Ein Lehrstück


Verlauf der Demag-Aktie

06.05.09
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Entlassungen angekündigt, Aktienkurs schießt nach oben

Von Kai aus der Kiste

Heute ist der Aktienkurs des Maschinen- und Anlagenbauers Demag Cranes AG mit Werken in Düsseldorf (Gottwald Hafenkrane) und Wetter (Ruhr), Uslar (NS) und Luisenthal (Thü) (Industriekrane und industrielle Antriebstechnik) mit einer Steigerung von fast 10 % geradezu explodiert. Vorausgegangen waren über "Analysten" und die "Wirtschaftspresse" lancierte Meldungen, Demag würde bis zu 450 Arbeitsplätze abbauen.

Da haben wir es also wieder. Entgegen allen Beteuerungen von Politik und Unternehmern, offensichtlich geglaubt von den Gewerkschaftsspitzen, mit bis zu zwei Jahren Kurzarbeit die Stammbelegschaften in der Krise halten zu wollen, dauert es kein viertel Jahr, und die großen Maschinen- und Anlagenbauer fassen Massenentlassungen ins Auge. Zeitnah reagierte Heidelberger Druck (Markführer Druckmaschinen) und andere (1) identisch.

Da haben wir es also. Entgegen der Beteuerungen, spekulatives Finanzgebaren wirksam einzuschränken, kontrollieren und steuern zu wollen, bleibt das Casino geöffnet und es wird weiter spekuliert. Und das beste Futter für die Spekulation ist die Ankündigung von Kostensenkung zu Lasten der Beschäftigten.

Demag war im Rahmen der Auflösung von Mannesmann kurzzeitig bei Siemens geparkt worden und dann an den "privat equity" Finanzinvestor Kohlberg / Kravis / Roberts - KKR verscherbelt worden. Dieser brachte nach den entsprechenden Massenentlassungen, Verlagerungsmaßnahmen in den Ostblock (2) und anschließenden durchgedrückten "Sanierungsbeiträgen" der Belegschaft (Lohnsenkung über Weihnachts- und Urlaubsgeld gegen Garantie der Standorte und Restbeschäftigung) das Unternehmen im Jahr 2006 an die Börse. Der  Börsengang wurde als Beispiel erfolgreichen Handelns von Finanzinvestoren der interessierten Öffentlichkeit verkauft, die Aktie entwickelte sich traumhaft und ermöglichte beispielsweise dem Firmenchef Harald Joos ein lukratives Zusatzeinkommen durch Verkauf eines großen Aktienpakets zu Höchststand von ca 52 €.

In dem boomenden Zyklus der Jahre 2007 und 2008 hat Demag dann enormes Geld verdient und zuletzt eine Dividende von 1,40 € pro Aktie ausgeschüttet. Das waren immerhin gut 9 % Kapitalverzinsung auf den Aktienwert, der im Rahmen der Finanzkrise auf um die 15 € eingebrochen war. Die Belegschaft, die mit Sonderschichten und teilweise 6 Tagen Nachtschicht in der Woche den Boom erst erarbeitet hatte, wurde hingegen mit einem Butterbrot abgespeist, erst gut ein Drittel des pro Mitarbeiter um die 9000 € liegenden "Sanierungsbeitrages" konnte zurückgefordert werden. Den drei Vorständen hingegen wurde ihr Einkommen in Summe einschließlich Nebenleistungen ca. von zwei auf ca. vier Millionen € verdoppelt (3).

Zu diesem Lehrstück gehört auch, genau hinzusehen, warum der Börsenkurs unter den Ausgabekurs von 22 € gefallen war. Es hat offensichtlich nämlich 2006 keinen erfolgreichen Börsengang gegeben, sondern nur ein verscherbeln an Spekulanten, die nun in der Krise, auch um den Preis hoher Verluste, zwanghaft verkaufen mußten, um ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. An Nachhaltigkeit und langfristigem industriellen Engagement interessierte Anleger hat es demzufolge bei Demag immer gemangelt, obwohl der Vorstand der AG immer wieder in teuren "Roadshows" die Aktie international weiter angepriesen hat (4), obwohl diese Aktivitäten bilanztechnisch ohne jede Bedeutung sind. Sie zeugen nur von einer blinden Aktienverliebtheit und Casinomentalität der Vorstände der AG.

