft: Hey, Leute, Ruhe jetzt.

(SR wendet sich ab, geht aus dem Bild und sagt: „Hey, komm, mach keinen Scheiß.“ Unterdessen
BH zu D: „Wir geben das jetzt laut bekannt.“ Ein Serbe: „Leute, Ruhe jetzt!“)

BH zu D: Sogn'S dem Herrn Bürgermeister, wir werden jetzt noch eine Lautsprecherdurchsage machen, damit alle Leute das hören können. Sogn'S ihm auch, dass ich weiß, dass er sehr gute Kontakte nach Mitrovica und Zvecanin hat. Ich ersuche ihn ausdrücklich, er möge seine Verbindungen dort hin geltend machen. (Geschrei) Und dass keine radikalen Personen aus dieser Richtung kommen. Sollte das der Fall sein, werden wir ihnen mit den richtigen Mitteln begegnen.

SR: Deshalb bitte ich Sie ja inständig, dass Sie nachdenken und sich auf die andere Seite der Straße zurückzuziehen, die Leute werden dort nicht hinkommen. Dann können wir miteinander reden und eine Lösung finden. Ich werde die Leute bitten, nicht auf die Straße zu gehen.

BH: Wir werden jetzt erst einmal hier stehen bleiben und unsere Botschaft über Megaphon bekannt geben, damit sie alle Leute hören können.

D über Megaphon, während auch Serben ein Megaphon herrichten: An alle Demonstranten. Unser Kommandant hat einen Durchschuss in der rechten Hand (das serbokroatische Wort „ruka“ bedeutet sowohl „Arm“ als auch „Hand“, Anm.) erlitten und ist jetzt im Krankenhaus.

Ein Serbe (auf Deutsch): Das stimmt nicht!

D: Es wurde von Ihrer Seite geschossen. (Lärm, Protest.)

Vermutlich SR über Megaphon: Leute, ich bitte euch, bleiben wir friedlich, damit wir hier ruhig zuhören können. Wir haben sicher nicht geschossen, aber es ist besser, wenn wir (lauter werdend, Anm.) zu-hö-ren!

D: Er ist jetzt auf den Weg ins Krankenhaus, und daran sind Sie schuld.

Lärm, Protest, Geschrei, dann ruft ein Serbe: Alter, ist euch das nicht peinlich? Das ist eine Schande, ihr lügt! Lügner!

Ein Serbe (auf Deutsch): Du lügst! Das stimmt nicht!

Der erste wieder: Lügner. Wie ihr lügt!

D: Wir haben es nicht nötig, zu lügen.

Gebrüll, Gemurmel, Protest: Wie sollen wir denn euren Kommandanten getroffen haben?

SR: Leute, ich bitte euch, bleibt hier, aber ruhig. Sie schlagen jetzt mal was vor, dann können wir weitersehen. Aber jetzt bitte ich euch, sitzen zu bleiben.

Demonstrant zu SR: Frag ihn mal, wie wir ihren Kommandanten getroffen haben sollen.

Ein anderer Demonstrant: In den Hintern haben wir ihn vermutlich getroffen.

Ein dritter Serbe in gebrochenem Deutsch: Das stimmt nicht! Ooh, gerade Kommandant verletzt! (...)

Die Kommentare zum Video sind unterschiedlich, es findet sich u.a. folgender chauvinistischer Beitrag des Users »Otadzbinaikrv« (Vaterland und Blut): »(...) Lasst uns die Gewehre in die Hand nehmen und sie (die Besatzer, Anm.) sowie die Albaner vertreiben.« Obgleich dieser bis dato die meisten Zustimmungs-Klicks erhalten hat (Stand: 18 Votings, 29.11.2011, 12:00 Uhr) wird er durch  andere, die Ristic für seine diplomatische Entschlossenheit loben, wett gemacht. Ein User bezieht sich direkt auf den Gewaltaufruf: »Aber die (Demonstranten, Anm.) kämpfen ja nicht mit Gewehren! Sie (vermutlich ist jetzt die KFOR gemeint, Anm.) richten die Gewehre gegen das unbewaffnete Volk. Wenn du schon nicht helfen kannst, dann verzapf' hier wenigstens keinen Schwachsinn.«

Ultimatum der KFOR

Heute Nachmittag läuft das Ultimatum der KFOR gegenüber den Serben ab. Die Truppe hat damit gedroht, die Barrikaden mit Gewalt zu durchbrechen, sollten sich die Demonstranten nicht zurückziehen. Eine Reporterin des englischsprachigen Moskauer Senders »Russia Today« (RT) kommentierte die jüngsten Entwicklungen: »Es brodelt (an den Barrikaden im Nordkosovo, Anm.), da immer mehr Leute ermüden und aggressiver werden.« Aufgrund der Barrikaden hätte die KFOR Hubschrauber-Luftbrücken zur Versorgung ihrer Truppen mit Nahrung, Benzin und weiteren Materialien aufgebaut, was „eine sehr teure Transportart“ sei. RT hat unterdessen eine Umfrage veröffentlicht, nach der die Zuschauer online über die Schuldigen im „Grenz“-Konflikt am Kosovo entschieden. Der Streit entbrannte im Juli, nachdem Pristina Zollstempel mit dem Aufdruck „Republik Kosovo“ einfüren wollte, um seine Pseudo-Unabhängigkeit gegenüber Belgrad zu demonstrieren. Bei ersten Scharmützeln, denen u.a. ein administrativer Übergang abbrannte, wurde ein kosovoalbanischer Spezialpolizist getötet.

Kritik an USA

Die Umfrageergebnisse von RT lauten wie folgt:

    65 Prozent der Befragten geben Washington die Schuld, da die USA die „Unabhängigkeit des Kosovo gepusht“ hätten.
    17 Prozent sehen die Schuld bei Belgrad, weil dieses die Kosovo-Serben nicht schütze.
    12 Prozent verantworten die EU, da sie „das Recht (Gesetz, Anm.) nicht erhält.“
    Nur sechs Prozent beschuldigen Pristina, da es die „Verfolgung von Serben“ erlaube.

Es ist interessant, dass in der Auswertung weder die KFOR noch die Demonstranten aufscheinen. Mit der untätigen EU könnte die von Kosovo-Albanern und Serben gleichermaßen kritisierte EU-Polizeimission EULEX gemeint sein. Nun ist es schwierig nachzuvollziehen, woher die Online-Votings kamen, zumal RT etwa die anteilige Herkunft der IP-Adressen nicht öffentlich macht.

Russen im Kosovo

Apropos Russland: wie Belgrader und Moskauer Medien vergangene Woche berichteten, haben  20.000 Kosovo-Serben (rund zehn Prozent aller ethnischen Serben in der Provinz) die russische Staatsbürgerschaft beantragt. Ziel der Aktion sei es, sich quasi „unantastbar“ für Übergriffe der KFOR, EULEX und kosovoalbanischen Behörden zu machen. Konstantin Kosatschew, Mitglied der Duma und Kommentator bei RT, meinte, ihm seien jedenfalls noch keine Anträge übermittelt worden. Es gebe aber Gerüchte, dass der Föderationsrat, die zweite Kammer des Moskauer Parlaments, solche Anträge erhalten habe. Jedenfalls glaubt er kaum, dass die 20.000 Bewerber wirklich vor haben, nach Russland zu ziehen, „obgleich das manche Politiker in Russland sicher als Triumph des Landes verbuchen würden - sowie als Moment der Schande für Europa und das jüngst unabhängige Kosovo.“ Vielmehr ginge es den Serben wahrscheinlich darum, sich „einer Autorität zuzuwenden, welche ihnen Schutz und Unterstützung bieten kann.“ Als russische Staatsbürger hätten sie das allemal.

http://www.redglobe.de/europa/serbien/4786-rdas-ist-eine-luegel-20000-kosovo-serben-wollen-russische-staatsbuergerschaft




VON: ZORAN SERGIEVSKI






<< Zurück