Monatelang, zur Geschäftsjahrespressekonferenz Mitte Dezember 2008 und zur Hauptversammlung im März 2009 war die Auftragslage und die wirkliche Entwicklung unter vielem Wortgeklingel beschönigt worden (5). Schon 2007 hieß es bereits einmal: "Vertrauen verspielt" (6)

Nun die bekannte Medizin: Als erstes wurden die Leiharbeiter, um 100 in Wetter und um 150 in Düsseldorf, nach Hause und damit häufig direkt nach Hartz IV geschickt. Nun sprechen die "Analysten" von Entlassungen, (7) obwohl die Betriebsräte noch nicht ansatzweise offiziell informiert sind und die entsprechende Aufsichtsratssitzung noch aussteht. Interessant dabei, daß diese Meldungen immer im direkten Zusammenhang mit Interviews des Demag Finanzchefs Boujean oder des Pressesprechers Juchem erfolgten. Dies läßt diese Interpretation der "Analysten" als lanciert erscheinen, zumal es kein Dementi des Unternehmens dazu gibt. Besonders delikat ist, daß eine solche Meldung bereits vom Vortag datiert (Wirtschaftsagentur dpa - afx, den Analysten Rau von MM Warburg zitierend; dieses Papier ist banken- und branchenintern und im Internet nicht findbar). Hier herrscht für das Unternehmen aktienrechtlich Publikationsverbot (Insidergeschäfte). Es wird kritische Fragen zu geben haben.

Das Problem der Firma Demag in der Krise kann intelligent und durchaus systemimmanent gelöst werden, aber nur dann wenn, zuerst die Anteilseigner und auch die Vorstände in die Verantwortung genommen werden. Sollten nur die Mitarbeiter wieder bluten müssen, um eine Gewinnausschüttung auch in der Krise zu generieren (8), stehen spannende Auseinandersetzungen ins Haus.

 

1 siehe; neben Heidelberger werden auch weitere Beispiele genannt: http://www.welt.de/die-welt/article3557726/Arbeitsplaetze-einfach-abmontiert.html

2 siehe auch: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,295150,00.html

3 siehe Geschäftsbericht Geschäftsjahr 2008, S. 50, die Erhöhung erschließt sich nur aus dem Vergleich zum Vorjahr unter Berücksichtigung der geänderten Kopfzahl des Vorstandes: http://www.demagcranes-ag.de/de/Investor_Relations/Hauptversammlung/Hauptversammlung_2009.jsp


4 siehe Terminkalender in: http://www.demagcranes-ag.de/de/Investor_Relations/Finanzkalender/Finanzkalender_2008_2009.jsp

5 zum Zeitpunkt der hier verlinkten Pressedarstellung wurde in Düsseldorf bei Gottwald bereits massiver Stundenabbau, der im Volumen massiver Kurzarbeit entsprach, für die Monate Januar und Februar vereinbart. Man lasse sich den Wortlaut dieser Meldung auf der Zunge zergehen: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2008-12/12631067-roundup-demag-cranes-sieht-sich-in-krise-gut-aufgestellt-viele-fragezeichen-016.htm


6 siehe: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/vertrauen-verspielt;1298347

7 siehe beispielsweise: http://kurse.focus.de/news/UPDATE-Wirtschaftskrise-erreicht_id_news_104798292.html

8 siehe link in Anm. 7 "Demag-Finanzvorstand Rainer Beaujean hielt im Interview mit Dow Jones Newswires dennoch an dem Ziel fest, im laufenden und im kommenden Geschäftsjahr einen operativen Gewinn zu erreichen."

 



Leserbrief von Ralf Otto zum Artikel:
'Ein Lehrstück'
 - 08-05-09 00:55




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